[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-90-4
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Leseprobe aus Heft 4/2026
Lolf Hünecke, Helene
»Wir warten nicht auf Essen, wir warten auf Post«
Briefe an Eva Strittmatter
Vorbemerkung
In Eva Strittmatters Nachlaß im Literaturarchiv der Akademie der Künste fanden sich 185 Leitzordner mit Briefen an sie. Ein großer Teil davon ist Leserpost. Zeugt schon die schiere Menge von der Popularität der Dichterin, so erlaubt der Bestand auch einen neuen Blick auf das »Leseland« DDR. Aus allen Schichten der Bevölkerung und allen Altersgruppen erhielt Strittmatter Briefe, besonders von Frauen. Manche schrieben ihr nur eine bewundernde Nachricht, mit anderen entwickelte sich ein intensiver Austausch. Eine oft auf Identifikation beruhende Lesart von Strittmatters Gedichten führte zu biographischen Bekenntnissen der Absenderinnen und Absender. Damit werden die Dokumente auch zu historischen Quellen. Strittmatter veröffentlichte eine Auswahl ihrer Antworten in den drei Bänden »Briefe aus Schulzenhof« (1977 –1995). Diese wurden aber teils gekürzt abgedruckt und die Adressatinnen oft anonymisiert, sei es, um sie vor politischem Ungemach, sei es, um ihre Privatsphäre zu schützen. Auch diese Briefbände wurden zu erfolgreichen Büchern und regten wiederum neue Zuschriften an, die bisher allesamt ungedruckt blieben.
Unter ihnen findet sich ein Konvolut mit Briefen von Emma Dora Helene, genannt Lolf Hünecke. Es enthält 139 Briefe, Postkarten, Telegramme und Grußbotschaften von 1978 bis 1987. Die Korrespondenz scheint nicht ganz vollständig, einige Briefe fehlen. Was sich aber darin findet, ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, von ihr selbst in außergewöhnlicher Weise aufgeschrieben. Schon der erste überlieferte und nächstehend abgedruckte Brief macht das deutlich. Es fehlt die Anrede, zu groß sei der Respekt vor der Autorin, meint die Absenderin. Aber der Brief verbleibt nicht in ehrfürchtigem Ton, auch wenn Hünecke ihr Exemplar von Strittmatters Gedichtband »Die eine Rose überwältigt alles« (Aufbau-Verlag 1977) mit dem Neuen Testament der Großmutter in einem Atemzug nennt. Verglichen werden aber nicht die Bücher, sondern deren Wirkung, wobei die tatkräftige Barmherzigkeit der Großmutter als Tradition reklamiert wird, die für Hünecke ein Leben lang bestimmend geblieben sei.
Lolf Hünecke wurde 1906 als Helene Boetz geboren. Ihre Mutter verstarb an Tuberkulose, als sie drei Jahre alt war. Sie und ihre zwei älteren Schwestern kamen in die Obhut verschiedener Familienmitglieder, Lolf in die einer Tante. Sie empfand sie jedoch als herzenskalt und entfloh mit sechzehn Jahren in die Schweiz. Dort ließ sie sich zur Stenotypistin ausbilden, arbeitete dann unter anderem als Erzieherin der Kinder der Konzertviolinistin und Komponistin Mary Dickinson-Auner in Wien. Zurück in Berlin, lernte sie bei einem Sprechwettbewerb im Romanischen Café den Journalisten Egon Lehrburger kennen, der unter dem Namen Egon Larsen publizierte. Sie heirateten, bekamen ein Kind, Peter. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten mußte Lehrburger fliehen, über Frankreich und Prag emigrierte er nach London. Ihr gemeinsamer Sohn blieb bei der Mutter. Die war bereits 1932 heimlich Mitglied der KPD geworden, engagierte sich im Widerstand – Deckname Felix – gegen die neuen Herrscher und lernte dort Fritz Hünecke kennen, den sie 1940 heiratete.
Schon im ersten Brief an Eva Strittmatter beschreibt sie, auf was sie immer wieder zurückkommen wird: ihre Verhaftung 1935, die Gefangenschaft im Frauenzuchthaus Jauer und in den Konzentrationslagern Moringen und Lichtenburg. Die Verurteilung wegen Vorbereitung zum Hochverrat erfolgte aufgrund des Verteilens von Flugblättern und der Mitgliedschaft in der Widerstandsorganisation von Philipp Schaeffer. »Und ich krieg das alles nicht aus den Träumen heraus, auch nicht aus den Wachträumen, die kommen unweigerlich, wenn ich so ein Arschgesicht sehe, da bekleidet sich die dazugehörende Figur mit SS-Kleidung und die Gegenwart und die Vergangenheit stülpen sich übereinander, Anne Frank, Clara Grunwald, John Rittmeister, Plötzensee: Ich darf nicht nachdenken, nicht länger daran denken. Schluß.« (Brief vom 31. Juli 1981)
Aber sie beendet ihr Nachdenken gerade nicht. In immer neuen Anläufen beschreibt sie die Haftbedingungen, die mangelnde Verpflegung, die Sanitäranlagen, die Spitzel, die Rivalität und Solidarität unter den Gefangenen. Ihren Gedanken folgend, durchbricht die Schrift das getippte Textbild. Über und unter den maschinenschriftlichen Zeilen werden zahlreiche handschriftliche Ergänzungen vorgenommen, teils werden die Ränder rundherum beschrieben. Zur Verdeutlichung fügt sie zudem Skizzen einzelner Haftorte hinzu. Alles, damit auch der Kameradinnen gedacht werde: »Die jetzt 75jährige Schwester meines Mannes, Sussi gerufen, brachte im Berlin-Moabiter Gefängnis (Olga + Sussi verlebten Monate miteinander in der gleichen Zelle wie Olga Benario-Prestes) ihren Martin zur Welt, Olga ihre Anita. Schon während meiner Untersuchungshaft waren Olga und meine sehr geliebte ›Sabo‹ (Elise Ewert) Mitinhaftierte. Damals hörte ich zum ersten Mal von Olga. Ein großartiger Mensch, schön innen wie außen. Später, im 2. KZ, in das ich kam, in d. ›Lichte‹ (Lichtenburg b. Torgau) befand sich Olga in der auf dem gleichen Gelände gelegenen ›Judenburg‹.« (Brief vom 10. April 1983) Die im Gefängnis so ersehnte Post ist – wie nun Eva Strittmatters Gedichte – Wegweiser, Überlebensmittel.
Davon abgesetzt wird die Beschreibung der Erlebnisse in der Weimarer Republik. Mit ihrem Mann besuchte sie das Romanische Café, wo sie unter anderen Margret Boveri und Mascha Kaléko traf: »sie hieß in unserer Romanisches-Café-Clique, zu der sie gehörte, ›der kleine Kästner‹«. (Brief vom 5. Januar 1979) Genauso beiläufig erwähnt Hünecke Besuche bei Albert Einstein, mit dessen Nichte Suse Marx sie befreundet war. Und besonders lebhaft erinnert sie sich ihrer Reisen mit dem Emil getauften Ford Roadster nach Prag und Frankreich. Aber immer wieder gedenkt sie dabei auch der späteren Schicksale ihrer Freunde und Freundinnen, so etwa Clara Grunwalds, der Montessori-Pädagogin. Über die in Auschwitz ermordete Lehrerin veröffentlichte Egon Larsen später ein Lebensbild, zu dem Hünecke nicht unwesentlich beitrug (erneut veröffentlicht bei Hentrich & Hentrich 2015).
Nicht weniger als ihre Haft belastete sie das Los ihres Sohnes Peter, zu dem sie den Kontakt zu verlieren fürchtete. Nach ihrer Festnahme 1935 wurde er von der Freundin Werra Rittmeister betreut und konnte 1938 mit einem Kindertransport nach London gerettet werden. Nach ihrer Entlassung aus der Haft im gleichen Jahr hatte sie Mühe, wieder eine Anstellung zu finden, kam schließlich bei der Deutschen Buchgesellschaft als Mitarbeiterin unter. 1943 wurde sie nach Ostpreußen evakuiert. Die Befreiung erlebte sie in Arendsee in der Altmark. Ihren weiteren Lebensweg faßt sie in einem Brief stichpunktartig zusammen: »von der ersten (ersehnten) Minute beim Wiederaufbau helfend, Mitglied der Entnazifizierungskommission, Vizepräsidentin des Komitees zur Befreiung des demokratischen Griechenland, Schöffe am I. Strafsenat des Landes später Bezirksgerichtes, gewähltes Vorstandsmitglied der VVN (später VdN), der Nationalen Front undundund (…) Hauptamtlich Agitation / Werbung und Presse / Funk im Landesverband DFD, dann, genug von der Vielweiberei, als Hilfsredakteur bei ADN-Bezirksstelle Halle, dann freischaffender Journalist«. (Brief vom 30. September 1978)
Erst nach dem Krieg sollte sie ihren Sohn wiedersehen, konnte seine Entwicklung zum renommierten Fotografen aber meist nur aus der Ferne beobachten. Sein plötzlicher Tod 1979 riß alte Wunden wieder auf. Die Vergangenheit drängte sich immer wieder in die Gegenwart, so, als sie einem Menschen begegnet, der sie »sehr an meinen Ps.-Th., den ›Schneider himmlischer Hosen‹ (er hieß Schneider) erinnerte und der mir nach Zuchthaus und KZ von 1938 – 1943 wegschnitt, was ›zuviel‹ war: Er ›schneiderte‹ fort, was ›Angst‹ hieß (in eine Grube stürzen, von der runden Erdkugel abstürzen; Nie-ein-Kindgehabt-haben, das war das Problem um den emigrierten Peter; und er brachte mir bei im Jetzt und Hier zu leben (Zen).« (Brief vom 20. Juni 1980) Dieser angestrebte Zustand ließ sich jedoch nur schwer erreichen. Zur Beerdigung ihres Sohnes in Tel Aviv konnte sie nicht anreisen, da die DDR keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhielt: »Nach Honolulu könnte ich glatt fahren, aber nach Israel gibts keine Chance.« (Brief vom 29. Mai 1980)
Eva Strittmatter beantwortete Lolf Hüneckes Briefe regelmäßig. Man kam sich näher. Strittmatter schrieb nicht nur über Poetologisches, auch Privates wurde Thema. Elf Antwortbriefe publizierte sie in den »Briefen aus Schulzenhof«. Der Austausch endete abrupt, als Hünecke Bedenken gegen ihren Prosaband »Mai in Piestany« anmeldete. Strittmatter veröffentlichte ihren letzten Brief vom 17. Mai 1987 im 1995 erschienenen dritten Band der »Briefe aus Schulzenhof« (S. 375 – 377). Da war Lolf Hünecke schon tot. Sie starb 1990. Die autobiographischen »Passagen aus meinem ungeschriebenen Tagebuch «, zu denen Eva Strittmatter sie angeregt hatte, wurden immer wieder angefangen, aber nicht beendet. Was sie bedrückte, davon zeugen ihre Briefe: »Mein Herz ist wie ein Friedhof. Allzuviele sehe ich vor mir, wie sie durch mein Leben ›gleiten‹, – da geht der Chef unserer Widerstandsgruppe auf Krücken zur Hinrichtung, da sagt die Mildred Harnack, gebürtige Amerikanerin, glänzende Übersetzerin u. a. des Van Gogh-Romans – sie sagt zu der Frau, die ihr die Nackenhaare wegrasiert: ›… und ich habe Deutschland so geliebt‹, morgen früh wird ihr Kopf nicht mehr auf dem Rumpf sitzen. All die Tapferen, und dann all jene ›Unschuldigen Kindlein‹, ermordet von den Schweinen. Aus diesem Dreh komme ich nicht heraus.« (Brief vom 18. September 1986)
Christoph Kapp
SINN UND FORM 4/2026, S. 437-451, hier S. 437-439