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Leseprobe aus Heft 5/2010

Rack, Jochen

Gespräch mit Odo Marquard. Über das Alter (2004)


[...]

MARQUARD: Ich sage jetzt mal was Provozierendes. Natürlich hat ein Schlaganfall, den man einigermaßen heil übersteht, auch sein Gutes: Früher mußte ich immer überlegen, mit welcher Begründung ich die wöchentlich eingehenden Vortragsanfragen absage. Plötzlich wurde das ganz einfach. Man sagt: Ich hatte einen Schlaganfall und muß jetzt kürzertreten, ich bitte um Ihr Verständnis. Und schon ist man die Sache los. So gewinnt man unglaublich viel Zeit, auch zum Nachdenken. Ich hatte nach meinem Schlaganfall keine Lähmungen, sondern eine Aphasie und mußte zum Logopäden. Ich hatte Schwierigkeiten, mich in der jeweiligen Situation auszudrücken, weil mir bestimmte Worte nicht einfielen, und mußte eine Art Slalomtechnik entwickeln, um diese Worte zu umgehen und sie durch andere zu ersetzen. Wenn man das einmal gelernt hat, merken es die anderen kaum noch. Ich spreche heute langsamer als früher und habe sogar ein gewisses Vergnügen daran, diesen Slalom zu beherrschen. Vielleicht geht es Skifahrern genauso. Mein erster Gedanke nach dem Schlaganfall war: Meine Eltern und Großeltern sind daran gestorben, es wird wohl nicht mehr lange dauern. Das war aber eher eine nüchterne Feststellung und weckte keine besondere Angst bei mir.

RACK: Weshalb wird in unserer Gesellschaft das Alter so wenig anerkannt? Hängt das damit zusammen, daß wir den Tod nicht mehr so leicht in unser Weltbild integrieren können wie unsere religiös geprägten Eltern, die noch eine gewisse metaphysische Gewißheit hatten?

MARQUARD: Da ist sicher etwas dran. Aber ich bin auch der Meinung, daß die Zeit der aufgeklärten Moderne, die mit Religion nichts anfangen konnte, schon wieder vorbei ist. Es kommt zu einer Wiederkehr der Religionen und damit auch zu einer Öffnung für Jenseitsvorstellungen. Ich persönlich finde immer mehr Geschmack an den institutionellen Seiten der Religion, habe aber als Philosoph Schwierigkeiten mit bestimmten Sachen, beispielsweise mit dem Jenseits, mit dem Leben nach dem Tode. Ich gehöre nämlich zu den Leuten, die Auferweckungen fast nur negativ erfahren. Schon die Vorstellung, morgens oder nach dem Mittagsschlaf das Bett zu verlassen, ist bei mir negativ belegt. Wenn der liebe Gott es gut mit mir meint, wird er mir die Auferweckung im Jenseits vielleicht ersparen und mich schlafen lassen.

RACK: Der Schlaf als Bruder des Todes ist allerdings eine antike Vorstellung und keine christliche.

MARQUARD: Das stimmt.

RACK: Mit dem Tod beschäftigte sich auch ein Philosoph, dessen Denken im Widerspruch zu Ihrem steht: Ernst Bloch, der Philosoph der Hoffnung. Für ihn war der Tod die letzte vorstellbare Utopie, ein Übergang, ein Aufbruch ins Ungewisse. Können Sie damit etwas anfangen?

MARQUARD: Ich kann viele philosophische Positionen nachvollziehen. Das bedeutet aber nicht, daß ich sie akzeptiere oder daß sie mir sympathisch sind. Blochs Prinzip Hoffnung ist für mich das Prinzip Unbelehrbarkeit. Ich halte schon den Ansatz seiner Philosophie für falsch.

RACK: Unser Denken über den Tod muß doch zwangsläufig spekulativ bleiben, weil kein Toter je zurückgekehrt ist, um davon zu berichten.

MARQUARD: Sicher, aber es gefällt mir nicht, den Tod im Sinne einer Utopie zu interpretieren. Vielleicht gehört Bloch zu jenen alten Philosophen, die im Kontakt mit Jungen noch einmal jung sein wollen. Ich nenne sie die Revoltiergreise. Marcuse war wohl auch so einer. Die Großelternrolle besteht unter anderem darin, Kindern Süßigkeiten zu geben. Wenn die Kinder größer sind, bekommen sie statt dessen süße Theorien. Das scheint mir bei Bloch und bei Marcuse das Problem zu sein.

RACK: Sie sprachen eben von der Illusionsresistenz des Alters. Das heißt doch auch, Sie wehren sich gegen die Vorstellung des Alters als Vollendung. Bei Bloch ist von »Reife«, »Weinlese« und »Kälte« die Rede, er hat die Vorstellung eines Lebenslaufes, der sich runden kann.

MARQUARD: Schön wäre es, aber ich habe meine Zweifel. Vom runden Leben ist es nicht weit zur runden Philosophie. Lieber mehrere Dinge verfolgen, die vielleicht nicht zusammenpassen, als unbedingt etwas Rundes schaffen wollen.

RACK: Das ist doch eine Zumutung für den einzelnen.

MARQUARD: Natürlich. Aber ich möchte weitergeben, wie für mich das Alter aussieht.

RACK: Das wäre ein Plädoyer für Bescheidenheit, dafür, das eigene Leben als etwas Unfertiges anzunehmen, wozu auch Scheitern und Abbrechen gehören.

MARQUARD: Man sollte davon Abstand nehmen, das Lebensende als Ziel zu betrachten. Es ist mehr Ende als Ziel.

 

SINN UND FORM 5/2010, S. 611-614, hier S. 613-614