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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 14,00]  ISBN 978-3-943297-88-1
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Leseprobe aus Heft 2/2026

Primavera-Lévy, Elisa

Die geschichtete Zeit. Laudatio auf Susanne Röckel


Wer Erzählungen und Romane von Susanne Röckel liest, sollte vorsichtig sein. Wie ihren Figuren, die von einem Sog erfaßt werden, einer anderen Wirklichkeit anheimfallen, aus der sie nur mit Mühe oder gar nicht mehr auftauchen, so geht es auch der Leserin, über der sich die Zeit schließt, die wie durch eine Falltür hinabfällt in eine andere abgründige Welt. Man schüttelt sich nach der Lektüre und weiß doch schaudernd, auf eine bange, beklommene Weise: »Auch das könnte wirklich sein.« Eine solche psychische Entführung mit literarischen Mitteln ins Werk zu setzen, ist eine Meisterleistung, und für diese wird Susanne Röckel hier geehrt. Doch setzen wir nochmals von vorn an. 
Röckel, 1953 in Darmstadt geboren, ist nach wie vor eine Art Geheimtip unter Eingeweihten, und dies nach einem Dutzend vielseitiger und vielfach ausgezeichneter Prosawerke, Essays, Erzählungen und Romane, wie »Eschenhain« (1997), »Chinesisches Alphabet – Ein Jahr in Shanghai« (1999), »Rotula« (2011) und »Der Vogelgott«, der 2018 für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Wenn man von ihr spricht, dann gehen hier und dort die Lichter an und die Augen auf; ein verständiges Nicken, manche Titel wie der weithin gerühmte Erzählband »Vergessene Museen« (2009) wirken wie ein Erkennungszeichen. Vielleicht ist diese relative Unsichtbarkeit auch Folge ihrer abenteuerlichen Verlagsgeschichte. Nachdem ihre Bücher nacheinander bei Otto Müller, Steidl, Luchterhand, Eichborn und Jung & Jung herauskamen, sind ihre Texte seit kurzem beim Residenz Verlag zu Hause. Vielleicht liegt es daran, daß sie, die auch keine Familien- oder Bekenntnisromane schreibt, in ihren Stoffen und mit ihrem Zugriff darauf so gegen den Strom der vorrangig realistisch geprägten Gegenwartsliteratur schwimmt. Kritiker sind sich einig, daß Röckel eine große Erzählerin ist, mit so etwas »wie einem absoluten Gehör für Prosa« (Cornelius Hell), der nie ein überflüssiges oder triviales Wort unterläuft. Mit einer Sprache, die auch auf wichtige Erzähler des 19. Jahrhunderts zurückgreift, auf Hebel, Keller, Stifter, folgt sie dem Untergründigen, auch dem offensichtlich Unheimlichen. Ihre Texte sind präzise, dabei schillernd-schön, aufregend, faszinierend und fesselnd. Kurzum, es ein völlig anderer Ton als in vielen Texten der aktuellen deutschen Literatur. »Daß jemand noch so schreibt!« ist ein wiederkehrender Ruf der Rezensenten.
In ihrem Roman »Der Vogelgott«, wie auch in vielen Erzählungen, erscheint in immer neuen Variationen das Abgründige, das von allen, die mit ihm in Verbindung geraten, Besitz ergreift und in ihnen eine Lust an Rausch und Zerstörung zeitigt. Dieser Vorgang ist auch meist ein Eintritt in ein anderes Wissensregime; Regime deshalb, weil dieses neue Wissen die Figuren gefangennimmt und jede andere Wirklichkeit ausschließt. Susanne Röckel beschreibt bezwingend, wie das Gewohnte zurücktritt und das Interesse an allem, was bisher zählte, auch an geliebten Menschen, versiegt. Ihre Figuren werden Unerreichbare, zu mythischen und historischen Wiedergängern, die auf die andere Seite gewechselt sind. Diese Wiedergänger sind bei ihr auch in traumatischen Schleifen Gefangene und verweisen auf geschichtlich Unerlöstes, auf einen Schmerz, der nicht vergeht, weil er nicht zu heilen ist. 
Röckels Protagonisten werden in einen Plot verwickelt, in dem sie zunehmend die Kontrolle verlieren. Am Anfang steht oft der zufällige Kontakt mit einem Kultobjekt einer untergegangenen Religion oder auch mit Menschen als Emissären einer dunklen Macht. Denn die alten Götter, etwa eine vorchristliche Fruchtbarkeitsgöttin in der Po-Ebene oder eben der fürchterliche Vogelgott, sind noch aktiv und beobachten eifersüchtig das menschliche Treiben. Aber anders als in dem verfilmten Kultroman »American Gods«, in dem die Götter nur weiterleben, solange man an sie glaubt, wirken diese Mächte unabhängig fort. Sie sind Künder und zugleich Manifestationen des Dionysischen, also eines Wissens, das moderne Menschen im Prozeß der Zivilisation erfolgreich vergraben haben. Susanne Röckel ist hier erkennbar eine Adeptin Adornos und Horkheimers. Diese beschrieben das Programm der Aufklärung als Entzauberung der Welt zur Befreiung der Menschen aus der Abhängigkeit von der Natur, von Mythos und Aberglaube. Röckel läßt die Mythen dagegen wiederauferstehen, zeigt ihr verborgenes Weiterwirken. Die Rückkehr in den mythischen Zusammenhang, in den Kult, der Gemeinschaft und Kraft schafft, geht in all ihren Erzählungen einher mit einer Rückabwicklung der in der »Dialektik der Aufklärung« benannten »Entfremdung« von der beherrschten Natur; mit einem erneuten Vertrautsein mit, einem Wiedererkennen von Tieren und Pflanzen, einer Rückkehr in den gemeinsamen Schoß der Schöpfung. Wer sich dem Dionysischen also öffnet, die Waffen der ordnenden Vernunft streckt, sich dem kreatürlichen Chaos überläßt, wird mitunter zum Teilhaber großer Macht. Die mystische Erkenntnis des höllischen, abgründigen Ineinanders von Leben, Tod, Vergehen, Verschlingen und Gebären, auf das die Modernen mit Abscheu und Entsetzen reagierten, verleiht dem in den dionysischen Kult Eingeweihten übermenschliche Kräfte. Den heillosen Schrecken, den das obszöne In- und Nebeneinander von Gebären, Werden, Fäulnis und Sterben auslöst, macht Röckel in ihren Erzählungen durch künstlerische Darstellungen anschaulich. In diesen Ekphrasen, zum Beispiel einer kurzen Passage aus der Erzählung »Die Erlösten« aus dem Band »Vergessene Museen«, in der ein geschnitzter Holzpflock beschrieben wird, zeigt sich auch ihr großes kunstgeschichtliches Verständnis: »Wuchtige dunkle, großäugige Wesen, eines aus dem anderen herauswachsend. Mutterschöße, neue Wesen gebärend, Mäuler, Leiber und Gesichter ausspuckend, Hände, Zungen, Schnäbel, Zähne, Klauen, Flügel, die bargen, schützten, pflegten, freigaben, entstehen ließen – und gleichzeitig fraßen, zerteilten, zerbrachen, verschlangen, in einem grausigen, barbarischen, faszinierenden Auf und Ab. Es gab kein Unten und kein Oben, weder Anfang noch Ende, weder Ursprung noch Ziel. Es gab nur dieses unfaßbare Ineinander und Durcheinander, ein Bild grenzenlosen Reichtums und Wachstums, das ebenso ein Bild der heillosesten Zerstörung und Vernichtung war.« 
Mythen sind für Susanne Röckel Führer auf dem Weg in ein anderes Seinsverständnis, erklärt sie in der Vorbemerkung zu ihrem Erzählband »Kentauren im Stadtpark« (2019). Sie lehren nichts: »Aber sie können den Glauben an die Unverrückbarkeit des Bestehenden untergraben. So verstand ich sie: als Wegweiser und Werkzeug auf dem Weg zu jenem Anderen der Realität, genannt Literatur.« Mit dem mythischen Blick lassen sich überall und in allen Epochen Muster und Typen wiedererkennen. Er verschiebt Realitäten. Das Unbegreifliche, etwa scheinbar unmotivierte Ausbrüche von Gewalt, wird so erklärlich. Auch ein häufiges, ganz gegenwärtiges Gefühl bekommt Nahrung durch die mythische Ahnung – dieses »es kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn immer das Böse gewinnt«, wenn sich die Mächtigen mit scheinbar übermenschlicher Kraft durchsetzen und mit allem durchkommen (man denke hier zum Beispiel an Trump als Wiedergänger eines Trickster-Gotts). 
Muster und Typen: Die nicht entflammte Angebetete erscheint bei Röckel als die von Apoll verfolgte Daphne, ein triebhafter Vergewaltiger als Kentaur – aber in ihren Erzählungen ist da wirklich eine andere Seite der Realität und Daphne ist nicht nur eine Chiffre für eine bindungsscheue Frau, die sich im Wald am wohlsten fühlt, sondern sie ist womöglich tatsächlich eine Waldnymphe, die sich zuletzt in einen Seidelbast verwandelt. Was zweifelhaft, wenig glaubhaft wirken könnte, präsentiert Susanne Röckel durch ihre große Erzählkunst als zwangsläufiges Geschehen. Sicher, gelingendes Lesen fiktiver Texte ist, wie Samuel Coleridge schrieb, immer verbunden mit der freiwilligen Aufgabe des Zweifels, der »willing suspension of disbelief«. Aber dafür, daß es soweit kommt, muß es ja stimmen, und bei Susanne Röckel stimmt einfach alles: Sie macht das Übernatürliche plausibel und wahrt dennoch sein Geheimnis. Der Mythos ist »Wegweiser und Werkzeug auf dem Weg zu jenem Anderen der Realität« (Röckel), das sich bei ihr als Literatur artikuliert. Wie eine Falltür öffnet sich die Erzählung und die Figuren stürzen, ähnlich wie die Träger der »Galoschen des Glücks« in Hans Christian Andersens gleichnamigem Märchen, in eine andere Zeit- und Seinsebene, die ihnen ihre Wahrheit und Realität aufzwingt. Das Mythische als das Wiederkehrende, als der sich in Typen immer wieder zeigende, unaufgehobene geschichtliche Schmerz: Woher rührt dieses ausgeprägte Bewußtsein für die Doppelbödigkeit der Realität bei Susanne Röckel? Ist sie einfach mit einem besonderen Sensorium gesegnet? Einen Hinweis gibt ihr literarisch verdichteter Erinnerungstext »Vera« (2025). In diesem erzählt sie die Umstände der Aussage der ukrainischen Zeugin Dina Pronitschewa, einer der wenigen Überlebenden des Massakers von Babyn Jar, bei dem deutsche Einsatzgruppen im September 1941 innerhalb von achtundvierzig Stunden über 33 000 Juden erschossen. Beim sogenannten Callsen-Prozeß vor dem Darmstädter Schwurgericht in Röckels Heimatstadt stand Pronitschewa am 29. April 1968 als Zeugin vor Gericht.
Den Sinn für das Doppelbödige der Realität, der sämtliche literarischen Werke Susanne Röckels auszeichnet, hat sie, das legt ihr Text nah, wohl aufgesogen als hochsensible, im Westen Deutschlands Heranwachsende, die das beredte Schweigen, das geschäftige Aufbauen und blinde Vorwärts der Nachkriegsjahre als gesamtgesellschaftliche Verdrängung eines »unfaßbaren, ortlosen, wortlosen Geheimnisses« diffus wahrnahm: »Die Stadt, die sich mit unheimlicher Energie aus den Ruinen erhoben hatte, schien keinen Ort zu haben, kein Alter, unbeirrbar strahlte die Sonne und die Schatten hatten sich verflüchtigt. Aber in meinem Zimmer hörte ich Stimmen und fing an, Gespenster zu sehen, und vielleicht tauchte in dieser Zeit der Wunsch in mir auf, mich den Schattenwesen zu nähern – vielleicht aus reiner Neugier, vielleicht aus anderen Gründen, ich weiß es nicht –, ohne ihre wirkliche Macht zu kennen und ohne zu wissen, daß man sich ihnen nur gewappnet nähern darf.« Mehr als fünfzig Jahre später versteht Röckel rückblickend, daß die »merkwürdige Einsilbigkeit« und Verlegenheit ihrer Eltern bei gewissen Gelegenheiten »Anzeichen jener ungreifbaren anderen Zeit« waren, »die in unsere Gegenwart hineinragte wie der überwachsene Überrest einer geborstenen Brücke«. Mit ihrer Art des Schreibens verweist uns Susanne Röckel auf die geschichteten Zeitebenen, die ineinander verschwimmen, dorthin, wo sich »das Vergangene umhüllt von Gegenwart« wieder zeigt. Sie weist auf die Interferenzen der mythischen und geschichtlichen, der unvergangenen Vergangenheit mit der Gegenwart; auch auf die im Menschen immer angelegte, gleichsam metaphysische Gewalt. Wie hängt die gute Gegenwart mit der bösen Vergangenheit zusammen? fragt Röckel. Nicht alle leben im selben Jetzt. Viele sind ausschließlich geradlinig, geradeaus, auf das Vorwärts geeicht. Andere sind durchlässiger, hören und sehen mehr. »Man schreibt immer nur für wenige«, sagte Susanne Röckel einmal. Wir wünschen ihr, vor allem aber den Lesern, daß es mehr werden, die sich von ihren Texten gefangennehmen lassen, von ihrer Sprache, »die eigentlich unter das Rauschmittelgesetz fallen müßte«, wie Ingolf Bossenz so treffend schrieb. Wir aber sind glücklich, daß wir schon zu ihren beschenkten Lesern zählen.


SINN UND FORM, Heft 2/2026, S. 279-282