[€ 14,00]
PDF-Heft kaufen[€ 14,00]
PDF-Ausgabe kaufenPDF-Download für Abonnenten Sie haben noch kein digitales Abo abgeschlossen?
Mit einem digitalen Abo erhalten Sie Zugriff auf das PDF-Download-Archiv aller Ausgaben von 1949 bis 1991 und von 2019 bis heute.
Digital-Abo • 54 €/Jahr
Mit einem gültigen Print-Abo:
Digital-Zusatzabo • 12 €/Jahr
Leseprobe aus Heft 4/1991
Weigel, Alexander
Was wird aus dem grösseren Deutschland? Fragen an Heiner Müller
FRAGE: Herr Müller, woran arbeiten Sie zur Zeit?
ANTWORT: Ich arbeite an der Inszenierung dreier Texte von mir für eine Aufführung am Deutschen Theater Berlin: »Quartett« (nach Laclos, 1782), »Mauser« (Handlung etwa 1920), »Der Findling« (nach 1968). Das Merkwürdige an diesen drei Texten ist, daß der historisch am weitesten entfernte, also »Quartett«, dem Publikum am nächsten und der historisch jüngste, »Der Findling« (5. Teil von »Straße der Panzer«), der im wesentlichen 1968 in der DDR spielt, dem Publikum der fernste sein wird. Die Inszenierung ist eine Reise aus der Vergangenheit rückwärts in die Gegenwart, denn die Vergangenheit liegt vor uns und die Zukunft, die in der Gegenwart eingeschlossen war, hinter uns. Das ist vielleicht die Formulierung einer kollektiven Erfahrung, die jetzt von der Bevölkerung der DDR gemacht wird, auch wenn nur Intellektuelle sie reflektieren. Was in Osteuropa einschließlich der DDR gescheitert ist, war ein Versuch, die Zeit anzuhalten (die Berliner Mauer war eine Zeitmauer) im Namen einer Zukunft, die auf sich warten ließ wie der Messias. Das Leben fand in der Warteschleife statt. Die präziseste Beschreibung der Situation ist Kafkas Erzählung »Das Stadtwappen« über den immer wieder aufgeschobenen Bau des Turms zu Babel. In einem der Svendborger Gespräche Walter Benjamins mit Brecht sagte Benjamin den dunklen Satz: »Kafka ist der erste bolschewistische Schriftsteller«, und Brecht erwiderte: »Dann bin ich der letzte katholische«. Beide Sätze sind jetzt von der Geschichte bestätigt worden. Zur condition humaine gehört die Angst vor der Zukunft und die Sehnsucht nach der Vergangenheit. Ein Medikament gegen diese Angst und gegen diese Sehnsucht ist die Atomisierung des Menschen in der ewigen Gegenwart des Kapitalismus. »Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön!« ist Goethes Formel für Fausts Todsünde, für die ihn der Teufel holt.
FRAGE: Glauben Sie, daß den Kapitalismus irgendwann der Teufel holen wird?
ANTWORT: Ich bin dessen so sicher wie der Papst. Die Frage ist, in welcher Gestalt oder Maske der Teufel diesmal auftreten wird. (...)
SINN UND FORM 4/1991, S. 666-669, hier S. 666