[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-87-4
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Leseprobe aus Heft 1/2026
Müller, Heiner
»Ein Dramatiker darf keine Ansichten haben«
Aufzeichnungen 1945. Mit einer Vorbemerkung von Renate Ziemer
Aus dem Archiv der Akademie der Künste
Vorbemerkung
Schon als Kind entdeckte Heiner Müller das Lesen, denn sein Vater hatte eine umfangreiche Bibliothek. Weil der den Sohn für zu jung für die Memoiren Casanovas befand, wurde die Prachtausgabe gegen Schiller, Hebbel und Körner eingetauscht, wie Müller in seiner Autobiographie »Krieg ohne Schlacht« erzählt. Nach der Lektüre sämtlicher Stücke von Schiller und Hebbel stand für ihn fest: Er wollte Dramatiker werden. Mit zehn hatte er mit dem Schreiben von Balladen begonnen und Bücher wurden zur Obsession. An der Oberschule im mecklenburgischen Waren hatte er einen Deutschlehrer, der ihn bestärkte und ihm welche borgte. Doch 1944 wurden die Schulen geschlossen und Müller wurde als Fünfzehnjähriger zum Reichsarbeitsdienst einberufen. Beim Vorrücken der Roten Armee befahlen die Ausbilder den Marsch in Richtung Westen. Sie wollten sich lieber von den Amerikanern gefangennehmen lassen, und so zog man nach Schwerin. Bei einem Halt in einem verlassenen Dorf entdeckte Müller in einem leeren Haus eine große Bibliothek, aus der er schöne Dünndruckausgaben von Kant und Schopenhauer klaute. Bald schon kam die Nachricht von Hitlers Tod und der Trupp löste sich auf. Müller trottete allein weiter, ziellos zunächst, aber ohne große Angst. Der Krieg war endlich vorbei! Doch auf seinem Weg geriet er in amerikanische Gefangenschaft. Eine aufgesammelte Dose Büchsenfleisch tauschte er über den Lagerzaun hinweg gegen ein zerrissenes Ziviljackett, in dem er sich dann am Tor zum Posten gesellte und diesen mit seinem Schulenglisch in eine kleine familiäre Unterhaltung verwickelte. Am Ende stand Müller auf der anderen Seite des Tors, verabschiedete sich und ging weg.
Nach einem großen Umweg um Schwerin herum traf er in einem Dorf auf eine verlorene Gemeinschaft von ehemaligen KZ-Häftlingen, Rumänen, Italienern und Polen. Es herrschten rechtlose Zustände. Die Bauern konnten sich der wilden Schlachterei von Kälbern und Pferden nicht erwehren. Hunger herrschte dennoch. Doch bei den Polen gab es zum selbstgebrannten Schnaps ein Stück Speck und Brot. Für Müller war es der erste Schnaps seines Lebens. Dann suchte die Gemeinde Freiwillige, um aus einem Nachbardorf Kartoffeln für die Flüchtlinge zu holen. Müller ergriff die Gelegenheit, holte aber keine Kartoffeln, sondern machte sich mit einem Fahrrad auf den Weg zur Grenze zwischen der amerikanischen und der russischen Besatzungszone. Die Amerikaner waren zu faul, den Schlagbaum hochzudrehen, die Russen hievten den ihren feierlich hoch, nahmen ihm das Fahrrad ab und fragten nach Uhren. In einem Keller verbrachte er mit vierzig weiteren Männern einige Stunden in Erwartung eines ungewissen Schicksals. Sibirien? Dann kam ein großer Topf mit Erbsensuppe und Speck. Füttert man Delinquenten?
Am nächsten Tag begann der Trott in Richtung Osten, doch gegen Abend ließ die russische Eskorte die jungen Männer allein weitergehen. Es war noch ein langer Weg nach Waren – wo für den Sechzehnjährigen eine chaotische und intensive Zeit begann. Zusammen mit einem ehemaligen Lehrer der Oberschule wurde Müller für die Entnazifizierung der Bibliotheken des Landkreises verantwortlich. Dabei klaute er wie ein Rabe und verschaffte sich einen Grundstock für seine eigene Büchersammlung. Wenig später wurde er Angestellter im Landratsamt, in dem sein Vater als stellvertretender Landrat arbeitete. Weil es keine anderen Räume gab, lagerten die Bestände der Stadtbücherei und der Kreisbibliothek auf dem Dachboden. Wenn Müller wegen irgendwelcher Akten dort zu tun hatte, legte er sich die Bücher zurecht, die er abends mitnehmen wollte. Eine Nietzsche-Ausgabe, Werke von Ernst Jünger – Bücher, die Müller sein Leben lang begleitet haben. Doch die Funktion seines Vaters brachte auch eine gewisse Isolation mit sich. Und die Mecklenburger gelten bis heute als eher verschlossene Menschen. Für Müller blieb viel Zeit zum Lesen und zum Selbststudium. Davon zeugt auch ein kleines rotes Notizbuch von 1945, in dem sich altgriechische Vokabellisten ebenso finden wie Shakespeares Englisch. Kurze Exzerpte seiner damaligen Lektüren sind in platzsparend kleiner Schrift eingetragen. Papier war knapp und wertvoll. Die Gebrauchsspuren lassen vermuten, daß er das Büchlein in dieser Zeit stets bei sich trug.
Im Spätsommer 1987, acht Jahre nach seinem Umzug von Pankow in die Wohnung am Tierpark, waren einige Umzugskisten noch immer nicht ausgepackt. Es schien sich nichts darin zu befinden, was vermißt wurde. Als Müller für längere Zeit auf Reisen war, habe ich sie geöffnet. Irgendwer hatte sie völlig wahllos gepackt. Es kamen alte Manuskriptseiten zum Vorschein, Rechnungen, Ausweise, Geburtsurkunden, Schuldscheine. Ich brauchte den Fußboden zweier Zimmer, um das alles zu sortieren und zuzuordnen. Ein erster Ansatz für ein Archiv! Und mittendrin fand sich dieses kleine rote Notizbuch von 1945. Müller interessierte sich damals nicht besonders für die eigene Vergangenheit. Er nahm es amüsiert in die Hände. Und weil dieser Fund mich mehr anrührte als ihn selbst – und es mein Geburtstag war, den er wie immer vergessen hatte –, kam er auf die Idee, es mir zu schenken. Ich habe es über viele Jahre wie einen Schatz gehütet, denn es erinnerte mich auch an wichtige Jahre meiner eigenen Lebenszeit, in der Müller eine große Rolle spielte.
Als ich ihn 1976 durch meine Arbeit in der Kostümabteilung der Volksbühne kennenlernte, war das der Beginn einer engen beruflichen wie privaten Verbundenheit, die fast zwanzig Jahre Bestand hatte. Während meines Studiums am Institut für Schauspielregie riß unser Kontakt schon deshalb nicht ab, weil ich mir aus seiner großen und stetig wachsenden Bibliothek Bücher leihen durfte. Als er dann an der Volksbühne Regie führte, war ich ständiger Gast bei den Proben. Und Anfang 1983 stellte er mir die harmlos erscheinende Frage, ob ich Zeit hätte, mich um seine Post zu kümmern. Ich hatte Zeit – und konnte auch schnell mit der Maschine schreiben. Das war ein glücklicher Umstand, da er für die weitere Arbeit an seinen Texten eine Abschrift von fremder Hand brauchte, um sie neu lesen zu können. So wurde ich zur persönlichen Assistentin – damals der Einfachheit halber Sekretärin genannt –, war bald auch für seine Korrespondenz, seine Termin- und Reiseplanung zuständig und wurde zur direkten Ansprechpartnerin in privaten wie beruflichen Dingen. Das betraf die Zusammenarbeit mit Theatern und Verlagen, seine Tätigkeit als Präsident der Akademie der Künste der DDR und als Mitglied des Direktoriums des Berliner Ensembles. In diesen Jahren kam er kaum noch zum Schreiben, worunter er sehr litt. Aber sein kindlicher Wunsch, Dramatiker zu werden, hatte sich glücklich erfüllt.
Renate Ziemer
[…]
SINN UND FORM 1/2026, S. 5-13, hier S. 5-7