Leseproben

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Leseproben aus den zuletzt erschienenen Heften:





Defoe, Daniel
2/2016 | Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge. Mit einer Vorbemerkung von John Robert Moore

Sehr geehrter Herr,

in dem letzten Brief, den von Ihnen zu erhalten Sie mich auszeichneten, beliebten Sie, außer anderen wichtigen Dingen, welche Ihrer gestrengen und kundigen Feder würdig, zu sagen, daß die Nachricht von der Ankunft so vieler bedrängter Pfälzer zu einem Zeitpunkt, da es in jenen Gebieten keine schreiende Verfolgung gab, die Leute in Ihrer Gegend gar sehr verwunderte, und daß so viele Fremde in Südbritannien aufzunehmen und zu ernähren zu einem Zeitpunkt, da der Handel flau, Beschäftigung knapp, uns ein langer Krieg aufgehalst und jedwede Nahrung dermaßen teuer war, bei Ihnen so mannigfach diskursiert wurde, mit plausiblen Argumenten pro und contra, daß es schwierig erschien zu erkennen, ob diejenigen recht haben, die sich für die Aufnahme und Versorgung der Pfälzer aussprachen, oder diejenigen, die entschieden gegen die Aufnahme von weiteren Fremden nach England auftraten (zumal, wie die Umstände gegenwärtig beschaffen sind).
(...)

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Delius, Friedrich Christian
3/2017 | Kann Angela Merkel eine Romanfigur werden?

Einen Punkt hab’ ich noch: Kann Angela Merkel eine Romanfigur werden? fragte mich eine Studentin, und ich sagte ohne zu zögern: Nein.

Aber Sie haben doch irgendwo geschrieben, jeder Mensch, jeder Konflikt, jedes Ereignis könne zum Gegenstand der Literatur werden, antwortete sie gegen Ende eines längeren Interviews, das sie für ihre Masterarbeit mit mir führte.

Ja, dabei bleibe ich. Es gibt nichts, was mit sprachlicher Kunst nicht erfaßt werden könnte, entgegnete ich der jungen Frau, die ich hier E. nennen möchte. Dazu gehören von mir aus auch bekanntere oder unbekanntere Politikerinnen oder Politiker. Irgendeinen Stoff, irgendwelche Konflikte, irgendwelche Fallhöhen liefern die immer, aber es ist ja ein allgemeiner Irrtum zu glauben, Literatur entstünde durch den Stoff, (...)

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Gal-Ed, Efrat
6/2016 | Das unbekannte Jiddischland. Ein Gespräch mit Ruth Renée Reif über Itzik Manger

RUTH RENÉE REIF: Der "Prinz der jiddischen Ballade" wurde Itzik Manger genannt. Isaac Bashevis Singer sah in ihm einen "jiddischen Baudelaire", einen der größten Dichter jiddischer Sprache. In Ihrer Biographie entwerfen Sie ein lebendiges Bild seines Schaffens und seiner jiddischen Lebenswelt. Wie bewerten Sie aus heutiger Perspektive die Bedeutung seines Werks?

EFRAT GAL-ED: Itzik Manger war ein überaus origineller Künstler. Er schaffte es, eine eigene Stimme zu entwickeln, indem er verschiedene Formen der europäischen Literatur mit dem Jiddischen verschmolz.(...)

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Georgi, André
6/2016 | Seestück

Sand wie verdreckter Schnee, darüber ein Meer, das seine weißen Schaumkronen dem Strand entgegenspült, tiefblau, die Farbe des Todes, der Himmel wiederum eine pastellene Verheißung der Erlösung und zugleich eine Ankündigung des Nichts: Drei Flächen, ocker, schwarzblau, pastellblau – der Übergang vom Strand zum Meer eine scharfe Grenze, ausgefranst dagegen der Übergang vom Meer zum Himmel, ein loderndes Blau, wie ein hinter dem Horizont züngelnder Brand einer Stadt, in den falschen Farben gemalt. Vorne ein Mann in schwarzem Gewand, mit eigentümlich verdrehter Gestalt, Oberkörper und Gesicht dem Brand hinter dem Meer zugewandt, die Füße aber zur Seite zeigend, eine instabile Lage, kein Mensch könnte so stehen, der Kopf hat einen Entschluß gefaßt, den durchzuführen die Füße verweigern.
(...)

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Habel, Sabrina
3/2017 | Wahrheitskunst. Brechts Anleitung zum richtigen Lesen

Für Bertolt Brecht ist Wahrheit nicht nur eine Frage der Gesinnung, sondern auch eine Frage des Könnens. Die Wahrheit, schreibt er, wird gesellschaftlich hergestellt und ihre genauen »Produktionsweisen « lassen sich beschreiben. Bemerkenswerterweise zieht Brecht daraus nicht den Schluß, daß es mehrere Wahrheiten gebe oder gar geben solle – wie Roland Barthes, der sagen wird, daß es für jede Begierde eine eigene Sprache geben soll. Brechts Verständnis von Wahrheit (und vielleicht auch von Begierde) ist einfacher: »Es gibt nur eine Wahrheit«, schreibt er, »nicht zwei oder ebenso viele, als es Interessengruppen gibt.« In diesem Sinne gibt es auch nur eine Sprache, allerdings in zwei Zuständen: einem, in dem sie die Wahrheit abbildet, und einem, in dem sie die Wahrheit verstellt. Es gibt nämlich auch Produktionsweisen des Unwahren. (...)

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Hartlaub, Felix
3/2017 | "In Neapel war ich sehr von der eigentlichen Ohnmacht der Kunst vor dem Leben überzeugt". Briefe an die Familie aus Italien

Vorbemerkung

Italien: Sehnsuchtsland der Deutschen. Nicht nur Touristen zieht es gen Süden, auch Schriftsteller konnten und können sich der Faszination des Landes nicht entziehen, wie sich an alpenähnlich hohen Bücherbergen zeigt. Während Goethe in Italiens Kunst und Landschaft noch Arkadien zu finden meinte, blickte mancher seiner Zeitgenossen schon kritisch auf das Land, wo die Zitronen blühn – zum Beispiel Johann Gottfried Seume, der auf seinem fast einjährigen »Spaziergang« durch Italien gerade auch dessen Schattenseiten beschreibt. Später setzte tatsächlich eine Art Italienverweigerung ein. Die Kritik entzündete sich unter anderem am Massentourismus, (...)

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Huysmans, Joris-Karl
2/2017 | »Man muß gelebt haben, um schreiben zu können«. Paul Verlaines religiöse Gedichte

Ich habe auf diesen wenigen Seiten keineswegs vor, das Werk Verlaines aus literarischer Sicht zu behandeln. Diese Arbeit ist schon oft geleistet worden, und ich selbst habe vor langer Zeit, als sich niemand um den sturmverschlagenen Dichter bekümmerte, auf das einzigartige Werk dieses Mannes, der, nach Victor Hugo, Baudelaire und Leconte de Lisle, die Dichter unserer Zeit am nachhaltigsten geprägt hat, 1884 in "Gegen den Strich" Bezug genommen und es zu erklären versucht.

Heute, aus Anlaß einer rein religiösen Verssammlung mit Auszügen aus den Bänden "Weisheit", "Liebe", "Glück" und "Intime Liturgien" sowie einigen posthumen Stücken, möchte ich mich allein aus katholischer Sicht mit Verlaine beschäftigen, (...)

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Jens, Inge
3/2016 | Die Ergänzung der eigenen Erfahrungen. Ein Gespräch über Schriftsteller und Editionen mit Matthias Bormuth und Matthias Weichelt

MATTHIAS WEICHELT: Frau Jens, Sie haben sich vor allem als Herausgeberin einen Namen gemacht, seit Sie in den frühen sechziger Jahren die Briefe Thomas Manns an den Philologen Ernst Bertram veröffentlichten. In den nächsten Jahrzehnten folgten dann weitere Editionen, die Werke des Literaturhistorikers und Schriftstellers Max Kommerell, die Briefe und Aufzeichnungen der Geschwister Scholl und ihres Freundes Willi Graf, die Tagebücher des Komponisten Ralph Benatzky und immer wieder die Familie Mann. Wie kamen Sie – ohne von einer Institution getragen zu sein – zu diesen ganz unterschiedlichen Autoren?

INGE JENS: Ich habe immer auf eigene Faust gearbeitet, aber meine Stoffe habe ich mir nie selbst ausgesucht. (...)

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Joubert, Joseph
4/2016 | "Ich glätte nicht meine Sätze, sondern meine Gedanken". Aus den Notizbüchern. Mit einer Vorbemerkung von Martin Zingg

Vorbemerkung

»Er schrieb nie ein Buch«, so Maurice Blanchot über Joseph Joubert, »er traf lediglich Vorbereitungen, eins zu schreiben.« Ein Leben lang hat Joubert an seinen Aufzeichnungen in den »Carnets« gearbeitet, beinahe jeden Tag. Die Notate sind keine Zeugnisse einer aufregenden Existenz, Jouberts Leben war eher unspektakulär. Am 7. Mai 1754 in Montignac-le-Comte geboren, schickt man ihn mit vierzehn nach Toulouse, wo er die Rechte studieren soll, aber schon nach wenigen Wochen gibt er wieder auf und tritt einem Orden bei. 1778 geht er nach Paris, wo er mit einigen literarischen Größen seiner Zeit in Berührung kommt, darunter Louis de Fontanes und Diderot, dessen Sekretär er wird. (...)

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Kehlmann, Daniel
1/2016 | Der Apfel, den es nicht gibt. Unordentliche Gedanken über Bilder und Wirklichkeit

Wer in diesen Tagen eine Ausstellung schöner Dinge eröffnet, muß auch von den häßlichen reden. Wer laut über Schönheit nachdenkt, muß im Verdacht der Gefühllosigkeit stehen, als wollte er sie mit Gewalt nicht sehen, die Fliehenden, die überfüllten Boote, die in Lastwagen Erstickten, die Menschen hinter Stacheldrähten und die Mordbanden, die im Namen der Religion Köpfe abschneiden. Das Schlimmste passiert gerade jetzt, und natürlich ist es nahezu blamabel, so zivilisiert hier zu stehen, als passierte es nicht. Wie also den Übergang finden, wie sich hinüberretten zur Schönheit? (...)

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Leetz, Michael
6/2016 | "Der erste, der wirklich alles verstanden hat". Andrej Platonow, der Schriftsteller der Zukunft

Im Dezember 1934 bereitet den Redakteuren des Almanachs "Zwei Fünfjahrpläne" ein Beitrag großes Kopfzerbrechen. Er umfaßt nur wenige Seiten, doch sein Inhalt ist von großer Sprengkraft. Allein der Titel läßt den Text gefährlich erscheinen: "Über die erste sozialistische Tragödie". Die Sowjetunion befindet sich in ihrem dreizehnten Jahr. Es ist die Zeit des Zweiten Fünfjahrplans, der einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung herbeiführen soll. (...)

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Vogel, Debora
1/2017 | Die Wohnung in ihrer psychischen und sozialen Funktion. Mit einer Vorbemerkung von Anna Maja Misiak

Die 1900 in Bursztyn bei Lemberg geborene Schriftstellerin Debora Vogel gestand ihren Brieffreunden immer wieder ihre Sehnsucht "nach dem Fahren". Es zog sie "besonders in große Städte, aus jenen Städten heraus, in denen der süße Duft der Kartoffelblumen herrscht". Sie war in moderne Metropolen verliebt und bestens mit deren Esprit vertraut: In Wien verbrachte sie die Kriegsjahre als Gymnasiastin, in Berlin und Stockholm weilte sie 1926 mehrere Monate; nach Paris machte sie regelmäßig Ausflüge, um in "diese Welt der Farben" einzutauchen und Künstlerfreunde zu treffen; New York erlebte sie persönlich als die "Essenz aller Städte". Viele ihrer Freunde und Angehörigen lebten in großen Kulturstädten, und so konnte Vogel, ständigem Geldmangel zum Trotz, ihr Fernweh ausleben. Ihre Heimat für eine der genannten Metropolen aufzugeben, kam für sie jedoch nie in Frage. Die für ihr Werk nötige schöpferische Kraft bezog sie aus Lemberg, dieser, so Joseph Roth, kleinen Filiale der großen Welt. (...)

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Nagel, Ivan
4/2016 | Dieses Rätsel will ich leben. Im Gespräch mit Jens Malte Fischer und Wolfgang Hagen

JENS MALTE FISCHER: Sie haben einmal davon gesprochen, daß Sie auf dreifache Weise Minderheiten angehörten. Das hat mich an einen Gustav Mahler zugeschriebenen Satz erinnert, der gesagt haben soll: »Ich bin dreifach heimatlos, als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude in der ganzen Welt.« Bei Ihnen lagen die Minderheitsprobleme etwas anders.

IVAN NAGEL: Ich war Jude, Staatenloser, Homosexueller. Ich glaube, wir sollten jetzt nicht über die äußere Biographie reden, sondern über die innere Biographie. Wie konnte man mit dieser Situation der dreifachen Minderheit fertig werden? (...)

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Reif, Ruth Renée
6/2016 | Das unbekannte Jiddischland. Ein Gespräch mit Efrat Gal-Ed über Itzik Manger

RUTH RENÉE REIF: Der "Prinz der jiddischen Ballade" wurde Itzik Manger genannt. Isaac Bashevis Singer sah in ihm einen "jiddischen Baudelaire", einen der größten Dichter jiddischer Sprache. In Ihrer Biographie entwerfen Sie ein lebendiges Bild seines Schaffens und seiner jiddischen Lebenswelt. Wie bewerten Sie aus heutiger Perspektive die Bedeutung seines Werks?

EFRAT GAL-ED: Itzik Manger war ein überaus origineller Künstler. Er schaffte es, eine eigene Stimme zu entwickeln, indem er verschiedene Formen der europäischen Literatur mit dem Jiddischen verschmolz.
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Rózycki, Tomasz
1/2016 | Tomis. Notizen vom Haltepunkt

Winter. Erster Eintrag: So sei es denn eine – sicher unvollkommene – Existenzweise und ein ebenso unvollkommener Verständigungsversuch. Dem Anschein nach ist es ein richtiger Winter, sentimental und mythisch, die Stadt ist eingeschneit, die Autos passieren einander vorsichtig wie beladene Elefanten auf einem Dschungelpfad. Fluß und Kanäle sind zugefroren, im Fernsehen schneit es. Einstweilen muß man nicht über den sechs Monate langen, bis in den April dauernden winterähnlichen Herbst voller Schlamm klagen, die Zeit des Schlamms kommt später – wenn es taut, wenn die Schneewehen, -berge und -halden schmelzen und die Sintflut einsetzt. Vorerst ist alles, wie es sein soll, wie es auf dem Wunschzettel steht: Das Licht ist zurück, wird vom Schnee reflektiert, selbst die Nacht leuchtet festlich, als sei die Kindheit zurückgekehrt und halte Ausschau nach uns. Gloria. (...)

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Scherer, Marie-Luise
2/2017 | Die Geschichte von Lydia und Behn

Lydia Proske verbrachte die Wochenenden mit Hubertus Behn auf dem Lande. Sie hatten die Klappräder dabei, die einzige gemeinsame Anschaffung, zu der sie als Paar sich vorgewagt hatten. In der Stadt lebte jeder für sich. Ihre Treffen fanden in ihrer Wohnung statt, während Behn sich die seine als Refugium hielt. Bis auf sein Fahrrad in ihrem Keller, einen Schlafanzug in ihrem Bad, Zahnbürste und Trockenrasierer zeugte nichts von ihren Zusammenkünften. (...)

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Stoessel, Marleen
6/2016 | Mythos Georgien?

Dies sind nur tastende Worte der Annäherung an ein Land, eine Stadt, Tbilisi, die sich mir vor allem im Hitzeschleier zeigte, in einer Dunstglocke, die ihre Farben dämpfte und ihr etwas von einem "panischen Schlaf" verlieh. Einem ewigen Mittag, dessen Pulsschlag ich für ein paar Tage im Juni mitträumte und dessen Traumbild jetzt Erinnerung ist. Aus dieser erinnerten Ferne, Monate später, der Versuch einer Annäherung an dieses Bild, mein Tasten nach dem Ton, dem Wort, das ihm entspricht. Sagt sich all das doch so leicht: (...)

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Noll, Chaim
5/2015 | »Wo Juden sind, entsteht auch Literatur«. Gespräch mit Przemyslaw Sznurkowski

 

PRZEMYSŁAW SZNURKOWSKI: Sie zeichnen in Ihren Büchern ein differenziertes Bild der israelischen Gesellschaft. Besonders in Ihrem 2014 erschienenen Roman "Die Synagoge" lernt man Sie als aufmerksamen Beobachter der politischen Ereignisse und sozialen Zustände in Israel, vor allem aber auch als kritischen Bürger kennen.

CHAIM NOLL: Kritik gilt hier in Israel als etwas vollkommen Normales. In Deutschland neigt man dazu, Konsens auf allen Gebieten herzustellen, man ist bemüht, möglichst immer einer Meinung zu sein, bis zur bösen Einheitlichkeit, die alle anderen Meinungen unterdrückt und totschweigt. So etwas ist hier unvorstellbar. Wenn man nach Israel kommt, (...)

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Wagner, Jan
2/2015 | »Eine andere Wahrnehmung der Welt«. Ein Gespräch über Gedichte mit Ralph Schock

RALPH SCHOCK: Ihr neuer Gedichtband "Regentonnenvariationen" ist vor einigen Monaten erschienen. Ich habe Sie in Frankfurt während der Buchmesse daraus lesen hören und gedacht, das ist ein Autor, mit dem ich gern über Dichtung sprechen würde. Ihre literarische Karriere hat aber gar nicht mit einem Lyrikband begonnen.

JAN WAGNER: Bevor mein erstes eigenes Buch herauskam, habe ich unter anderem Charles Simic übersetzt, einen amerikanischen Dichter mit Belgrader Wurzeln, und wie so viele junge Lyriker eine Zeitschrift herausgegeben, besser gesagt, ein Objekt zwischen Zeitschrift, Buch und Kunstgegenstand – eine Literaturschachtel.

SCHOCK: Können Sie diese Literaturschachtel beschreiben? (...)

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Weichelt, Matthias
1/2016 | Gottfried Benn, Friedrich Wilhelm Oelze. »Alles, was ich zu wünschen vermag, gilt Ihnen«. Aus dem Briefwechsel 1945. Mit einer Vorbemerkung von Matthias Weichelt

Widerhall ohne Widerspruch. Eine Vorbemerkung

Nach der Feier seines fünfundsechzigsten Geburtstags, zu der sein Verlag im Mai 1951 nach Wiesbaden eingeladen hatte, schrieb Gottfried Benn seinem Brieffreund Friedrich Wilhelm Oelze: »Der Eindruck, den Sie gemacht haben, war allgemein groß. Wollen Sie wissen, was meine Tochter, deren Gedanken sich viel mit Ihnen beschäftigen, unter Anderem sagte? ›Eine unheimliche Erscheinung! Man muß damit rechnen (!), daß er nachts ein schwarzes Trikot anzieht u. auf Einbruch geht‹. Nun? Wenn das kein Effekt ist!«

Wenn der Bremer Großkaufmann und Jurist (1891–1978) eines vermeiden wollte, dann Effekte und Auffälligkeiten. Entsprechend verstört fiel die Antwort aus. (...)

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Zagajewski, Adam
6/2009 | Über die Treue. Imre Kertész' geduldige Arbeit am Mythos des Romans

Im Prado hängt ein Bild von Francisco de Zurbarán, das Christus am Kreuz zeigt; zu seinen Füßen stehen aber nicht die traditionellen Figuren der christlichen Ikonographie, sondern ein Maler mit Palette – gewiß ein Selbstporträt, wenngleich der Titel suggeriert, es handele sich um den Evangelisten Lukas. Das Gemälde erweitert das traditionelle Passionsmotiv um ein Bild des Künstlers, das unter anderem für die ästhetische Selbstreflexion steht. Zurbarán sagt uns auf diese Weise, daß die Relation zwischen dem Göttlichen, dem Schmerz und dessen Darstellung selbst für die größten Künstler ein Geheimnis bleibt – so kann man es wenigstens deuten, auch wenn der Maler sein Werk wohl eher, wie Kunsthistoriker meinen, als Lob der Malerei verstanden sehen wollte. (...)

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