[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-91-1
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Leseprobe aus Heft 5/2026
Erpenbeck, Jenny
»Jeder erzählt seine eigene Geschichte, wie es war, in diesem Land zu leben«
Ein Gespräch mit Jörg Magenau über Herkunft, das Hinterland der Wörter und die Frage, was es heißt, frei zu sein
JÖRG MAGENAU: Bevor wir über Ihr Werk sprechen, müssen wir über Ihre Herkunft und über den Weg zum Schreiben sprechen. Das ist schon deshalb unumgänglich, weil in Ihren Büchern der Zusammenhang von privater und politischer Geschichte, von familiärem Hintergrund und gesellschaftlichen Prägungen immer wieder ein Thema ist. Aufgewachsen sind Sie in einer ebenso literarischen wie politischen Familie. Ihre Großmutter Hedda Zinner, eine kommunistische Schriftstellerin, war mit dem Dramaturgen und Literaturkritiker Fritz Erpenbeck verheiratet. Sie lebten von 1935 bis 1945 in der Sowjetunion – und überlebten das Exil. Dort wurde auch Ihr Vater John Erpenbeck geboren. Als die Familie nach 1945 zurückkehrte, gehörte sie zur kulturellen Führungsschicht der DDR. Ihr Vater ist ein bekannter Physiker, Philosoph und Schriftsteller, und Ihre Mutter, Doris Kilias, war eine renommierte Übersetzerin aus dem Arabischen. Ihr haben Sie 1999 auch Ihr Debüt »Geschichte vom alten Kind« gewidmet. Wenn man in einem solchen Milieu aufwächst, umgeben von Schriftstellern aus zwei Generationen, ist die Frage wahrscheinlich müßig, wie Sie zum Schreiben und zum Theater gefunden haben. Es stellt sich umgekehrt die Frage, ob das überhaupt zu verhindern gewesen wäre.
JENNY ERPENBECK: Zunächst habe ich tatsächlich mein Möglichstes getan, um das zu verhindern. Und doch habe ich, bevor sich die Frage der Berufswahl gestellt hatte, mit sechzehn oder siebzehn Jahren angefangen, kurze künstlerische Texte zu verfassen. Das hat mir Freude gemacht, aber vor meiner Familie hielt ich es geheim. Ich wollte das für mich haben. Ich habe auch praktisch mein ganzes Leben lang, mal mehr, mal weniger, Tagebuch geschrieben. Aber es schien mir, daß ich, wenn ich meinen eigenen Weg finden will, nicht am Schreibtisch sitzen sollte, weil das ja schon alle um mich herum machten. Das Schreiben hat mich dann erst auf Umwegen wieder eingeholt.
MAGENAU: Offenbar hat es Sie nicht abgeschreckt, daß alle um Sie herum schreiben. Sie sprechen in Ihren Romanen auch über das, was in einer kommunistischen Familie verschwiegen wurde. Da gab es viele Illusionen, und die Literatur, offen und ehrlich betrieben, wäre ein Feld gewesen, auf dem man sich in Gefahr begibt.
ERPENBECK: Ich wurde das nicht als Frage der Ehrlichkeit formulieren. Ich hatte enormes Glück, in dieser Familie aufzuwachsen, weil ständig über alles geredet wurde, was Literatur betraf. Daß ich mit meinen Großeltern kaum über die Zeit der Emigration geredet habe, lag daran, daß ich zu jung war, um mich dafür zu interessieren. Mein Interesse daran entstand erst viel später. Das Buch, das meine Großmutter über die Zeit des Stalinismus und ihre Jahre in Moskau geschrieben hat, »Selbstbefragung«, ist erst 1989 erschienen. Da habe ich eigentlich zum ersten Mal von den schwierigen Seiten dieser Zeit im sowjetischen Exil erfahren. Der Austausch war aber immer ehrlich. Mich hat geprägt, daß meine Eltern alles, was ich gemacht habe, ernst genommen haben, auch wenn ich eine Zeitlang Requisiteurin an einem kleinen Theater war oder mich irgendwo als Regieassistentin versuchte. Sie reisten immer zur Premiere an. Dieses Vertrauen meiner Eltern hat mich bestärkt und mir Sicherheit gegeben. Natürlich lernte ich in meiner Familie das Schreiben und das, was dazugehört, auch als Handwerk kennen. Man weiß, es gibt Buchpremieren, ein Buch wird geschrieben, lektoriert, gedruckt und so weiter. Das alles hat vielleicht dazu geführt, daß ich überhaupt daran dachte, einen Text an einen Verlag zu schicken.
MAGENAU: In einem kommunistischen Elternhaus ist das Schreiben aber wohl nicht einfach nur Selbstzweck oder Unterhaltung des Publikums, sondern steht auch im Auftrag der Veränderung der Welt. Literatur hat eine Aufgabe. Spielten das Politische und der gesellschaftliche Horizont denn eine Rolle bei Ihrem Wunsch, eine Schriftstellerin zu werden?
ERPENBECK: Das weiß ich nicht. Natürlich gab es in meiner Familie diese Idee, die Gesellschaft zu verbessern, und das Gefühl, daß man selbst dafür verantwortlich ist. Meine Großmutter hat auch schon vor der »Selbstbefragung« viele Bücher und Fernsehspiele über Dinge geschrieben, die in der DDR problematisch waren, in »Die große Ungeduld« etwa, daß nicht darüber gesprochen werden durfte, wenn jemand aus der sowjetischen Lagerhaft zurückgekehrt war. Sie wollte Mißstände beheben und hat die Gesellschaft als änderungswürdig und änderungsfähig betrachtet. Aber wir haben ja nicht mit dem Parteibuch am Abendbrottisch gesessen. Wir waren ganz normale Menschen, die sich zum Beispiel auch über Literatur unterhalten haben. Mein Vater hat mir Adalbert Stifter, Gottfried Keller, Theodor Storm und E. T. A. Hoffmann zu lesen gegeben. Oder »Das Bildnis des Dorian Gray« von Oscar Wilde. Ich bin also nicht nur mit Marx, Engels und Lenin großgezogen worden. Meine Großeltern gehörten zwar zur Generation der »alten Kommunisten«, sie sind in den zwanziger Jahren in die Partei eingetreten. Aber zu der Zeit, als ich Kind war, gab es schon lange keine kommunistische Partei mehr und die Verhältnisse waren ganz andere. Was mir von alldem geblieben ist, ist das Interesse für Geschichte und wie diese ins private Leben durchschlägt. Das konnte man übrigens auch an der Familie meiner Mutter gut studieren. Meine Mutter wurde noch in Ostpreußen geboren, meine Großmutter wurde von der Roten Armee in ein sibirisches Kriegsgefangenenlager verschleppt. Gott sei Dank kam sie wieder zurück – was nicht so vielen Leuten gelungen ist. Geschichte als persönliche Erfahrung gab es also auf beiden Seiten der Familie. Die Erinnerung an Entbehrungen und den Verlust vieler Dinge, die man auf der Flucht, bei der Emigration, der Evakuierung oder in den Kriegswirren zurücklassen mußte. Vielleicht bin ich deshalb so eine »Aufheberin« und Familienarchivarin geworden. Meine Vorfahren konnten höchstens ein paar Koffer, wenn überhaupt, mitnehmen.
MAGENAU: Sie haben Ihr Studium mit Theaterwissenschaften begonnen und wechselten dann zum Musiktheater und zur Oper, studierten unter anderem bei Ruth Berghaus und assistierten bei Heiner Müller in Bayreuth. Hat dieser Weg von der Theaterbühne zur Oper und zur Musik etwas damit zu tun, das Sie etwas eigenes finden wollten, was in Ihrer Familie noch nicht besetzt war?
ERPENBECK: Ja, ganz sicher. Meine Großeltern väterlicherseits sind am Anfang ihrer Karriere zwar auch Schauspieler gewesen und haben sogar manchmal selbst Regie geführt. Armin Müller-Stahl hat mir einmal erzählt, das mein Großvater sein erster Regisseur gewesen sei. Aber Opernregie ist etwas Spezielles, und für mich war es eine gute Mischung aus beiden Herkünften. Die Musik kam eher von der Seite meiner Mutter, die sogar eine Zeitlang Sängerin werden wollte. Ich selbst habe Klavierunterricht bekommen und, obgleich Atheistin, auch einige Jahre im Marienkirchenchor am Alex mitgesungen, Bach, das »Requiem« von Brahms und so weiter. Ich war von Musik geprägt, und als ich dann mit Anfang Zwanzig zum ersten Mal bewußt Oper gehört habe, war ich vor Begeisterung außer mir. Oper ist wirklich eine Naturgewalt.
MAGENAU: Musik spielt auch in »Kairos« eine große Rolle. Bei Spotify gibt es sogar eine Playlist, wo man all die Musikstucke, die im Roman genannt werden, nachhören kann. Was hat Ihre Prägung durch Musik darüber hinaus mit Ihrem Schreiben zu tun?
ERPENBECK: Ganz essentiell für mein Schreiben ist etwas, das ich auch bei der Oper und bei Bachs Passionen gelernt habe, die Vielstimmigkeit. In einem Sextett hat jeder seinen eigenen Text, aber dennoch klingt es zusammen. Sprache sehe ich als eine Art von Musik, sie ist ja Klang beim Sprechen und eine Vorstellung von Klang beim stummen Lesen, genauso wie beim Schreiben. Sprache hat ihren Rhythmus. Man kann beschleunigen, man kann verlangsamen. Die Vokale haben eine Lautqualität, die Konsonanten machen das staccato, auch die Zeitformen übrigens. Das Plusquamperfekt hat diese schöne Schärfe des »hatte«. Manchmal habe ich sogar ein Versmaß im Kopf, auch wenn ich Prosa schreibe. Das kann ein bißchen lästig sein, dann breche ich das auf. Und es gibt in meinen Büchern hier und da Strukturen, wie sie auch in der Musik vorkommen: Variationen, Wiederholungen, Rondo-Konstruktionen. Aber das ist oft keine bewußte Entscheidung, sondern einfach Ausdruck meines Denkens, Fühlens und meiner Art, auf die Welt zu schauen. Ob ich nun schreibe oder Musik höre – ich bin ja dieselbe.
MAGENAU: Bis 2006 haben Sie viel und regelmäßig inszeniert, Theater und Oper. Dann scheint es, haben Sie sich dafür entschieden, primär Schriftstellerin zu sein. Hatte das mit dem wachsenden Erfolg Ihrer Bücher zu tun?
ERPENBECK: Das hat einfach damit zu tun, daß ich eine Frau bin. Irgendwann haben mein Mann und ich ein Kind bekommen. Mit der Regie aufgehört habe ich in dem Moment, als unser Sohn eingeschult wurde. Es war ein Geschenk des Himmels, daß ich zu dieser Zeit mit dem Schreiben schon so weit war, daß ich mich halbwegs davon ernähren konnte. Mein Mann war damals in Hannover an der Oper engagiert, und irgend jemand mußte ja dort sein, wo das Kind zur Schule ging, also in Berlin. Als freie Regisseurin aber reist man von Stadt zu Stadt und hat immer sechs Wochen lang vormittags und abends Proben. Das wäre also nicht gegangen.
MAGENAU: 1999 erschien Ihr Debüt »Die Geschichte vom alten Kind«. Wann haben Sie damit angefangen? Sie sagten ja, Sie hatten zunächst heimlich geschrieben.
ERPENBECK: Als ich Anfang Zwanzig war und schon studierte, habe ich meinen Eltern zum ersten Mal etwas von mir zu lesen gegeben. Die »Geschichte vom alten Kind« habe ich zu schreiben begonnen, als ich mit dem Studium fertig war und zunächst keine Arbeit als Regisseurin oder Assistentin finden konnte. Um Geld zu verdienen, arbeitete ich bei einem Bäcker als Verkäuferin. Aber ich war ja daran gewohnt, meinen Kopf nicht nur zum Kopfrechnen, sondern auch zum Denken zu verwenden. Und so habe ich begonnen, diese Geschichte, die ich schon lange mit mir herumtrug, aufzuschreiben. Da war ich siebenundzwanzig.
MAGENAU: Woher kam diese Geschichte? Soweit ich weiß, handelt es sich dabei um einen realen Fall, den Sie aufgegriffen haben: eine Frau um die Dreißig, die sich als Mädchen ausgibt und wieder in die Schule geht. Was hat Sie daran fasziniert?
ERPENBECK: Es gab tatsachlich ein Mädchen, das meiner Großmutter Leserbriefe geschrieben hat, daraus entstand eine Brieffreundschaft. Das Mädchen schrieb, das es im Kinderheim sei, vierzehn Jahre alt. Es war perfekt in seiner Rolle, und auch die Briefe waren kindlich. Als die Sache dann aufflog und sich herausstellte, daß das Mädchen in Wahrheit eine erwachsene Frau war, hat mich das schockiert, aber auch fasziniert, zumal ich gerade selbst vierzehn Jahre alt war. Das blieb dann lange unerzählt, über das Ende der DDR hinaus, und wurde dadurch zu einer viel grundsätzlicheren Geschichte. Dieses Mädchen will ans untere Ende der Hierarchie. Es will, anders als alle anderen, gerade keine Karriere machen, keine Verantwortung übernehmen, sich nicht dem Konkurrenzdruck aussetzen. Eine erwachsene Frau gibt sich als Kind aus und geht in ein Kinderheim, um dort für immer zu bleiben – in der Unmündigkeit. In den Jahren nach der Wende war viel von mündigen Bürgern die Rede und von Freiheit. Da wollte ich ein geschlossenes und ein offenes System einander gegenüberstellen.
MAGENAU: So wurde das auch gelesen, als Parabel auf die DDR und die Unmündigkeit.
ERPENBECK: Mir ging es eher um die Frage, was es heißt, frei zu sein. Man muß in so einer freien Gesellschaft bestehen, man braucht eigene Initiative, um durchzukommen und etwas zu erreichen. Das kostet Kraft, die nicht alle Leute haben. Mir gefiel dieses Geschöpf mit seinem infamen Plan, der natürlich auch viel mit Täuschung, mit Verstellung zu tun hat. Um das zu erforschen, bin ich selbst noch einmal drei Wochen in die Schule gegangen. Ich war siebenundzwanzig und habe mich für siebzehn ausgegeben, und es hat funktioniert. Ich wollte nicht, wie in der »Feuerzangenbowle«, noch einmal erleben, wie es denn so in der Schule zugeht, sondern verstehen, wie es ist, wenn man in Wahrheit eigentlich älter ist und sich verstellt. Und wodurch das wirkliche Alter plötzlich zutage tritt? Zum Beispiel in der Handschrift. Leider auch beim Sportunterricht. Andererseits konnte ich angstfrei eine schlechte Note schreiben oder andere abschreiben lassen. Eine herrliche Sache! Ich konnte auch einfach wieder weggehen, als ich genug hatte. Man glaubt gar nicht, wie anstrengend es ist, zur Schule zu gehen. Ich habe die Schüler wirklich bewundert, die sich Tag für Tag auf so viele verschiedene Themen einlassen müssen.
SINN UND FORM 5/2026, S. 645-649, hier S. 645-657