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Leseprobe aus Heft 3/2006

Deckert, Renatus

Gespräch mit Paul Nizon


RENATUS DECKERT: Ein Satz, den ich mehrfach bei Ihnen gefunden habe, lautet: »Nur der Fremde hat vor Verwunderung leuchtende Augen.« Sie haben ihn mit Blick auf Paris geschrieben. 1977 sind Sie von Zürich hierher übergesiedelt. Aber auch in Ihrem letzten Buch, »Das Fell der Forelle«, glaubt man noch die vor Verwunderung leuchtenden Augen zu spüren. Fühlen Sie sich, nach fast drei Jahrzehnten in Paris, noch immer als Fremder?

 

PAUL NIZON: In diesen drei Jahrzehnten ist Paris für mich Heimat geworden. Bevor ich hierherkam, kannte ich dieses Gefühl nicht. Meine Liebe zur Schweiz war immer eine gebrochene. Hier ist es anders. Sobald ich einige Tage nicht hier bin, sehne ich mich zurück. Das war noch nie der Fall in meinem Leben. Durch das Aufwachsen meines jüngsten Sohnes in Paris bin ich hier noch in besonderer Weise verankert. Ich fühle mich nicht als Zugezogener, sondern als Parisien. Das schließt das Gefühl des In-der-Fremde-Seins nicht aus. Man könnte vielleicht von einer geliebten Fremde sprechen. Für mich gehört Paris in das Kapitel der Liebschaften. Mit den großen Städten, in denen ich längere Zeit gewesen bin, hatte ich immer eine Art Liebesverhältnis. Die Liebe zu Paris ist ungebrochen. Von Gewöhnung oder gar Abstumpfung kann keine Rede sein. Noch immer ist diese Stadt die schöpferische Herausforderung, die große Fremde, die mich immerzu anstachelt, lockt und dazu verführt, ihr schreibend beizukommen. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem Paris mich nicht überwältigt und in mir Glücksgefühle, mitunter fast rauschhafte Zustände, auslöst.

 

DECKERT: In Ihrem Roman »Das Jahr der Liebe« heißt es: »Ich war nur noch Ich selber, was immer das bedeuten mochte. Ich war glücklich, elend glücklich, so ganz allein in Paris. Und ich war frei. (…) Nimm mich an, bring mich hervor! schrie ich, während ich herumlief, ich lasse dich nicht, ich will in die Welt!« Eine Assoziation, die sich einstellt, ist das Bild des jungen Eugène de Rastignac in Balzacs Roman »Père Goriot«, der am Ende des Buches auf einer
Anhöhe des Friedhofs Père-Lachaise steht und der vor ihm liegenden Stadt wie eine übermütige Kampfansage die Worte entgegenschleudert: »Und nun zu uns beiden!«

 

NIZON: Ja, dieser Ausruf Rastignacs, der diese Stadt erobern will, paßt ziemlich gut zu meinem damaligen Zustand. Als ich herkam, ging es mir darum, ein neues Leben zu beginnen, auch als Autor. Man muß dieser Stadt etwas beweisen, um angenommen zu werden. Das empfand ich damals sehr stark. Ich war noch nicht ins Französische übersetzt. In Paris kannte mich kein
Mensch. In meiner damaligen Situation, einer Krisensituation, gefiel mir das. Aber mein Anspruch war schon ein anderer. Ich wollte auch in dieser Stadt mit ihrer großen kulturellen Tradition, die man unentwegt spürt und mitdenkt, zum Vorschein kommen. Das ist mir insofern gelungen, als ich heute von französischer Seite mehr akzeptiert werde als im deutschen Sprachraum. Sicher, die Franzosen neigen dazu, die Wahl-Pariser zu vereinnahmen. Aber ich war natürlich stolz, daß ein Kritiker erklärte, meine Bücher gehörten zum französischen Patrimonium. Und daß Le Monde schrieb, »Das Jahr der Liebe« sei eines der allerschönsten Paris-Bücher, war ein unglaubliches Kompliment. Denn es ist schwierig, dieser Stadt einen neuen Aspekt abzugewinnen und nicht nur die bekannten Klischees zu reproduzieren.

 

DECKERT: Italo Calvino, der von 1967 bis 1980 in Paris lebte, hat in einem autobiographischen Essay mit dem Titel »Eremit in Paris« darüber nachgedacht, warum keines seiner Bücher in Paris spielt. Er schreibt: »Ein Ort muß zu einer inneren Landschaft werden, damit die Phantasie darangehen kann, diesen Ort zu bewohnen, daraus ihren Schauplatz zu machen. Doch Paris war schon die innere Landschaft eines so großen Teils der Weltliteratur, mit einer solchen Anzahl von Büchern, die wir alle gelesen haben, die in unserem Leben wichtig waren.« Dieses Problem haben Sie gerade angesprochen. Schüchtern diese zahllosen Bücher über Paris eher ein – oder spornen sie an?

 

NIZON: Man bewegt sich hier wie in einem romanhaft aufgeladenen Geschehen. Diese Stadt ist schon so oft übersetzt worden, in Literatur, in Musik, in Filme, und so vieles davon ist in einem gespeichert, daß man all das mitempfindet, wenn man durch Paris geht. Ja, das schüchtert ein. Gleichzeitig aber bedeutet es einen gewaltigen Ansporn, die Geister der hier entbundenen Dichter zu spüren und ihre Stimmen zu hören. Das ist ein Trost und auch eine große Ermutigung. Oft hatten diese Leute, zum großen Teil Emigranten, alles auf eine Karte gesetzt. Dieser existentielle Einsatz, die kämpferische Haltung, dieses Sich-Aussetzen auf Gedeih oder Verderb sind auch für mich wichtig. Man könnte viele Autoren nennen, die hier zum Vorschein gekommen sind: Malcolm Lowry, für mich einer der Größten, Joyce, er hätte seinen »Ulysses« in Irland nicht publizieren können. Henry Miller, der durch die Pariser Lebensschule gehen mußte, um zu seinen Quellen vorzustoßen. Für ihn war diese Stadt die große Entbinderin. Wenn man in Paris schreibt, ist man Teil eines großen Orchesters. Man bewegt sich auf dem Feld der Weltliteratur. Das gibt ein ungeheures Freiheitsgefühl. Die Abschottung durch einen nationalen Kontext fällt weg, auch die unbewußte Zensur. In Paris habe ich meine Provinz hinter mir gelassen.


DECKERT: Auch in bezug auf sich selbst haben Sie von der »Metropole als Entbindungsanstalt« gesprochen. Sie schreiben: »All die Anstöße zu Büchern oder in meinem Sinne: zu Poesie, zu poetischem Ertrag, kamen von den Städten her.« Hätte es auch eine andere Stadt als Paris sein können, sagen wir Berlin?


NIZON: Nein. Ich kenne Deutschland ziemlich gut. Meine erste Frau war Deutsche, ihre ganze Verwandtschaft lebte dort, alle in Pfarrhäusern übrigens, und ich habe eine Zeitlang in  München studiert. Aber in Deutschland zu leben habe ich mir nie vorstellen können. Warum das so ist, kann ich nur vermuten. Ich habe das kürzlich wieder für mich notiert: Immer, wenn ich von Frankreich nach Deutschland komme, stelle ich fest, daß die Luft dünn wird. Sie ist wie entfettet. Es fehlt etwas. Aber was? Und ich kam auf den Begriff Lebensschmieröl. In Deutschland nehme ich eine große Nüchternheit wahr. Auch die kann interessant und anregend sein. Aber mir liegt sie nicht so. Berlin habe ich immer als eine relativ leere Stadt empfunden. Dieses Getümmel, dieses Trübe, das auch die Tröstlichkeit der großen Illusion erzeugt, finde ich nicht in Deutschland. Anders als in den romanischen Ländern, in Spanien, Italien oder Frankreich. Ich glaube, das französische Klima ist für mich das vertrauteste. Aber damit meine ich nicht die Provinz, sondern nur Paris.


DECKERT: Woher kommt die Affinität zu dieser Stadt?


NIZON: Als Kind bin ich in den Ferien immer zu meiner Pariser Tante gefahren. Sie wohnte unterhalb von Pigalle. Das erste Mal 1947. Ich habe die Atmosphäre in mich aufgesogen, diese existentielle Stimmung der Nachkriegsjahre. Später ist mir die geistige und kulturelle Größenordnung aufgegangen, auch die Anmaßung, die hier herrscht, die Einschüchterung. Natürlich war ich schon vorher mit der französischen Literatur und dem französischen Film vertraut. Ich komme aus Bern, da gab es traditionell eine Ausrichtung nach Frankreich, während man sich in Zürich an Deutschland orientierte. Es war immer mein Traum, nach Paris zu gehen, aber es hat lange gedauert, bis ich den Absprung geschafft habe. Vor mir sind ja schon andere Schweizer, Giacometti und Le Corbusier etwa, hergekommen, um sich einen Namen zu machen oder sich mit dem Zeitgeist zu konfrontieren. In Paris war man der Provinz weit voraus. Heute gibt es diese Zeitverschiebung ja nicht mehr. Durch die Massenmedien geschieht alles überall gleichzeitig. Damals aber kam man in Paris an eine Quelle.


DECKERT: Wie haben Sie Paris 1947 erlebt?


NIZON: Es war ein unglaublicher Lebenshunger zu spüren, eine Gier nach Vergnügung. Die nächtlichen Straßen bei Pigalle waren voller Menschen, voller Licht und voller Lockung. Aus den Bars drang ein Schwall von Lärm und Musik. In Paris erfuhr ich, was Nachtleben war. Da war eine Intensität des Leben-zurück-Gewinnens! Überall sah man Uniformen, amerikanische und
englische, das waren die Urlauber, die aus den Besatzungszonen kamen. Ich war überwältigt von dieser Urbanität, die ich aus Bern nicht kannte. Damals gab es noch die Hallen, diese riesige Burgenstadt, die belagert war von den Lastwagen, die Nacht für Nacht heranrollten, um den Bauch von Paris zu füllen, die Camions, die die engen Gassen verstopften. Das Viertel quoll über von Fisch und Fleisch, Gemüse, Früchten und Blumen. Um diese Futterplätze herum ballte sich das Nachtleben. In den sechziger Jahren wurden die Hallen abgerissen. Seither hat Paris viel von seinem Ambiente verloren. Doch die Substanz ist so gewaltig, daß sie fast unzerstörbar erscheint. Manche Bilder, die man mit Paris in Verbindung bringt, wird es wohl immer geben, zum Beispiel die Liebespaare, die wie lebende Denkmäler die Stadt bevölkern. Das ist mir schon damals aufgefallen.


DECKERT: Sie haben geschrieben: »Ich muß mir Paris in täglichen leibhaften Übungen unausgesetzt anverwandeln, um den Traum oder das Movens meines Schreibens wachzuhalten.« Wie sieht das konkret aus?


NIZON: Meine Schreibateliers sind manchmal sehr weit von meiner Wohnung entfernt. Das heißt, daß ich jeden Tag die Stadt durchquere. Das ist nicht nur ein Auslauf oder ein Anlauf zur Arbeit, sondern auch ein Sturz in die Außenwelt, ein tägliches Mich-Hineinwerfen in das Pariser Leben. Das bringt Reibungen mit sich, emotionale Berührungen; und aus den Reibungen entstehen Funken. Etwas flammt auf, sticht mir ins Auge und provoziert innere Bilder. Über die Augenwege sammle ich ein, was mich an Eindrücken anspringt. Mitunter habe ich das Gefühl, ich kann im Vorbeilaufen ernten. All das speichere ich, und im Atelier fließt es in die Arbeit ein. Um meine Wirklichkeit mit der Sprache festzuhalten, brauche ich die Ruhe, das Abgekapselt-Sein. Ich bin keiner, der mit dem Notizblock herumläuft, und ich könnte auch nicht im Café schreiben. Ich bin mit tausend Antennen ausgestattet, so daß ich alles höre und aufnehme. Aber das Durchqueren der Stadt gehört schon zum Arbeitsprozeß. Ich nenne es die tägliche Aufkurbelung. Auf dem Weg zur Arbeit wiege ich meine Sätze wie ein Dromedar das in seinem Höcker gespeicherte Fett. Manchmal ist es, als würde ich beim Gehen Worte herausstampfen. Dieses Physische des Marschierens gehört für mich ebenso zur Kreation wie das Sammeln von immer neuen Eindrücken. Dafür brauche ich Paris. Und noch ein Aspekt ist wichtig: das Sich-verlieren-Können, das Untergehen in der Großstadt. Man kann natürlich auch durch Zürich laufen, aber diese Intensität, diese Dichte gibt es dort nicht. In Zürich können Sie vielleicht im Alkohol untergehen, aber nicht in den Straßen.


DECKERT: Ihr Journal »Die Innenseite des Mantels« beginnt mit dem Satz: »In Paris habe ich wohl alles Mögliche an Glanz, Hoffnung, Flitter verloren, aber ich habe diese poetische Existenz gefunden, die ich verteidige und für die ich bezahle, unter anderem mit Einsamkeit.« Was meint das: eine poetische Existenz? Ist es dieses tägliche Sich-Anverwandeln von Paris?

 

NIZON: [...]

 

SINN UND FORM 3/2006, S. 314-326