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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-61-4


Leseprobe aus Heft 5/2021

Adorno, Theodor W.

»Sie sollten sich über diesen Ungeist wirklich einmal orientieren«.
Briefwechsel mit Hans Magnus Enzensberger 1955 – 66


Vorbemerkung

Mitte der sechziger Jahre prägten Hans Magnus Enzensberger und Theodor W. Adorno den noch vergleichsweise kleinen Suhrkamp Verlag wie eine Doppelspitze. Beide waren auf unterschiedliche Weise Identifikationsfiguren, beide rückten mit ihrem Sensorium für politische, soziale, kulturelle und künstlerische Probleme die Wirtschaftswunder- Gesellschaft gewissermaßen zurecht: Der 1903 in Frankfurt geborene und 1934 ins Exil gegangene Adorno stellte durch seinen intellektuellen Anspruch, die Ausnahmerolle des Remigranten und nicht zuletzt durch seine Präsenz im Massenmedium Radio besonders für Studierende die Verbindung zur deutschsprachigen Wissenschaft und Kultur vor 1933 wieder her, die wesentlich von Intellektuellen mit jüdischem Familienhintergrund geprägt wurden. Zudem galt er als überragender Rhetor, der es wie wenige verstand, hochkomplexe Gedanken frei vor seinem Publikum zu entwickeln.

Wurde durch Adorno die Erinnerung an die europäische Bedeutung der deutschsprachigen Philosophie, Musik und Literatur vor dem Zivilisationsbruch aktiviert, so schien Enzensberger einen Weg in die Zukunft für all diejenigen zu weisen, die zu spät auf die Welt gekommen waren, um sich im Nationalsozialismus schuldig zu machen. Dadurch, daß er erst Ende 1929 geboren wurde, war Enzensberger sogar zu jung gewesen, um als Menschenmaterial verheizt zu werden. Als man ihm 1945 eine Waffe in die Hand drückte, war der Krieg schon so gut wie vorbei. Der hochbegabte Jugendliche ergriff sofort die Gelegenheit, sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen. Anders als den meisten seiner Kameraden ging es ihm dabei nicht nur ums nackte Überleben und um eine bescheidene Teilhabe am relativen Wohlstand der amerikanischen Besatzer. Enzensberger war auch bildungshungrig: Er wollte von den GIs lernen, er wollte raus in die Welt und wurde, ehe er sich’s versah, zum Dolmetscher und Leser von Weltliteratur. Denn die GIs brachten nicht nur Exotika wie Dosenfleisch der Marke Spam oder Nescafé, sondern auch eine Form von Verpflegung, die jene Soldaten, die mit dem jungen Sprachkünstler rasch fraternisierten, selbst für vollkommen nutzlos hielten: eine Kiste voller amerikanischer Bücher. Für den Schüler Hans Magnus allerdings wurde diese zum ersten Handapparat, zum ersten Museum der modernen Poesie.

Unter anderem enthielt die Kiste eine der berühmten Lyrik-Anthologien von Louis Untermeyer:

»Anscheinend war in Washington irgendjemand zu der Überzeugung gelangt, daß die Truppe unbedingt William Carlos Williams, T. S. Eliot, Marianne Moore und Wallace Stevens lesen wollte …« (»Wie ich fünfzig Jahre lang versuchte, Amerika zu entdekken «, in: »Scharmützel und Scholien«, 2009) Noch erstaunlicher war, daß Enzensberger in ihr auch bislang verbotene deutsche Meisterwerke entdecken konnte. So habe er zum ersten Mal den »Zauberberg« und den »Process« gelesen, und zwar in englischer Übersetzung.

Der kalifornische Zirkel um die Familie Mann, zu dem auch Adorno gehörte, war ihm damit schon nähergerückt, als er es jemals hätte ahnen können. In der Rückschau erscheint vieles zielgerichtet und sinnvoll, was im Augenblick des Erlebens nur zufällig gewesen ist, eine Möglichkeit unter vielen. Durch sein früh ausgeprägtes Gespür für maßgebliche Stimmen der internationalen Moderne wurde Enzensberger später als Lyriker, Essayist und Herausgeber wegweisend für das Programm des Suhrkamp Verlags und für mindestens zwei Generationen literarisch Interessierter. Hinzu kam das seltene Talent, gesellschaftliche Debatten zu provozieren und zu forcieren, mit dem er seine anfangs ebenfalls bei Suhrkamp veröffentlichte Zeitschrift »Kursbuch« zwischen 1965 und 1970 zum wohl wichtigsten Organ der Studentenbewegung machte. Enzensbergers Ausnahmebegabung hatte sich bereits zu Beginn seiner Laufbahn gezeigt, besonders bei seinen Radioarbeiten.

Daher wirkt es fast selbstverständlich, daß er in den fünfziger Jahren auf Adorno und Horkheimer stieß, und dies noch bevor er selbst Suhrkamp-Autor wurde. Die »Dialektik der Aufklärung« besorgte er sich in der seinerzeit schwer erhältlichen Ausgabe von 1947, und die Lektüre des grundlegenden Werkes der Kritischen Theorie wurde zum Anlaß jenes Briefes, den er Adorno am 24. August 1956 aus einem nagelneuen Hochhaus im Stuttgarter Süden schrieb. Er markiert den Beginn des eigentlichen Austauschs zwischen beiden. Daß das Denken Adornos und Horkheimers einen fünfundzwanzigjährigen Intellektuellen in der Adenauerzeit herausforderte und inspirierte, ist nicht erstaunlich. Überraschend hingegen, daß der renommierte und durchaus statusbewußte Adorno dem talentierten, aber noch weitgehend unbekannten Enzensberger antwortete, als wäre er ein einflußreicher Kollege. Wie kam es dazu?

Abgesehen davon, daß Adorno der Ton, den der junge Autor anschlug, imponiert zu haben scheint, wird es daran gelegen haben, daß er Enzensberger in den Monaten zuvor bereits persönlich kennengelernt hatte. In dieser Zeit machte Alfred Andersch den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart zu einer wichtigen Adresse für ambitionierte Schriftsteller und Wissenschaftler, die mit ihren Arbeiten über die Fachkreise hinaus wirken wollten. Adorno gehörte mit seinen Radiovorträgen zu Anderschs bevorzugten Mitarbeitern, und Enzensberger war seit 1955 sein Assistent.

Enzensberger hielt es nicht lange auf dem Posten eines festangestellten Rundfunkredakteurs aus. Dennoch verdankt er der Stuttgarter Zeit und seinem ersten Mentor viel: Andersch zeigte ihm, wie man als Redakteur und Schriftsteller professionell arbeiten konnte, und machte ihn, was oft vergessen wird, mit einer Reihe wichtiger deutschsprachiger und internationaler Autoren bekannt. Ihre Texte sendete Andersch nicht nur im Rundfunk, er veröffentlichte sie auch in der von ihm zwischen 1955 und 1957 herausgegebenen Zeitschrift »Texte und Zeichen«, die in manchem dem späteren »Kursbuch« ähnelte.

In einem unveröffentlichten autobiographischen Gespräch erinnerte sich Enzensberger 1974 an seine Anfänge beim Rundfunk und daran, daß es immer ein besonderes Ereignis gewesen sei, wenn Adorno aus Frankfurt zu Aufnahmen nach Stuttgart kam. Der Philosoph sei dabei stets von ausgesuchter Höflichkeit gewesen: »Er trat vor das Mikrophon im Studio, er war leutselig, er hat einen freundlich begrüßt, auch den jungen Redakteur (…). Wenn der dann wirklich etwas Inhaltliches dazu gesagt hat, zu dem Vorhaben, hat er sehr geneigt zugehört (…), manchmal sogar ist er auf den Gedanken eingegangen, der geäußert wurde. Und das war schon ungewöhnlich genug. Und das hat ihn vom Mandarin unterschieden.« (Autobiographisches Interview, geführt von Gaston Salvatore, Abschriften, dritte Mappe, S. 9, DLA Marbach, A: Enzensberger, Hans Magnus) Adorno habe immer frei gesprochen, frei und druckreif, was dem jungen Enzensberger zutiefst imponierte. Im Rhetorischen wurde er für ihn zum unerreichbaren Vorbild. Erst in späteren Jahren seien Enzensberger auch Adornos persönliche Schwächen und Defizite aufgefallen, die Verletzungen, die sein Leben geprägt hatten, und vor allem sein unerfülltes Künstlertum.

Anfang 1960, nach Peter Suhrkamps Tod, wurde Enzensberger auf Siegfried Unselds Wunsch Lektor im Suhrkamp Verlag. Zufälle oder persönliche Beziehungen sorgten dafür, daß er in der Frankfurter Westendstraße in unmittelbarer Nähe der Adornos eine Wohnung fand und von seinem Balkon aus in den Kettenhofweg blicken konnte. In Frankfurt sei er »sein Nachbar« gewesen, erinnerte sich Enzensberger später: »Das heißt, an der anderen Seite des Blocks war die Wohnung von Adorno, eine einigermaßen großbürgerliche Wohnung im Westend in Frankfurt. Und da ergab sich, er nahm auch Notiz davon, das war ja dieser junge Mann da, aus dem Radio, und der ist jetzt hier im Verlag, und der hat auch dieses und jenes veröffentlicht. (…) Und dann wurde man da auch eingeladen. Da gab es diese Abende bei Adorno. Und ich ging auch in die Universität gelegentlich, um ihn zu hören. Und immer war da diese imponierende rhetorische Fähigkeit von ihm, die war einfach unwiderstehlich. Hinreißend. Und er hat nicht memoriert gehabt, es war produziert beim Sprechen.« (Ebd.)

Die Frankfurter Anstellung bei Unseld blieb für Enzensberger kaum mehr als ein Zwischenspiel, genau wie jene beim Süddeutschen Rundfunk. Von 1962 an zog er es vor, mit seiner norwegischen Frau Dagrun und ihrer Tochter Tanaquil auf der abgelegenen Insel Tjøme zu leben. Diesen Rückzug aus Westdeutschland verstand er durchaus auch als Antwort auf den Provinzialismus des Literaturbetriebs, in dem er zugleich immer erfolgreicher agierte. Spätestens der Band »Einzelheiten« aus demselben Jahr machte Enzensberger zum maßgeblichen Essayisten seiner Generation. Eröffnet wird das Buch mit einem Versuch über die »Bewußtseins-Industrie«, den man als eine unmittelbare Reaktion auf die »Dialektik der Aufklärung« lesen kann und der von Adorno genau so verstanden wurde. Nun verwandelte sich die intellektuelle Beziehung zwischen Adorno und Enzensberger tatsächlich in einen Austausch zwischen Gleichgesinnten, die allerdings so weit voneinander entfernt wohnten, daß die Post oft mehrere Tage benötigte. So reichte es nur noch zu gelegentlichen Treffen im Umfeld des Suhrkamp Verlags und zu jenem Briefwechsel, der hier erstmals veröffentlicht wird, soweit er in Hans Magnus Enzensbergers Papieren im Deutschen Literaturarchiv Marbach, im Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt am Main, und im Historischen Archiv des SWR überliefert ist.

In den legendären Anfangsjahren der Zeitschrift »Kursbuch« erschien letztlich nie ein Beitrag Adornos, so sehr sich Enzensberger auch darum bemühte. Reizvoll und politisch akut wäre eine Kritik am Parteiprogramm der SPD gewesen, die sich Adorno im Herbst 1965 vornahm. Darüber, warum er diesen Essay niemals schrieb, kann nur spekuliert werden. Am Willen und an Sympathie für Enzensberger und dessen Projekte scheint es nicht gefehlt zu haben. Wahrscheinlich fühlte sich Adorno tatsächlich aus inhaltlichen Gründen gehemmt, wie Enzensberger in dem autobiographischen Gespräch vermutete. Er erinnerte sich, Adorno bei einer persönlichen Begegnung einmal nach den Gründen gefragt zu haben, im Vertrauen, unter alten Bekannten. Adorno habe auf entwaffnende Weise zugegeben, »Angst« gehabt zu haben vor dieser »Kritik des Godesberger Programms «, mit der er sich in die Tradition von Karl Marx’ Kritik des Gothaer Programms gestellt hätte: »Und so unbegründet, so irrational diese Angst gewesen sein mag, das war eine Antwort, die war sehr gut, weil sie wahr war. Das war der Grund.«

Erinnerungen dieser Art sollte man nicht unbedingt trauen, Enzensberger selbst hat dies 2014 mit seinem autobiographischen Großversuch »Tumult« exemplarisch vorgeführt. Unabhängig davon kann man ihm allerdings getrost zustimmen, daß es eher für als gegen Adorno sprach, sich einer intellektuellen und publizistischen Herausforderung auch einmal nicht gewachsen gefühlt zu haben.

Jan Bürger

SINN UND FORM 5/2021, S.581-613, hier S. 581-584