[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-89-8
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Leseprobe aus Heft 3/2026
Doderer, Heimito von
»Jedenfalls hat sich unser gemeinsames Werk eine gehörige Gasse gebrochen«
Briefe an seinen Lektor Horst Wiemer 1940–51
Vorbemerkung
Im Winter 1936 sendet der Wiener Verleger Rudolf Haybach im Namen eines seiner Autoren ein Manuskript an den Verlag C. H. Beck. Es landet auf dem Schreibtisch von Horst Wiemer, der erst seit einem Jahr im Hause arbeitete. Er liest und ist vollauf begeistert. Es handelt sich um den Roman »Ein Umweg« des ihm unbekannten österreichischen Schriftstellers Heimito von Doderer. Begeistert teilt der junge Lektor dem Verlagsredakteur Georg Sund mit, einen Dichter entdeckt zu haben. Er erhalt Rückendeckung von seiner Kollegin Luise Laporte und die Zustimmung des Verlegers Heinrich Beck. Mit dem Vertragsschluß im September 1937 beginnt eine lange und enge Beziehung zwischen Schriftsteller, Lektor und Verlag.
Der 1907 geborene Horst Wiemer hatte nach ersten Stationen beim Atlantis Verlag, beim Rundfunk und als Jugendfunkleiter in München 1935 durch Luise Laporte und Michael Hürlimann den Verleger Heinrich Beck kennengelernt, dem der frankreichbegeisterte Literaturfreund sofort gefiel. Zum 1. Januar 1936 wurde er eingestellt. Wenig später folgte die Entdeckung Doderers.
Die hier erstmals veröffentlichte Auswahl an Briefen aus den Jahren 1940 bis 1951 – einige wurden am 20. Januar 2024 von Nikola Herweg und Emmanuel Wiemer im Rahmen der »Zeitkapsel«-Reihe als »Deutsch-französische Freundschaften« in Berlin vorgestellt – zeugt von einem regen, inhaltsreichen Austausch zwischen Autor und Lektor, der über einen professionellen Kontakt weit hinausgeht. Sie sprachen über Privates ebenso wie über Lektüren, geplante Projekte und den Fortschritt der literarischen Arbeit. Man besuchte sich in München und Wien und ging im Laufe der Jahre zum »Du« über.
Gerade in die Lektüren Doderers bieten die Briefe einen interessanten Einblick. Schon 1939 beschäftigte er sich mit französischer Literatur, sah beispielsweise in Charles Baudelaire einen geistigen Bruder und faßte den Entschluß, Mallarmé zu lesen. In Frankreich erwarb er 1944 die Gallimard-Ausgabe der Werke Mallarmés und las noch einmal Kurt Wais’ Biographie »Mallarmé. Ein Dichter des Jahrhundert-Endes« (1938 bei C. H. Beck). Nach der ersten Lektüre hatte sein Urteil gelautet: »Herr Wais hatte sich seine Arbeit über Mallarmé schenken können.« Fünf Jahre später denkt Doderer deutlich positiver über das Buch und last seinen frankophilen Lektor an seiner Begeisterung teilhaben. Immer wieder berichtet Doderer in seinen Briefen von seinen Lektüren. So zieht Doderer in einem Brief vom 28. Februar 1940 einen Vergleich zwischen Wiemers zögernder Haltung zu seiner Einberufung und Figuren aus George Santayanas »Der letzte Puritaner« (1935, in deutscher Übersetzung von Luise Laporte und Gertrud Grote 1936 bei C. H. Beck).
Horst Wiemer wurde gleich zu Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen und in Polen verwundet. Ende 1940 bemühte er sich um Versetzung nach Frankreich – auch aus privaten Gründen: 1938 war er in Paris Madeleine Boudot-Lamotte, seiner späteren Ehefrau, begegnet, die als Sekretärin des Verlegers Gaston Gallimard arbeitete. Ab 1941 war Wiemer wissenschaftlicher Hilfsarbeiter an der Deutschen Botschaft in Paris und leitete über ein Jahr lang kommissarisch den Verlag Hachette. 1943 wurde er erneut eingezogen, erst nach Zagreb, dann an die Ostfront, wo er abermals verwundet wurde. Wiemer blieb mit Doderer in Kontakt und wurde zudem von Luise Laporte über das Geschehen im Münchner Verlag auf dem laufenden gehalten.
Doderer wurde erst im April 1940 eingezogen, in einer Phase intensiven Nachdenkens über sein Hauptwerk »Die Dämonen«. In den ersten Monaten des Jahres ist im Tagebuch von »einer tiefen Fragwürdigkeit« des Romanprojekts die Rede. Im langwierigen Entwicklungsprozeß der »Dämonen« kommt es zur entscheidenden Wendung. Anfang der dreißiger Jahre waren unter den Arbeitstiteln »Dicke Damen« und »Dämonen der Ostmark « erste Texte entstanden, die später – stark überarbeitet – in den Roman einflossen. 1933 war Doderer in die NSDAP eingetreten, die Arbeiten am Band »Dämonen der Ostmark « fielen also in die Zeit, in der er mit dem Nationalsozialismus sympathisierte.
Im Jahr darauf entstand das »Aide mémoire zu: Die Dämonen der Ostmark«, eine Inhaltsangabe der bereits geschriebenen und noch geplanten Bande und eine wichtige Quelle für die Genese des Romans. Sie ist zu weiten Teilen offen antisemitisch. Das zentrale Thema sei »die Zerlegung der Gesellschaft durch die Entscheidung jenes – fälschlich ein ›Problem‹ genannten – Komplexes, den man gemeinhin mit dem Worte Judenfrage zu bezeichnen pflegt«. Diese »Zerlegung« oder »Wasserscheide« sollte anhand der Freundesgruppe »Die Unsrigen« – zunächst bestehend aus Juden und Nichtjuden – veranschaulicht werden. Der erste, schon geschriebene Teil der »Dämonen der Ostmark« deute die »Zerlegung« bereits an, im dritten solle sich die »Zerlegung« vollziehen, »da findet jeder dorthin, wo er hingehört, und am Schluß stehen zwei völlig wesensfremde Fronten geschlossen einander gegenüber«.
Ab 1936 widmete Doderer sich, anläßlich seines Vertrags mit C. H. Beck, der Niederschrift von kleineren Arbeiten. Die »Dämonen« ruhten, siebzehn Kapitel waren bis dahin geschrieben. In diesen Jahren distanzierte sich Doderer, zunehmend desillusioniert, vom Nationalsozialismus. Anfang 1940 nahm er die Arbeit wieder auf und überdachte die Thematik. Er schrieb das 18. Kapitel »Auf offener Strecke«, mit dem er vom Thema der »Wasserscheide« abwich. Horst Wiemer kündigte er den »völligen Umbau« des Romans an. Die Plane des »Aide mémoire« werden nicht umgesetzt, die »Ostmark« verschwindet aus den »Dämonen«.
Die literarische Arbeit geht in den Kriegsjahren in Notizheften und Tagebüchern weiter. 1941/ 42 entstehen die ersten Aufzeichnungen zur »Strudlhofstiege«, zur »Rampe« für sein Opus magnum »Die Dämonen«. Immer wieder kommt in den Briefen an Wiemer der Wunsch nach einem persönlichen Gespräch zum Ausdruck. 1946 sind sie beide durch den Krieg »hindurch«. Der »unter durchaus comfortablen Bedingungen verbrachte Sommer « in Norwegen – erst im Wehrdienst, dann in Kriegsgefangenschaft – hat Doderer einiges erspart. Er kehrt in ein vom Krieg gezeichnetes Wien zurück. Doch trotz »reduzierter Lebensbedingungen« und der Sorge um den Unterhalt schreibt er Wiemer voller Tatendrang: nun gelte es zu beweisen, »ob was an uns dran ist«. Für den Schritt an die Öffentlichkeit ist die Zeit aber noch nicht gekommen. Denn jetzt beginnt die Arbeit an der »Strudlhofstiege«.
Damals war Horst Wiemer nicht bei C. H. Beck angestellt, er kehrte nach dem Krieg erst einmal nicht zum Verlag zurück, blieb aber weiterhin Doderers Vertrauter. Zunächst war er als Archivar tätig und versuchte mit Hilfe von C. H. Beck, einen eigenen Verlag für preiswerte, aber literarisch anspruchsvolle Rotationsdrucke zu gründen. Danach übernahm er die kommissarische Leitung des Buhler Verlags, bis er 1949 erst bei Biederstein, später dann bei C. H. Beck wieder als Lektor tätig war und als solcher auch wieder Doderers Werk begleitete.
1951 war es soweit: »Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre« erschien im Biederstein Verlag und wurde ein großer Erfolg. Mit einem Schlag war Heimito von Doderer einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Nun ging es wieder an die »Dämonen«. In all den Jahren der Zusammenarbeit, erinnert sich Wiemer in seinem Essay »Damals im Verlag mit Heimito«, gab es lediglich im Sommer 1952 eine ernsthafte Meinungsverschiedenheit. Geplant war, daß die »Dämonen« zeitlich an die »Strudlhofstiege« anschließen und zahlreiche Figuren wiederkehren, ohne daß es sich um eine Fortsetzung handelte. Beide Romane sollten unabhängig voneinander gelesen werden können. Während Doderer der Ansicht war, mit einem Einschub von hundert Seiten den Übergang zur »Stiege« geschafft zu haben, war Wiemer anderer Meinung. Und eröffnete Doderer, daß »weite Partien des Ersten Teils neu geschrieben werden müßten«. Doderer, so Wiemer, reagierte ungehalten und drohte, den Roman ungedruckt zu lassen. Am Tag darauf folgte die Versöhnung, in der Nacht hatte der Autor die Gliederung neu konzipiert.
Der Erfolg des 1956 veröffentlichten Romans stand dem der »Strudlhofstiege« in nichts nach. Sowohl in Deutschland als auch in Osterreich fand das Wiener Gesellschaftspanorama großen Anklang und machte Doderer zu einem der bedeutendsten Autoren der österreichischen Literatur. Als er gegenüber Wiemer Ende 1957 den Ausdruck »unser gemeinsames Werk« verwendet, konnte er die »Dämonen«, aber auch die gesamte Zusammenarbeit der letzten zwanzig Jahre gemeint haben, seit »Ein Mord den jeder begeht« von 1938, denn Wiemer unterstützte Doderer bei jedem seiner Manuskripte. Er war, wie Hilde Spiel in ihrem Nachruf schrieb, der »unentbehrliche Berater und Korrektor dieses Schriftstellers, dessen Werk er entscheidender mitgeformt hat, als die Öffentlichkeit dies je erfuhr«.
Johanna Isermann
SINN UND FORM 3/2026, S. 360-375, hier S. 360-362