[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-91-1
Kostenlose Lieferung:
innerhalb Deutschlands ab 20 €,
ins Ausland ab 30 € Bestellwert.
[€ 14,00]
PDF-Ausgabe kaufenPDF-Download für Abonnenten Sie haben noch kein digitales Abo abgeschlossen?
Mit einem digitalen Abo erhalten Sie Zugriff auf das PDF-Download-Archiv aller Ausgaben von 1949 bis 1991 und von 2019 bis heute.
Digital-Abo • 54 €/Jahr
Mit einem gültigen Print-Abo:
Digital-Zusatzabo • 12 €/Jahr
Leseprobe aus Heft 5/2026
Raulff, Ulrich
Das erste Hundert ist das schwerste.
Wagenbachs Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek
Als ich vor zwanzig Jahren gemeinsam mit zwei Kollegen eine Zeitschrift für Ideengeschichte gründete, lautete der Titel des ersten Hefts »Alte Hüte«. Drei Monate später erschien das zweite Heft unter der sehr passenden Überschrift »Anfänger«. Es handelte fast ausschließlich von Anfängen, denen ein anständiges Scheitern folgte. Wie anders die KKB, die Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek, die mit einem Scheitern begann, an das sich jedoch eine Erfolgsgeschichte anschloß.
Womit wir 1988 erfolgreich scheiterten, war die Nr. 1 der neuen Buchreihe. Die emblematisch gedachte Startnummer, ein Text von Salvatore Settis über Aby Warburgs Bibliothek, sollte nie erscheinen. Statt dessen ging Salvatore an die amerikanische Westküste, um unter dem Dach eines Ölmagnaten im Geiste Warburgs zu wirken. Aby Warburg war damals eben dabei, zum hochgeehrten Hausgespenst mehrerer geistvoller Unternehmungen, darunter einer lang erwarteten Edition seiner Schriften, zu werden. Auch über der KKB schwebte sein Geist, und nach dem verpaßten Rendezvous an der Startlinie kam es in der Nr. 7 der neuen Reihe zu einem ersten Treffen mit Warburg in Gestalt seines legendären Vortrags über das Schlangenritual der Hopi. Der Band erschien im Herbst 1988, ein Jahr vor dem Fall der Mauer. Als nur wenige Jahre darauf die Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität wieder Fahrt aufnahm, saß Wagenbachs Karnickel schon gelassen am Ziel: Ick bünn all da.
Daß auch der Erfolg den Schönheitsfleck des kleinen Fehlers verlangte, bewies das Cover des »Schlangenrituals«. Die vier Gestalten auf der Originalausgabe, die da über Hügeln oder Dünen ihre Hüften schwangen, verbreiteten zwar irgendwie gute Laune, blieben aber in ihrer Bedeutung rätselhaft – so lange, bis man bemerkte, daß das Bild auf dem Kopf stand: Eigentlich handelte es sich bei dem fröhlichen Quartett um Blitze, die aus Wolken herniederfuhren und Regen brachten. Um den nämlich ging es im Schlangentanz.
Passenderweise hatte der Band 2, der nach dem Ausfall der ersten Nummer die Rolle des Vorreiters übernahm, zwei Autoren, einen deutschen und einen französischen. Christian Meier und Paul Veyne, im Verlag gern »Meier-Weine« prononciert, behandelten die interessante Frage, ob die Griechen, angeblich die Erfinder der Demokratie, diese wohl eigentlich gekannt hätten. Veyne, ein origineller Autor und Wissenschaftler, der das epistemische Risiko liebte, war, wie sich damals herumsprach, neben Peter Brown der wichtigste althistorische Stichwortgeber seines Freundes Michel Foucault gewesen, der vier Jahre zuvor gestorben war. Meier, ebenfalls Althistoriker und – noch – Vorsitzender des Historikerverbands, kam eben, pulvergeschwärzt, aus dem Feuer eines der heißesten Gelehrtenkriege, die die alte Bundesrepublik erlebt hat, dem Historikerstreit. Zugleich aber besaß er eine unersättliche Neugier auf alles, was die Geschichte, und nicht nur die der Griechen, in ein neues Licht zu rücken versprach: in diesem Fall die anthropologisch und strukturalistisch informierte französische Geschichtsschreibung.
Insofern war dieser dialogische Band zweier sehr verschiedener Gelehrtentypen, die zwei sehr unterschiedlichen Wissenschaftskulturen entstammten, kein schlechter Ersatz für die ausgefallene Nummer 1. Meier-Veyne war ein Kind der wissenschaftlichen Neugier und der Xenophilie, die die neue Reihe kennzeichnen sollten.
Dafür stand auch in herausragender Weise Band 9, der zu einem Klassiker der Kulturwissenschaften werden sollte, ein Text, der bis heute gelesen und zitiert wird: Krzysztof Pomians »Ursprung des Museums. Vom Sammeln«. Sein Neologismus, die Semiophoren, sollte alle seitherigen Vokabeldämmerungen glanzvoll überstehen, darin vergleichbar allein Roland Barthes’ Punktum. Pomian, ein in Frankreich lebender und auf französisch schreibender Gelehrter polnischer Herkunft, belehrte seine Leser darüber, das Semiophoren »zweigesichtige Gegenstände« seien, bestehend aus einem Träger und einem darauf angebrachten Zeichen. Und weiter, daß beide Teile oder Gesichter gleich wichtig seien, die materielle Seite nicht weniger als die semiotische. Angesichts der Begriffsgläubigkeit und Diskursversessenheit unserer Geisteswissenschaften ein ebenso wichtiger wie gern überhörter Hinweis.
Die Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek war keine jungfräuliche Geburt. Ihr waren zwei Sammelbände in Wagenbachs »Taschenbücherei« vorangegangen, die ich herausgegeben hatte. Der erste von 1986 hieß »Vom Umschreiben der Geschichte«, der zweite von 1987 »Mentalitäten-Geschichte«. Beide versammelten die Creme der französischen Annales-Schule, erweitert um Größen wie Claude Lévi-Strauss und einige Autoren und Autorinnen englischer und amerikanischer Traditionen wie Peter Burke und Nathalie Zemon Davis. Als wenig später die KKB die Bühne betrat, gab es also schon mehrere Netze literarischer und historischer Freundschaften, auf die die neue Reihe zugreifen konnte.
Hinzu kamen von seiten Wagenbachs eine Reihe italienischer und spanischer Autoren und Autorinnen, einige davon Vertreter der microstoria. Besondere Bedeutung besaßen aber nicht bloß Schulen und Cluster, sondern auch einzelne große Forscherpersönlichkeiten, unter ihnen Arnaldo Momigliano, Walter Burkert, Francis Haskell und Dame Frances Yates. Sie gaben der Reihe den Glanz einer profunden, aber zugänglichen Gelehrsamkeit. Was damals entstand, war nicht ein Kanon, sondern eine Art Park, den zu betreten und zu erkunden die Leserschaft eingeladen war.
Das Programm der Reihe war nicht das alleinige Werk eines einzelnen; es entstand in den Gesprächen eines literarischen Quartetts, zu dem neben dem Herausgeber die Lektorinnen Barbara Herzbruch und Helga Sprave-Raulff und last but not least der Verleger Klaus Wagenbach gehörten. Wagenbach hatte auch entscheidenden Anteil an der Gestaltung, die im übrigen in den Händen von Rainer Groothuis lag.
Wer über die KKB redet, kann von ihrem Aussehen nicht schweigen. Die Reihe zog einen klaren Schlußstrich unter die Ästhetik der Taschenbücher und Raubdrucke der siebziger und frühen achtziger Jahre. Sie machte Epoche; ich zögere nicht, sie den Anfängen von rororo oder der edition suhrkamp an die Seite zu stellen. Die schmalen hellen Bände mit ihren sparsamen graphischen Elementen, das hohe Format, englische Broschur (mit Klappe) und der Bleisatz der ersten Bände: Hier verbanden sich Geist und Gelehrsamkeit mit alteuropäischer Buchästhetik. So schrieb sich Ende der Achtziger Eleganz. Neben diesen lichten Bänden sahen alle anderen alt aus. Mit solchen Schmuckstücken wollte man gesehen werden.
Vor den Erfolg im Buchhandel und beim Publikum hatten die Götter die Werbung gesetzt. Die Trompete der Fama. Der Verlag beschloß, den Herausgeber auf eine zweiwöchige Lesereise zu schicken. Einmal quer oder besser längs, von Nord nach Süd, durch die alte Bundesrepublik – mit einem Schlußpunkt in Basel. Zwölf Stationen insgesamt, die der Herausgeber mit seinem alten Wagen ansteuern würde. Das Geld für Benzin, Quartier und Fourage würde er mit den Lesungen erwirtschaften und auf der Stelle verbrauchen: Die Armee nährt sich aus dem Lande, wie es bei Napoleon hieß.
Das wirkliche Problem lag anderswo: im Mangel an sichtbarem Material der Präsentation. Von den ersten sechs angekündigten Bänden sollte, wie erwähnt, der erste nie erscheinen; von den übrigen fünf war nur einer fertig gedruckt, aber noch nicht gebunden. Die restlichen vier wurden durch ein halbes Dutzend Prospekte vertreten, die nach der Veranstaltung wieder eilig eingesammelt wurden, weil sie die einzigen ihrer Art und mithin unersetzlich waren. Den Rest mußte die Beredsamkeit des Herausgebers besorgen.
Wie stellt man eine Buchreihe vor, die im wesentlichen aus Luft und schönen Worten besteht? Ich erspare Ihnen die teils beschwerlichen, teils komischen Bemühungen; vor allem erspare ich Ihnen die vorletzte Station, Freiburg, wo man dem Herausgeber zu verstehen gab, wie wirkliche Avantgarde aussehe, nämlich Baudrillard, Heiner Müller und Merve und nicht Walter Burkert mit Fußnoten in Altgriechisch.
Am Ende, in Basel, saßen auf dem Podium drei Personen, der Buchhändler, der Moderator und der Herausgeber, während das Publikum ebenfalls aus drei Personen bestand, zwei Studenten und einer Dame. Die Dame verschwand nach der Hälfte der Präsentation, die Studenten lungerten noch etwas herum, der Moderator weinte und der Buchhändler betrank sich. Über Basel standen die Sterne.
SINN UND FORM 5/2026, S. 710-712