[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-90-4
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Leseprobe aus Heft 4/2026
Buselmeier, Michael
Im Sandgebiet.
Monologe aus der Vorzeit
Be walking trees,
Be talking beasts,
Be divine waters.
C. W. Lewis
1
Langsames Erwachen aus der Nachtstarre, dem Nachtfrost; ich finde frisch belebt aus der Narkose heraus. Höre Laute, Töne, Geräusche, etwa ein helles Klirren von medizinischen Instrumenten auf Glas und Emaille. Wörter, Sätze, Musikfetzen überall im Raum. Ich ahme sie nach, trete in einen Dialog mit ihnen, atme sie ein und wieder aus. Ich bin noch am Leben, spüre ich, ich bin ja noch da. Einschmeichelnde Rhythmen antworten. Die alten Frauen in ihren Rollstühlen, Frau Kling, Frau Fütterer, warten wie immer auf mich. Guten Morgen, sagt eine nahe, vermutlich weibliche Stimme, die mir bekannt vorkommt, mit leicht manierierter Betonung: Haben Sie gut geschlafen? Haben Sie Fieber, Schmerzen, Husten? Allergien? Hatten Sie Stuhlgang? Ein Fenster geht wie von selbst auf, eine gläserne Tür, ein Lichtspalt; ein Windhauch zieht durch den Raum. Rede doch mit mir, wie ich da auf dem Rücken liege, röchelnd auf trockenem Laub, in einem kurzen Operationshemd. Folge nur immer weiter deiner Textspur, heißt es von oben. Da ist etwa der bodenlose Schrecken des Knaben, der allein im Kinderheim aufwacht, im Schlafsaal an ein Eisenbett gefesselt; nichts als Leere im Kopf, all die toten Gefühle. Er spricht nicht mehr, kein einziges Wort, während draußen im Garten der Sommer verbrennt. Ein leuchtender Blutfleck, der verglüht, jähes Verstummen. Möwen fliegen in Kreisen auf und verdunkeln kurzzeitig den Himmel. Dann setzt ein schrilles Gekreisch ein, wie ich es noch nie gehört habe, vielleicht auch ein aggressiver Lichtstrahl, tastend von einem kalten Gestirn; ein Geplapper, Gerede, Geraschel ferner Stimmen, die sich nähern, sich steigern zu heftigen Ausrufen, Gelächter … Es ist ein Erzählstrom vieler Organe, die sich überbieten mit kargen Neuigkeiten, kleinem Gewinn. Was gibt es so viel zu bereden so früh am Morgen, sechs Uhr, wie jeden Tag auf grauen Fluren oder mattgrünen, die sich langsam erleuchten. Die Schwestern aus Indien, aus Nepal und Ecuador in weißer Kleidung lachen, sie tuscheln, sind schon an der Tür, die sie geräuschvoll öffnen. Gleich werden sie eindringen mit Spritzen und Fiebermessern, mit Urinflaschen und frischer Wäsche, mit dem immergleichen kargen Frühstück. Gleich werden die inneren Organe pfeifen und aufstöhnen, die alten Knochen werden singen. Mein rechtes Knie knarzt. Der Unterkiefer bewegt sich ruckhaft auf und ab, er schickt sich an zu sprechen, vielleicht babylonisch, quaquaqua, es folgt ein längerer poetischer Monolog.
2
Irrfahrt durch die Erinnerungslandschaft. Wie war das damals, als ich meine ersten Ausflüge wagte, so frei, Fußwege durch den Frühling, so jung noch, so einsam und voller Lebenswillen und kühnem Forschergeist … Was weiß ich noch von den Erregungen der Kindheit und Jugend, von den Verstecken und Gerüchen im Kleiderschrank, von den Überraschungen hinterm Vorhang, unterm Eßtisch, unterm Dach. Von den mit Netzen und Jagdhunden gefangenen weißen Hirschen im Schloßpark zu Schwetzingen, deren Schicksal der kleine Junge beweinte. Von den Büchern, die ich Jüngling damals zu lesen versuchte, voran früh schon »Götter, Gräber und Gelehrte« von C. W. Ceram, das große Buch der Archäologie, sowie die deutschen Heldensagen und Schillers genialisches Sturm-und-Drang-Drama »Die Räuber«. Im Garten eine Stille, in der nur das Fließen naher Gewässer zu hören war. Ich wollte Archäologe werden oder Totengräber, ein Erd- und Grabforscher, schweifte umher auf der Suche nach Schatzgruben, Brunnenlöchern und verschütteten Höhlen, den Resten von Holzhütten und Steinwällen im Wald, dort, wo der einbeinige Truthahn vor einer Dornenhecke wachte. Besonders die Fundstelle des Urmenschen beschäftigte mich, die längst zugewachsen und für immer unsichtbar gemacht worden war, von Unwissenden unter Bergen von Abraum verborgen. Ich wußte fast nichts, doch ich rief mir aufmunternd zu: Du mußt nur weitersuchen und du wirst die Höhle der Urhorde am Rand des versickerten Flusses finden, auch steinerne Werkzeuge zum Schneiden und Schaben, ein paar blanke Zähne und Knochen, am Bahndamm jenseits der Schrebergärten, unter Schafgarbe und Brennesseln verborgen. Ich kannte die Gegend von frühen Geländespielen her, auch vom nächtlichen Suchen nach einem Fluchtort an der Hand der Mutter, dem Kriegsende entgegen, in finsterer Waffenzeit. Wir stapften im Feuersturm umher, unter Christbäumen, bei Fliegeralarm, im ansteigenden Kalkgelände, ohne ein Erdloch, einen Schacht, eine uns schützende Lehmgrube zu finden. Ich ließ meinen unersetzlichen Wanderstab an einer Hecke zurück. Taumelte, stürzte zu Boden, vom Sturm getrieben. Schlief ein. Verlorene Jahre im Wald, Sand, Staub, der uns zudeckt und überall eindringt, uns hautnah umschließt und bewahrt. Dunkelheit herrschte, von himmlischen Lichtpfeilen durchzuckt, alle Fähigkeiten gelähmt. Was tun gegen das Schweigen, die Schwäche, die Sprachlosigkeit, das Würgen im Hals? Meine Geschichte, unsere Geschichte, merk sie dir, schreib sie auf, bevor sie in einem Erdspalt der Vorzeit verschwindet, bevor du selber in einem Verlies verschwindest, unter Staub und Zeitungsseiten begraben. Ich ging über Sand, Kies, Asche, die zwischen den Zähnen knirschte, eine stumme Gestalt im Hagelschlag; Geklapper, Geklirr, Glockengeläut, im ständigen Rauschen des Windes und unterirdischer Brunnenstuben.
Ich saß, inmitten von Müll und Gestank, auf einem altertümlichen Zahnarztstuhl, der sich klappernd im Wind drehte, kratzte im Lößboden nach Tierskeletten und Zähnen von Menschen. Doch nur Fragmente einer Schaufensterpuppe (Arm und Bein, beide kokett gebrochen) kamen zum Vorschein. Zwischen verrosteten Fässern und Wannen, verkohlten Autoreifen und Matratzen, im aufkommenden Sandsturm versuchte ich die Augen offenzuhalten. In der Ferne sah ich wie hinter Schleiern die Müllarbeiter, die Abfälle abluden, und etwas weiter weg die Sandarbeiter, gestützt auf ihre Schaufeln. Sie beachteten mich nicht bei meinem seltsamen Tun. Irgendwo hier könnte die Schädeldecke des Urmenschen liegen, die zum Unterkiefer gehörte, ein paar trockene Knochen im losen Gestein. Der gewundene Grasweg am Bahndamm, die Schrebergärten, die Kastanienbäume, das Rattern und Pfeifen der sich entfernenden Züge in der Nacht, ein Geräusch, das ich im Einschlafen hörte. Dort, wo ich den Klee schnitt und Johannisbeeren aß im Schatten der Güterwaggons, aus denen manchmal Schreie oder leise Rufe zu hören waren. Auch von den Sportplätzen, von der Weitsprunggrube her kamen helle Schreie. Dort irgendwo könnte es liegen, das mit Unkraut überwachsene Erdloch, der verschüttete Einstieg in die Unterwelt, der Schacht, den ich so lange vergeblich gesucht habe, eine Knochenwelt, von Dornen, Gesumm und Gewisper umgeben. Hier in diesem Tunnel lagen, ich ahnte es, meine Geschichten, meine ältesten Vorfahren begraben. (...)
SINN UND FORM 4/2026, S. 524-540, hier S. 524-526