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Leseprobe aus Heft 2/2011

Karlauf, Thomas

Meister mit eigenem Kreis.
Wolfgang Frommels George-Nachfolge


Ich habe es versäumt, mit ihm darüber zu sprechen. Als im Herbst 1983 der Amsterdamer Freundeskreis von jenem Brief erfuhr, aus dem, wie es hieß, hervorging, daß Wolfgang Frommel nie beim Meister zu Besuch gewesen sei, habe ich nicht mehr den Mut gefunden, eine eindeutige Antwort von ihm zu verlangen. Frommel stand im 82. Lebensjahr, seine Kräfte hatten zuletzt stark nachgelassen. Warum ihn noch einmal quälen mit einer Frage, die auszusprechen für die meisten Freunde schon Verrat bedeutete, schließlich gehörte Frommels "Dichterbericht", in dem er seine Begegnung mit Stefan George im Jahre 1923 ausführlich geschildert hatte, zu den Identität stiftenden Büchern unserer Runde. Innerlich hatte ich bereits Abschied genommen: Ein paar Monate noch, dann würde ich das exterritoriale Leben der letzten zehn Jahre für immer hinter mir lassen und nach Deutschland zurückkehren. Es gab keinen Grund, noch einmal eine dieser aufreibenden Diskussionen über richtige und falsche Überlieferung vom Zaun zu brechen. Die Frage, ob Frommel George begegnet war oder nicht, hatte für mich keine existentielle Notwendigkeit mehr, sie interessierte mich nur noch phänomenologisch, und deshalb ging ich dieser letzten Auseinandersetzung aus dem Weg.
Fünfundzwanzig Jahre später gewann das Thema jene Eigendynamik, die meinen Ehrgeiz weckte: Jetzt wollte ich es doch genauer wissen. Ende 2007 stellte die Zeitschrift "Castrum Peregrini", von Frommel 1951 im Geist Stefan Georges gegründet und bis zum Ende der Magnetberg seiner Verehrung, nach 280 Heften ihr Erscheinen ein. Ohne Frommel und seine Zeitschrift – so schrieb ich damals – "wäre die eigentümliche Welt Stefan Georges, die Welt des 'geheimen Deutschland', nicht bis an die Schwelle des 21. Jahrhunderts präsent geblieben", und fügte hinzu, daß das Frommelsche Lebenswerk noch um vieles staunenswerter sei, wenn man bedenke, daß er George wahrscheinlich nie begegnet ist. In den Augen der Nachlebenden hatte ich mich damit endgültig als Verräter erwiesen. Daß es hier nicht um Wahrheit oder Lüge ging, sondern um die Bedingungen einer Nachfolge, die ohne persönliche Legitimation durch den Stifter nicht glaubte auskommen zu können, und daß genau hier das geistige Abenteuer begann, überstieg die Vorstellungskraft der Orthodoxen. In "Kreis ohne Meister", seiner zwei Jahre später erschienenen Studie über das Nachleben Georges, nahm Ulrich Raulff auf meine Ausführungen Bezug. Wegen des problematischen Quellenzugangs habe er auf ein Kapitel über Wolfgang Frommel und das "Castrum Peregrini" verzichtet. Er könne allerdings nicht erkennen, daß eine Wirkungsgeschichte Georges ohne dieses Kapitel unvollständig sei, im Gegenteil. Raulff schien geradezu erleichtert, daß er sich mit den Amsterdamer Dunkelmännern nicht näher befassen mußte. Vor allem hätte ihn der Alleinvertretungsanspruch des "Castrum Peregrini" gezwungen, Nachfolge – den zentralen, von ihm recht großzügig gehandhabten Begriff seines Buches – genauer zu definieren. Weil er hier im Ungefähren blieb, konnte er zahlreiche für das Nachleben Georges periphere Figuren in den Zeugenstand rufen, wie etwa den Prinzen Löwenstein, der durch köstliche Anekdoten zur Eroberung Helgolands freilich sehr zum Unterhaltungswert des Buches beitrug.
So weit, so gut, könnte man sagen, eine Georgesche Wirkungsgeschichte ohne Frommel ist eben eine Georgesche Wirkungsgeschichte, die einen ganz bestimmten, zunächst nicht näher bezeichneten Bereich ausklammert. Ein bißchen schade, wird der eine oder andere gedacht haben, aber schließlich haben es sich die Frommel-Erben selbst zuzuschreiben, daß sie noch restriktiver und selektiver mit den Akten umgehen als das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes. Schlägt man indes das Register des Raulffschen Buches auf, stellt man fest, daß der Name Frommel zu den am häufigsten genannten gehört, daß er genauso oft vorkommt wie der seiner beiden schärfsten Widersacher im Kampf um die George-Nachfolge: Edgar Salin und Ludwig Thormaehlen. Wie ein roter Faden zieht sich der Name durch das Buch. Das wirft dann doch Fragen auf.

Im George-Kreis der späten zwanziger und dreißiger Jahre galt Frommel als der Usurpator, der sich über geschickt eingefädelte Beziehungen Zugang zum Innersten verschaffen wollte, und entsprechend schlecht wurde über ihn gesprochen. Nach dem Krieg setzte sich diese Rivalität in den Diadochenkämpfen fort, die insbesondere zwischen Amsterdam und Genf, dem Wohnsitz des Erben Robert Boehringer, ausgetragen wurden. Während die meisten Freunde Georges in Frommels Augen zu bloßen Verwaltern mutiert waren, die sich längst in bürgerlichen Existenzen eingerichtet und damit dessen Ideale mehr oder minder verraten hatten, war er dem Auftrag des Dichters gefolgt: durch alle Fährnisse hindurch unverzagt nach jener Jugend Ausschau zu halten, die bereit war zur Aufnahme des dichterischen Wortes. Es ging in dieser Auseinandersetzung nicht darum, wer welche Texte veröffentlichen durfte, es ging um Grundsätzliches: um die Berechtigung der eigenen Existenz, die zugleich die Existenz des jeweils anderen verneinte. Dem Erben in Genf hätte es ziemlich gleichgültig sein können, was Frommel trieb, wäre ihm dies nicht wie ein schwerer Mißbrauch des Georgeschen Werkes vorgekommen.
Hier wiederholte sich ein Verdacht, dem George selbst ein Leben lang ausgesetzt war, der Verdacht, daß seine Gedichte immer auch als Werkzeuge dienten, schöne Jünglinge aufzuschließen. Weil sie in ihm eine Art photographisches Negativ erkannten, das an die flimmernden Seiten Georges erinnerte, die ihnen ja durchaus nicht verborgen geblieben waren, ist Frommel in den Briefen der George-Jünger als Scharlatan und böser Geist, als der leibhaftige Antichrist allgegenwärtig. Spätestens seit 1931, als der von ihm initiierte Gedichtband "Huldigung" die Verehrung für George zum Programm erhob: "Es ist das erste Mal", hieß es im Ankündigungsprospekt, "daß aus dem Lager der weiteren Jugend dichterisch eine Antwort auf den an sie ergangenen Ruf vernommen wird." Frommels Aktivitäten, nicht zuletzt viele der in dem von ihm geführten Runde-Verlag erschienenen Publikationen, brachten die Freunde Georges wiederholt in Verlegenheit. Frommel war der Stachel im Fleisch der Georgeaner.
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SINN UND FORM 2/2011, S. 211-218