[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-92-8
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Leseprobe aus Heft 6/2026
Assmann, Aleida
Szenen einer Ehe - Hilde Domin und Erwin Walter Palm.
Zum Wandel von Geschlechternormen und Rollenbildern
Der Feminismus hat uns gelehrt, in Paarbeziehungen aufmerksamer auf Fragen der Sichtbarkeit und Gleichstellung zu achten. In einer Ehe gibt es selten Platz für zwei bedeutende Partner. Das haben die Paare oft gar nicht selbst in der Hand, denn das hängt mit den jeweils geltenden gesellschaftlichen Normen und Werten zusammen. Gleichstellung ist an sich schon ein schwieriges Thema, aber wenn es um Ehepartner geht, stehen die Chancen noch schlechter. Warum ist es eigentlich so schwierig, zwei Personen in einer solchen Verbindung anzuerkennen und zu würdigen? Warum ist hier der soziale Druck besonders stark und warum läuft es, wenn es um die Bekanntheit und den Nachruhm von Ehepartnern geht, meist auf einen Gegensatz zwischen Erinnern und Vergessen hinaus?
Der zehnte und der zwanzigste Todestag der Dichterin Hilde Domin gaben mir Anlaß, über diese Frage länger nachzudenken. In der Rückschau auf deren Ehe wurde mir klar, daß die gemeinsamen Werte und Ideale, die die Partner verbanden, in unserer heutigen Würdigung keinen Platz mehr finden. Aus der Perspektive der Gedächtnisforschung ist aber auch das der Rede wert, denn hier geht es eben nicht nur um Prozesse der Kanonisierung (wem gebührt Ruhm und wer bekommt ihn?), sondern auch um Prozesse des Vergessens: Was wird übersehen, verkannt, umgedeutet, neu bewertet und fällt damit langfristig aus dem kulturellen Gedächtnis heraus?
Ich spreche hier von einem Paar, in dessen Leben das Konzept der Partnerschaft einen außergewöhnlich hohen Stellenwert hatte. Beide wuchsen in der Weimarer Republik auf und lernten sich als Studenten an der Universität Heidelberg kennen. Beide stammten aus dem jüdischen Bürgertum, das getragen war von den Idealen der Aufklärung und Modernisierung, und beide standen im Banne der internationalen modernen Poesie. Das belegt eine kleine Episode, die Erwin Palm, ein sephardischer Jude aus Frankfurt, mir selbst erzählt hat. Auf der Oxford Street in London entdeckte er als Student im Schaufenster einer Buchhandlung eine Fotografie, die ihn magisch anzog. Wer ist das? Das wollte er unbedingt wissen. Als Antwort auf seine Frage hörte er von dem Buchhändler zum ersten Mal den Namen Federico García Lorca. Er kaufte sich den Gedichtband, obwohl er damals noch kein Wort Spanisch konnte. Zur Lektüre setzte er sich in den Leseraum des Britischen Museums und begann, das Werk mit Hilfe eines Lexikons Wort für Wort zu entziffern. Auf diese Art hat Palm Spanisch gelernt, was ihm im Exil noch zugute kommen sollte. In seiner Jugend war er fasziniert von der antiken und der modernen Poesie. Es galt deshalb als ausgemacht, daß in der Beziehung mit Hilde Löwenstein er für den Anspruch auf Dichterlorbeer ausersehen war. Doch es kam anders: Sie wurde eine berühmte Dichterin und er ein berühmter Archäologe und Erfinder der iberoamerikanischen Kunstgeschichte.
Aus der Rückschau gesehen, sind die Rollen im kulturellen Gedächtnis im Fall dieses Ehepaars klar und eindeutig verteilt. Daran hat die Biographin der Dichterin, Marion Tauschwitz, entscheidenden Anteil. Wie keine andere hat sie die Erinnerung an Hilde Domin gepflegt, ihr Bild in der Stadt Heidelberg verankert und das Bewußtsein der Leser gebildet. Man kann ihr dafür nicht genug danken, denn sie war es auch, die die Dichterin bis in die letzte Phase ihres Lebens begleitet hat und ihr Andenken durch ihre Biographie sowie Ausstellungen und Veranstaltungen lebendig hält. Aus dem engen Kontakt ist ihr das Lebensprojekt der Erinnerungsbildnerin zugewachsen.
Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten
Daß bei dieser aktiven Erinnerungsarbeit einiges ins Hintertreffen geraten ist, ist unvermeidlich. Erinnern ist immer selektiv, man muß Schwerpunkte setzen, sich auf das Wichtige konzentrieren und vieles weglassen. Gleichzeitig muß man feststellen: So leuchtend die Präsenz der Dichterin Hilde Domin ist, so verschollen ist ihr Ehemann Erwin Walter Palm, dessen Spuren sich geradezu im Sande verlieren. Aus der Gedächtnisperspektive ist aber nicht nur von Belang, wie Erinnerung aufgebaut, gepflegt und institutionell gestützt wird, sondern auch, wie der Absturz ins allgemeine Vergessen sich vollzieht.
Vieles von dem, was im kommunikativen Gedächtnis der Freunde und der Stadt Heidelberg bis vor kurzem noch präsent war, löst sich im kulturellen Gedächtnis unwiederbringlich auf. Während Hilde Domin alle zehn Jahre mit Rückblicken bedacht wird, gibt es zu ihrem Mann nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel. Der englische zeigt immerhin, daß Palm als Forscher weiterhin eine globale Referenz ist. In der »Times of Israel« vom Dezember 2025 war sogar ein längerer Artikel über sein Lebenswerk zu lesen. In der Heidelberger Universität und Stadtgesellschaft ist das Licht dieses Gelehrten hingegen erloschen. Ein solcher Prozeß des Verschwindens hat an sich nichts Alarmierendes, er ist Teil der Normalität. Aber der Vorgang, mit dem wir es hier zu tun haben, ist doch wert, etwas genauer betrachtet zu werden.
Wo viel Licht ist, ist eben auch viel Schatten. Da so viele Scheinwerfer auf Hilde Domin gerichtet sind, ist der Ehemann ins Dunkel abgetaucht. Ist das allmähliche Verschwinden von Erwin Palm also das unvermeidliche Schicksal der weniger bedeutenden Persönlichkeit in dieser Ehe? Oder gäbe es einen Grund, den Namen dieses Gelehrten zumindest in der Stadt, in der er studierte, aus der er floh und in die er aus dem Exil zurückkehrte, ebenfalls hin und wieder zu nennen? Das kommt kaum noch vor, denn dieser Name ist, wie ich aus Gesprächen mit Menschen, die ihn gar nicht kannten, weiß, äußerst negativ besetzt und deshalb aus den Annalen und der öffentlichen Kommunikation gestrichen.
Das Wort »damnatio memoriae« klingt etwas bombastisch, ist aber nicht ganz abwegig, denn viele haben die Biographie von Marion Tauschwitz über Hilde Domin gelesen, die dreieinhalb Jahre nach ihrem Tod erschien. Aus dieser Lektüre ergibt sich scheinbar eine klare Vorstellung von den problematischen Szenen dieser Ehe. Da das Paar keine Kinder hatte, gab es nach dem Tod der Dichterin auch keine Schutz- und Sperrfirst für private Dokumente, weshalb sich die Biographin umgehend an ihre Arbeit machen und die vielen Seiten des überlieferten Briefwechsels durcharbeiten konnte. Die Bergung dieser Briefe verdanken wir Jan Bürger, der den Nachlaß aus der Wohnung nach Marbach brachte. Er hatte das Konvolut in einem Winkel des Wäscheschranks entdeckt und gab die Briefe 2009 mit Frank Druffner heraus (»Hilde Domin, Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931–1959«). Marion Tauschwitz war vermutlich die erste, die sich diesen Dokumenten ausgiebig widmen konnte, sie verwendete sie für ihre im selben Jahr erschienene Biographie »Daß ich sein kann, wie ich bin. Hilde Domin«.
In dieser Ehe schrieb man sich manisch Briefe, manchmal bis zu sieben am Tag. Dieses ungeschminkte Protokoll der Ehekonflikte konnte die Biographin auswerten, mit ihren Kommentaren bestimmt sie die Domin-Rezeption bis heute. In einer Rezension war bereits zwei Jahre später zu lesen: »Es sollte einmal eine Geschichte der Ehefrauen im Exil geschrieben werden, die ihre Männer, monströse Bremsklötze, durchfütterten, ja buchstäblich am Leben erhielten und dafür ihre eigenen Projekte aufgaben oder hintanstellten.« (Luise F. Pusch) Der Topos vom »monströsen Bremsklotz« hat sich durchgesetzt, er ist inzwischen zu einem Lieblingsbegriff der Domin-Literatur geworden.
Hier nur eine kleine Anmerkung zum Stichwort Durchfüttern des Ehemanns: Erwin Walter Palm erfand im Exil ein neues Fach, die ibero-amerikanische Kunstgeschichte, die inzwischen international an Universitäten verankert ist. Über Kunst kann man jedoch nicht reden, ohne Bilder zu zeigen. Deshalb ist das Fotografieren, Sammeln und aufwendige Herstellen und Projizieren von Dias ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Berufsfelds, für den Hilde Palm verantwortlich war. Es ist nicht grundsätzlich auszuschließen, daß das von beiden als eine Form von Kooperation verstanden wurde, zumal es ja darum ging, sich als Paar mit diesem Projekt über Wasser zu halten. Wenn die Biographin darin jedoch ein klares Beispiel für weibliche Ausbeutung sieht, übernimmt sie damit nur unseren heutigen feministischen Blick auf die Ehe als lebenslange Kampfzone, in der ausschließlich eine Logik von Dominanz und Unterwerfung herrscht.
(…)
SINN UND FORM 6/2026, S. 772-786, hier S. 772-775