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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-51-5

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Leseprobe aus Heft 1/2020

Keun, Irmgard

»Ich sehne mich zwar nach Ruhe, aber ich ertrage sie nicht.«
Zwei unbekannte Briefe an eine Freundin.
Mit einer Vorbemerkung von Matthias Meitzel


Vorbemerkung

»Ist Münzenberg tot? Was ist mit Irmgard Keun?« Als sich Nelly und Heinrich Mann am 11. Januar 1941 besorgt bei Hermann Kesten nach dem Schicksal der beiden Freunde erkundigen, ist Willy Münzenberg nicht mehr am Leben, aber auch die zweite Frage beruhte auf mehr als einer angstvollen Vermutung. Bereits am 16. August 1940 hatte der »Daily Telegraph« berichtet: »Fraulein Irmgard Keun, the novelist, is stated to have taken her life at Amsterdam.«

Ein knappes Jahrzehnt zuvor war die junge, 1905 in Charlottenburg geborene Autorin mit den Romanen »Gilgi – eine von uns« (1931) und »Das kunstseidene Mädchen« (1932) auf Anhieb zur Bestsellerautorin geworden. In beiden Büchern porträtiert sie berufstätige neue Frauen, die unabhängig sein wollen und sich gegen Zurücksetzung, ungerechte Entlohnung und zudringliche Männer zur Wehr setzen. Sie stürzen sich in das bunte, berauschende Leben und wollen wie Doris, das kunstseidene Mädchen, »ein Glanz« werden. Aber nicht nur die zahlreichen Leser, durch die der Universitas-Verlag gutes Geld verdient, sind begeistert. Auch Kurt Tucholsky schreibt 1932 in der »Weltbühne« über die Autorin des Debütromans »Gilgi«: »Hier ist ein Talent (…), aus dieser Frau kann einmal etwas werden.«

Die so vielversprechend begonnene Karriere endet jedoch jäh: Keuns Werke, die das Gegenteil des fortan propagierten Frauenideals präsentieren, gelten den Nationalsozialisten als »Asphaltliteratur«. Zu den im Mai 1933 in Berlin verbrannten Büchern gehört auch »Das kunstseidene Mädchen«.

Doch selbst nachdem die Geheime Staatspolizei die gesamten Bestände ihrer Romane beim Verlag beschlagnahmt hat, fügt sich die gerade dreißigjährige Autorin nicht: Irmgard Keun meldet, da ihr aufgrund dieses Vorgehens erhebliche Einkommensverluste entstanden seien, gegenüber dem Landgericht Berlin Schadenersatzansprüche an. Erst als der entsprechende Antrag ebenso abgelehnt wird wie die für jede weitere Veröffentlichung unerläßliche Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer, verläßt sie Deutschland im Frühjahr 1936 in Richtung Niederlande.

Bis 1938 erscheinen ihre unübersehbar gegen die Diktatur in ihrem Heimatland gerichteten Romane »Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften«, »Nach Mitternacht «, »D-Zug dritter Klasse« und »Kind aller Länder« in den Amsterdamer Exilverlagen Allert de Lange und Querido. Anders als die meisten ihrer exilierten Kollegen, auch als ihr zeitweiliger Lebensgefährte Joseph Roth, entscheidet sich Keun nicht für historische Stoffe. Sie kann den alltäglichen Nationalsozialismus aus eigenem Erleben beschreiben und seinem von der Propaganda verschleierten Kern nachspüren – bis hin zur Vorstellung einer Kunst aus »Blut und Boden«: Die neunzehnjährige Susanne in »Nach Mitternacht« (1937), die sich immer etwas naiv gibt, dabei aber stets aufmerksam beobachtet, möchte – wie Gilgi und Doris – viel lieber in einer großen Stadt leben als in ihrem lehmigen Moseldorf. Als sie aber zu ihrem Bedauern erkennt, daß man sich »heutzutage wegen der Weltanschauung und der Regierung« statt zu einer Metropole zu »dampfenden Erdschollen« hingezogen fühlen muß, läßt Keun die Hauptfigur ihres  Romans zu dem erstaunlichen Schluß kommen: »Der Sinn der Erdschollen besteht darin, daß die Dichter sie besingen müssen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen und nachzudenken, was in den Städten los ist und mit den Menschen.«

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen im Mai 1940 wird Irmgard Keuns Lage in den Niederlanden zusehends prekärer. Nachdem sich die von Amsterdam aus unternommenen Versuche zerschlagen, noch ein Einreisevisum für ein weiteres Exilland zu bekommen, nimmt sie, wohl auch aus Angst um die weiterhin in Köln wohnenden Eltern, den unwahrscheinlichsten Ausweg und fährt 1940, ausgestattet mit gefälschten Papieren, nach Deutschland zurück. – Noch sechs Jahre später, im Sommer 1946, schreibt Erich Kästner an Hermann Kesten: »Von Irmgard Keun wird erzählt, daß sie umgekommen sein soll. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Es ist schon mancher totgesagt worden, der dann wieder auftauchte. Hoffen wir’s auch in ihrem Falle.« Zu diesem Zeitpunkt war die tot oder zumindest verschollen Geglaubte allerdings schon von Mitarbeitern des gerade gegründeten Nordwestdeutschen Rundfunks in einer notdürftigen Behausung aufgefunden und zu Rundfunkarbeiten bewogen worden, die während der nächsten Jahre zu ihrer  Existenzgrundlage werden sollten.

Die hier erstmals veröffentlichten Briefe fand ich an entlegener Stelle, als Teil einer Einsendung an das von Walter Kempowski initiierte und gepflegte »Archiv unveröffentlichter Biographien«, das heute vom Archiv der Akademie der Künste verwahrt wird. Bei den Schreiben handelt es sich um insgesamt zwölf handbeschriebene Blätter auf grünlichem Luftpost- oder Durchschlagpapier, dessen Wahl auf eine Sparsamkeit schließen lassen könnte, die Keun schon in früheren Jahren keineswegs fremd war: Selbst in einem 1934 geschriebenen Liebesbrief an Arnold Strauss begründet sie den Abschluß des Schreibens mit den Worten »Wenn ich noch einen Bogen nehme, muß ich Doppelporto zahlen, dann komm’ ich mit den Marken nicht aus.«

Ihre besondere Bedeutung erhalten die Briefe aus der Tatsache, daß sie einen Lebensabschnitt der Autorin beleuchten, aus dem sich so gut wie keine Zeugnisse erhalten haben. Auch an ihren Liebhaber Strauss wird Keun erst nach Kriegsende wieder schreiben. Ihre bisherigen Biographinnen greifen daher entweder auf Zeugnisse Dritter wie die Briefe ihres zeitweiligen Ehemanns Johannes Tralow zurück oder lassen die Jahre zwischen Mitte 1940 und 1945 weitgehend unbehandelt.

In der Rückschau hat die Autorin in einem Brief an Kesten vom 10. Oktober 1946 berichtet, sie sei 1940 »mit dem falschem Paß nach Deutschland gefahren«. Über die Zeit, in der die hier abgedruckten Briefe verfaßt wurden, schreibt sie: »Na, und da habe  ich denn illegal gelebt und zeitweise illegal gearbeitet. Die ersten beiden Jahre waren am  schlimmsten. Mir war alles dermaßen ekelhaft, daß ich schon garnicht mehr vorsichtig war. (…) Menschen, mit denen ich mich rückhaltlos hätte verständigen können, fand ich nicht. Manche schimpften wohl auf Hitler, aber siegen wollten sie doch, und fast alle waren besoffen von den Sondermeldungen und Fanfaren und Liedern und Beutewaren. Tröstlich waren meine Eltern, die unbeirrbar zu mir hielten.«

Die beiden Briefe sind nicht lange nach der Rückkehr der Schriftstellerin ins Deutsche Reich geschrieben. Irmgard Keuns Aussichten, daß ihr das »Abseits als sicherer Ort« (Peter Brückner) ein beschütztes Überleben ermöglichen würde, waren außerordentlich unsicher. Bis zur Befreiung blieb sie existentiell gefährdet. Dies – und das Wissen um die nationalsozialistische Postzensur – erklären den eigentümlich zurückhaltenden, fast verhohlenen Ton, der diese Briefe auszeichnet und den Shakespeare in seinem 66. Sonett beschreibt als »tongue-tied by authority«.

Matthias Meitzel

SINN UND FORM 1/2020, S. 5-12, hier S. 5-7