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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-59-1


Leseprobe aus Heft 3/2021

Große, Jürgen

Die Namen des Bösen


Präambel: Methodische Probleme der Dämonenkunde

In der politischen Publizistik sind Modernisierungstheoreme nach wie vor beliebt. Über ein Jahrhundert waren sie zumeist als Säkularisierungstheorien aufgetreten. In diesen ging es nicht einfach darum, dem politischen Gegner ein Modernitätsdefizit, gar intellektuelle Zurückgebliebenheit zu unterstellen. Säkularisierungstheoretiker erhoben auch den Anspruch, solche Defizite erklären zu können: Der moderne Mensch, zumal wenn geistig-moralisch schwach gebaut, leide an einem Sinnverlangen, das einst die Religion befriedigt habe. Doch sei die Zeit religiöser Sinngebung für Individuum und Gesellschaft unwiderruflich vorüber. Politische »Ideologien« seien Pseudoreligionen, Substitute für etwas, wonach »in der Moderne« redlicherweise niemand mehr verlangen könne.
Das Prekäre dieses Deutungsschemas war und ist, daß es zwischen einem legitimen und einem illegitimen Gebrauch religiöser Topoi zu unterscheiden zwingt. Die Säkularisierungsthese hat deshalb immer wieder Einsprüche provoziert. Berühmt wurde Hans Blumenbergs Buch »Die Legitimität der Neuzeit«. Es wandte sich bereits mit seinem Titel gegen Karl Löwiths »Weltgeschichte und Heilsgeschehen«. Dennoch hat das Säkularisierungsschema kaum an Attraktivität eingebüßt. Es vermag unterschiedlichste Sprachebenen zu verbinden: theologische, philosophische, einzelwissenschaftliche, lebensweltliche. Dies begünstigt seine Allverwendbarkeit. Wenn aber religiös-theologische Sinnreste praktisch überall zu gewärtigen sind, können sie unmöglich überall in gleicher Weise sichtbar sein!
Ein vermeintlich oder tatsächlich durch die Moderne entfremdeter theologischer Begriff wie der des Bösen beispielsweise wird selten unter diesem Namen auftreten. Die Macht des Bösen bekundet sich augenscheinlich in der Scheu, von ihm zu sprechen. Ja, gerade die oft vermiedene Diskussion darüber, ob man überhaupt von ihm, mit ihm oder doch lieber nur über es sprechen sollte, suggeriert seine Realpräsenz. Man denke an die Unsicherheit rings um den Begriff »populistisch «, dessen deskriptiver Wert mit seinem polemischen Gebrauch fest verbunden scheint! Die Prominenz des Populismusbegriffs hat gezeigt, daß vielen Analytikern und Aktivisten das F.-Wort seit längerem auf der Zunge lag und daß sie doch fürchteten, dieses Urmeter des Bösen würde durch wörtliche Ansprache von einem analytischen zu einem politischen Agens aufsteigen. Gewinnt der Faschismus an Macht, wenn man auf ihn zeigt, wo er sich zeigt? Wenn man auf ihn zeigt, wo er sich noch nicht zeigt? Wenn man überall dorthin zeigt, wo er sich zeigen könnte? Treibt etwa die Allgegenwart des F.-Worts das Böse in eine Camouflage, durch die es vollends unfaßbar und dadurch allmächtig wird? Steht das Böse vor den Toren, ist es schon in der Stadt, herrscht es, ohne sich zu zeigen? Seine Gegenwart und seine substantielle Macht scheinen leichter bestimmbar als sein Ort. Fehlt es bislang an einer umfassenden Topologie des Bösen?
Nachfolgende Überlegungen widmen sich dem Thema bescheidener und abstrakter. Ihre Hypothese lautet: Das Böse hat auch nach aller Säkularisierungstheorie wie der Kritik an ihr seinen festen Platz innerhalb politischer Konfliktdeutungen. In der Ideengeschichte der Bundesrepublik waren die Namen des Bösen durch die Plätze bestimmt, die ihm ein jeweils kulturdominierender Antikommunismus, Antitotalitarismus und Antifaschismus zuwiesen. Die Techniken der Platzanweisung sind beständiger, mithin leichter analysierbar als dasjenige, was dadurch plaziert wird. Es soll daher nicht geforscht werden, was oder gar wer das Böse an sich sei. Statt dessen wird nach den Formen seines Erscheinens gefragt. Das Verfahren ist also eher das einer Phänomenologie denn einer Ontologie des Bösen.


1. Konflikt

Ein ontologisch-moralischer Dualismus ist noch heute die populärste Form, dem Bösen seinen Platz zuzuweisen. Das Böse ist hierbei schlicht der Widersacher, ist Gestalt und Prinzip. Es agiert eigenständig, aber stets bezogen auf ein Gutes (in der Regel: Eigenes). In dieses sucht es einzubrechen, ob durch frontales Anrennen oder durch tückisches Wühlen. Das Schema hat den kalten Krieg zwischen Kommunismus und Antikommunismus überdauert. Schon damals wurde das Denken »Für oder wider uns« gern der jeweiligen Gegenseite zugeschrieben, als deren originäre Konfliktbedürftigkeit. Mitunter beklagte man – religionshistorisch nicht ganz korrekt – politischen und ideologischen »Manichäismus«, ein Gegenüber von Licht und Dunkel. Richtiger wäre dies Zwei-Prinzipien-Denken als Marcionismus benannt. Typisch ist der spiegelbildliche Aufriß, worin sich die zwei Konfliktmächte begegnen. In der Begegnungszone selbst, die nichts als Kampf sein kann, herrschen Gesetze, die diese Mächte nicht gemacht haben. Ihre Vertreter sprechen von »Realpolitik«, »Logik der Stärke«, die eine Ethik des »harten Durchgreifens«, »der angemessenen Reaktion« usw. begründen. Für Denker, die in »Konflikt«-Kategorien nur eine historisch begrenzte Gestalt von politischem Bewußtsein sehen, bildet dieses Szenario übergreifende Zusammenhänge ab, jedoch systematisch verzerrt: Das dualistische, insbesondere das moraldualistische Schema sei philosophisch interpretationsbedürftig. »Philosophisches Denken« bedeutet hier ein Denken von oben herab, dem die religiös-moralische Semantik nicht mehr als Höchst- oder Letztgestalt des Geistes gilt. Desto deutlicher enthüllt sich solchem Niederblick die formale Struktur des Konflikts. Exemplarisch dafür wäre etwa die Äquivalenz von Gut und Böse im persischen Zarathustraglauben, durch Hegel als moralische Erstgestalt einer – europäisch zentrierten – Weltgeschichte des Geistes gedeutet. An sie erinnern bis heute die wechselseitigen Satan / Evil-Attributionen zwischen dem Iran und den USA. Deren Verteufelungsrhetoriken wiederum ähnelt die Abendlandsideologie aus der schroff antisowjetischen Frühzeit Westdeutschlands. Die besondere Beziehung der BRD zu den USA als Denk- und Politikraum sollte sich freilich nachhaltiger in der Totalitarismustheorie manifestieren. Für sie ist charakteristisch, daß ein etwaiger Gestaltwechsel des Bösen selten durch höherstufige Vermittlungen aufgehoben, sondern eher durch politologische, soziologische, fast immer aber psychologisierende Reduktion (heute zum Beispiel: »antielitäre Wut«, »antidemokratische Stimmungen«) interpretierbar wird. Daher die Attraktivität einer politischen Entlarvungsrhetorik, der bislang sämtliche Milieus der (Alt)Bundesrepublik gehuldigt haben. Die Mitte im Blick der Rechten: eine verlarvte Linke. Die Mitte im Blick der Linken: eine verlarvte Rechte. Die Ränder im Blick der Mitte: zwei verlarvte Würger, zu taktischem Bündnis bereit, um dieser Mitte die politische Lebensluft abzudrücken. Das Böse konzentriert sich im – selbstredend feindseligen – Affekt des Gegenübers; das polemische Szenario überdauert daher seine ideologischen Sinn-Besetzungen. Auf die Strukturbeständigkeit des politisch Bösen kann man vertrauen!
Der dämonologische Entlarvungsimpuls manifestiert sich in einer unverkennbaren Sprache. Sie ist metaphernfreudig, oft virologisch. Das Böse in Affektgestalt sei etwas, das intrigiert, insinuiert, infiltriert, infiziert, das in alldem jedoch prinzipiengeleitet, somit souverän verfährt. Ja, mitunter zielen die Entlarver des Bösen ausdrücklich auf seine emotionale Kälte, mit welcher es Affekte manipuliert oder gar erst generiert (»Demagogie«, Verführungsmotiv). Durch die einschlägigen Entlarvungsszenarien entsteht daher leicht der Anschein, daß etwa Haß, Wut und überhaupt aggressive Impulse durch ihre Stetigkeit sich psychologischer Analyse oder moralischer Wertung entzögen. Der Haß, der vom Bösen ausstrahlt, gewinnt durch seine Kälte schließlich den Rang eines ontologischen Prinzips.
An diesem Punkt wäre die Entlarvungshermeneutik auf ihre implizit beanspruchten, nur selten explizierten metaphysischen Voraussetzungen zu befragen. Eine umfassend und konsequent entworfene Version des Konfliktmodells würde folgende Schichtung zeigen: 1. zwei moralisch widerstreitende Prinzipien, die sich 2. in ihrem Widerstreit durch charakteristische Gefühlsausdrücke (zum Beispiel »freundliches Gesicht« gegen »Haß im Herzen«) artikulieren und dabei 3. Eine etablierte politische Begriffssprache (etwa Menschheitsethos gegen Nationalinteresse) beanspruchen.
Auf den ersten Blick erscheint die Entlarvungspsychologie als ontologisch schwächere, zumindest schlichtere Version des Konfliktmodells. Politologisch angeleitete Entlarvungskunst trennt ja die Idee vom Impuls, den sie in seiner schäbigen Blöße enthüllen und so entmachten will. Die Abtrennung der affektiven Energie von den vermeintlichen Camouflage-Gestalten des jeweiligen Bösen, das heißt von ihren Kampf- und Wertwörtern (als Parcours durchs politische Spektrum: »Nation«, »Demokratie«, »Gerechtigkeit«), bewirkt nun aber eine Moralisierung des Affektiven selbst. Dämonenontologisch zurückhaltend ist das nicht. Doch bleiben solche Affekt-Attributionen lagerübergreifend beliebt. Daran läßt sich erkennen, wie psychologische, zuweilen gar physiologische Zuschreibung (etwa: »hormongesteuert«) politische Wertentscheidungen desavouieren soll.
Die Einwände und Strategien gegen bipolares Denken sind bekannt. Im Betroffenheits- und »Keine-Gewalt!«-Diskurs, zeitweilig verbaler Begleiter realer Entspannungspolitik, gilt das Denken in schroffen Gegensätzen als hauptschuldig an »Zersplitterung«, »Zerspaltung«, »Zerstörung« sozialen Seins. Die Rede vom Bösen entstamme dessen Reich selbst, das Starren auf vermeintliche Spaltung entlarve daher den Spalter. Psychologisch geschulte Entlarver argumentieren mit der Metapher einer »Projektion«: das feindliche Andere zeige das Eigene in einem Spiegel, in den der Freund-Feind-Denker nicht schauen will. Das Böse folgt dem Guten demnach wie ein Schatten, der dessen Souveränitätsgesten imitiert. Der kalte Krieg hatte das durch die Figur des Dissidenten illustriert. Der Dissident bleibt abhängig von der Orthodoxie, die er bekämpft, er verharrt in einer seelischen Substanzleere, einer Verfestigung von Widerspruch und Abwehr zum Daseinsgrund. Der zum Antikommunisten gewordene Kommunist, später: der zum Radikaldemokraten gewordene Linksradikale sind diesbezüglich die autochthonen, augen- und noch mehr ohrenfälligen Geschöpfe der bundesdeutschen Politikfauna.
Gegen ihre moralisch lautstarke Selbstgewißheit wende(te)n sich Selbstkritik- und Selbstbefragungsrhetoriken, meist versöhnungstheologischen Typs (»Wer ohne Vergangenheit ist, werfe den ersten Stein!«). Im politideologischen Raum gab es aber auch Versuche, die polare Konflikt-Symmetrie durch asymmetrische Modelle aufzulösen. So heißt es beispielsweise, das Böse suche sein Reich durch semantische Verdrehungen zu gewinnen, beweise dadurch jedoch nur, daß es ihm in Sein wie Denken an Autonomie fehle. Diese Privationstheorie des Bösen, aus der theologischen Tradition wohlvertraut, begegnet heute in vielerlei Gestalt: Das Heidnische, Neuheidnische, Neufaschistische nähre sich vom Kadaver abendländischer Kirchenfrömmigkeit; das links oder rechts Randständige bedürfe der liberalen Mitte; das Aggressive zehre vom Friedlich-Arglosen, darin aber sozial und vielleicht auch vital Überlegenen. Das Böse erlangt nach all diesen Interpretationen seine Macht einzig dadurch, daß man an ihre Souveränität glaubt, weil man sie nicht als ontologisches Blendwerk, eben als »Projektion « durchschaut.
Die Schwäche derartiger Versuche, moralische und politische Gut-Böse-Konfliktschemata nicht in höherstufiger Vermittlung, sondern durch eine Verortung des Konfliktprinzips und damit -grundes auf einer Konfliktseite aufzulösen, liegt offen zutage: Die polemische Rede von der Genese des Bösen durch seine »Projektion « wäre endlos fortsetzbar, der Ort des Bösen politisch-semantisch beliebig besetzbar. Dennoch ist der Infiltrations- und Vergiftungsgedanke innerhalb eines Bipolarismus die wohl höchstmögliche Komplexitätsstufe.
(…)

SINN UND FORM 3/2021, S. 318-328, hier S. 318-322