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Heftarchiv – Leseproben

Leseproben aus den zuletzt erschienenen Heften:

Adorno, Theodor W.
6/2023 | »Ich kann auch den kleinsten Weg nicht anders als allein gehen«. Briefwechsel mit Elias Canetti. Mit einer Vorbemerkung von Sven Hanuschek

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Ein Vulkan an Ressentiment.

Vorbemerkung zum Verhältnis von Theodor W. Adorno und Elias Canetti

Hilde Spiel hat in den Erinnerungen »Welche Welt ist meine Welt?« (1990) von einem Mittagessen in ihrem Garten erzählt: Unter einem Kastanienbaum bewirtete sie Theodor W. Adorno, Elias Canetti sowie Ernst und Lou Fischer, und in der Nacht spaltete ein Blitz den Baum – am nächsten Tag habe sie mit ihrem Mann gewitzelt, die geballte Eitelkeit der beiden Geisteshelden habe wohl noch in der Luft gelegen und die himmlische Entladung auf sich gezogen. Daß zwischen Canetti und Adorno jenseits ihrer gewaltigen Eitelkeiten einiges an Spannungen in der Luft lag, ist dem erhaltenen Briefwechsel nur indirekt zu entnehmen; man verkehrt formvollendet, ja überhöflich miteinander, versichert sich der gegenseitigen Hochschätzung, läßt den direkten Austausch aber auf sich beruhen, nachdem das mehrtägige Kennenlernen brieflich hinreichend nachbesprochen ist. (...)

Leseprobe
Baldwin, James
2/1988 | Gespräch mit Jordan Elgrably

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JORDAN ELGRABLY: Würden Sie uns sagen, warum Sie die Staaten verlassen haben?
JAMES BALDWIN: Ich war blank. Ich kam nach Paris mit 40 Dollar in der Tasche, aber ich mußte weg aus New York. Die Not anderer Menschen schlug mir auf die Reflexe. Über lange Zeiträume hatte mich das Lesen entrückt, dennoch mußte ich mit den Straßen, mit den Behörden und mit der Kälte fertig werden. Ich wußte, was es hieß, weiß zu sein, und ich wußte, was es hieß, Neger zu sein, und ich wußte, was mich erwartete. (...)

Leseprobe
Buch, Hans Christoph
2/2026 | Wie ein Fuchs im Pelzladen. Begegnungen mit Viktor Schklowski

1 – Ein Höhepunkt meines damals noch jungen Lebens war der Auftritt von Viktor Schklowski, Gründer des OPOJAZ (Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache) und Vordenker der Futuristen und Formalisten, im April 1970 in der Majakowski-Galerie am Kurfürstendamm. Schklowski war mit Majakowski befreundet, ebenso wie mit Gorki, der ihn unter seine Fittiche nahm, aber auch mit Alexander Blok, Sergej Jessenin, Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Isaak Babel, Jewgeni Samjatin, Welimir Chlebnikow, Wsewolod Meyerhold und Sergej Eisenstein, für den er Untertitel und Filmscripts verfaßte. Schon in jungen Jahren publizierte er die »Theorie der Prosa«, eine Kampfansage an die akademische Literaturwissenschaft, in der es heißt: »Um für uns die Wahrnehmung des Lebens wiederherzustellen, (...)

Leseprobe
Canetti, Elias
6/2023 | »Ich kann auch den kleinsten Weg nicht anders als allein gehen«. Briefwechsel mit Theodor W. Adorno. Mit einer Vorbemerkung von Sven Hanuschek

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Ein Vulkan an Ressentiment.

Vorbemerkung zum Verhältnis von Theodor W. Adorno und Elias Canetti

Hilde Spiel hat in den Erinnerungen »Welche Welt ist meine Welt?« (1990) von einem Mittagessen in ihrem Garten erzählt: Unter einem Kastanienbaum bewirtete sie Theodor W. Adorno, Elias Canetti sowie Ernst und Lou Fischer, und in der Nacht spaltete ein Blitz den Baum – am nächsten Tag habe sie mit ihrem Mann gewitzelt, die geballte Eitelkeit der beiden Geisteshelden habe wohl noch in der Luft gelegen und die himmlische Entladung auf sich gezogen. Daß zwischen Canetti und Adorno jenseits ihrer gewaltigen Eitelkeiten einiges an Spannungen in der Luft lag, ist dem erhaltenen Briefwechsel nur indirekt zu entnehmen; man verkehrt formvollendet, ja überhöflich miteinander, versichert sich der gegenseitigen Hochschätzung, läßt den direkten Austausch aber auf sich beruhen, nachdem das mehrtägige Kennenlernen brieflich hinreichend nachbesprochen ist. (...)

Leseprobe
Davar, Mitra
5/2025 | Das zweite Regal

Ich befinde mich in der ersten Reihe, im zweiten Regal. Herr Gerami sitzt im angrenzenden Regal. 
Wir müssen so sitzen, daß wir in das Regal hineinpassen – eine besondere Art zu sitzen, die wir mit viel Übung erlernt haben: die Beine an den Bauch ziehen und die Arme darum schlingen.
Diejenigen, die vor uns einsortiert wurden, sind inzwischen verstaubt. Der Lagerleiter hat eine gelbe Plastikfolie über sie gelegt. Es reicht, sie leicht anzustoßen – schon zerfallen sie zu Staub und rieseln zu Boden.
Der Abteilungsleiter kommt täglich vorbei, manchmal macht er Bemerkungen:
»Warum ist die Frau dort so schief?«
Oder: »Die Haare dieser Frau!«
Manchmal kritisiert er auch unser Verhalten. Einmal sagte er zu mir:
»Wenn die Chefs vorbeigehen, sticht (...)

Leseprobe
Földényi, László F.
2/2025 | Fragmente eines Gesichts. Annäherungen an Ulrike von Kleist

Fragmente eines Gesichts.
Annäherungen an Ulrike von Kleist

Ulrike von Kleist und Heinrich von Kleist. Denke ich an beide, fällt mir ein 1937 entstandenes Gemälde von René Magritte ein. Es trägt den Titel »Reproduktion verboten« (La reproduction interdite). Über einem Kamin hängt ein Spiegel, davor steht ein Mann. Auf dem Kaminsims liegt ein Roman, Edgar Allan Poes »Arthur Gordon Pyms Abenteuer«. Das Buch spiegelt sich korrekt, ist also spiegelverkehrt zu sehen. Der Mann hingegen betrachtet im Spiegel nicht seine Vorderseite, sondern sieht das gleiche wie der Betrachter: sich selbst von hinten. Der Mann ist mit der Person identisch, die ihm im Spiegel den Rücken kehrt. In Wahrheit erblickt er die Inversion seines Spiegelbilds. Dieses unterscheidet sich von dem, (...)

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Fühmann, Franz
5/2025 | »Kennen Sie Weinheber? Kennen Sie Rußland?« Ein Brief an Karl Krolow vom 28. Mai 1943 und unveröffentlichte Gedichte. Mit einer Vorbemerkung von Roland Berbig

Vorbemerkung

Das erste Schreiben Franz Fühmanns in der 1994 erschienenen Sammlung seiner Briefe ist datiert auf den 30. Januar 1950 und gerichtet an den Dichter und Kulturpolitiker Johannes R. Becher. Da lagen bereits ereignisreiche Jahre hinter ihm, prägend für sein schriftstellerisches Werk bis zum letzten Atemzug: Kindheit im böhmischen Rochlitz an der Iser, mehrjähriger Aufenthalt im Jesuitenkonvikt Kalksburg bei Wien, Gymnasialbesuch in Reichenberg, Mitgliedschaft in der Sudetendeutschen Hitlerjugend, 1938 Eintritt in die Reiter-SA, 1941 nach Ablegen der Matura (Abitur) bis Mai 1945 Soldat in der deutschen Wehrmacht mit Einsätzen erst an der Ost-, dann an der Westfront, zuletzt russische Kriegsgefangenschaft und von 1946 bis Ende 1949 Kursteilnahme und (...)

Leseprobe
Gracq, Julien
4/2025 | Der Surrealismus und die zeitgenössische Literatur

Angesichts des damals anschwellenden Rimbaud-Snobismus schrieb Louis Aragon 1928 in seiner »Abhandlung über den Stil«, jegliche Anspielung auf das »Trunkene Schiff« könne nur noch als sicherstes Zeichen von Vulgarität gelten. Wer heute über den Surrealismus spricht, kann sich zugegebenermaßen einer ähnlichen Befürchtung nicht erwehren. Wir leben in einer Zeit, in der Worte ihre Wirkung verlieren und sich schneller als sonst durch Reibung abnutzen – die Abnutzung von Schallplatten in Radio und Werbung, die aus der lebendigsten Rede ein fades Eintrichtern machen, dem sich unser Magen bald verweigert. Man sollte allerdings nicht übertreiben. Einer ähnlich rasch, vielleicht noch rascher fortschreitenden Entwürdigung ist das rivalisierende Wort Existentialismus ausgesetzt, (...)

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Hein, Christoph
5/2009 | Gespräch mit Ralph Schock

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RAPLH SCHOCK: Vor mehr als 25 Jahren erschien Ihre Novelle »Der fremde Freund«. Sie fand große Resonanz. Wie denken Sie heute über diesen Text?
CHRISTOPH HEIN: Tatsächlich habe ich ihn schon 1981 geschrieben, vor 28 Jahren. Das Buch war für mich sehr wichtig, da es viel übersetzt wurde und immer wieder überraschende Reaktionen hervorrief. Beim Wiederlesen bekommt man mit, was man geschafft, was man nicht geschafft hat. Man schaut mit dem Interesse eines sehr viel älteren Kollegen auf die Arbeit dieses jungen Menschen.
SCHOCK: Sind Sie denn zufrieden mit der Arbeit des jungen Kollegen?
(...)

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Hertmans, Stefan
2/2016 | Zwischen Gedenken und Erinnern. Über individuelle und kollektive Identität

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»Der Himmel meines Großvaters« basiert auf der Geschichte, genauer den Aufzeichnungen meines Großvaters mütterlicherseits, in deren Mittelpunkt seine Erfahrungen und Erlebnisse im Ersten Weltkrieg stehen. Er hat diese im wesentlichen zwischen 1963 und 1979 niedergeschrieben – also fast ein halbes Jahrhundert später,  (...)

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Huchel, Peter
5-6/1962 | Gedichte

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Der Garten des Theophrast

Wenn mittags das weiße Feuer
Der Verse über den Urnen tanzt,
Gedenke, mein Sohn. Gedenke derer,
Die einst Gespräche wie Bäume gepflanzt.
(...)

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Klingenstein, Susanne
2/2026 | Das Chaos zum Stillstand bringen. Die jiddischen Erzählungen Lamed Shapiros

Lamed Shapiro (1878–1948) ist einer der bedeutendsten jiddischen Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. Wäre es nicht zur Auslöschung der jüdischen Kultur gekommen und hätte sich die jiddische Literatur in Europa frei weiterentwickeln und international profilieren können, zählte der an Flaubert, Tschechow und Maupassant geschulte Shapiro heute zum Kanon seiner Epoche. Das Verschwinden der jiddischen Welt überzog deren Werke zunehmend mit der Patina einer altväterlichen Provinzialität. Dieser Prozeß wurde in Deutschland stark gefördert durch die Verknüpfung von jiddischer Literatur mit Pazifismus, Chagall-Romantik, Klezmer-Emotionalität und den ubiquitären Ostjuden-Fotos von Roman Vishniac und Alter Kacyzne (er wurde 1941 bei einem Pogrom in Ternopil von Ukrainern (...)

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Krauß, Angela
3/2025 | Das Werk sind nicht die Bücher. Ein Gespräch mit Jörg Magenau über Lebenskunst und poetische Existenz

JÖRG MAGENAU: Dein Werk umfaßt fünfzehn Titel, geschrieben in zweiundvierzig Jahren. Es ist überschaubar, auch deshalb, weil es sich um schmale Bände handelt. Die Texte brauchen nicht viel Raum, weil sie so dicht sind. Sie öffnen sich beim Lesen nach innen, weiten sich aus in der Zeit, denn davon handeln sie auch: von Raum und Zeit, vom All und der Unendlichkeit. Doch zugleich verharren sie im ganz Konkreten, Dinghaften, Alltäglichen, wo das Leben sich abspielt. Zumeist läßt du ein Ich, eine Ich-Erzählerin sprechen. Nur im Debüt »Das Vergnügen« und in einigen Erzählungen ist das anders. Was ist das für ein Ich, das du in deinen Texten einsetzt? Eine literarische Figur? Ein Alter ego? Eine Erzählinstanz?
ANGELA KRAUSS: Am Anfang meines Erwachsenenlebens wollte ich (...)

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Laederach, Monique
2/2025 | Autobiographie. Sich als Frau schreiben: vom Irrtum zur Identität, vielleicht

Ich bin kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren, also in einer Zeit, die sich in hohem Maße über Virilität und Männlichkeit definierte.

Ich bin als Mädchen geboren. Ein Junge war erwartet worden. Meine Eltern hatten sich nicht einmal einen Vornamen für mich überlegt. Sie gaben mir den der Mutter des Augustinus, jener bewundernswerten Frau, die ihrem kriminellen Sohn auf Knien gefolgt ist, bis er endlich konvertierte, das Modell schlechthin von Mutter und Frau in ihren erhabensten Rollen.

Außerdem bin ich ganz nah an der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich geboren: Vom väterlichen Haus aus hörte man die Kanone am anderen Flußufer donnern und wir sahen die Flüchtlinge über die Demarkationslinie hetzen, um sich, so hofften sie, in der (...)

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Magenau, Jörg
2/2025 | Das Schreiben ist eine Gegenwelt. Ein Gespräch mit Uwe Timm über die Literatur als Abschweifung und Überfluß

JÖRG MAGENAU: Ein Schriftsteller schreibt Buch um Buch, und eines Tages blickt er auf ein Werk zurück, auf etwas Ganzes, das aus den einzelnen Titeln gewachsen ist. Kannst du dich an den Moment erinnern, als du zum ersten Mal bemerkt hast, nicht nur ein paar Bücher geschrieben zu haben, sondern ein Werk?

UWE TIMM: Ab wann hat man ein Werk? Wahrscheinlich kann man das selbst am wenigsten sagen. Ich wurde damit zum ersten Mal konfrontiert, als Dieter Wellershoff – der damals auch als Lektor für Kiepenheuer & Witsch arbeitete – zu mir sagte: Dein Werk muß doch gepflegt werden! Natürlich hatte ich den Begriff als Abstraktum vom Studium her im Kopf. Aber ich habe das nicht unmittelbar auf meine Bücher bezogen.

MAGENAU: Hat dich das erschreckt oder (...)

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Mensching, Steffen
5/2023 | Das Wort. Eine Umkreisung in vier Runden

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1
Im Archiv der Berliner Akademie der Künste liegt eine achtzig Seiten starke Broschüre, die 1932 im Verlag Ida Graetz in Berlin-Charlottenburg erschien. Der Titel lautet wenig spektakulär: »Das Wort«. Später ergänzte der Autor Rudolf Leonhard die Publikation um die Unterzeile »Versuch eines sinnlichen Wörterbuchs der deutschen Sprache« und behauptete, damit die »zärtlichste und lauterste Liebeserklärung, die je der deutschen Sprache gemacht worden ist«, verfaßt zu haben.  (...)

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Meyer, Clemens
1/2026 | »Die Welt ist ein unruhiger Ort«. Ein Gespräch mit Jörg Magenau über das Mysterium des Erzählens, das Raubtier Mensch und Bahnhöfe als mythologische Räume

JÖRG MAGENAU: Ihr Roman »Die Projektoren« ist ein Jahrhundertroman, nicht nur deshalb, weil der historische Bogen von 1930 bis 2016 reicht. Er löst ein, was der Vater der Hauptfigur, ein Literaturwissenschaftler, an einer Stelle sagt: »Der moderne Roman ist ein Monolith, ein Chaos aus Stimmen.« Doch bevor wir über dieses tausendseitige Opus magnum sprechen, würde ich gerne mit Ihnen Ihr bisheriges Werk besichtigen und am Anfang beginnen, bei Ihrem Debüt »Als wir träumten«. Das liegt nun schon fast zwanzig Jahre zurück und hat Sie auf einen Schlag bekanntgemacht. Ein »Roman wie ein Fausthieb« hieß es damals in der Kritik. Es geht um die letzten Jahre der DDR und um die Zeit nach der Wende, um Jugendliche in Leipzig, um Einsamkeit und Außenseitertum, viel Gewalt, (...)

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Molzahn, Ilse
3/2025 | »Weil mir alle Bücher und die ganze Vergangenheit verbrannt ist«. Briefwechsel mit Hans Erich Nossack 1946 / 47. Mit einer Vorbemerkung von Thomas Ehrsam

Vorbemerkung

Als Ilse Molzahn dem sechs Jahre jüngeren Hans Erich Nossack einen ersten Brief schrieb, war sie eine gebrochene Frau. Die ehemals vitale und modisch-elegant auftretende Schriftstellerin hatte sich als Feuilletonistin und Autorin von drei Romanen einen Namen gemacht. Doch 1938 war ihr Mann, der avantgardistische Maler Johannes Molzahn, als »entarteter Künstler« in die USA emigriert und hatte dort erneut geheiratet, ihr Freund, der Kulturredakteur und Journalist Paul Fechter, hatte sich einer anderen Frau zugewandt, und ihre beiden Söhne kamen aus dem Weltkrieg nicht zurück. Michael, der Ältere, war ein verträumter, musisch begabter, langsamer und ganz und gar unsoldatischer junger Mann, der in drei Jahren Kriegsdienst keinen einzigen Tag Urlaub erhielt und (...)

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Müller, Heiner
1/2026 | »Ein Dramatiker darf keine Ansichten haben«. Aufzeichnungen 1945. Mit einer Vorbemerkung von Renate Ziemer

Vorbemerkung

Schon als Kind entdeckte Heiner Müller das Lesen, denn sein Vater hatte eine umfangreiche Bibliothek. Weil der den Sohn für zu jung für die Memoiren Casanovas befand, wurde die Prachtausgabe gegen Schiller, Hebbel und Körner eingetauscht, wie Müller in seiner Autobiographie »Krieg ohne Schlacht« erzählt. Nach der Lektüre sämtlicher Stücke von Schiller und Hebbel stand für ihn fest: Er wollte Dramatiker werden. Mit zehn hatte er mit dem Schreiben von Balladen begonnen und Bücher wurden zur Obsession. An der Oberschule im mecklenburgischen Waren hatte er einen Deutschlehrer, der ihn bestärkte und ihm welche borgte. Doch 1944 wurden die Schulen geschlossen und Müller wurde als Fünfzehnjähriger zum Reichsarbeitsdienst einberufen. Beim Vorrücken der (...)

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Nossack, Hans Erich
3/2025 | »Weil mir alle Bücher und die ganze Vergangenheit verbrannt ist«. Briefwechsel mit Ilse Molzahn 1946 / 47. Mit einer Vorbemerkung von Thomas Ehrsam

Vorbemerkung Als Ilse Molzahn dem sechs Jahre jüngeren Hans Erich Nossack einen ersten Brief schrieb, war sie eine gebrochene Frau. Die ehemals vitale und modisch-elegant auftretende Schriftstellerin hatte sich als Feuilletonistin und Autorin von drei Romanen einen Namen gemacht. Doch 1938 war ihr Mann, der avantgardistische Maler Johannes Molzahn, als »entarteter Künstler« in die USA emigriert und hatte dort erneut geheiratet, ihr Freund, der Kulturredakteur und Journalist Paul Fechter, hatte sich einer anderen Frau zugewandt, und ihre beiden Söhne kamen aus dem Weltkrieg nicht zurück. Michael, der Ältere, war ein verträumter, musisch begabter, langsamer und ganz und gar unsoldatischer junger Mann, der in drei Jahren Kriegsdienst keinen einzigen Tag Urlaub erhielt (...)

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Plessen, Elisabeth
4/2025 | Mitteilung an den Adel. Das unveröffentlichte Nachwort

Ich war im Sommer 1971 in einem kleinen Haus in den Bergen oberhalb von Latina oder des Capo Circeo, als ich die Nachricht vom Tod meines Vaters erhielt. Es gab in dem Haus kein Telefon. Der Postbote brachte das Telegramm meiner Mutter auf der Vespa. Mein Vater war in seinem Bett in seinem Schloß in Dänemark gestorben. Er hatte das Wochenende über nicht im Krankenhaus in Næstved bleiben wollen. Seit einem Jahr hatten wir uns nicht mehr gesehen. Ich hatte den Kontakt abgebrochen. Wir hatten uns nur noch gestritten. Ich machte mich auf den Weg zur Beerdigung, die auf seinem anderen Besitz in Ostholstein stattfinden sollte. Wie sehr mich dieser Tod umgeworfen hatte, merkte ich erst allmählich. Ich hatte zuvor ein paar Gedichte und kleine Erzählungen veröffentlicht, der Hanser Verlag (...)

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Pommerening, Marc
5/2025 | Rabener. Ein Phantombild

Das letzte Buch der Weimarer Republik erschien nach ihrem Untergang. Dem Verleger Ernst Rowohlt war der Inzest-, Inflations- und Muttermordroman eines Debütanten so wichtig, daß er ihn als Abrechnung mit einer überwundenen Zeit bewarb und dem vierundzwanzig Jahre jungen jüdischen Autor Jacques Rabinowitz ein kerndeutsches Pseudonym verpaßte – Johann Rabener.
Seitdem sitzt die Tarnkappe, denn das Erscheinungsjahr 1933 und die für Rowohlt untypische Fraktur lassen einen aus politischer Verlegenheit ins Programm gehievten Provinzautor vermuten. Dabei ist das Buch dampfender Asphalt: Schelmenroman und Inflationsgroteske, Künstlerroman und dessen Parodie, ein von sprühendem Pessimismus befeuertes Berlin-Panorama. Es heißt »Verurteilt zum Leben«, und sein Held, der Musiker (...)

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Primavera-Lévy, Elisa
2/2026 | Die geschichtete Zeit. Laudatio auf Susanne Röckel

Wer Erzählungen und Romane von Susanne Röckel liest, sollte vorsichtig sein. Wie ihren Figuren, die von einem Sog erfaßt werden, einer anderen Wirklichkeit anheimfallen, aus der sie nur mit Mühe oder gar nicht mehr auftauchen, so geht es auch der Leserin, über der sich die Zeit schließt, die wie durch eine Falltür hinabfällt in eine andere abgründige Welt. Man schüttelt sich nach der Lektüre und weiß doch schaudernd, auf eine bange, beklommene Weise: »Auch das könnte wirklich sein.« Eine solche psychische Entführung mit literarischen Mitteln ins Werk zu setzen, ist eine Meisterleistung, und für diese wird Susanne Röckel hier geehrt. Doch setzen wir nochmals von vorn an. 
Röckel, 1953 in Darmstadt geboren, ist nach wie vor eine Art Geheimtip unter Eingeweihten, und (...)

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Timm, Uwe
2/2025 | Das Schreiben ist eine Gegenwelt. Ein Gespräch mit Jörg Magenau über die Literatur als Abschweifung und Überfluß

JÖRG MAGENAU: Ein Schriftsteller schreibt Buch um Buch, und eines Tages blickt er auf ein Werk zurück, auf etwas Ganzes, das aus den einzelnen Titeln gewachsen ist. Kannst du dich an den Moment erinnern, als du zum ersten Mal bemerkt hast, nicht nur ein paar Bücher geschrieben zu haben, sondern ein Werk?

UWE TIMM: Ab wann hat man ein Werk? Wahrscheinlich kann man das selbst am wenigsten sagen. Ich wurde damit zum ersten Mal konfrontiert, als Dieter Wellershoff – der damals auch als Lektor für Kiepenheuer & Witsch arbeitete – zu mir sagte: Dein Werk muß doch gepflegt werden! Natürlich hatte ich den Begriff als Abstraktum vom Studium her im Kopf. Aber ich habe das nicht unmittelbar auf meine Bücher bezogen.

MAGENAU: Hat dich das erschreckt oder stolz (...)

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Trott zu Solz, Adam von
1/2024 | Ein böser Traum. Mit einer Nachbemerkung von Benigna von Krusenstjern

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Wir marschierten ganz früh morgens auf einer schmutzigen Straße zwischen kahlen Bäumen. Linker Hand zeigte sich der erste helle Streifen am Horizont. Ich war ziemlich weit vorn in dem Zug. Von Zeit zu Zeit überholte mich in der lockeren Marschordnung mein Hintermann – einer, mit dem ich mal zusammen auf der Schule gewesen war. Dahinter liefen, das wußte ich, noch allerlei Freunde aus der Studentenzeit und Beamte, die ich dann später auf den Büros kennengelernt hatte. Wir alle aber trugen die gleiche schmutziggrüne Uniform, Wickelgamaschen und Stiefel, deren Nägel auf dem Schotter im Straßendreck schürften. Wir marschierten aus, um uns eine Hinrichtung anzusehen.
(...)

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Vego, Kristin
1/2026 | Das habe ich geschrieben, bevor ich aus dem Haus ging. Wer ist der Ich-Erzähler eines Romans?

Ich wurde gebeten, eine kleine Poetikvorlesung zu halten: Ob ich über meine Methode sprechen könne, warum ich beim Schreiben tue, was ich tue. Ich habe bisher zwei Bücher geschrieben, das erste war ein Band Kurzgeschichten. Nach vielen Jahren der Suche nach meiner eigenen Stimme war die Kurzgeschichte mein Tor zum Schreiben. Die begrenzte Form erlaubte es mir herauszufinden, welche Geschichten ich erzählen wollte. Plötzlich bekam ich ein Gespür dafür, wie ich um eine Situation, ein Bild oder eine Stimmung einen kleinen Raum schaffen und etwas in ihm verweilen konnte. Es war beglückend, mittels der neun Geschichten meines Debüts meine eigene Antwort auf die Frage zu finden: Was ist eine Kurzgeschichte? Als mir nach dem Debüt aufging, daß der neue Text, an dem ich saß, keine (...)

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Venzl, Tilman
6/2025 | Ästhetische Gefahr! Der Zensor Ernst Karl Christian John

Der in politischen und intellektuellen Kreisen bestens vernetzte Zeitbeobachter Karl August Varnhagen von Ense klagte am 21. Januar 1837 in seinem Tagebuch über den ewigen »Zensurjammer«. Insbesondere der preußische Zensor Ernst Karl Christian John sei »erfinderisch in neuen Quälereien« und ersinne »stets neue Chikanen, Bedenklichkeiten und Weitläufigkeiten«. Er müsse entweder »von Tollheit befallen« oder ein »infamer Schuft« sein. Einen Tag später steigert sich seine Empörung noch weiter: »Gestern schrieb ich Schimpf und Schande gegen den Zensor John; heute lese ich seine Ehre in der Staatszeitung, er hat beim heutigen Ordensfeste den Rothen Adler vierter Klasse bekommen. Ein Mensch, der die Büberei ausgeübt hat, nach unsrer Besitznahme von Sachsen eine Schmähschrift (...)

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Wackwitz, Stephan
6/2025 | Ein Kokon, so groß wie ein Heuhaufen. Über das Tagebuchschreiben

Der wirkliche und eigentliche Schriftsteller schreibt
unaufhörlich. Der Schreibwunsch weckt ihn auf am
Morgen, Schreiben ist sein Sport und seine Erholung,
Schreiben ist für ihn der Besuch eines Freundes, eine
Tasse Tee, ein Kartenspiel, ein Spaziergang auf dem
Land, ein warmes Bad, ein Mittagsschlaf nach dem
Essen, ein Glas heißer Scotch vor dem Zubettgehen
und der Schlaf, der darauf folgt. Der wirkliche und
eigentliche Schriftsteller ist das »schreibende Tier«;
und wenn er stirbt, hinterläßt er einen Kokon so groß
wie ein Heuhaufen, in dem jeder Atemzug, den er je
getan hat, als Schrift aufgezeichnet worden ist.

John Jay Chapman »Nulla dies sine linea« – die dem Maler Apelles zugeschriebene Maxime aus dem (...)

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Willumsen, Noah
3/2025 | »Und was mich selbst angeht? Ich spiele.« Helene Weigel, ein Porträt

Mehr als fünf Jahrzehnte nach dem Tod der großen Schauspielerin Helene Weigel, die am 12. Mai diesen Jahres 125 geworden wäre, ist ihr künstlerisches Vermächtnis schwer zu fassen. Denn im Gegensatz zu den Texten ihres Mannes, Bertolt Brecht, ist ihr Spiel nicht mehr direkt erlebbar. Es läßt sich nur rekonstruieren: aus den Erinnerungen ihrer Freunde, den Medien ihrer Zeit und den wenigen Zeugnissen, die sie selbst hinterließ. Spuren muß man suchen und eine Sprache finden für das Transitorische.
Weigel selbst hat ihren späteren Archivaren kaum zugearbeitet. Als Matthias Braun 1978 daranging, im Bertolt-Brecht-Archiv ein Helene-Weigel-Archiv einzurichten, mußte er mit einiger Bestürzung feststellen, daß fast gar nichts vorhanden war. Schriften von Weigel gibt es im (...)

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Witter, Kathrin
6/2025 | Die Dialektik der Aufklärung und die DDR

Die Geschichte vom Versuch der Verwirklichung des Sozialismus, die man durchaus eine tragische nennen kann, läßt sich für die DDR anhand der Publikationsgeschichte der »Dialektik der Aufklärung« von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer erzählen. 1949, kurz vor der Staatsgründung, wurde das Odysseus-Kapitel aus diesen philosophischen Fragmenten, die selbst eine tragische Geschichte erzählen – die vom Versuch der Verwirklichung der Aufklärung –, in Heft 4 des ersten Jahrgangs von Sinn und Form publiziert. Und das Buch selbst, das bis 1989 nicht offiziell in der DDR verlegt wurde, erschien gerade noch vor deren Ende im Reclam Verlag Leipzig. Auch in diesem Zusammenhang tritt Sinn und Form auf: Heft 6 / 1989 enthält das von Waltraud Naumann-Beyer zu dieser Reclam-Ausgabe (...)

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