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Heftarchiv – Leseproben

Leseproben aus den zuletzt erschienenen Heften:

Brecht, Bertolt
4/2016 | Ich, Berthold Brecht, alt: 20 Jahre. Mit einer Vorbemerkung von Erdmut Wizisla

Vorbemerkung

Es mag überraschen, daß Bertolt Brecht, als dessen ausgemachtes Thema die dritte Sache gilt, offenbar kaum Schwierigkeiten hatte, in der ersten Person zu sprechen. Mehr als einhundert seiner Gedichte beginnen mit dem Wort »ich«. Streicht man Texte weg, in denen ein Dienstmädchen, der Glücksgott, der Sperling, ein Grammophonbesitzer oder eine gewisse Katharina im Spital zu Wort kommen, Reden von Figuren also, bleiben immer noch etliche, wo hinter dem Ich die Person Bertolt Brecht angenommen werden kann, zumal ihnen ab und an noch sein Name eingeschrieben ist. Das berühmteste Beispiel beginnt mit der Zeile »Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern«, entstand am 26. April 1922, wurde später verändert in »Bertolt Brechts Hauspostille« aufgenommen und leistet bereits in der Überschrift einen Beitrag zur Etablierung einer Marke: »Vom armen B. B.« Ein Rollengedicht auch dieses?

Leseprobe
Bürger, Peter
4/2017 | Die Leidenschaft des Denkens. Annäherungen an Rudolf Borchardt

Rudolf Borchardt ist ein Unzeitgemäßer. Er ist uns fremd, weil er sich mit einer Emphase, die uns irritiert, als Deutscher versteht, als deutscher Dichter und Wissenschaftler, dem es aufgegeben ist, die Kultur der Goethezeit der Jugend als lebendiges Erbe zu übergeben. Er stößt uns ab durch die Schärfe seiner Urteile, den unverhohlenen Anspruch auf geistige Führerschaft, vor allem aber durch seinen Antimodernismus. Er ist uns suspekt, weil er politisch für das steht, was wir überwunden haben oder zumindest überwunden zu haben meinen: ein leidenschaftliches Nationalgefühl, den deutschen Sonderweg, die Ablehnung der westlichen Demokratie und den Traum, die deutsche Kultur sei bestimmt, die Welt zu retten.

Er zwingt uns eine Sicht der Moderne auf, gegen die wir uns mit allen Kräften wehren, auch wenn wir uns von einem undialektischen Fortschrittsbegriff längst verabschiedet haben: Moderne als Verfall. (...)

Leseprobe
Buselmeier, Michael
3/2016 | Heidelberg - Stadt der Dichter?

Das Thema erlaubt, ja verlangt es, wie jedes andere hinterfragt zu werden. »Heidelberg – Stadt der Dichter«, ohne Fragezeichen hingesetzt – kann man das ernsthaft behaupten? Gibt es tatsächlich vor Ort eine durch die Jahrhunderte sich fortzeugende literarische Tradition, die etwa von Goethe bis Hilde Domin reichen könnte und so lebendig, produktiv und untereinander bindend ist, daß sie das Attribut rechtfertigt? Wem aber »Stadt der Dichter« doch etwas hochstapelnd vorkommt, der könnte ja immer noch auf »Stadt der Poesie« ausweichen, das klingt allgemeiner, die Landschaft spielt mit herein sowie das Große und Ganze der Kunst, Burgruine und Brücke: Heidelberg als »Symbol der Poesie« und »geweihte Stätte«, als »Wallfahrtsort unserer Dichtung«. Mit solchen heute leicht (...)

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Defoe, Daniel
2/2016 | Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge. Mit einer Vorbemerkung von John Robert Moore

Sehr geehrter Herr, in dem letzten Brief, den von Ihnen zu erhalten Sie mich auszeichneten, beliebten Sie, außer anderen wichtigen Dingen, welche Ihrer gestrengen und kundigen Feder würdig, zu sagen, daß die Nachricht von der Ankunft so vieler bedrängter Pfälzer zu einem Zeitpunkt, da es in jenen Gebieten keine schreiende Verfolgung gab, die Leute in Ihrer Gegend gar sehr verwunderte, und daß so viele Fremde in Südbritannien aufzunehmen und zu ernähren zu einem Zeitpunkt, da der Handel flau, Beschäftigung knapp, uns ein langer Krieg aufgehalst und jedwede Nahrung dermaßen teuer war, bei Ihnen so mannigfach diskursiert wurde, mit plausiblen Argumenten pro und contra, daß es schwierig erschien zu erkennen, ob diejenigen recht haben, die sich für die Aufnahme und Versorgung der (...)

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Delius, Friedrich Christian
1/2015 | Der Stolz der Akademie. Gruß an »Sinn und Form«

Ein Abend von und mit "Sinn und Form". Es ist also auch eine, ja, was eigentlich, eine Institution zu begrüßen, die nicht leicht zu fassen ist, die selten im Rampenlicht steht, eine ehrwürdige, quicklebendige, weithin wirksame literarische Stimme, nein, eine schwer definierbare Summe von Stimmen. Die Zeitschrift "Sinn und Form" ist kein Sprachrohr der Akademie der Künste, aber sie erscheint unter dem Dach der Akademie der Künste – und wirkt als derzeit beste deutsche literarische Visitenkarte weit über Berlin und Brandenburg hinaus, vermutlich bis zu unseren Antipoden an irgendeiner Universität in Neuseeland. Diese Zeitschrift ist der Stolz der Akademie, unverzichtbar für Leute mit der Kernkompetenz Wort abseits des Mainstreams. Der Stolz der Akademie, gerade weil sie es nicht leicht hat, trotz steigender Auflage, im Gegenwind des vulgärbetriebswirtschaftlichen Effizienzdenkens zu segeln. (...)

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Ehrsam, Thomas
1/2017 | "Aber mich selbst anzulügen gelingt mir nicht". Mopsa Sternheim, Versuch eines Porträts

Gescheitert – so hat sich Mopsa Sternheim, ihr Leben bilanzierend, immer wieder gesehen. Gescheitert vor allem deshalb, weil es ihr, die lebenslang in deutschen und französischen Künstlerkreisen verkehrte, nicht gelang, ein Werk zu schaffen, ihren Roman zu vollenden. Trotz dieser Selbsteinschätzung lohnt sich ein Blick auf diese Frau und ihr Leben. Dabei soll es weniger um ihre zahlreichen Affären und Bekanntschaften als um ihr intellektuelles Profil gehen, ihren Mut (und Hochmut), mit dem sie auch in verzweifelten Lagen immer an einem trotzigen Dennoch festgehalten hat. Mopsa Sternheim war die uneheliche Tochter des Dramatikers Carl Sternheim und seiner Geliebten Thea Löwenstein. Sie wurde am 10. Januar 1905 als Elisabeth Dorothea Löwenstein geboren: Der Mann der Mutter, Arthur (...)

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Engelberg, Achim
2/2016 | "Wir leben in einer Zeit der Übergänge." Gespräch mit Stefan Hertmans

ACHIM ENGELBERG: Mit Ihrem letzten Roman »Der Himmel meines Großvaters« gelang Ihnen der internationale Durchbruch. In mindestens neunzehn Sprachen ist oder wird das Buch verlegt. Sie reisen den Übersetzungen hinterher. Kommen Sie – jenseits von kleineren Arbeiten – noch zum Schreiben? STEFAN HERTMANS: Ich beende gerade einen Roman, der im 11. Jahrhundert spielt und auf einem alten sephardisch-hebräischen Manuskript beruht, das sich in einer Sammlung in Cambridge befindet. Auf meine Protagonistin stieß ich durch ein Buch des Historikers Simon Schama. Nach drei Jahren Recherche weiß ich, daß sie 1070 geboren wurde, also vier Jahre nach der Schlacht bei Hastings, dem ersten Erfolg der französischen Normannen bei der Eroberung Englands. Auf den Straßen geißelten sich damals (...)

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Fioretos, Aris
5/2017 | Die dichte Welt

Hinc Poenus, hinc Afer urget.
(Prädikat im Sing. merken.)
Hier dringen
die Punier und dort die Afrikaner ein.
– Erik Tidner, Latinsk grammatik (1965)

Das Gewirr war dicht, nicht besonders schön, undurchdringlich. In einer Zeit, in  der von schwedischen Gymnasiasten erwartet wurde – es waren noch die grauen siebziger Jahre –, daß sie Bleistift und Radierer verwendeten, schrieb J. stets mit Kugelschreiber. Am liebsten benutzte er einen mit vier Farben: rot, grün, blau, schwarz. Trotz der Auswahl nahm er immer die schwarze Tinte. Während ich über die Frage nachdachte, die der Lateinlehrer uns gerade gestellt hatte (es ging um die dritte Person Singular von esse im Futurum exactum), klickte er mit seinem Kugelschreiber – vorgebeugt, den Ellbogen auf dem Tisch und seinen Mund gegen den Handrücken gedrückt. Ich ahnte ein kompliziertes Lächeln. J. mußte nicht lange über die Antwort nachdenken. Er hatte Latein binnen eines Herbstmonats gelernt und widmete sich nunmehr seinen privaten Studien. (...)

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Gal-Ed, Efrat
6/2016 | Das unbekannte Jiddischland. Ein Gespräch mit Ruth Renée Reif über Itzik Manger

RUTH RENÉE REIF: Der "Prinz der jiddischen Ballade" wurde Itzik Manger genannt. Isaac Bashevis Singer sah in ihm einen "jiddischen Baudelaire", einen der größten Dichter jiddischer Sprache. In Ihrer Biographie entwerfen Sie ein lebendiges Bild seines Schaffens und seiner jiddischen Lebenswelt. Wie bewerten Sie aus heutiger Perspektive die Bedeutung seines Werks?

EFRAT GAL-ED: Itzik Manger war ein überaus origineller Künstler. Er schaffte es, eine eigene Stimme zu entwickeln, indem er verschiedene Formen der europäischen Literatur mit dem Jiddischen verschmolz.(...)

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Georgi, André
6/2016 | Seestück

Sand wie verdreckter Schnee, darüber ein Meer, das seine weißen Schaumkronen dem Strand entgegenspült, tiefblau, die Farbe des Todes, der Himmel wiederum eine pastellene Verheißung der Erlösung und zugleich eine Ankündigung des Nichts: Drei Flächen, ocker, schwarzblau, pastellblau – der Übergang vom Strand zum Meer eine scharfe Grenze, ausgefranst dagegen der Übergang vom Meer zum Himmel, ein loderndes Blau, wie ein hinter dem Horizont züngelnder Brand einer Stadt, in den falschen Farben gemalt. Vorne ein Mann in schwarzem Gewand, mit eigentümlich verdrehter Gestalt, Oberkörper und Gesicht dem Brand hinter dem Meer zugewandt, die Füße aber zur Seite zeigend, eine instabile Lage, kein Mensch könnte so stehen, der Kopf hat einen Entschluß gefaßt, den durchzuführen die Füße verweigern.
(...)

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Habel, Sabrina
3/2017 | Wahrheitskunst. Brechts Anleitung zum richtigen Lesen

Für Bertolt Brecht ist Wahrheit nicht nur eine Frage der Gesinnung, sondern auch eine Frage des Könnens. Die Wahrheit, schreibt er, wird gesellschaftlich hergestellt und ihre genauen »Produktionsweisen « lassen sich beschreiben. Bemerkenswerterweise zieht Brecht daraus nicht den Schluß, daß es mehrere Wahrheiten gebe oder gar geben solle – wie Roland Barthes, der sagen wird, daß es für jede Begierde eine eigene Sprache geben soll. Brechts Verständnis von Wahrheit (und vielleicht auch von Begierde) ist einfacher: »Es gibt nur eine Wahrheit«, schreibt er, »nicht zwei oder ebenso viele, als es Interessengruppen gibt.« In diesem Sinne gibt es auch nur eine Sprache, allerdings in zwei Zuständen: einem, in dem sie die Wahrheit abbildet, und einem, in dem sie die Wahrheit verstellt. Es gibt nämlich auch Produktionsweisen des Unwahren. (...)

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Hartlaub, Felix
3/2017 | "In Neapel war ich sehr von der eigentlichen Ohnmacht der Kunst vor dem Leben überzeugt". Briefe an die Familie aus Italien

Vorbemerkung

Italien: Sehnsuchtsland der Deutschen. Nicht nur Touristen zieht es gen Süden, auch Schriftsteller konnten und können sich der Faszination des Landes nicht entziehen, wie sich an alpenähnlich hohen Bücherbergen zeigt. Während Goethe in Italiens Kunst und Landschaft noch Arkadien zu finden meinte, blickte mancher seiner Zeitgenossen schon kritisch auf das Land, wo die Zitronen blühn – zum Beispiel Johann Gottfried Seume, der auf seinem fast einjährigen »Spaziergang« durch Italien gerade auch dessen Schattenseiten beschreibt. Später setzte tatsächlich eine Art Italienverweigerung ein. Die Kritik entzündete sich unter anderem am Massentourismus, (...)

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Hertmans, Stefan
2/2016 | "Wir leben in einer Zeit der Übergänge." Gespräch mit Achim Engelberg

ACHIM ENGELBERG: Mit Ihrem letzten Roman »Der Himmel meines Großvaters« gelang Ihnen der internationale Durchbruch. In mindestens neunzehn Sprachen ist oder wird das Buch verlegt. Sie reisen den Übersetzungen hinterher. Kommen Sie – jenseits von kleineren Arbeiten – noch zum Schreiben? STEFAN HERTMANS: Ich beende gerade einen Roman, der im 11. Jahrhundert spielt und auf einem alten sephardisch-hebräischen Manuskript beruht, das sich in einer Sammlung in Cambridge befindet. Auf meine Protagonistin stieß ich durch ein Buch des Historikers Simon Schama. Nach drei Jahren Recherche weiß ich, daß sie 1070 geboren wurde, also vier Jahre nach der Schlacht bei Hastings, dem ersten Erfolg der französischen Normannen bei der Eroberung Englands. Auf den Straßen geißelten (...)

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Huysmans, Joris-Karl
2/2017 | »Man muß gelebt haben, um schreiben zu können«. Paul Verlaines religiöse Gedichte

Ich habe auf diesen wenigen Seiten keineswegs vor, das Werk Verlaines aus literarischer Sicht zu behandeln. Diese Arbeit ist schon oft geleistet worden, und ich selbst habe vor langer Zeit, als sich niemand um den sturmverschlagenen Dichter bekümmerte, auf das einzigartige Werk dieses Mannes, der, nach Victor Hugo, Baudelaire und Leconte de Lisle, die Dichter unserer Zeit am nachhaltigsten geprägt hat, 1884 in "Gegen den Strich" Bezug genommen und es zu erklären versucht.

Heute, aus Anlaß einer rein religiösen Verssammlung mit Auszügen aus den Bänden "Weisheit", "Liebe", "Glück" und "Intime Liturgien" sowie einigen posthumen Stücken, möchte ich mich allein aus katholischer Sicht mit Verlaine beschäftigen, (...)

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Jens, Inge
3/2016 | Die Ergänzung der eigenen Erfahrungen. Ein Gespräch über Schriftsteller und Editionen mit Matthias Bormuth und Matthias Weichelt

MATTHIAS WEICHELT: Frau Jens, Sie haben sich vor allem als Herausgeberin einen Namen gemacht, seit Sie in den frühen sechziger Jahren die Briefe Thomas Manns an den Philologen Ernst Bertram veröffentlichten. In den nächsten Jahrzehnten folgten dann weitere Editionen, die Werke des Literaturhistorikers und Schriftstellers Max Kommerell, die Briefe und Aufzeichnungen der Geschwister Scholl und ihres Freundes Willi Graf, die Tagebücher des Komponisten Ralph Benatzky und immer wieder die Familie Mann. Wie kamen Sie – ohne von einer Institution getragen zu sein – zu diesen ganz unterschiedlichen Autoren?

INGE JENS: Ich habe immer auf eigene Faust gearbeitet, aber meine Stoffe habe ich mir nie selbst ausgesucht. (...)

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Joubert, Joseph
4/2016 | "Ich glätte nicht meine Sätze, sondern meine Gedanken". Aus den Notizbüchern. Mit einer Vorbemerkung von Martin Zingg

Vorbemerkung »Er schrieb nie ein Buch«, so Maurice Blanchot über Joseph Joubert, »er traf lediglich Vorbereitungen, eins zu schreiben.« Ein Leben lang hat Joubert an seinen Aufzeichnungen in den »Carnets« gearbeitet, beinahe jeden Tag. Die Notate sind keine Zeugnisse einer aufregenden Existenz, Jouberts Leben war eher unspektakulär. Am 7. Mai 1754 in Montignac-le-Comte geboren, schickt man ihn mit vierzehn nach Toulouse, wo er die Rechte studieren soll, aber schon nach wenigen Wochen gibt er wieder auf und tritt einem Orden bei. 1778 geht er nach Paris, wo er mit einigen literarischen Größen seiner Zeit in Berührung kommt, darunter Louis de Fontanes und Diderot, dessen Sekretär er wird. 1790, nach der Revolution, ist er Friedensrichter in der heimischen Dordogne, bald danach, (...)

Leseprobe
Kehlmann, Daniel
1/2016 | Der Apfel, den es nicht gibt. Unordentliche Gedanken über Bilder und Wirklichkeit

Wer in diesen Tagen eine Ausstellung schöner Dinge eröffnet, muß auch von den häßlichen reden. Wer laut über Schönheit nachdenkt, muß im Verdacht der Gefühllosigkeit stehen, als wollte er sie mit Gewalt nicht sehen, die Fliehenden, die überfüllten Boote, die in Lastwagen Erstickten, die Menschen hinter Stacheldrähten und die Mordbanden, die im Namen der Religion Köpfe abschneiden. Das Schlimmste passiert gerade jetzt, und natürlich ist es nahezu blamabel, so zivilisiert hier zu stehen, als passierte es nicht. Wie also den Übergang finden, wie sich hinüberretten zur Schönheit? (...)

Leseprobe
Kerr, Alfred
5/2017 | "Es ist eine sehr seltsame Gefühlsmischung, die Sie erwecken". Briefwechsel mit Arthur Schnitzler 1896-1925. Mit einer Vorbemerkung von Elgin Helmstaedt

Vorbemerkung
Als 1984 der zweite Band der Briefe Arthur Schnitzlers erschien, hieß es im Vorwort: "Obwohl Schnitzler es fast immer ablehnt, eigene Werke zu interpretieren, gibt es dennoch Briefe, die über seine inhaltlichen und ästhetischen Intentionen einigen Aufschluß geben." Unter den fünf Adressaten, die solche Schreiben erhielten, war der Kritiker Alfred Kerr. Dabei lagen den Herausgebern gerade einmal vier Briefe an diesen vor, von denen sie drei veröffentlichten.
Bis 2013 besaß das Alfred-Kerr-Archiv der Akademie der Künste nur Schnitzlers letztes Schreiben an Kerr von 1925. Der Großteil der restlichen Briefe galt jahrzehntelang als verschollen. Als Kerr 1933 mit seiner Familie aus Deutschland fliehen mußte, wurde der größte Teil seines Besitzes konfisziert, darunter auch die Schnitzler-Briefe. In einem Zwischenlager der Gestapo nahm eine literaturinteressierte, vielleicht auch Schnitzler verehrende Sekretärin die Briefe an sich. Nach dem Krieg wagte sie nicht, mit ihrem "Fund" an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie vererbte die wertvollen Autographen ihrem Neffen, der sie 2013 einem Auktionshaus anbot. Nach Absprache mit der Familie Kerrs, den rechtmäßigen Eigentümern der Briefe, konnte die Akademie ein Vorkaufsangebot aushandeln und die Manuskripte erwerben. (...)

Elgin Helmstaedt

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Krieger, Hans
2/2016 | Die Wiederkehr des Reims. Form als Sinn – zu einem Gedicht von John Donne

Zu den erstaunlichsten Entwicklungen der neueren Lyrik gehört die geräuschlose Rehabilitierung des Reims. Lange war er verpönt gewesen als Relikt einer entleerten Tradition, als Konventionskrücke der Epigonen, gar als trügerische Schönrednerei, die das Disparate der modernen Welt mit glättender Harmonie überschminkt. Nur für die Humoristen unter den Versemachern war er, seiner Liaison mit der Pointe wegen, ein probates Mittel geblieben. Nun aber, noch etwas schüchtern und manchmal mit Anzeichen von Muskelschwäche nach zu langem Stilliegen, betritt der Reim erneut die Bühne. Und auch manche von denen, die seiner sinnlichen Wirkpotenz besonders entschieden unauffälligere Ordnungsmittel der gebundenen Rede hatten entgegensetzen wollen, erliegen wieder seinem Zauber, der in eine (...)

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Leetz, Michael
6/2016 | "Der erste, der wirklich alles verstanden hat". Andrej Platonow, der Schriftsteller der Zukunft

Im Dezember 1934 bereitet den Redakteuren des Almanachs "Zwei Fünfjahrpläne" ein Beitrag großes Kopfzerbrechen. Er umfaßt nur wenige Seiten, doch sein Inhalt ist von großer Sprengkraft. Allein der Titel läßt den Text gefährlich erscheinen: "Über die erste sozialistische Tragödie". Die Sowjetunion befindet sich in ihrem dreizehnten Jahr. Es ist die Zeit des Zweiten Fünfjahrplans, der einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung herbeiführen soll. (...)

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Leggewie, Claus
5/2016 | Neue Briefe aus Paris. Eine Wende im literarisch-politischen Grenzverkehr

Für Rupert Neudeck, den Frankreichkenner und Menschenretter (1939 – 2016)   Das Schmettern des gallischen Hahns Frankreich zieht deutsche Kulturschaffende seit der Revolution von 1789 in seinen Bann. Zu den Frankophilen des "Jungen Deutschland", einer Kongregation freiheitsliebender Literaten im Vormärz, zählte Carl Ludwig Börne, 1786 als Juda Löb Baruch in der Frankfurter Judengasse (am heutigen Börneplatz) geboren und 1837 in Paris gestorben. Aus dem Exil schrieb er seiner Muse Jeanette Wahl "Briefe aus Paris", deren zweiter (von insgesamt 115) vom 7. September 1830 für den Sound zeitgenössischer Frankreichbegeisterung stehen mag. Schon der Grenzübertritt löst bei ihm Verzückung aus: "Die erste französische Kokarde sah ich an dem Hute eines Bauers, der, von (...)

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Llywelyn-Williams, Alun
1/2016 | In Berlin – August 1945. Gedichte. Mit einer Nachbemerkung von Wolfgang Schamoni

1. Lehrter Bahnhof   Heledd und Inge im roten Fackelschein – Inge oder Heledd, wer ist wer? Die Jahre betrügen uns – Sieh nur, wie dort, wo eilig Fäden ineinanderlaufen, wir fernen Reisenden zusammenkommen, durch Zufall unter der Uhr. Wirklich durch Zufall? Auf diesem Bahnhof beginnt keine Reise, es endet auch keine, es sei denn, man sieht in seinen zerborstenen Bahnsteigen das Ende aller Reisen. Kauft eure armselige Fahrkarte wohin auch immer; lang, lang ist das Warten dieser Menschenmenge, groß ihre Geduld und ohne Murren, weil das blinde Geschoß, das meinen tumben Kadaver zum Schmollen auf den Rost der Schienen warf, abprallte und das runde Glas zerschlug, die Zeiger wegriß, die das Hin und Her gewiesen dem würdevollen Lärm der harten Räder.   Der (...)

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Vogel, Debora
1/2017 | Die Wohnung in ihrer psychischen und sozialen Funktion. Mit einer Vorbemerkung von Anna Maja Misiak

Es gibt enorm viel Raum in der Welt: unnötigen,
unbeholfenen Raum.
O, die flachen langsamen Räume, langweilig wie
ein großer mit Lauge gescheuerter Bretterfußboden,
wie die runde Landschaft eines Kalendersonntags
mit Menschen, die für etliche Stunden ihr Schicksal
irgendwo verlegt haben. Und die bummeln.
Debora Vogel, Akazien blühen   Die 1900 in Bursztyn bei Lemberg geborene Schriftstellerin Debora Vogel gestand ihren Brieffreunden immer wieder ihre Sehnsucht "nach dem Fahren". Es zog sie "besonders in große Städte, aus jenen Städten heraus, in denen der süße Duft der Kartoffelblumen herrscht". Sie war in moderne Metropolen verliebt und bestens mit deren Esprit vertraut: In Wien verbrachte sie die Kriegsjahre als Gymnasiastin, in Berlin (...)

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Nagel, Ivan
4/2016 | Dieses Rätsel will ich leben. Im Gespräch mit Jens Malte Fischer und Wolfgang Hagen

JENS MALTE FISCHER: Sie haben einmal davon gesprochen, daß Sie auf dreifache Weise Minderheiten angehörten. Das hat mich an einen Gustav Mahler zugeschriebenen Satz erinnert, der gesagt haben soll: »Ich bin dreifach heimatlos, als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude in der ganzen Welt.« Bei Ihnen lagen die Minderheitsprobleme etwas anders. IVAN NAGEL: Ich war Jude, Staatenloser, Homosexueller. Ich glaube, wir sollten jetzt nicht über die äußere Biographie reden, sondern über die innere Biographie. Wie konnte man mit dieser Situation der dreifachen Minderheit fertig werden? Als meine Mutter während der ungarischen Revolution am Wiener Westbahnhof ankam, wir hatten uns nach meiner Flucht, meiner Emigration aus Ungarn acht Jahre nicht (...)

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Pavlovici, Florin Constantin
5/2017 | Die Folter. Das Grundlagenbuch

Gesichter des Winters
Anfang Dezember wurde der Regen zu Schneeregen. Der Wind schlug in heftigen, sturmverheißenden Böen, Wassertropfen geißelten die taubgefrorenen Körper wie Eisnadeln. Wir waren dabei, die letzte Erde am Dorfrand bei Agaua aufzuschütten, um wie angeordnet mit der Baustelle in den Süden der Insel zu ziehen. Der Damm sollte mitten durchs Dorf gehen, es standen bloß ein paar Bauernhäuser und Gehöfte im Weg, deren Abriß auf den Frühling vertagt worden war. Selbst die Herren der Aue wagten es nicht, ganze Familien mitten im Winter an die Luft zu setzen, nicht ohne Sondergenehmigung. Zu Sankt Nikolaus waren wir für den Umzug bereit, just als der Schneesturm heraufzog. Wegen einer Durchsuchung verzögerte sich unser Aufbruch. Am Lagerausgang hießen uns die Unteroffiziere erst einmal die Häftlingsuniformen ausziehen. Eine gute Stunde ließen sie uns in Hemd und langer Unterhose an Ort und Stelle ausharren. Zweifellos brauchte es die Zeit, bis jeder einzelne gefilzt und sichergestellt worden war, daß keiner darunter Flanellhemden oder Zivilbekleidung trug, in der er hätte fliehen können. (...)

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Pitschmann, Siegfried
3/2016 | Aufzeichnungen eines Lehrlings. Mit einer Vorbemerkung von Kristina Stella

Vorbemerkung Siegfried Daniel Pitschmann, ein kaum bekannter ostdeutscher Meister der Short story, wurde am 12. Januar 1930 im niederschlesischen Grünberg (heute Zielona Góra) geboren und war das zweitälteste von sechs Kindern des Tischlermeisters Daniel Pitschmann und seiner Frau Lucie, die einer alteingesessenen schlesischen Handwerker- und Lehrerfamilie entstammte. Anfang 1945 wurde die Familie mit einem der letzten Flüchtlingszüge, die unversehrt aus Grünberg herauskamen, evakuiert. Zwei Kinder lebten schon nicht mehr: Siegfrieds kleine Schwester Dorothea starb mit zehn Monaten, der ältere Bruder Gottfried war, noch nicht achtzehnjährig, in den letzten Kriegsmonaten gefallen. Die Familie landete nach mehr als vierzehntägiger Fahrt in Mühlhausen in Thüringen. Pitschmanns (...)

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Reif, Ruth Renée
6/2016 | Das unbekannte Jiddischland. Ein Gespräch mit Efrat Gal-Ed über Itzik Manger

RUTH RENÉE REIF: Der "Prinz der jiddischen Ballade" wurde Itzik Manger genannt. Isaac Bashevis Singer sah in ihm einen "jiddischen Baudelaire", einen der größten Dichter jiddischer Sprache. In Ihrer Biographie entwerfen Sie ein lebendiges Bild seines Schaffens und seiner jiddischen Lebenswelt. Wie bewerten Sie aus heutiger Perspektive die Bedeutung seines Werks?

EFRAT GAL-ED: Itzik Manger war ein überaus origineller Künstler. Er schaffte es, eine eigene Stimme zu entwickeln, indem er verschiedene Formen der europäischen Literatur mit dem Jiddischen verschmolz.
(...)

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Rózycki, Tomasz
1/2016 | Tomis. Notizen vom Haltepunkt

Winter. Erster Eintrag: So sei es denn eine – sicher unvollkommene – Existenzweise und ein ebenso unvollkommener Verständigungsversuch. Dem Anschein nach ist es ein richtiger Winter, sentimental und mythisch, die Stadt ist eingeschneit, die Autos passieren einander vorsichtig wie beladene Elefanten auf einem Dschungelpfad. Fluß und Kanäle sind zugefroren, im Fernsehen schneit es. Einstweilen muß man nicht über den sechs Monate langen, bis in den April dauernden winterähnlichen Herbst voller Schlamm klagen, die Zeit des Schlamms kommt später – wenn es taut, wenn die Schneewehen, -berge und -halden schmelzen und die Sintflut einsetzt. Vorerst ist alles, wie es sein soll, wie es auf dem Wunschzettel steht: Das Licht ist zurück, wird vom Schnee reflektiert, selbst die Nacht leuchtet festlich, als sei die Kindheit zurückgekehrt und halte Ausschau nach uns. Gloria. (...)

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Ruhe, Ernstpeter
1/2017 | Die Vitalität der Poésie noire. Aimé Césaires Wirkung in den deutschsprachigen Ländern

Es brauchte erst einen Weltkrieg, damit die weltweite Wirkung Aimé Césaires beginnen konnte, und einen objektiven Zufall, wie ihn die Surrealisten so schätzten. André Breton, bei seinem Ausweichen nach New York 1941 auf Zwischenstation in Martinique, entdeckte in einem Kurzwarenladen in Fort-de-France ein lokales Zeitschriftenheft mit Gedichten, die ihn zum Dichter selbst und zu dessen "Aufzeichnungen von einer Rückkehr ins Land der Geburt" führten, dem für Breton "größten Monument der Lyrik unserer Zeit". Die Begeisterung über einen Schwarzen, der dem in der Alten Welt darnieder liegenden Geist neue Inspiration geben und ihn ins Unerforschte führen würde, barg die Gefahr seiner Vereinnahmung im Zeichen des Surrealismus. Lange wurde verkannt, was mittlerweile unabweisbar ist. (...)

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Saltzwedel, Johannes
5/2016 | Eine Finalgestalt des Zerfalls. Rudolf Borchardts Erzählfragment "Paulkes letzter Tag"

Rudolf Borchardt ein Satiriker? Mögen Kenner dem gelehrten Sprachkünstler, der zwischen Bannrede und Minnelied, kulturhistorischem Weltentwurf und virtuoser Gelegenheitslyrik mühelos die Register wechselte, auch beinahe alles zutrauen: Schwungvolle Gesellschaftskritik scheint in seinem Œuvre zu fehlen. Gewiß, da gibt es Erzählungen, die auf höchstem sprachlichen Niveau den Tonfall des sogenannten modernen Menschen samt seiner Freude an geistreichen Pointen simulieren: Schon im "Gespräch über Formen" ist ein ganzes Zeitalter der Ästheten-Dialoge bestens präpariert zu besichtigen, auch in manchen Reden oder Zeitschriftenaufsätzen schimmert das dubiose Heute entlarvend durch, und in den schneidenden "Jamben" entlädt sich der Grimm oft in schnaubenden Karikaturen. Doch all das (...)

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Scharf, Kurt
4/2017 | »Halt aus in der Nacht bis zum Wein«. Die Entstehung der modernen persischen Lyrik

Um die Bedeutung des Bruchs mit der Tradition zu erfassen, den die modernen iranischen Lyriker vollzogen, müssen wir zumindest einen kurzen Blick auf die Geschichte der persischen Dichtung werfen. Wie die deutsche, so hat auch die Entwicklung der persischen Sprache drei Etappen durchlaufen. Will man jedoch zu ihren Ursprüngen gelangen, so muß man, um mit Thomas Mann zu sprechen, sehr viel tiefer in den Brunnen der Zeit hinabsteigen als bei unserer Muttersprache. Die älteste uns erhaltene Literatur in persischer Sprache ist geistliche Lyrik. Es sind die Gathas, die Zarathustra vor vermutlich etwa dreitausend Jahren verfaßt hat und die uns zunächst mündlich, später auch schriftlich im Âwestâ, dem heiligen Buch seiner Anhänger, überliefert worden sind.

(...)

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Scherer, Marie-Luise
2/2017 | Die Geschichte von Lydia und Behn

Lydia Proske verbrachte die Wochenenden mit Hubertus Behn auf dem Lande. Sie hatten die Klappräder dabei, die einzige gemeinsame Anschaffung, zu der sie als Paar sich vorgewagt hatten. In der Stadt lebte jeder für sich. Ihre Treffen fanden in ihrer Wohnung statt, während Behn sich die seine als Refugium hielt. Bis auf sein Fahrrad in ihrem Keller, einen Schlafanzug in ihrem Bad, Zahnbürste und Trockenrasierer zeugte nichts von ihren Zusammenkünften. (...)

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Schnitzler, Arthur
5/2017 | "Es ist eine sehr seltsame Gefühlsmischung, die Sie erwecken". Briefwechsel mit Alfred Kerr 1896-1925. Mit einer Vorbemerkung von Elgin Helmstaedt

Vorbemerkung
Als 1984 der zweite Band der Briefe Arthur Schnitzlers erschien, hieß es im Vorwort: "Obwohl Schnitzler es fast immer ablehnt, eigene Werke zu interpretieren, gibt es dennoch Briefe, die über seine inhaltlichen und ästhetischen Intentionen einigen Aufschluß geben." Unter den fünf Adressaten, die solche Schreiben erhielten, war der Kritiker Alfred Kerr. Dabei lagen den Herausgebern gerade einmal vier Briefe an diesen vor, von denen sie drei veröffentlichten.
Bis 2013 besaß das Alfred-Kerr-Archiv der Akademie der Künste nur Schnitzlers letztes Schreiben an Kerr von 1925. Der Großteil der restlichen Briefe galt jahrzehntelang als verschollen. Als Kerr 1933 mit seiner Familie aus Deutschland fliehen mußte, wurde der größte Teil seines Besitzes konfisziert, darunter auch die Schnitzler-Briefe. In einem Zwischenlager der Gestapo nahm eine literaturinteressierte, vielleicht auch Schnitzler verehrende Sekretärin die Briefe an sich. Nach dem Krieg wagte sie nicht, mit ihrem "Fund" an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie vererbte die wertvollen Autographen ihrem Neffen, der sie 2013 einem Auktionshaus anbot. Nach Absprache mit der Familie Kerrs, den rechtmäßigen Eigentümern der Briefe, konnte die Akademie ein Vorkaufsangebot aushandeln und die Manuskripte erwerben. (...)

Elgin Helmstaedt

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Schwob, Marcel
4/2017 | Manapouri. Eine Seereise nach Samoa 1901/02. Mit einer Vorbemerkung von Gernot Krämer

Vorbemerkung

Am 21. Oktober 1901 schiffte sich in Marseille der Schriftsteller Marcel Schwob zu einer Reise ein, von der er sich vor allem zwei Dinge erhoffte: Heilung von der Krankheit, die ihn seit Jahren niederdrückte, und neue Impulse für sein Schaffen. Der aus Chaville bei Paris gebürtige Autor hatte 1891 mit dem Erzählungsband »Das gespaltene Herz« debütiert und dann praktisch jedes Jahr einen solchen veröffentlicht – (...)

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Stoessel, Marleen
6/2016 | Mythos Georgien?

Dies sind nur tastende Worte der Annäherung an ein Land, eine Stadt, Tbilisi, die sich mir vor allem im Hitzeschleier zeigte, in einer Dunstglocke, die ihre Farben dämpfte und ihr etwas von einem "panischen Schlaf" verlieh. Einem ewigen Mittag, dessen Pulsschlag ich für ein paar Tage im Juni mitträumte und dessen Traumbild jetzt Erinnerung ist. Aus dieser erinnerten Ferne, Monate später, der Versuch einer Annäherung an dieses Bild, mein Tasten nach dem Ton, dem Wort, das ihm entspricht. Sagt sich all das doch so leicht: (...)

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Noll, Chaim
5/2015 | »Wo Juden sind, entsteht auch Literatur«. Gespräch mit Przemyslaw Sznurkowski

 

PRZEMYSŁAW SZNURKOWSKI: Sie zeichnen in Ihren Büchern ein differenziertes Bild der israelischen Gesellschaft. Besonders in Ihrem 2014 erschienenen Roman "Die Synagoge" lernt man Sie als aufmerksamen Beobachter der politischen Ereignisse und sozialen Zustände in Israel, vor allem aber auch als kritischen Bürger kennen.

CHAIM NOLL: Kritik gilt hier in Israel als etwas vollkommen Normales. In Deutschland neigt man dazu, Konsens auf allen Gebieten herzustellen, man ist bemüht, möglichst immer einer Meinung zu sein, bis zur bösen Einheitlichkeit, die alle anderen Meinungen unterdrückt und totschweigt. So etwas ist hier unvorstellbar. Wenn man nach Israel kommt, (...)

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Wagner, Jan
2/2015 | »Eine andere Wahrnehmung der Welt«. Ein Gespräch über Gedichte mit Ralph Schock

RALPH SCHOCK: Ihr neuer Gedichtband "Regentonnenvariationen" ist vor einigen Monaten erschienen. Ich habe Sie in Frankfurt während der Buchmesse daraus lesen hören und gedacht, das ist ein Autor, mit dem ich gern über Dichtung sprechen würde. Ihre literarische Karriere hat aber gar nicht mit einem Lyrikband begonnen.

JAN WAGNER: Bevor mein erstes eigenes Buch herauskam, habe ich unter anderem Charles Simic übersetzt, einen amerikanischen Dichter mit Belgrader Wurzeln, und wie so viele junge Lyriker eine Zeitschrift herausgegeben, besser gesagt, ein Objekt zwischen Zeitschrift, Buch und Kunstgegenstand – eine Literaturschachtel.

SCHOCK: Können Sie diese Literaturschachtel beschreiben? (...)

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Wajsbrot, Cécile
4/2016 | Der Tag danach

Es sind die leeren, verlassenen Straßen, die der Schwere des Anschlags eine physische Dimension verleihen. Ein Samstag nachmittag, niemand ist draußen, und in dem Touristenviertel, durch das sich sonst Gruppen aus Europa und Asien schieben, herrscht diesmal Stille. Keine megaphonverstärkten Fremdenführerkommentare, kein Rumoren unter den Fenstern, nichts – nicht einmal der gewohnte Geräuschhintergrund des Verkehrs. Im Radio vervielfacht sich der Chor der Stimmen. Zeugnisse aller Art – von Leuten, die im Bataclan waren und entkommen konnten, von solchen, die Hilfe geleistet haben, auf der Terrasse eines Cafés saßen –, Kommentatoren, Politiker, Journalisten, es ist, als solle die Überfülle der Worte die Leere der Straßen um jeden Preis überdecken. Mit Worten, die sich (...)

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Weichelt, Matthias
1/2016 | Gottfried Benn, Friedrich Wilhelm Oelze. »Alles, was ich zu wünschen vermag, gilt Ihnen«. Aus dem Briefwechsel 1945. Mit einer Vorbemerkung von Matthias Weichelt

Widerhall ohne Widerspruch. Eine Vorbemerkung Nach der Feier seines fünfundsechzigsten Geburtstags, zu der sein Verlag im Mai 1951 nach Wiesbaden eingeladen hatte, schrieb Gottfried Benn seinem Brieffreund Friedrich Wilhelm Oelze: »Der Eindruck, den Sie gemacht haben, war allgemein groß. Wollen Sie wissen, was meine Tochter, deren Gedanken sich viel mit Ihnen beschäftigen, unter Anderem sagte? ›Eine unheimliche Erscheinung! Man muß damit rechnen (!), daß er nachts ein schwarzes Trikot anzieht u. auf Einbruch geht‹. Nun? Wenn das kein Effekt ist!« Wenn der Bremer Großkaufmann und Jurist (1891–1978) eines vermeiden wollte, dann Effekte und Auffälligkeiten. Entsprechend verstört fiel die Antwort aus. In einer seinem Brief angefügten Notiz mit dem Titel »Das schwarze (...)

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Zagajewski, Adam
6/2009 | Über die Treue. Imre Kertész' geduldige Arbeit am Mythos des Romans

Im Prado hängt ein Bild von Francisco de Zurbarán, das Christus am Kreuz zeigt; zu seinen Füßen stehen aber nicht die traditionellen Figuren der christlichen Ikonographie, sondern ein Maler mit Palette – gewiß ein Selbstporträt, wenngleich der Titel suggeriert, es handele sich um den Evangelisten Lukas. Das Gemälde erweitert das traditionelle Passionsmotiv um ein Bild des Künstlers, das unter anderem für die ästhetische Selbstreflexion steht. Zurbarán sagt uns auf diese Weise, daß die Relation zwischen dem Göttlichen, dem Schmerz und dessen Darstellung selbst für die größten Künstler ein Geheimnis bleibt – so kann man es wenigstens deuten, auch wenn der Maler sein Werk wohl eher, wie Kunsthistoriker meinen, als Lob der Malerei verstanden sehen wollte. (...)

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