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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-59-1


Leseprobe aus Heft 3/2021

Hartmann, Bernhard

»Neuanfänge sind niemals leicht«. Gespräch mit Irit Amiel


BERNHARD HARTMANN: Als Sie vor gut zwei Jahren einen Unfall hatten, habe ich Ihnen per E-Mail baldige Genesung gewünscht. Sie schrieben mir zurück: »Wir sogenannten Shoah-Überlebenden haben so etwas wie einen Sensor, einen Rettungsknopf in uns. Und immer, wenn uns etwas Schlimmes passiert, drücken wir diesen Knopf und dann ist wieder alles möglich.« Wie funktioniert das?
IRIT AMIEL: Bei mir vor allem so, daß ich nicht den Kopf verliere, wenn etwas passiert. Ich weiß, daß ich meine Kinder anrufen muß, Oni und Dita. Seit einiger Zeit habe ich auch einen echten Notrufknopf, mit dem ich den Krankenwagen alarmieren kann. Den Rest erledigt dann der Arzt … Als ich nach meinem Sturz  operiert werden mußte, sah es so aus, als würde ich nicht mehr laufen können. Ich saß im Rollstuhl, aber ich habe mir vorgenommen: »Ich stehe wieder auf.« Und ich bin aufgestanden. Später hat mir ein Physiotherapeut Übungen gezeigt, eine Art Tanz, die mache ich bis heute. Mittlerweile schaffe ich wieder die zwei Kilometer in den benachbarten Park. Nicht mehr laufen? Oh nein! Man darf sich nicht unterkriegen lassen. Auch nicht von der Panik, von der Angst, die uns ständig im Nacken sitzt. Außerdem habe ich Glück mit den Menschen. Vor zehn Jahren habe ich eine junge Polin kennengelernt, die zum Judentum konvertiert ist und einen Israeli geheiratet hat. Sie war nett und sehr fromm, eine bessere Jüdin als ich. Jetzt ist sie meine Assistentin. Als ich im Krankenhaus lag, suchten wir nach einer Pflegerin, damit ich weiter in meinem Haus leben konnte. Viele Bewerberinnen sprachen vor allem davon, was wie zu sein hätte, was sie bräuchten, wann sie freihaben wollten und so weiter. Bis eine Srilankerin hereinkam, sich an mein Bett setzte, kein Wort redete und mich einfach ansah, bis sie irgendwann sagte, sie würde gern bei mir bleiben, solange ich lebe. Und ich sagte: »Das möchte ich auch.« Seitdem leben wir zusammen hier.
HARTMANN: Sie wurden 1931 als Irena Librowicz in Tschenstochau geboren. Erinnern Sie sich, wie das Leben Ihrer Familie und die polnisch-jüdischen Beziehungen vor dem Krieg aussahen?
AMIEL: In Tschenstochau lebten vor dem Krieg 35 000 Juden, das war knapp ein Viertel der Stadtbevölkerung. Und beileibe nicht alle waren religiös. Meine Familie war assimiliert, bei uns wurde polnisch gesprochen. Die polnisch-jüdischen Beziehungen waren nicht sonderlich gut, an den Universitäten gab es die Ghettobänke, wer Arzt oder Lehrer werden wollte, mußte sein Judentum aufgeben. Sonst hätte er nicht studieren können. Es gab vor dem Krieg einen starken Antisemitismus in Polen und es gibt ihn bis heute, obwohl fast keine Juden mehr dort leben, weil sie von den Deutschen ermordet wurden, teils unter aktiver und bereitwilliger Mithilfe der Polen. Wie 1939 die Atmosphäre in Polen war, müssen Sie bei den Historikern nachlesen. Mir fällt es schwer, darüber zu sprechen, ich war acht, als der Krieg ausbrach.
HARTMANN: In Ihrer Autobiographie »Arbeitstitel: Leben« schreiben Sie mit großer Zuneigung über Ihre Eltern, aber auch mit einer gewissen Distanz. An einer Stelle sagen Sie, wenn nicht Krieg und Shoah gewesen wären, hätten Sie als Erwachsene sicher mit ihnen über Ihre Erziehung diskutiert, die Sie »nicht auf das Leben, auf eine selbständige Existenz vorbereitet« habe.
AMIEL: Das ist nicht leicht zu erklären, denn meine Eltern waren außergewöhnliche Menschen. Sie stammten aus Großfamilien, meine Mutter hatte sieben Geschwister, sie wußte, wie schwer es war, auf Mutters Schoß zu gelangen. Sie glaubte, man könne nur ein Kind wirklich lieben. Meinen Vater vergötterte ich, ich vertraute ihm alle Geheimnisse an. Die beiden wollten ihr Kind schützen, sie schickten es nicht zur Schule, sondern engagierten eine Hauslehrerin, damit es nicht mit dem Antisemitismus konfrontiert würde, nicht mit der Wirklichkeit, damit es sich sicher fühlte … Vor diesem Hintergrund war es um so bemerkenswerter … bemerkenswerter und mutiger, daß sie mich im September 1942 am Tag der Aktion auf die andere Seite schickten, elf war ich damals …
HARTMANN: Der »Tag der Aktion« war der Tag, an dem die Deutschen ins Ghetto kamen und Menschen verhafteten, um sie nach Treblinka zu deportieren. Damals schmuggelte Ihr Vater Sie durch ein Loch in der Wand eines Hauses an der Grenze zur sogenannten arischen Seite aus dem Ghetto.
AMIEL: Wir hatten schon vorher mehrfach versucht, aus dem Ghetto zu fliehen. Ich hatte gute Überlebenschancen, weil ich nicht jüdisch aussah. Ich hatte helles Haar, einen Zopf, mein Kindermädchen hatte mir die katholischen Gebete beigebracht. Einige frühere Versuche waren gescheitert, denn es war nicht so, daß man bei Kaffee und Gebäck zusammensaß und in Ruhe überlegte, vielleicht machen wir dies oder das. Man mußte je nach Situation schauen, was möglich war. Und an Jom Kippur ging es los, denn sie quälten uns mit Vorliebe an den Feiertagen. Und keiner, wirklich keiner ahnte … Ich erinnere mich, daß mein Bekannter Michał angefahren kam und rief: »Hört zu, sie töten die Juden!« Keiner wollte ihm glauben, die Leute sagten: »Er is meschigge gewordn.« Denn sie erinnerten sich an die Deutschen aus dem Ersten Weltkrieg, da hatte es noch geheißen: »Bitte sehr« und »Danke sehr«. Auch mein Vater zog später Arbeitsschuhe an, weil er dachte, er führe zur Zwangsarbeit.
HARTMANN: In Wirklichkeit fuhr er nach Treblinka, wo er wie Ihre Mutter ermordet wurde. Zuvor gelang es ihm aber noch, Sie vor der Deportation zu retten. In »Arbeitstitel: Leben« beschreiben Sie die Szene dieser Rettung als zweite Geburt.
AMIEL: Ja, man könnte sie aber auch ganz anders erzählen. Etwa so: Was empfindet ein Kind, wenn es weggegeben wird? Was empfindet es sein Leben lang? Es denkt sein Leben lang, Vater hat mich gerettet, und deshalb lebt jetzt der und der und der – es gibt ein Gedicht, in dem ich aufzähle, wer ihm alles das Leben verdankt. Aber es könnte auch denken, er hat es sich leichtgemacht, er hat sich mit seiner über alles geliebten, schönen und sinnlichen Frau davongemacht und ihr gesagt: »Wir können uns noch so eine Irenka machen.« Irenka hat nicht so gedacht, aber bei Saul Friedländer habe ich irgendwann gelesen, daß er seinen Eltern lange böse war, weil sie ohne ihn in die Öfen gegangen waren. Als ich das las, dachte auch ich kurz, mein Vater hätte mich verraten, weil er mich nicht mitnahm. Aber nur kurz …
HARTMANN: Nach der endgültigen Flucht aus dem Ghetto lebten Sie unter falscher Identität erst auf dem Land und später in Warschau, wo Sie 1944 Augenzeugin des Warschauer Aufstands wurden. Ihr Onkel Marian Hassenfeld half Ihnen, so gut er konnte. Sie hätten nach dem Krieg bei ihm bleiben können, aber Sie wollten nach Palästina.
AMIEL: Bei Kriegsende wußten wir noch nicht, was den Juden angetan worden war. Wir wußten von Deportationen, Lagern und Zwangsarbeit, aber bis wir die ganze Wahrheit erfuhren, habe ich jeden Tag auf meine Eltern gewartet, einen Monat lang. Währenddessen ging ich zur Schule, aber das war stinklangweilig. Ich war belesen, weil ich in jedem meiner Verstecke gelesen hatte. Wo immer sich ein Buch fand, las ich … Ich hatte verschiedene Möglichkeiten. Mein Onkel wollte mich adoptieren, aber dafür fand ich mich zu alt. Ich hätte zu Verwandten nach Kuba gehen können, und in den USA lebte eine Schwester meiner Mutter, die von der Aussicht auf Familienzuwachs freilich wenig begeistert war. Meine bevorzugte Option war eine Kibbuz-Gruppe, die erste, die gleich nach Kriegsende in Warschau entstanden war. Dort waren unter anderem meine Freundinnen, die fast alle Zwangsarbeiterinnen bei der HASAG (Hugo und Alfred Schneider AG) in Tschenstochau gewesen waren, und dort wollte ich auch hin. Allerdings stellte sich heraus, daß diese Gruppe schon nach Palästina aufgebrochen war. Doch es sollte eine neue Gruppe gebildet werden. So begann meine Reise. Ich bin von zu Hause weggelaufen, anfangs wurde ich sogar von der Polizei gesucht …
HARTMANN: Es war nicht leicht, nach Palästina zu kommen. Sie mußten sich zum Mittelmeer durchschlagen, großenteils zu Fuß, dann wurde Ihr Schiff von den Briten abgefangen und Sie saßen fast ein Jahr in einem Displaced-Persons-Lager auf Zypern fest. Insgesamt dauerte die Reise zweieinhalb Jahre. Haben Sie unterwegs nie den Mut verloren?
AMIEL: Ich war damals in einem Alter, in dem der Mensch glaubt, er sei zu allem imstande. Und ich hatte die für junge Leute typische Abenteuerlust. Zugleich war ich verzweifelt, weil ich begriffen hatte, daß es in Polen nie anders sein würde – ich wollte dem Antisemitismus entkommen, den ich nach dem Krieg erlebt hatte. Und natürlich wollte ich die Welt verbessern und beim Aufbau eines jüdischen Staats mithelfen. Die Araber und alles andere haben mich damals nicht interessiert, nur die Juden. Ich war fest überzeugt und bin es bis heute, daß es einen Ort geben muß, an dem ein Jude, dem es schlechtgeht, Zuflucht finden kann. Israel muß existieren. Selbst wenn es dazu zwei Staaten geben müßte, was auch seine Risiken hätte.
HARTMANN: Nach der Ankunft in Palästina haben Sie, wie Sie in »Arbeitstitel: Leben« schreiben, »Irenka begraben und Irit erschaffen«. Wie haben Sie die erste Zeit im neuen Land empfunden?
AMIEL: Es war ein Neuanfang und Neuanfänge sind niemals leicht. Mitten im Leben. Die Israelis damals … Der Mensch sieht immer nur das, was um ihn herum ist. Was anderswo geschieht, sind Zeitungsmeldungen. Menschen werden ermordet, aber man sieht es nicht mit eigenen Augen, man schüttelt den Kopf und sagt, wie schrecklich … Aber es ist nicht dein Leben, nicht du mußt dich verstecken, weil du sonst umgebracht wirst. Es war nicht einfach, diesen Israelis zu begegnen, die … Wir kamen aus religiös geprägten Familien, zwar nicht mehr durch unsere Eltern, aber durch die Generation unserer Großeltern. Und hier war alles ganz anders. Hier gab es Kibbuze und einen berühmten Schriftsteller, Moshe Shamir, der über seinen im Unabhängigkeitskrieg gefallenen Bruder schrieb: »Elik nolad min ha yam. Elik wurde aus dem Meer geboren.« Das bedeutete, er hatte keine fromme Großmutter, keinen Großvater mit Bart, sondern gehörte zu denen, die früher hergekommen waren und die Geschichte dieses Landes verändert hatten. Sie waren melakh ha’aretz, das Salz der Erde. Ihre Eltern waren aus allen möglichen Käffern in Polen und anderswo ausgewandert, aber sie hatten inzwischen eine völlig neue Generation herangezogen. Für uns war das alles zu viel auf einmal. Wir wurden nicht freundlich oder mit Neugierde aufgenommen. Am Anfang mochte uns niemand. Die Leute waren skeptisch, sie fragten: Wieso hast ausgerechnet du überlebt? Was hast du getan, um am Leben zu bleiben? Das war nicht einfach. Trotzdem habe ich nie bereut, daß ich hierhergekommen bin.
(…)

Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann

SINN UND FORM 3/2021, S. 308-317, hier S. 308-311