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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-66-9


Leseprobe aus Heft 4/2022

Heinemann, Elke

Versuch über William Beckford im Jahr 2022


1
Social distancing, ein Schlagwort der Covid-19-Pandemie, läßt nicht von ungefähr an einen Mann denken, der 1760 in England geboren wurde und den größten Teil seines Lebens Abstand zu anderen gehalten hat. William Thomas Beckford, Schriftsteller, Baumeister, Komponist, Objektdesigner, Kunstsammler und Mäzen, im Brotberuf Millionenerbe, war ein Exzentriker, im Wortsinn ein »Sonderling«, wie der durch das britische Königreich tourende Exzentriker Hermann Graf von Pückler-Muskau 1828 zu berichten weiß: »eine Art Lord Byron in Prosa, der das prachtvollste Schloß in England baute, seinen Park aber mit zwölf Fuß hohen Mauern umgeben ließ und ebenso viele Jahre lang niemand den Eintritt darin verstattete. Nun, dieser Mann verauktionierte plötzlich jenes Wunderhaus, Fonthill Abbey (dessen großer Turm, an dem man die Nächte durch bei Fackelschein gemauert, bald darauf einfiel), mit allem, was darin war (Die Auktion dauerte mehrere Monate, und nie sah man bei ähnlicher Gelegenheit eine reichere Sammlung der kostbarsten und geschmackvollsten Seltenheiten), und zog nach Bath, wo er ebenso einsam lebt. In der Nähe der Stadt hat er abermals einen sonderbaren Turm, mitten im Felde, gebaut, dem als Dach eine genaue Kopie des diminutiv Tempels in Athen, den man die Laterne des Diogenes nennt (Denkmal des Lysikrates), aufgesetzt ist.«

2
Fast zweihundert Jahre später steht vor diesem Turm ein schwarzer Mann mit einem Fernsehteam der BBC. Der Brite Robert Beckford, Filmemacher, TVModerator, Theologe und Aktivist, stammt von Menschen ab, die William Beckford einst besaß. 1356 afrikanische Sklaven, 718 Männer und 638 Frauen, in die britische Kolonie Jamaika verschleppt und mit Peitschenhieben auf 18 Zukkerrohrplantagen zur Zwangsarbeit angetrieben, ermöglichten es dem absentee planter, in Europa fürstlich zu leben und wenig anderes zu tun, als »Melodien zu komponieren, Türme zu bauen, Gärten zu gestalten, altes japanisches Porzellan zu sammeln und Reisen nach China oder zum Mond zu beschreiben«. Der Name Beckford ist heute in Jamaika weit verbreitet: Die Sklaven hießen wie ihr Herr, sein Initial war in ihren Oberarmen eingebrannt. Nicht nur Sklaven, sondern auch Sklavenhalter waren unter seinen Ahnen, behauptet Robert Beckford, weiße Beckfords eben, schwerreiche Parvenüs, von der britischen Aristokratie verachtet und gefürchtet. Um soziales Prestige bemüht, investieren sie in England in Luxusimmobilien, Kunst, Bildung und Politik. Vergeblich hofft William Beckford auf ein Adelsprädikat und erfindet für sich eine Genealogie, in die er alle Barone der Magna Charta aufnimmt. Tatsächlich aber weist sein Stammbaum mütterlicherseits auf unbedeutende schottische Aristokraten zurück und väterlicherseits auf skrupellose Haudegen, die seit dem 17. Jahrhundert mit freundlicher Unterstützung der Krone in der Karibik Zuckerproduktion, Sklaverei und Menschenhandel betreiben. So akkumuliert sich das größte bürgerliche Vermögen Englands, das der zehnjährige William Beckford nach dem Tod des Vaters erbt. William Beckford der Ältere, auf Jamaika geboren und vom Adel als »Rumford Sugarcane« verspottet, hatte sich in London als mächtiger Politiker etablieren können. 1929 benennt man im Stadtbezirk Camden eine Grundschule nach ihm. 2020 teilt die Bezirksverwaltung mit, die Schule erhalte auf Anregung der Bewegung »Black Lives Matter« einen anderen Namen. 2021 hindert die britische Regierung den Rat der Londoner City daran, die überlebensgroße Statue des älteren William Beckford aus der Guildhall zu räumen, da es darum gehe, »unser Erbe zu bewahren und zu erklären, nicht zu entfernen«. Erklärungen für das Erbe des jüngeren William Beckford, das im Tower-Museum von Bath ausgestellt ist, sucht Robert Beckford im Auftrag der BBC. Er fragt sich, welche Art von Mann wohl täglich einen solchen Turm besteigt, um sich seiner Kunstsammlung zu erfreuen, die sorgsam abgestimmt ist auf Design und Dekoration des prächtigen Gebäudes. Die Antwort lautet: ein Mann, der in einer Phantasiewelt lebt.
(...)

SINN UND FORM 4/2022, S. 534 -539 , hier S. 534 f.