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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-58-4


Leseprobe aus Heft 2/2021

Kienlechner, Sabina

Die Mutter, das dritte Geschlecht


(...)
Die Menschen um sie herum, Arzt, Hebamme, Hebammenschülerin, Kindsvater und wer sonst noch dem Ereignis assistiert, erscheinen ihr ungewohnt plastisch, charaktervoller denn je, wie Titanen in ein Tun involviert, dessen taghelle Oberflächlichkeit ihr noch niemals aufgegangen war. Ihr eigener dunkler Blick ruht auf ihren geschäftigen Gesichtern: Wie aus tiefstem Meeresgrund blickt sie hinaus in das, was man Wirklichkeit nennt. Sie ist überzeugt, daß nie ein Strahl des menschlichen Geistes in diese physiologischen Tiefen vordrang oder jemals vordringen wird: aus denen aber doch soeben ein Mensch geboren werden soll. Alles, woran sie bisher geglaubt hatte, stürzt lautlos in sich zusammen, und vor Staunen wird der Frau ganz kalt.
Nach einer Weile überläßt sich die Frau dem Schmerz; sie achtet nur noch darauf, ihre Atmung seinem rhythmischen Wellengang anzupassen und dem Geschehen keine Hindernisse in den Weg zu legen. Sie hat begriffen: Ihrem Körper, ihrem eigenen Körper geht es jetzt nicht mehr um sie, sondern nur noch um den Menschen in ihr. Es ist ein absolut einzigartiger Zustand: Niemals hätte sie sich vorstellen können, daß ihrem Körper je etwas anderes wichtiger sein könnte als der Erhalt ihrer selbst. Deutlich hat sie das Gefühl, daß nicht er es ist, der das alles in Bewegung gesetzt hat. Es ist das Organ, welches das Kind umschließt: Es ist in ihr, aber es gehört nicht zu ihr, es gehört zum Kind. Es arbeitet nur für das Kind. Unter Mißachtung sämtlicher Gesetze und anscheinend bereit, wenn nötig auch über Leichen zu gehen, nimmt und verwertet es alles, dessen es nur habhaft werden kann, für diesen einzigen Zweck. Nur der absoluten Entschlossenheit dieses Organs ist es zu verdanken, daß ihr Körper es geschehen läßt und sogar den Verstand aufgibt, der noch kleinlaut versucht, Einspruch zu erheben; wie eine lästige, nutzlose Hülle bleibt er zurück.
Mit grenzenlosem Staunen unterwirft sich die Frau. Ihr gehorsam pumpendes Herz füllt sich mit einer fast demütigen Hochachtung vor diesem Organ, das zu solch rücksichtsloser Mütterlichkeit fähig ist. Keine Menschenseele könnte je mit ihm konkurrieren. Die Evolution hat das Organ in ihren Körper verlegt oder dort belassen: eine Evolution, die bis ans äußerste gegangen ist, an den äußersten Rand einer stets noch naturimmanenten Widersprüchlichkeit. Sie ließ zu, daß der Mensch einen Menschenverstand entwickelte, mit dem er alles zu seinem Nutzen auslegt – dem Kind aber reservierte sie eine rein physiologische Mutter: als wolle sie die größten und elementarsten Aufgaben dem Menschenverstand lieber nicht anvertrauen.
Wenn das Kind geboren ist, hört das mütterliche Organ fast augenblicklich auf zu arbeiten; eine einzige Wehe noch für die Nachgeburt: und dann nichts mehr. Die Frau schlägt die Augen auf und betrachtet das Kind mit Neugier und Befremden. Keinen Augenblick hat sie das Gefühl, das Kind sei ein Stück von ihr. In der Somatotopie ihrer Großhirnrinde ist das Kind nicht repräsentiert. Es ist ein absolut eigenes Wesen.
Die Frau ist wieder Frau: ein ganz normaler Mensch. Nichts Mütterliches regt sich mehr in ihrer Tiefe. Es gehört zu den Eigenschaften des Gattungswesens Mensch, daß das biologisch Mütterliche auf die Tätigkeit der Gebärmutter beschränkt ist. Alles weitere muß erlernt werden, auch das Stillen. Während die Frau zuvor, in den Stunden der Geburt, sich schlechthin nicht zu den Geschehnissen verhalten konnte, ist sie jetzt wiederum in der Lage, sich schlechthin zu allem verhalten zu müssen. Für jeden weiteren Schritt, den sie tut, ist sie verantwortlich, bei jedem muß sie ihren Verstand zu Hilfe nehmen. Es ist nicht selbstverständlich, daß sie sich des Kindes annimmt. Es mag für sie außer Frage stehen, aus den verschiedensten Gründen: aber die Natur gebietet es ihr nicht. Nichts von der physiologischen Mutter ist auf die Frau übergegangen. Dafür aber auf das Kind: Das Kind hat die Natur dieser Mutter geerbt. Tatsächlich ist dies seine einzige Natur: denn vorerst gibt es nichts an dem Kind, das irgendwie anders als in physiologischen Termini beschrieben werden könnte. Was immer das Kind auch »mitbringen« mag ins Leben – es hat bisher keine weltliche Gestalt; keine Eigenschaften, keine Werte, keine Inhalte. Man sagt der Frau: das Kind erkenne seine Mutter, es kenne ihren Herzschlag, ihre Stimme ... Aber das ist ein Mißverständnis. Das Kind kennt ihren inneren, das heißt physiologischen Herzschlag, ihre physiologische Stimme. Es ist das physiologische Kind einer physiologischen Mutter.
Nichts aber kann darüber hinwegtäuschen, daß es von dieser Mutter nun entbunden ist. Die pumpende, rauschende Zuverlässigkeit der physiologischen Tiefe hat es vertauscht mit der Offenheit der Welt. Die Nähe, die zuvor in absoluter Weise gegeben war, muß nun von Augenblick zu Augenblick erst entdeckt und erobert werden. Jede Art der Begegnung ist völlig neu.
Der Frau ergeht es nicht viel anders: Auch für sie ist diese Begegnung völlig neu. Kein »Instinkt« ist ihr behilflich; im Gegenteil. Ihr »Instinkt« scheint sich partout an das halten zu wollen, was sie über Kindererziehung schon zu wissen glaubt: Angelesenes, Gehörtes, Zusammengereimtes, Gewähntes, Gewolltes und das, was Intuition und Liebe ihr vorgaukeln. Nichts von alldem läßt sich anwenden; es steht nur im Wege. Die Frau ist von dem Kind eine Welt weit entfernt, im buchstäblichen Sinn. Was immer sie wahrnimmt, ist vom Vorurteil des Weltlichen vereinnahmt.
Bestürzt stellt die Frau fest, daß sie auf die Präsenz des Kindes in keiner Weise vorbereitet ist. Der Schrei des Kindes vermag ihr nicht zu sagen, was das Kind »will«; das Kind will nichts; der Schrei besagt nur, daß bereits etwas schiefgelaufen ist. Die Frau muß darauf eingehen, sie muß ihr Verhalten ändern, muß Abhilfe schaffen, möglichst sofort – aber wie? Wie kann sie in die Welt des Kindes eindringen, die mit der Welt, die sie kennt, nichts zu tun hat? Sie kann ihre »Intuition« zu Hilfe nehmen, gewiß ... aber sie wird doch merken, wie sehr auch die Intuition an die Erfahrung des Weltlichen gebunden ist. Immer wieder fällt sie in die gewohnten Denkbahnen zurück, sie kann es gar nicht verhindern. Immer wieder ist sie versucht, das Kind zu interpretieren, als gälte es herauszufinden, was es eigentlich im Schilde führt, immer wieder beurteilt sie es nach dem Maßstab eines zwar noch sprachlosen, aber doch schon eigensinnigen Menschen; sie kann sich einfach nicht vorstellen, daß seine Existenz sich nicht nach irgendwelchen Normen richtet. Wieder und wieder ertappt sie sich dabei, dem Kind etwas beibringen zu wollen, mit den Mitteln der Domestikation. Ihre Augen blicken auf das Kind, aber sie haben nicht gelernt zu beobachten. Sie erkennen nichts.
Sie wird es nicht schaffen, ohne den Verstand zu Hilfe zu nehmen. Es ist eine durch und durch paradoxe Leistung, die ihm abverlangt wird: die Rückkehr zur totalen Präsenz. Der Verstand muß lernen zu verzichten, keine seiner gewohnten Hochleistungen ist hier gefragt. Statt dessen beginnt die Frau, sich auf das Nächste und Unmittelbarste zu konzentrieren, auf die tausend Handgriffe, die sie tut von morgens bis abends, auf die kurzen Wege, die sie geht, auf die Räume, die sie so selbstverständlich umgeben, sie hört die unendliche Folge der Töne und Geräusche, an denen ihr Ohr schon seit langem nicht mehr interessiert war, sie sieht die zahllosen unscheinbaren Gebrauchsgegenstände, die immer zur Hand sind. In einem kleinen Umkreis entfaltet sich die Welt auf eine längst vergessene Weise, sie gibt das Unbeachtete preis, sie zeigt ihr ganz und gar alltägliches Gesicht: als sei es ihr höchstes Gut. Mit einem Mal fühlt die Frau die Nähe ihres Kindes; sie hat es endlich gefunden. Ihre Blicke kreuzen sich, und sie sieht in seinen Augen die ersten Zeichen des Verstehens und erstmals ein Lächeln, das etwas zu sagen hat; es sagt: Wir sind zusammen in der Welt.

SINN UND FORM 2/2021, S. 178-183,  hier S. 180-183