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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-56-0


Leseprobe aus Heft 6/2020

Krechel, Ursula

Aufzeichnungen aus der Dunkelheit.
Vom Träumen in Diktaturen


Wir träumen oder wir träumen nicht. Und nehmen an, daß Erinnerungen und Tagesreste eine Folie bilden, auf der Träume aufscheinen. Und gleichzeitig wundern wir uns nicht, daß Menschen, die einer persönlichen und objektiven Katastrophe entronnen sind, schlecht träumen oder aus Alpträumen aufschrecken. Wie wurde in Sarajevo, im Kosovo, in Bagdad geträumt, wie wird in Aleppo, in Damaskus, in Idlib, wie in Pjöngjang, wie in den fortgeschrittenen Überwachungsstaaten geträumt? Ein Traumforscher müßte sich auf den Weg machen und die Träume der Traumatisierten, der aufgeschreckten Schläfer sammeln. Doch es wäre ein problematischer Ansatz, verängstigten und eingeschüchterten Menschen ihr nächtliches Material zu entwinden und ins Licht der Beobachtung zu stellen. Traumatisierte verschließen sich gewöhnlich. Sie leiden an einem fragmentierten Gedächtnis. Im Schweigen verkapselt sich das Trauma und widersetzt sich der Bearbeitung. Von neuem fühlten sich die Opfer bedrängt, vielleicht würden sie dem Forscher zuliebe etwas erfinden oder Träume so verändern, daß diese ihren Sinn verlören.
Der Traum, der erinnert wird, hat schon eine Sperre passiert, ist durch die Maschen der Traumzensur geschlüpft. Der politische Traum unterläuft eine innere und eine äußere Zensur. Traum und Trauma, obwohl sie gänzlich verschiedenen Wortstämmen entspringen, rücken in Diktaturen nahe zusammen und sind ineinander verwoben. Es ist durchaus nicht immer so, daß Traumatisierte die Übergriffe auf die persönlichste Sphäre, die Beschädigung, die Folter, den politischen Mord in Alpträumen von neuem erleben. Eher dissoziieren sie.
»Ich bin dann oben auf dem Schrank gesessen und habe das nur noch von oben herab beobachtet.«
Oder: »Ich steige aus meinem Körper aus, ich nehme gar nicht mehr wahr, was mit ihm geschieht.«
Oder: »Ich bin dann gar nicht da, ich schalte ab.«
Während wir bei einer alltagstauglichen Persönlichkeit ein kohärentes Ich voraussetzen, das eine leibliche und psychische Einheit in Raum und Zeit bildet, kommt es hier zur Anpassung des psychischen Apparats an die Anforderungen der Realität durch ein Abschotten vor der Überflutung, durch »Zumachen«. Das Trauma wählt Strategien des Verschweigens, während im Inneren eine lärmende Stille herrscht. Einem drohenden Schmerz wird mit einem affektiven Ausnahmezustand begegnet, so wird einer erneuten Erniedrigung vorgebeugt. Oder salopp ausgedrückt: Der Teufel wird mit dem Beelzebub ausgetrieben. Für Traumatisierte, im Wortsinn heißt das: seelisch Überlastete, kann eine solche Dissoziation heilsam sein. Die Traumata ganzer Bevölkerungsgruppen entziehen sich der Bearbeitung, einmal wegen der nicht ausreichenden Zahl therapeutisch ausgebildeter Helfer und andererseits, weil kollektive Unterdrückungserfahrungen individuelle Folgen haben.
»Ich bin dann oben auf dem Schrank gesessen und habe das nur noch von oben herab beobachtet.«
Wie hätte jemand Auschwitz überleben können ohne die Kraft zu einer solchen schützenden Dissoziation? Hier die Nummer beim Appell, dort die frühere Person, die einen eigenen Namen hatte, ein Bett, einen Tisch, eine Familie, ein Vorleben und eine Zukunft. All das versinkt, ist versunken, damit der Schmerz des Verlustes nicht übermächtig, überwältigend wird.
Die Arbeit mit Traumatisierten gebietet es, die Hermeneutik der angewandten Therapiemethoden und den Verhaltenskodex des eigenen Kulturkreises ständig zu reflektieren, auch die enge Bindung an das Medium Sprache muß auf den Prüfstand gestellt werden. Ob dann Atemübungen, malen, töpfern, tanzen helfen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. In ihren Intentionen klaffen Forschung und akute Opferhilfe auseinander. Beide müßten eigentlich resignieren, denn in bestimmten Regionen der Welt sind alle Mitglieder der Gesellschaft, auch die Helfer und Therapeuten, traumatisiert. Im Grunde genommen sind ganze Staatsgebilde und ihre Bürger von solchen Dissoziationen betroffen. Doch die Traumatisierung der Opfer der Pinochet-Diktatur ist eine andere als die des Apartheidregimes, und bei vielen Bürgern der sozialistischen Staaten, den Opfern der Ceauşescu-Diktatur gibt es wieder andere Auswirkungen. Eben dies ist das Dilemma der Arbeit mit Opfern von Diktaturen. Methoden, die für die Behandlung von seelischen Krankheiten entwickelt wurden, sind nicht unmittelbar auf die Kränkung durch Freiheitsberaubung, Einschränkung der Meinungsfreiheit, der Freiheit der Berufsausübung zu übertragen. Die Hilfestellung ist konkret und individuell, der Ursprung der Traumata ist überindividuell, politisch.
»Das ist die Diktatur: unwillkürliche Bedrohung und unwillkürliches Bangen, B+B, Bedrohung und Bangen, das ist die Diktatur, aber nicht etwa so, daß die eine Hälfte des Landes die andere bedroht, oder die sogenannten Machthaber alle anderen bedrohen, sondern zu alldem gehört auch noch eine himmelschreiende, fürchterliche Ungewißheit, wer droht, hat auch Angst, wer bedroht wird, droht seinerseits ebenso, die streng abgesteckten Rollen sind bis zum äußersten unsicher, alle bedrohen und alle bangen, wobei es Henker und Opfer gibt und diese beiden voneinander unterscheidbar sind.«
So analysiert Péter Esterházy die psychischen Verformungen. Daß die Literatur, auch dort, wo sie weitgehend auf autobiographische Aussagen verzichtet, ein sensibel reagierender Seismograph ist, um das Demütigende und Krankmachende anzuzeigen, muß nicht ausdrücklich betont werden. Was Literatur ausmacht, ist keine Unterfütterung gesellschaftlicher Prozesse, es ist eher das Ungebändigte, Verstörende, das sich der Angst entgegenstellt. Eben das macht sie in Diktaturen so verdächtig. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind Subjekt und Objekt ihres Schreibens, auch wenn sie auf autobiographische Aussagen verzichten. Herta Müllers literarisches Interesse gilt gerade der Kluft zwischen dem Außen und dem Innen der Gesellschaft, nicht eigentlich der Reibungsfläche zwischen Staat und Individuum, wie in der klassischen Literatur.
»Und in der Nacht muß ich wie Schlaf das mitgebrachte Land in dichten und genauen Bildern durch den Körper treiben.«
Das Trauma einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder entmündigt, erniedrigt, mit Strafen bedroht, wenn sie sich nicht einordnen, macht sich an äußeren Ereignissen fest. Täter und Opfer sind meist zu identifizieren, haben Namen und Adresse, auch wenn es sich häufig um Deck- und Spitzelnamen wie die der Informellen Mitarbeiter der Staatssicherheit handelt, und sie haben ein Gesicht, das wiedererkennbar ist – auch unter gänzlich anderen Bedingungen, auch im Traum.
Es ist eine bittere Ironie der Wissenschaftsgeschichte, daß Freuds Bemerkungen zur Kriegsneurose im Ersten Weltkrieg, sein Gutachten zur unmenschlichen und gleichzeitig fruchtlosen Behandlung der »Zitterer« durch Elektroschocks fast unbeachtet geblieben sind und daß das Nachdenken über Traumatisierung und ihre Folgen in den späten sechziger Jahren eine Folge von Krieg und Völkermord war.
Träume produzieren keine photographischen Abbilder früher erlebter, vielleicht verdrängter Szenen. Eher ver-rücken sie Erfahrungen, kleiden sie anders aus, verdichten sie zu neuen Bildern. Insofern sind sie dem Kunstwerk verwandt, das den Künstler auch nicht von einer bestimmten Erfahrung befreit, sondern in dem er eine andere Zugangsebene erarbeitet: eine Umschreibung, Überschreibung. Angstträume, Träume von der Vernichtung des Selbst, einer Weltzertrümmerung vor den eigenen Augen gibt es auch ohne Gewaltherrschaft. Sie sind dann Ausdruck eines depressiven Krankheitsbildes. Träumer in Diktaturen sind wache Zeitgenossen, sie sind wie Linsen, durch die das Tageslicht hineinströmt und dann gebrochen wird. Herta Müller erklärte in einer Rede: »Auch das begriff ich erst später, daß der Traum für jeden die unfreiwillige Arbeit an der Existenz war, der bis zur letzten Konsequenz geführte Diskurs des Alleinseins. Eingeschränkt nur vom Licht des Tages, oder vom Läuten des Weckers.
Ohne die Dimension des Traumes wäre ich nicht ausgekommen. Er gehörte zu den Personen, die ich erfunden hab. Er half mir zu zeigen, wie sich das Leben überschlägt, auch das derer, die sich im Wachsein am Tag von einem Zwang in den anderen begeben, bewußt oder verinnerlicht, um nicht aus dem Rahmen zu fallen. Und es blieb kein Geheimnis, es blieb auch mir selbst kein Geheimnis, daß sich der Schlaf mit seinen Träumen um so mehr zumutet, um so weniger sich der Tag mit seinem großen Auge über allen zugesteht. Je größer die Zwänge waren, je dichter, je wilder und dichter waren die Träume. Auch meine eigenen.«
Auf ähnliche Weise bleibt der russischen Schriftstellerin Lydia Tschukowskaja die Ebene des Traums in der Tagesrealität des wütenden stalinistischen Terrors erhalten, in dem ihr Mann getötet wurde: »Meine Einträge über den Terror waren – zufällig – nur dort vollständig, wo es um Träume ging. Für die Realität reichte meine Kraft des Beschreibens nicht aus. Ich habe es nicht einmal versucht. « Sie – die lebenslang Dissidentin blieb – schrieb unter Lebensgefahr und war gleichzeitig so mutig, Gedichte von Anna Achmatowa aufzuzeichnen, die diese nur mündlich vortrug und dann vernichtete.
Eine klug vorausschauende Frau, Charlotte Beradt, hatte zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft begonnen, ihre eigenen Träume zu notieren. Später, bevor sie 1939 Deutschland verlassen konnte, kamen Träume anderer hinzu, politische Träume, die in einzigartiger Weise die durch die Diktatur der Nationalsozialisten verursachten Gefühlsambivalenzen, Ängste und Anpassungsbestrebungen zum Ausdruck brachten. Sie befragte etwa dreihundert Träumer. Beradt hatte vorher für Zeitungen geschrieben und war Mitarbeiterin der »Weltbühne« gewesen. Mit ihrem Mann, dem Juristen und Schriftsteller Martin Beradt, der aus der Anwaltskammer ausgeschlossen worden war, flüchtete sie nach London und von dort nach New York. Als ihr Mann erblindete, verdiente sie den Lebensunterhalt als hairdresser. Sie übersetzte Texte der mit ihr befreundeten Hannah Arendt und arbeitete nach dem Krieg wieder für deutsche Zeitungen und Rundfunkanstalten. Erst 1966 wurde ihre Traumsammlung »Das Dritte Reich des Traums«, von ihr kommentiert, veröffentlicht und erregte großes Aufsehen; »eine Quelle ersten Ranges«, um die psychischen Auswirkungen des Nationalsozialismus zu studieren, schrieb der Historiker Reinhart Koselleck. Viele der Träume, die Beradt mitteilt, handeln vom Überwachen und Überwachtwerden, der Verengung des Erfahrungsraums, dem schleichenden Terror, der in den Alltag sickert. So der Traum eines jungen Mädchens: »Ich träumte, daß ich mitten in der Nacht aufwache und sehe, wie die beiden Engelchen, die über meinem Bett hängen, nicht mehr nach oben sehen, sondern nach unten und mich scharf beobachten. Ich erschrecke so, daß ich mich unter meinem Bett verkrieche.«
Hier ist die feine Grenze zwischen dem Beschützen des Schlafs – vermutlich durch die Putten, die die Sixtinische Madonna begleiten – und dem Überwachen auf symbolische Weise überschritten. Wachen wird Überwachen, die Vorsichtsmaßnahmen des Tages machen sich selbständig. Viele Träumer bei Beradt erleben, daß ihre Wohnungen, ihre Gedanken durchsichtig sind, daß die beobachtende Behörde allwissend, ja gottähnlich ist. Einmal ist es ein Kopfkissen, einmal ein Ei, dann ein Mistelzweig, der zum Objekt des Verrats wird. Zu Agenten der Macht sind die vertrauten Dinge geworden, sie hören die Träumer ab, um sie leichter ausliefern zu können. Die Anpassungsleistungen, um der Kontrolle zu entgehen, sind enorm. Der Terror wird nicht nur geträumt, sondern die Träume selbst sind Bestandteil des Terrors. Eine Putzmacherin berichtet im Sommer 1933, daß sie im Traum vorsichtshalber Russisch spreche: »damit ich mich selbst nicht verstehe und damit mich niemand versteht, falls ich etwas vom Staat sage, denn das ist doch verboten und muß gemeldet werden«.
Vorsichtsmaßnahmen, Verdrehungen des Sinnvollen, die Diktatur schleicht in die Träume, macht sich die Menschen gefügig. Ein Witz wird erzählt, aber aus Vorsicht so falsch, daß er keinen Sinn mehr ergibt. Die Träume verkleiden nicht die Angst, sie drücken die Angst vor der Überwachung unmittelbar aus, latenter und manifester Trauminhalt fallen ineinander. Das Sperrfeuer der Propaganda ist allgegenwärtig, dem Traum bleibt nur der winzige Phantasieraum, den die totalitäre Gesellschaft noch nicht vollkommen besetzt hat. Im Traum kämpfen die Elemente der Anpassung und des Widerstands miteinander. Doch nicht das, was dem Individuum angetan wird, gilt als ver-rückt, als jenseits des Erträglichen, sondern gerade das Bedürfnis nach Freiheit, nach Auflehnung, die Gegenkraft der Revolte soll es sein. Es ist dies eine elementare Kraft, die sich durch Träume in der Diktatur ausdrückt, sie stemmt sich der Erfahrung der Totalität entgegen, eine produktive Energie erwächst aus ihr. Der Alptraum ist das normale Leben.
[…]
SINN UND FORM 6/2020, S. 787-797, hier S. 787-791