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Leseprobe aus Heft 3/2010

Noll, Chaim

Die Metapher Wüste. Literatur als Annäherung an eine Landschaft


Die Wüste gehört zu den großen Siegern unserer Tage. Und es scheint, als wäre dieser Sieg für den Menschen nichts anderes als eine Katastrophe. Unaufhaltsam expandieren Wüsten, Trockengebiete und Steppen, jedes Jahr um eine Fläche, die ungefähr dem Territorium Deutschlands entspricht. Von Desertifikation, wie Wissenschaftler den Vorgang nennen, sollen weltweit etwa anderthalb Milliarden Menschen betroffen sein: in dem Sinne, daß die Erde, auf der und von der sie leben, sich in Steppe oder Wüste verwandelt.

In den täglichen Katastrophennachrichten spielen die Heimsuchungen durch Wüste und Zu-Wüste-Werden eine geringere Rolle als Flutwellen, Überschwemmungen und Unwetter. Dabei gehen sie, global betrachtet, Hand in Hand, Dürre an einem Ort und Überwässerung an einem anderen, das Defizitäre und das Verschwenderische, als wolle die Natur uns unser Dilemma vor Augen führen, das, wozu wir nicht fähig sind, was wir trotz aller Bemühungen kaum je erreichen: vernünftigen Ausgleich. Es scheint ein globaler Vorgang zu sein, in der Natur wie in den menschlichen Gesellschaften dieser Tage: überall nehmen die Extreme zu, sowohl an Zahl wie an Stärke, überall schwindet „die Mitte“, die erträumte Domäne des Vernünftigen.

Der Zugang zum Thema Wüste erfolgt normalerweise über Kategorien der Wissenschaft: Wüste wird von der Vegetation und vom Klima her definiert, als aride oder semi-aride Zone, in der die Wasserverdunstung – zumindest den größten Teil des Jahres – den Niederschlag überwiegt. Man unterscheidet extrem trockene Kernwüsten, in denen es manchmal jahrelang nicht regnet, und semi-aride Steppen und Wüstensteppen, in denen wenigstens einige Monate im Jahr so viel Regen fällt, daß Pflanzenwachstum möglich ist.

Es gibt Wüsten und Steppen, aride oder semi-aride Zonen, die, bedingt durch Lage, Klima, ökologische Gegebenheiten, seit Menschengedenken nichts anderes gewesen sind, und es gibt andere, die erst durch menschliches Wirken dazu wurden. Zur ersten Gruppe gehören Tiefland- und Hochgebirgswüsten, das heißt große Landstriche, die von Gebirgszügen umschlossen sind, die Niederschläge und feuchte Luft von ihnen fernhalten. Passatwüsten zum Beispiel entstehen durch dominierende Ost- oder Südostwinde, etwa im Norden Afrikas. Auch Salzwüsten brauchen extreme Lage und Witterung. Dagegen können die vom Menschen verursachten Steppen- und Wüstengebiete fast überall und in fast jedem Klima entstehen. Ein frühes Beispiel dafür sind die verödeten, steppenähnlichen, baumlosen Gebiete des Imperium Romanum, in Kleinasien, im Libanon, in Griechenland oder Armenien, wo einst dichte Wälder standen, ehe die Römer sie für den Schiffbau abholzten, für die unzähligen Flotten, die das Imperium benötigte. Manche dieser Gebiete haben sich heute, zwei Jahrtausende später, immer noch nicht davon erholt. Kaum etwas ist geblieben von den legendären phönizischen Wäldern zur Zeit König Hirams (einst „der Schmuck des Libanon“, Jesaja 60,13). Auch auf den Höhenzügen Armeniens kündet, soweit das Auge reicht, karges, verkarstetes Land vom Raubbau der Römer.

Trockengebiete bedecken heute fast die Hälfte der Landfläche unseres Planeten. Der geringere Teil davon ist Wüste im extremen Sinn, das heißt in Form von Wanderdünen, Geröllhalden, Lehmflächen oder Salzkrusten ohne jede Vegetation. Der größere Teil sind Steppen und Halbwüsten, in denen noch Leben möglich ist. Nicht wenige Wüsten waren einst blühendes Land. In unseren Tagen, vor unseren Augen vollzieht sich ein gigantischer Prozeß der Degradation, des Zu-Wüste-Werdens großer Landflächen, und zwar überall in der Welt. Der erste Schritt in diese Richtung ist das allmähliche Verkümmern von landwirtschaftlicher Anbaufläche zu Steppe, Savanne, Prärie oder Grasland, also Landschafts- und Bodenformen, die sich zwar nicht mehr zum Anbau von Kulturpflanzen, aber noch zur Viehzucht eignen. Nach Angaben der Vereinten Nationen mußte während der letzten Jahrzehnte etwa ein Drittel der globalen Anbaufläche wegen Bodenerosion aufgegeben werden.

An sich ist Steppe für den Menschen bewohnbares Land. Vor allem dort, wo günstige klimatische Bedingungen hinzukommen. Bewohnbar sind auch Wüstenrandgebiete – sogar extrem trockener Wüsten –, wo große Flüsse oder Meere sich mit dem Trockenland berühren. In solchen Gebieten vollzieht sich der Übergang von der nomadischen zur seßhaften Lebensweise, und es kommt daher – über längere Zeiträume betrachtet – zur Herausbildung von Zivilisation. Hier entstanden die ersten Hochkulturen, die frühesten Schriftkulturen der Menschheit. Das alte ägyptische Reich entwickelte sich im Schwemmland entlang des Nils, Thomas Mann nannte es treffend „dieser vom Nil befruchtete Streifen Landes zwischen Wüste und Wüste“. Die babylonische Hochkultur, über Jahrhunderte die beherrschende der Alten Welt, bildete sich im sandigen Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Sie nahm ihren Anfang mit dem Bau von Kanälen zwischen den Flüssen, einem gigantischen Bewässerungsprojekt in der Wüste.

Das früheste Tontäfelchen mit Keilschrift, datiert um 3500 v.u.Z., wurde im babylonischen Kisch gefunden, einer ausgegrabenen Stadt im Zweistromland. Ägyptische Papyri mit Bilderschrift, entstanden in der Zone zwischen Nil und Wüste, reichen zurück bis ins Alte Reich zu Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends. Etwa tausend Jahre später, um 1800 v.u.Z., ist nach heutigem Forschungsstand das erste Alphabet der Menschheitsgeschichte entstanden, in Kanaan, dem schmalen Küstenstreifen am Mittelmeer, der den Wüsten von Moab bis Aram vorgelagert ist. Die Entstehung der Schrift, folglich der ersten Literaturen, ist ursächlich mit dem Topos Wüste verbunden. Zum einen, weil Wüstenrandgebiete ihre Entstehungsorte waren, zum anderen, weil das Grundmotiv der Wüste, die zur Einheit gezwungene Ambivalenz extremer Gegensätze, ihre innere Spannung ausmacht. Diese Spannung ist eine frühe Metapher für die dem Leben innewohnende Gegensätzlichkeit: von Wasser und Wüste, Wachsen und Vergehen, Fülle und Mangel, Frieden und Krieg, Leben und Tod. Das auf Papyrus überlieferte Poem der ägyptischen Spätzeit „Katze und Affe“, entstanden um 1000 v.u.Z., faßt diese Ambivalenz in ein Bild:

 

In Ägypten gibt es keine Edelsteine,

aber die Nahrung, die den Menschen am Leben erhält,

wächst dafür wieder nicht in der Wüste.

Edelsteine sind wertvoller als Getreide,

aber essen kann man sie nicht.

 

Zweimal kommt hier das Wort aber vor, Zeichen eines uns Menschen, unserer Umgebung, unserem Sein innewohnenden Widerspruchs. Er wird symbolisiert durch das ungelöste Nebeneinander von Wüste und Nicht-Wüste. Dabei wird „Wüste“ mit Schätzen assoziiert, die es erst noch zu entdecken gilt, was erschwert wird durch Mangel an „Nahrung, die den Menschen am Leben erhält“. Dagegen gibt es in „Ägypten“, womit das Schwemmland entlang des Nils gemeint ist, ausreichend zu essen, aber nichts Kostbares, Neues, Aufregendes mehr zu finden. Es ist eine auch heute noch anzutreffende Konstellation: der in einer entwickelten Gesellschaft lebende, materiell gutversorgte Mensch sehnt sich nach den Herausforderungen der Wildnis. Und umgekehrt: dort Hungernde streben in die reichen Länder. Die Verse finden in der Gegenüberstellung des scheinbar Unvereinbaren ihre Harmonie. Denn beide Sehnsüchte, beide Bewegungen artikulieren sich gleichzeitig.

Auch die biblischen Psalmen, in etwa um diese Zeit, im 10. Jahrhundert v.u.Z., entstanden, thematisieren den Dualismus der Wüste. Vor allem dort, wo von David die Rede ist, der, bevor er auf den Thron kam, jahrelang als Flüchtling in der judäischen Wüste lebte. Auch in ihm findet, korrespondierend mit der Gegensätzlichkeit des landschaftlichen Hintergrundes, die Ambivalenz des menschlichen Lebens, das Auf und Ab des Daseins ein überzeugendes Symbol. Zugleich wird ein weiteres Motiv angeschlagen, das von Anfang an mit dem Thema Wüste zusammenhing: Wüste als Fluchtort, als Refugium und Ort spiritueller Erneuerung. Schon in der berühmten altägyptischen Erzählung vom Flüchtling Sinuhe aus dem Mittleren Reich, zu Beginn des zweiten Jahrtausends v.u.Z., ist es zu finden. Auch an vielen Stellen der Bibel geht es darum, von den Propheten Jeremias und Elias, über Simon Makkabäus bis hin zu Jesus, der in der Wüste seinen berühmten Dialog mit dem Satan führte.

[…]

 

SINN UND FORM 3/2010, S. 309-325