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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-62-1


Leseprobe aus Heft 6/2021

Beck, Herta

Besuch bei Erich Fried


»Wenn du schon nach London fährst, besuch Erich Fried. Gewinne ihn für unseren Beirat.« Mario gab mir die Adresse. 24, Dartmore Road.
Ich wollte in den Semesterferien nach London fahren und dort die Hausbesetzerszene kennenlernen. Wir hatten in Heidelberg mal eine Villa besetzt, die Frauengruppe, es sollte ein autonomes Frauenzentrum werden, statt Abriß. Ein Chaos, das nach wenigen Tagen mit der Räumung endete. Das ist nun fast ein halbes Jahrhundert her.
Fried gehörte zu einer Gruppe bekannter Linker, deren Namen man oft unter Resolutionen und Aufrufen las, wie Drewitz, Gollwitzer, Abendroth. Eine solche Gruppe sollte unser selbstverwaltetes revolutionäres Studentenwohnheim in Heidelberg nun vor der bevorstehenden Auflösung durch die Univerwaltung retten. Frieds Gedichte sprachen mich an, besonders die »Anweisungen zum Schlachten von Freunden«. Ich hatte aber nicht vor, bei ihm vorbeizugehen. Nur: Beim »Squatters Advisory Service« (es gab tatsächlich eine Beratungsstelle für Hausbesetzer in London) wußten sie nicht so recht etwas mit mir anzufangen. Ich irrte umher, mit Rucksack und Schlafsack.
Mit allem Mut, der mir zur Verfügung stand, fuhr ich in die Dartmore Road. Sie hieß aber Dartmouth, eine andere gab es im Straßenverzeichnis nicht. Und 22 statt 24. Aus der alten Villa (sie ist auf Fotos viel kleiner, als ich sie in Erinnerung habe) trat gerade eine alte Frau. Erich Frieds Mutter, aber das wußte ich noch nicht. Als sie weg war, klingelte ich – da stand tatsächlich »Fried« auf dem Klingelschild, und er erschien auch gleich in Person. Überzeugt, ich würde weggeschickt, spulte ich sehr viele Sätze in sehr kurzer Zeit ab. Bedrohtes linkes Projekt, Selbstverwaltung, Beirat, gerade in London. Er sagte einfach freundlich »Guten Tag«, nahm mir Rucksack und Parka ab. »Du brauchst sicher einen Schlafplatz. Meine Tochter ist übers Wochenende bei einer Freundin, solange kannst du ihr Zimmer haben. Möchtest du duschen?«
Frieds Arbeitszimmer: Wände aus Büchern, Mappen, Schachteln, heraushängenden Blättern, Ordnern, Bildern. In der Mitte ein Tisch von der Größe einer Tischtennisplatte. Papierstapel jeglicher Höhe, einzelne Blätter, noch mehr Ordner, Schachteln, Mappen,  Bücher, eine Schreibmaschine, ein Telefon – beschämt dachte ich an die akribische Ordnung in meinem Heidelberger Zimmer. Vom Erker sah man in den Garten. Dem Beirat wollte Fried nicht beitreten, die Begründung habe ich vergessen.
Aber er erzählte. Über die Briten, eine Szene, die er nach seiner Ankunft in London 1938 beobachtet hatte: wie vor einem Kaufhaus Zeitungen verkauft wurden, rechts die der Kommunistischen Partei, links die der Faschisten. Da mußte der kommunistische Verkäufer pinkeln. Er fragte den faschistischen Kollegen, ob er solange seine Zeitungen mit verkaufen könne. Klar, machte er. Fried lachte. Die Episode gefiel ihm. Er sprach über die RAF: daß Ulrike Meinhof unmöglich Selbstmord begangen haben konnte, daß Rudi Dutschke ihr den bewaffneten Kampf ausgeredet hätte, wenn er wie sie der Meinung gewesen wäre, sie sei eine passendere Frau für ihn als Gretchen, und sie, so wie sie es sich vorgestellt hatte, ein Paar geworden wären.
Er sagte: »Man muß nicht denken, daß man ein besserer Mensch ist, wenn man links ist.« Meine Ehrfurcht für Fried geriet kurzzeitig ins Wanken – konnte das stimmen?
Ziemlich oft klingelte das Telefon. Fried sprach Wiener Englisch. Einmal drang Kindergeschrei durch die Tür, ein lauter Streit zwischen zwei Jungs, dann eine Frauenstimme. Er zögerte, ging dann raus, dirigierte die Jungs mit väterlicher Autorität, das Geschrei ebbte ab, er kam zurück. Kurz darauf schoß Catherine ins Zimmer, seine Frau, gut einen Kopf größer als er, sagte, jedes einzelne Wort betonend, auf englisch: wenn sie was mit den Jungs auszutragen habe – »Do not intervene«. Die Argumente flogen hin und her, sie rief: »Male chauvinist pig!« und knallte die Tür zu.
Ich durfte tatsächlich übers Wochenende bleiben, frühstückte mit der Familie. Auf dem Klo ein kleines Bücherregal, Bände auf deutsch, Gedichte, eine Bibel. Catherine blieb etwas reserviert, aber freundlich, man nahm nicht allzuviel Notiz von mir.
Zurück in Heidelberg erfuhr ich, daß ich beileibe nicht die einzige war, die Frieds einfach so bei sich aufgenommen hatten – allein in meinem Bekanntenkreis sagten binnen kurzem drei auf meinen stolzen Bericht hin: Ich war auch dort. Noch Jahre später hörte ich das gelegentlich. Nach der Lektüre von Catherine Frieds »Über kurz oder lang« wußte ich, was sie damals ertragen mußte: daß immerzu höfliche und unhöfliche, ordentliche und unordentliche, rücksichtsvolle und rücksichtslose deutsche Linke einzeln, in kleinen und in großen Gruppen vor der Tür standen, den Rucksack fallen ließen und Gastfreundschaft beanspruchten.
Bei der Lektüre von »Mitunter sogar Lachen« wurde mir dann klar, was ich schon hätte wissen können. Daß Fried ein Leben vor der Studentenbewegung gehabt hat. Daß er in der Emigration unzähligen Menschen geholfen hat, bei denen mehr auf dem Spiel stand als das Gelingen einer Ferienreise oder die Erhaltung eines selbstverwalteten Studentenwohnheims. Daß sein Vater von einem SS-Mann totgetreten und seine Großmutter in Auschwitz ermordet wurde. Daß Fried – auch das hatte er damals erzählt, als es um die Bedeutung von einzelnen für den Lauf der Dinge ging – 1938 um ein Haar verhaftet worden wäre: »Ich fragte den Polizisten: Muß das sein?« Der Polizist habe sich kurz besonnen, dann nein gesagt und ihn laufenlassen.
Mag Erich Fried über Linke und bessere Menschen gedacht haben, was er wollte: Er war ein besserer Mensch, das weiß ich genau.

SINN UND FORM 6/2021, S. 848-849