Background Image
Screenshot

[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-43-0


Leseprobe aus Heft 5/2018

Loschütz, Gert

Herburgers Lachen


Seit langem überlege ich, was das ist: ein glückliches Leben. Oder ein geglücktes. Sagt man: Ein Leben war glücklich, wenn einer erreicht hat, was er sich in frühen Jahren vorgenommen hatte? Ist ein glückliches Leben also ein erfolgreiches? Oder ist es eins, in dem die glücklichen Tage überwiegen? Und: Welchen Zeitraum zieht man für diese Berechnung in Betracht? Welchen Lebensabschnitt? Nimmt man alle zusammen? Oder beschränkt man sich auf einen? Einen frühen? Einen mittleren? Den späten? Gar den letzten, der ja kaum jemals zu den glücklichen zählt? Nimmt man die letzten zehn Jahre, in denen bei Herburger ein Unglück zum anderen kam und – wie bei Hiob – das letzte das vorangegangene jeweils übertraf, müßte man wohl von einem sehr unglücklichen Leben sprechen. Was natürlich Unsinn ist.

Und doch … da ist das Abdriften aus der Mitte des literarischen Lebens an den Rand; der notgedrungene Wechsel vom großen zu immer kleineren Verlagen (deren Mut und Fürsorge ausdrücklich zu würdigen sind); die trotz unverminderter Produktivität kaum noch vorhandene Aufmerksamkeit von Kritikern und Lesern; da sind die ausbleibenden Einladungen zu Lesungen und Diskussionen oder auch nur zu einem Kneipenabend mit Kollegen.

Eine Weile versuchten wir, Hans Christoph Buch und ich, ihn wieder hineinzuziehen in den alten Freundeskreis. Wir riefen ihn an, er sagte zu und kam dann nicht. Meistens jedenfalls, neun von zehn Verabredungen gingen so aus, fast immer kam ihm im letzten Moment etwas dazwischen, manchmal teilte er uns den Grund dafür mit, in der Regel aber schwieg er sich aus oder gab so seltsame, eher literarischen als realen Mustern folgende Begründungen an, daß wir nicht wußten, was davon zu halten war. Dann ließ er eine Weile nichts von sich hören, bis er erneut anrief und sich über seine Vereinsamung beklagte.

Es war – wir wußten es, auch ohne daß er darüber sprechen mußte – schwer für ihn auszugehen. Das Geld, das fehlte; das aufeinander Angewiesensein der Gemeinschaft, in der er mit Frau und behinderter Tochter lebte und aus der er sich kaum fortbewegen konnte, ohne daß es wie Flucht aussah und ihm Schuldgefühle eingab. Nicht zu vergessen: Die erst Jahr für Jahr, dann Woche für Woche spürbar abnehmende Kraft und die damit wachsende Sorge um die Tochter, die Frage, was aus ihr werden würde, wenn sich die Eltern einmal nicht mehr um sie kümmern könnten. Also blieb er in der Enge der gar nicht kleinen, aber durch die Anzahl der alten, oft über Jahrzehnte mitgeschleppten Möbel doch eng gewordenen Blissestraße-Wohnung.

Und da waren die ein Leben lang mit Hilfe von Antidepressiva in Schach gehaltenen und sich dennoch immer wieder meldenden Ängste und Panikattacken, gegen die nur eins half: Schreiben, Schreiben, und wenn auch das nicht mehr half, größere Mengen von Antidepressiva, und wenn auch die versagten: die Flucht in die Klinik.

Einmal – es muß vor etwas mehr als zehn Jahren gewesen sein – saßen wir da, abends im Park einer dieser im Westend gelegenen Psychokliniken für Menschen, die mit ihrem Leben nicht mehr zurechtkamen, alte Menschen zumeist, denen in Gesprächs- oder Malgruppen wieder zu ihrer verlorengegangenen Mitte verholfen werden sollte. Es war im Herbst, eben dunkel geworden. Wir hockten draußen auf einer Bank und sahen durchs Fenster die Alten, Verlorenen durch den großen Vorraum in den Eßsaal schlurfen. Er sprach mit Aufmerksamkeit von ihnen, mit einem durch genaues Hinschauen geschaffenen Abstand, dabei durchaus liebevoll. Doch dann brach – trotz der Sedativa, mit denen er ruhiggestellt wurde – wieder dieses Gelächter aus ihm hervor, dieses aus dem Schrecken, der Angst oder der Angstüberwindung und Schreckensabwehr geborene Gelächter, das seit jeher zu ihm gehört hatte.

Wir sprachen über früher, die Zeit in Friedenau, in der Schwabinger Elisabethstraße, wo ich ihn nach seinem Umzug öfter besucht hatte, es war die Zeit, in der der zweite Band der Birne-Bücher vorbereitet wurde, wir lasen zusammen die Fahnen; die Zeit auch, in der er seine (dritte) Frau, dieselbe, mit der er noch zusammenlebte, gerade kennengelernt hatte (sie arbeitete beim Fernsehen und hieß damals seltsamerweise Gabi und nicht Rosemarie), über die Geburt der Tochter, das Laufen. Alles zog an uns vorbei, die lebenden und die schon toten Freunde. Als uns kalt wurde, standen wir auf. Ich brachte ihn zur Tür, und als ich danach zur Bushaltestelle am Spandauer Damm ging, dachte ich, daß es so enden würde, wie es nun geendet hat: in einer Katastrophe. Da im Grunde keiner der drei allein zurückbleiben konnte und sollte, blieb nur – ja was?

Einen der letzten, nun schon wieder ein Vierteljahr zurückliegenden Anrufe eröffnete er, fast übergangslos, mit den Worten: Erzähl mir was von deiner Frau, und nachdem ich zu berichten begonnen hatte, unterbrach er mich mit den Worten: Meine spricht nicht mehr mit mir. Zuerst glaubte ich, er wolle mir von einem Streit erzählen, aber dann sagte er, daß sie ihn nicht mehr erkenne. Wie, fragte ich. Er: Weil nun das eingetreten sei, wofür es seit langem Anzeichen gegeben habe – Demenz, das Schreckenswort. Sie sei dement geworden, endgültig, nicht zurückholbar.

Ich kannte Herburger seit den späten Sechzigern, also seit über fünfzig Jahren, und glaube, daß er sich trotz der vielen Veränderungen, die ein so langer Zeitraum mit sich bringt, gleich geblieben ist. Immer war da dieser abwartende, von der Seite auf einen gerichtete Blick, er beobachtete einen, wie um den Moment nicht zu verpassen, in dem er mit seinem Witz zuschlagen konnte. Immer aber auch diese Freundschaftsfähigkeit, ja, die Bereitschaft zum Aussenden von Freundschafts- und Liebesbekundungen sowie andererseits die auf Unabhängigkeit schließende Fähigkeit, Erwartungen zu enttäuschen, bzw. die Weigerung, ihnen zu entsprechen; und der Hang, das für selbstverständlich Genommene nicht für selbstverständlich anzusehen; seine von nervöser Energie gespeiste Lachbereitschaft, die Freude am Lästern. Er konnte auf eine Weise witzig und übermütig sein, daß es wehtat.

In den frühen Siebzigern wurde mir der Blinddarm entfernt, am Tag nach der OP kam er ins Krankenhaus, stellte sich ans Kopfende des Betts und riß einen Witz nach dem anderen, so daß ich aus dem Lachen nicht mehr herauskam, nur daß ich wegen der frischen Bauchnaht nicht lachen durfte und mich gleichzeitig, während ich nicht aufhören konnte zu lachen, vor Schmerzen krümmte. Ein anderes Mal klingelte er an der Haustür in der Bachestraße und rief, als ich hinausschaute, ohne sich um mögliche Mithörer zu scheren, lachend zum Fenster hinauf: Valium, Valium, ob wir ihm, da schon alle Apotheken geschlossen seien, mit Valium aushelfen könnten.

Er lebte damals, zusammen mit seiner (zweiten) Frau Ingrid und seinem kleinen Sohn Daniel, in der Friedenauer Handjerystraße, keine Minute Fußweg von der Niedstraße entfernt, in der Grass wohnte, und vielleicht fünf Minuten von der Dickhardtstraße, in der sich die Literarische Dependance des Luchterhand Verlags befand. Jeden Nachmittag (oder jeden zweiten) tauchte er dort auf, erschöpft aber aufgekratzt, und verkündete, daß er wieder zehn Seiten geschrieben habe, an einem Tag wohlgemerkt – was ich, da ich ihn noch nicht gut kannte, für völlig unmöglich hielt, für eine seiner liebenswürdigen Aufschneidereien, was sein Lektor aber, der an seinem eigenen Schreiben verzweifelnde Klaus Roehler, mit spöttischsaurer Miene benickte.

Es war die Zeit, in der "Jesus von Osaka" entstand, der (wenn ich mich richtig erinnere) erste Roman Herburgers, in dem er den gepflegten Realismus der bei seinem vorigen Verlag, Kiepenheuer & Witsch, erschienenen Bücher gründlich hinter sich ließ. Er streifte die Fesseln des mit der Wirklichkeit rückkoppelbaren Schreibens ab, um sich von nun an nie wieder an die Gesetze der Wahrscheinlichkeit gebunden zu fühlen. Wann immer es ihm nötig schien, ließ er Jesus inmitten einer Schar japanischer Mädchen auf Skiern einen dem Fujiyama nachempfundenen, tatsächlich aber im Schwäbischen liegenden Berg hinunterwedeln oder – wie im letzten Buch – Meerschweinchen zwischen den geöffneten Beinen einer Madonna genannten Frau Männchen machen und deren Schamhaare auszupfen, die sie dann in das Heu ihrer Nester flochten.

Die Wirklichkeit oder besser: die die Wirklichkeit abbildende Sprache war Spielmaterial, mit dem er je nach Laune umging. Das konnte gutgehen und die wunderbarsten Blüten treiben, aber auch so weit ins Ungefähre führen, daß man nicht umhinkam, ihm das eigene Unverständnis mitzuteilen, was er durchaus übelnahm, eine Weile jedenfalls, bis man wieder eine Nachricht von ihm auf dem Anrufbeantworter fand: Ja, wo steckst du denn, Hergottsacra?!

Die wird es nun nicht mehr geben.

So sehr ich den Menschen mochte, den Verrückten aus dem Allgäu, der nach dem Abitur in München an der Uni Sanskrit belegte, wissend, daß er das Studium nie zu Ende bringen würde, der es eigentlich auch bloß tat, um sich von den anderen, den im braven Nützlichkeitsdenken gefangenen Idioten, zu unterscheiden; der als früher Aussteiger in den Süden trampte, mal in Ibiza am Strand schlief, mal in Madrid die Nächte am Bahnhof verbummelte, der über Spanien bis nach Algerien gelangte, nach Oran, ehe er nach Europa zurückkehrte, nach Paris, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, also weitgehend mittellos durch die Lichterstadt trieb, als deutsche Variante der zur selben Zeit im New Yorker Greenwich Village herumspukenden Beatniks, bis er irgendwann Josef Breitbach traf oder bei ihm vorstellig wurde und daraufhin die Gelegenheit erhielt, für ihn zu arbeiten … (Als was? Sortierte er dessen Bücher? War er sein Sekretär? Erledigte er für ihn kleine Besorgungen? Ich habe es, wenn er, immer nur andeutungsweise, davon erzählte, nie wirklich verstanden. Aber warum, dachte ich später, hat er eigentlich nie den im Namen seines früheren Gönners eingerichteten Preis erhalten, der ihm eine Weile Luft zum Leben verschafft hätte?) … So sehr ich ihn also mochte, diesen frühen Herburger, der immer noch auch in dem späteren, in den sechziger Jahren längst im Literaturbetrieb angekommenen und bloß dem Anschein nach verbürgerlichten enthalten war, so zwiespältig ist mein Verhältnis zu seinem Werk, diesem gewaltigen Bücherberg, den er uns hinterlassen hat, diesem Buchstabengebirge, das künftige Germanistengenerationen zu durchqueren versuchen werden, bloß um sich in den Seitentälern und Gletscherspalten zu verlieren oder, sich schon in Gipfelnähe wähnend, doch noch abzustürzen.

Zwiespältig, ja, es läßt sich nicht leugnen, denn anders als seine Bewunderer, die in der Thuja-Trilogie noch immer ein utopisches Romanwerk sehen wollen, während es mir mit seinem romantisierend-unkritischen Blick auf die DDR als eine gewaltige Ansammlung von Irrtümern erschien und erscheint, schätze ich mehr die zurückgenommenen Erzählungen aus der "Eroberung der Zitadelle" oder den schönen Text "Hauptlehrer Hofer", in denen er weniger aufs Gas drückt und mehr seinem Stoff vertraut. Aber das Überbordende war nun mal seine Sache, das Zuviel, das er sich eine Zeitlang im Vertrauen auf die Richtigkeit des ersten Einfalls wieder wegzustreichen oder zu verbessern weigerte.

Während ich ihm seine Unkontrolliertheit vorhielt, seinen – in der Lyrik vor allem – gelegentlich wild zusammengemixten, also nicht mehr entschlüsselbaren, einer Privatmythologie folgenden Metaphernsalat, warf er mir das genaue Gegenteil vor: Spontaneitätsmangel, Beckmesserei, Langeweile, Glätte. In einer Kiste auf dem Dachboden gibt es einen Ordner mit unserem frühen Briefwechsel, in dem dieser Streit abgelegt ist. Aus Übermut oder um ihm zu zeigen, wie leicht sich diese Art von Gedichten herstellen ließ, hatte ich einen Text verfaßt, ein ellenlanges, mit plattesten Reimen durchsetztes Poem, das seine damalige Schreibweise parodierte, woraufhin der Streit zwischen uns richtig in Fahrt kam – Schnee von gestern, aber damals, in den Siebzigern, mit einer Ernsthaftigkeit betrieben, als ginge es nicht um Worte, sondern ums Leben. Und so war es ja auch. Es ging und geht bei der Literatur, so wie wir sie verstanden / verstehen, um nicht weniger als das Leben.

SINN UND FORM 5/2018, S. 709-712