Klingenstein, Susanne
geb. in Baden-Baden, Literaturwissenschaftlerin, lebt seit 1987 in Boston, lehrt und forscht in Harvard am Center for Jewish Studies. Zuletzt erschienen »Wege mit Martin Walser. Zauber und Wirklichkeit eines Schriftstellers« (2016) und »Es kann nicht jeder ein Gelehrter sein. Eine Kulturgeschichte der jiddischen Literatur 1105 –1597« (2022). (Stand 2/2026)
Siehe auch SINN UND FORM:
- 2/2026 | Das Chaos zum Stillstand bringen. Die jiddischen Erzählungen Lamed Shapiros
Lamed Shapiro (1878–1948) ist einer der bedeutendsten jiddischen Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. Wäre es nicht zur Auslöschung der (...)
LeseprobeKlingenstein, Susanne
Das Chaos zum Stillstand bringen. Die jiddischen Erzählungen Lamed Shapiros
Lamed Shapiro (1878–1948) ist einer der bedeutendsten jiddischen Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. Wäre es nicht zur Auslöschung der jüdischen Kultur gekommen und hätte sich die jiddische Literatur in Europa frei weiterentwickeln und international profilieren können, zählte der an Flaubert, Tschechow und Maupassant geschulte Shapiro heute zum Kanon seiner Epoche. Das Verschwinden der jiddischen Welt überzog deren Werke zunehmend mit der Patina einer altväterlichen Provinzialität. Dieser Prozeß wurde in Deutschland stark gefördert durch die Verknüpfung von jiddischer Literatur mit Pazifismus, Chagall-Romantik, Klezmer-Emotionalität und den ubiquitären Ostjuden-Fotos von Roman Vishniac und Alter Kacyzne (er wurde 1941 bei einem Pogrom in Ternopil von Ukrainern erschlagen). Jiddisch steht für eine entschwundene Welt. Wird in einem Feuilleton ein jiddischer Text vorgestellt, geschieht das meist in einem hohen Ton, als werde der »lang vergessene« Autor (seltener eine Autorin) nicht neu belebt, sondern zu Grabe getragen.
Doch Autor oder Autorin waren nicht »vergessen«, denn nichtjüdische Leser kannten sie nie. Sie wurden in ihrer Lebensmitte erschlagen, erschossen, vergast, im Gulag erledigt oder in Lagern, Wäldern, Gefängnissen exekutiert. Oder sie gaben sich auf der Flucht vor dem Elend selbst den Tod, langsam oder schnell. Shapiro verendete als Alkoholiker in der Garage eines Freundes in Los Angeles. Dabei war er der Mann, der alles änderte, der das jiddische Erzählen sprachlich, psychologisch und ästhetisch auf eine Weise abstrahierte und radikalisierte, die seine Werke aus ihrer Zeit hob, so daß wir seine berühmteste Erzählung »Das Kreuz« (1909) in einer neuen Übersetzung als einen nach dem 7. Oktober 2023 notwendigen zeitgenössischen Text lesen können.
Shapiro verbrachte Kindheit und Jugend in einem chassidischen Umfeld in der Kleinstadt Rschyschtschiw am Dnjepr (Dnipro), südlich von Kiew. Mit acht Jahren begann er zu schreiben. In seiner späten poetologischen Schrift »Der shrayber geyt in kheyder« (Der Schriftsteller geht in die Elementarschule) bezeichnet er sich als »ekstatisch religiöses« Kind. Ein Onkel, der seine Schreiberei sah, bemerkte beiläufig, er werde noch ein Abtrünniger. In der Pubertät wurde er von einer tiefen Glaubenskrise erschüttert, aus der er sich mit selbst verfaßten Gebeten retten wollte, »im Stil von ›Herr, gib mir ein Zeichen‹«: »Aber Gott blieb auf dem Berg Sinai sitzen, in Wolken gehüllt, und ich verdiente noch nicht einmal, seinen Rücken zu sehen« (Ex. 33,23). Diese frühe Schreib- und Sinnkrise war die erste Manifestation der tiefen Depressionen, die ihn bis zum Tod periodisch heimsuchen. Sie stürzten sein Leben in unkontrollierbares Chaos und finanzielle Not.
Als er sich gefaßt und gefestigt hatte, reiste er 1896 nach Warschau, um die Stadt literarisch zu erobern, und stand eines Nachmittags vor einer legendären Wohnungstür, auf der ein Messingschild in hebräischer Sprache anzeigte: »J. L. Peretz empfängt um 16 Uhr«. Der heute als Schöpfer neochassidischer Erzählungen patinierte Altmeister Isaak Leib Peretz war damals erst vierundvierzig Jahre alt. Nach dem antisemitisch motivierten Entzug seiner Rechtsanwaltslizenz in Zamość fand er Arbeit als Friedhofsverwalter in Warschau und hatte um 15 Uhr Dienstschluß. Eine Stunde später empfing der schon bald weithin Berühmte seine literarischen Jünger. Zwei Jahre lang lebte Shapiro unter der Armutsgrenze in Warschau (er fertigte Hutnadeln in einer »Bijouterie«). Dann kehrte er nach Rschyschtschiw zurück, wo er sich als Lehrer über Wasser hielt. Zeitweise unterrichtete er in Kiew in der großen Ziegelfabrik des philanthropisch eingestellten Iona Zaitsev.
Die nächsten fünf Jahre verbrachte Shapiro jedoch meist in seiner Heimatstadt am Dnjepr, in der Antisemitismus zum Alltag gehörte, gewann Klarheit über das komplexe Wesen der jiddischen Sprache, schulte sich literarisch und entwickelte sein ästhetisches Programm. Er versenkte sich in die russische Literatur und geriet dabei unter den Einfluß der naturalistischen Doktrin des Nihilisten Dmitri Pisarev: »Er lenkte meinen Blick weg von den ›Morgensternen, die im Chor singen‹, auf die reale Umgebung. Von da ab war mein weiterer Weg in die jiddische Literatur völlig klar.« Doch Shapiro wurde nicht zum jiddischen Zola, sondern zu einem jedes literarische Detail obsessiv kontrollierenden jiddischen Flaubert. Er entwickelte einen distanzierten, entpersonalisierten Erzählstil, der in größtem Gegensatz steht zur emotionalen Bewegtheit der Protagonisten, aus deren Sicht erzählt wird. Shapiros Bestreben, den Gang der Handlung in Momenten der Todesangst extrem zu verlangsamen und für einen Moment zum Stillstand zu bringen, so daß der Leser in eben die Stille eintreten muß, die den in Todesangst verharrenden Protagonisten erfüllt, wurde Shapiros revolutionärer Beitrag zur jiddischen Literatur. Die disziplinierte Arbeit an einer literarischen Komposition war für ihn therapeutisch. Er bevorzugte symmetrische Konstruktionen, glasklare Sätze und, wie Kafka, ein einfaches, nahezu puristisches Vokabular (allerdings mit vielen slawischen Einschlüssen). Die mentale Anstrengung der Suche nach der bedeutsamsten Eröffnung, der elegantesten Konstruktion, dem ökonomischsten Handlungsablauf, dem mot juste war für Shapiro temporäres Mittel, sein inneres Chaos zu bändigen, es auf einer geschriebenen Seite für kurze Zeit zum Stillstand zu bringen. Diese Spannung zwischen absoluter Ruhe und totaler Destruktion – vergleichbar der aufgetürmten Wasserwand einer Riesenwelle vor dem Überschlag – wurde seine literarische Signatur.
Shapiro kehrte 1903 nach Warschau zurück und fand durch den literarischen Kreis um Peretz erste Publikationsmöglichkeiten in kurzlebigen jiddischen Literaturzeitschriften. »Di fligl« (Die Flügel) erschien 1903 in der Sukkot-Ausgabe von Leyzer Monfrids »Yontef bleter«, »Itsikl mamzer« (Itzig der Bastard) 1904 in Avrom Reyzens »Yor-bukh ›Progress‹«. Itzig ist ein durch lebenslange Erniedrigungen hartgesottener Teenager, der an einem bitteren Wintertag mit Glück zwei Kartoffeln und einen Schlafplatz in einer leeren Synagoge (mit Holz für den Ofen) ergattert hat. Dort öffnet er, ohne es zu müssen, seinem größten Peiniger, der klagend im nächtlichen Schneesturm steht, die Tür. Shapiro zeigt nicht, was danach kommt. Was Leser sich vorstellen, reflektiert ihre eigenen Erfahrungen mit Peinigern – oder ihr Wunschdenken. Leerstellen, die Raum lassen für die Entfaltung der Erfahrungen und Ängste der Leser, sind bei Shapiro üblich.
Kaum ein Jahr später, nach der Revolution von 1905, wurden in Rußland und der Ukraine jüdische Siedlungen von Pogromen verwüstet, deren Brutalität die blutigen Attacken von 1881 und 1882 noch übertraf. Shapiro holte seine Mutter Chaie-Blume, der er innig zugetan war, zu sich und verließ Polen. Sie lebte bis zu ihrem Tod 1925 bei ihrem Sohn. Ein längerer Aufenthalt in London 1905 / 06 begründete Shapiros Freundschaft mit Josef Chaim Brenner (ermordet in Jaffa 1921). Er arbeitete für dessen anarchistische Zeitschrift »Fraye arbeter velt« und veröffentlichte in ihr das Gedicht »Zelbstshuts« (Selbstschutz) als Reaktion auf das Pogrom in Schitomir im April 1905. Dort hatte sich in Erwartung antisemitischer Gewalt und als praktische Lehre aus dem schockierenden Pogrom in Kischinew (Chișinău) im April 1903 eine letztlich ineffiziente jüdische »Selbstwehr« organisiert. Die Ereignisse von Kischinew waren legendär geworden durch Chaim Nachman Bialiks hebräisches Gedicht »Be-ir ha-harega« (In der Stadt des Schlachtens, 1904), das Zeev Jabotinsky ins Russische übersetzte. In Shapiros »Selbstschutz« erschallt in den wichtigsten Zeilen das wilde Gelächter der Feinde in der Nacht; dazu hört man kontrapunktisch das Stoßgebet: »Oh Gott! Wir bitten nicht um Sieg. Wische nur von deinem Volk die große Schande / und erlaube uns, das Gesicht des Feindes zu sehen / und mit dem Schwert in der Hand zu sterben.« Eine klare Anspielung auf den Widerstand der Juden auf dem Festungsberg Masada gegen die übermächtigen Römer, der mit einem kollektiven Selbstmord endete.
Das Gedicht erschien im Januar 1906. Im gleichen Jahr emigrierte Shapiro nach Amerika. Dort schreibt er in manisch-kreativen Phasen unter anderem vier seiner sechs Erzählungen, die von Pogromen handeln: »Der Kuß« (1907), »Verströme deinen Zorn« (1908), »Das Kreuz« (1909) und »In der toten Stadt« (1910). Die kürzeste dieser Erzählungen, »Der Kuß«, beginnt mit jenem schon erwähnten langgezogenen Moment der absoluten Stille vor dem Umschlagen in Chaos und Zerstörung (der Aufbau der Spannung liegt außerhalb der Geschichte): »Reb Schachnes Hände und Füße zitterten und in seinem Mund lag unerträgliche Bitterkeit. Er saß auf einem Stuhl und hörte das wilde Geschrei auf der Straße, die Pfeiferei und das Klirren zerbrochener Scheiben. Und er dachte bei sich, daß all das Krachen, Schreien und Klirren sich in seinem Inneren, in seinem Kopf abspielte.« Dann bricht die Gewalt über ihn herein. Er stirbt einen brutalen, absurden Tod.
»Das Kreuz« entstand 1908 innerhalb von drei Tagen, während Shapiros Restaurant in Chicago das Geld ausging. Er war inzwischen verheiratet, seine Frau Freydl hatte für ihn ihren Mann und ihre zwei Kinder verlassen. Shapiro kehrte nach dem Bankrott mit ihr und seiner Mutter nach New York zurück. Der progressive Intellektuelle Chaim Zhitlowsky druckte »Das Kreuz« 1909 in seiner Zeitschrift »Dos Naye Leben« und entfachte damit eine erregte Diskussion. Shapiro versuchte inzwischen, im »Forverts«, der größten jiddischen Tageszeitung New Yorks, Fuß zu fassen. Da er sich den Sprach- und Stilvorschriften des diktatorischen Herausgebers Abe Cahan widersetzte, verspielte er seine Chance. Daraufhin kehrte er nach Warschau zurück, arbeitete für die Zeitung »Der Fraynd« und veröffentlichte 1910 unter dem Titel »Novellen« eine Sammlung seiner ausgefeilten Erzählungen. Um Geld zu verdienen, übersetzte Shapiro unter dem Pseudonym Y. Zolot (russisch: Gold) Romane von Victor Hugo, Charles Dickens, Sir Walter Scott und Rudyard Kipling, darunter auch das »Dschungelbuch«. Er eröffnete 1910 in Zürich einen Kolonialwarenladen, ging pleite und fuhr 1911 zurück nach New York, wo er es erneut mit einem Restaurant versuchte. Nach einer weiteren Pleite zog er 1912 nach Los Angeles.
Dort veranstaltete die kleine Schar der jiddischen Intellektuellen ein Bankett für Shapiro, der nicht erschien, weil er kein Bankett brauchte, sondern eine Anstellung. Er ging zurück nach New York, versuchte es mit einem Antiquariat und machte abermals Bankrott. Als er in Cleveland ein weiteres Restaurant eröffnen wollte, informierte ein Gläubiger die willigen Geldgeber in Ohio, daß der exquisite Autor Shapiro ein Pleitegeher war. Auch im größten Tohuwabohu seines Lebens schrieb Shapiro Erzählungen. 1915, im Todesjahr von J. L. Peretz, verfaßte er »Rauch«, die Lebensgeschichte Menasches, eines lakonischen Händlers, der in einer chaotischen Welt des Aufstiegs und Falls eine ungeheure Gelassenheit ausstrahlt. Man sucht als Leser nach Menasches Prinzipien und findet eine ganze Reihe; aber Shapiro legt den Schlüssel in die komplexe Metapher des (Tabak-)Rauchs, den der Mann zeitlebens liebt. Der Mann will nichts festhalten. »Rauch« handelt vom Tod, der von Beginn an feststeht, und ist die entspannteste, glücklichste Geschichte, die es in der jiddischen Literatur gibt. Sie ist ein Indiz der enormen mentalen Disziplin, die Shapiro sich beim Schreiben auferlegte, denn er lebte auch in New York mit Mutter und Frau an der Armutsgrenze.
Gleich nach der Oktoberrevolution 1917 kam es in Rußland und der Ukraine zum Bürgerkrieg und ab 1919 zusätzlich zum Polnisch-Sowjetischen Krieg. Das jüdische Siedlungsgebiet wurde von Hunderten von Pogromen überzogen; etwa hunderttausend Juden – Männer, Frauen und viele Kinder – wurden auf brutalste Weise ermordet. Häufig waren es noch sehr junge Leute, die sie erschlugen oder erstachen, seltener erschossen, und die Frauen vergewaltigten. Augenzeugenberichte gelangten nach Amerika. Die »New York Times« berichtete am 8. September 1919 über die Pogrome und meldete im Untertitel »6 000 000 sind gefährdet«. Shapiro schrieb 1919 zwei weitere intensive Pogrom-Erzählungen, »Das jüdische Reich« und »Weiße Challah«. Sie gehören stilistisch und narrativ zum Besten, was es in der jiddischen Literatur überhaupt gibt. Ihre Inhalte werden hier nicht wiedergegeben, um der Lektüre nicht die Unmittelbarkeit zu nehmen, denn Shapiros Denken ist so ungewöhnlich, daß kaum je vorhersehbar ist, was der nächste Satz bringt. Dadurch entsteht eine Anspannung im Leser, der sich auf das Schlimmste gefaßt macht, und als weitere Folge eine große Nähe zum Text sowie ein unmittelbares Erleben der Handlung. Diese Dynamik kann man auch schon im »Kreuz« beobachten
SINN UND FORM 2/2026, S. 149-157, hier S. 149-153