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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-56-0


Leseprobe aus Heft 6/2020

Horn, Eva

Was vom Tag übrigbleibt.
Über Selfies, Tagebücher und andere Dokumentationszwänge


Ich war immer ziemlich unfähig, Selfies zu machen. Von unten aufgenommen sieht man ein Doppelkinn, das ich sonst nicht habe, frontal die Stirnfalten, und ich glänze ungut. Von leicht oben sehe ich etwas mitleiderregend aus, schutzbedürftig, großäugig, nicht besonders schlau. Also, das habe ich schnell gelernt: am besten im diffusen Licht und freundlich gucken. Am Fehlen jenes Narzißmus, der Selfiemachern von allen Seiten vorgeworfen wird, kann es nicht liegen; eher an der technischen und visuellen Unbegabtheit meiner Generation, die ihr erstes Smartphone erst mit vierzig in der Hand hielt. Obwohl mich Freunde und Familie immer wieder auffordern, ihnen Selfies von meinen Reisen oder von Begegnungen mit Leuten zu schicken, die berühmter sind als ich, frage ich mich, warum man überhaupt solche Bilder schießen soll. Die Selfie-Culture, ohne die Facebook aussähe wie eine Seite aus »Sinn und Form« und ohne die es Instagram und Pinterest nicht gäbe, wird in letzter Zeit arg kritisiert. Wer sich ständig ablichtet, sei von sich selbst besessen, führe eine visuell optimierte Individualität vor, bei der es nur darum gehe, das eigene Leben perfekt in Szene zu setzen. Permanent ausgelebter Narzißmus, den man der ohnehin als verzogen und unreif geltenden Generation der Millennials nun auch noch anhängt. »Selfie – How the West became Self-Obsessed« reimt sich griffig die These des britischen Journalisten Will Storr in seinem Buch über Selfie-Culture. Mit Blick auf Kim Kardashians Youtube-Anleitungen, wie man das »perfekte Selfie« schießt, scheint das oberflächlich zu stimmen. Es geht um Selbstinszenierung, das Vorführen eines perfekten Lebens. Kardashian steht stark geschminkt in einem figurbetonten Abendkleid inmitten ihres zimmergroßen, begehbaren Kleiderschranks und gibt gar keine Tips, außer dem, daß jede selbst herausfinden solle, von welcher Seite sie am besten aussehe.
Aber vielleicht ist das nur die halbe Wahrheit. Das Selfie ist ja gar nicht das perfekte Porträt – das würde ein Photograph zweifellos besser machen als der eigene Arm. Es ist ein Dokument. Eine Momentaufnahme: »Das bin ich hier«, »So sehe ich jetzt gerade aus«, »Diese Person habe ich getroffen«. Der Beleg dafür, daß etwas wirklich passiert ist. Pics or it didn’t happen ist das heimliche Motto all der unzähligen, nicht immer schmeichelhaften Schnappschüsse, die jeden Tag millionenfach gepostet werden. Beweisstücke, Dokumente, Belege einer Wirklichkeit, die sonst – unphotographiert – eigentlich nicht stattgefunden hat. Sie sind der Versuch, etwas festzuhalten – für sich und für andere –, was sonst einfach flüchtig vorbeigezogen wäre, existent lediglich in der ungreifbaren und unbeweisbaren subjektiven Erinnerung. »Die Sache ist dagewesen«, hat Roland Barthes einmal die Essenz der Photographie auf den Punkt gebracht. Eine Licht-Spur der Wirklichkeit. Aber was heißt es, wenn eine Medientechnik der Dokumentation und Spurensicherung plötzlich überall und jederzeit zur Verfügung steht? Was tun wir damit?
Ganz offensichtlich geht es weniger um eine lustvolle Selbstinszenierung, eher um ein Festhalten der Gegenwart. »Was man von der Minute ausgeschlagen, / Gibt keine Ewigkeit zurück«, schreibt Schiller. Heute heißt das, diese Minute zuallererst einmal medial festzuhalten. Man feiert eine Party und verbringt die Hälfte der Zeit damit, Photos von sich und anderen Gästen zu schießen. Man verreist und vergißt nicht, vor jeder pittoresken Landschaft erst einmal sich selbst aufzunehmen. Man sieht einen Unfall oder eine Schlägerei und hält sofort mit dem Handy drauf. Früher schoß man sorgfältig inszenierte Urlaubsfotos, die dann meist in Schubladen herumlagen. Mit den allgegenwärtigen Smartphones ist nun in jedem Moment unseres wachen, wenngleich nicht immer nüchternen Lebens das Dokumentationsgerät dabei. Besoffene Reden, peinliche Mißgeschicke und stocklangweilige Vorträge werden gefilmt und ins Netz gestellt.
Symptomatisch ist das Photographieren von Essen. Schon vor zehn Jahren gab es gelegentlich einsame Esser in hochpreisigen, gern als experimentell beschriebenen Restaurants, die jeden Gang sorgfältig ablichteten. Damals dachte ich, das seien Leute von irgendeinem Foodblog, die dem Gault Millau Konkurrenz machen. Heute sieht man das auch in kulinarisch unambitionierten Bierkneipen, wo fröhliche Trinker ihren Stapel Spareribs mit Fritten knipsen. Ganz offensichtlich geht es dabei nicht um eine Ästhetik des Essens. Es geht darum, das Allervergänglichste im Bild festzuhalten: »Diese exotische, phantasievolle, fettige oder auch nur bizarre Speise habe ich gegessen.« Eine Bekannte hat eine Zeitlang Hundefutter gepostet – selten bekam sie so viele Likes und freundliche Kommentare. Angeblich veröffentlichen 63 % der Leute zwischen dreizehn und dreißig ihr Essen in verschiedenen sozialen Medien. Dokumentieren und Zurschaustellen sind untrennbar verkoppelt. Wer diese Inszenierungen verächtlich als »Foodporn« beschreibt, versteht – wie im Fall des Narzißmusvorwurfs gegen die Selfie-Culture – bestenfalls die Hälfte. Es geht um das Festhalten des Flüchtigsten, Fragilsten und zugleich des Üppigsten, Luxuriösesten – des Genusses selbst. Die Obst- oder Fisch-Stilleben des 17. Jahrhunderts waren nichts anderes: Sie feierten Fülle, Genuß, Schönheit, aber immer im Moment ihres Schwindens. Genau darum sind Lebensmomente mit Seltenheitswert, wie Feste oder Reisen, klassische Sujets des Dokumentationszwangs, aber längt nicht die einzigen. Neu ist, daß das Dokumentieren mittlerweile auf die gewöhnlichsten Alltagsvollzüge ausgedehnt wird: Kochen und Essen, Schminken und Haareföhnen, der Gesang noch unentdeckter Nachwuchsstars im heimischen Schlafzimmer, das lustige Treiben der Haustiere, die tägliche Yoga-Praxis. Nichts bleibt ungefilmt, nichts ungepostet. Pics or it didn’t happen.
Natürlich ist es alles andere als neu, festzuhalten, was vom Tag übrigbleibt. Früher schrieb man Tagebuch oder lange Briefe, gelegentlich auch Tätigkeitsberichte, die, nie gelesen, Aktenordner füllten. Interessant in diesem Zusammenhang ist vor allem das Tagebuch, gerade weil es (zumeist) keinen Adressaten und keine offizielle Funktion hat. Es geht einzig darum, in der Notiz die Zeit, das gelebte Leben, vielleicht auch Gedachtes zu einzelnen Sätzen zu kristallisieren, zu Beobachtungen, kleinen Berichten, Herzensergüssen, Bonmots, Geständnissen, endlosen Lamentos. Den Geschmack der Tage festhalten. Manche haben dabei fast mehr dokumentiert als gelebt. Der Schweizer Ästhetik-Professor Henri-Frédéric Amiel hat im späten 19. Jahrhundert 17 000 Seiten Tagebuch geschrieben, nebst sechzehn Büchern. Der Orientalist und Dichter Friedrich Rückert schrieb ständig kleine Gedichte, gerade auch in Situationen tiefster Verzweiflung. Seine »Kindertodtenlieder«, über vierhundert Gedichte, die er nach dem Tod seiner zwei jüngsten Kinder schrieb, entstanden in wenigen Wochen, in denen der Dichter sich ruhelos und nie ohne Schreibzeug durchs Haus bewegte und praktisch permanent schrieb. Ähnlich Ernst Jünger, der neben seinem ausufernden literarischen Werk noch über ein Dutzend Tagebuch-Bände herausgebracht hat. Nichts, was ihm durch den Kopf fliege, bleibe unaufgeschrieben und unpubliziert, höhnte sein Bekannter Carl Schmitt 1949, natürlich in seinem eigenen Tagebuch »Glossarium«: »Entsetzliche Sparsamkeit der ihre Einfälle restlos verwertenden Vollmonade.« Jünger verwurstete den Ersten und Zweiten Weltkrieg, Gespräche mit berühmten Zeitgenossen, Spaziergänge, Reisen, Lesefrüchte und seine Gedanken über die Zeitläufte. Kaum gedacht, ging es zu Klett-Cotta.
Der englische Marine-Staatssekretär Samuel Pepys schrieb im 17. Jahrhundert alles auf, was ihn umtrieb: seine Arbeit, politische Ereignisse, das Pestjahr 1665 in London, den Brand im folgenden Jahr, seine Ehestreitigkeiten, Gesundheitsprobleme und kleinen Affären. Anders als Jünger, der in jeder seiner kalkulierten Gesten nicht nur für eine Öffentlichkeit schrieb, sondern wohl auch für sie lebte, ist Pepys’ Tagebuch für niemanden als ihn selbst verfaßt. Ein Notat gelebten Lebens, aber wohl auch eine Art, sich der Ereignisse, Gefühle, Unsicherheiten und Zweifel zu entledigen, die es begleiteten. Ein Logbuch vielleicht nicht der Innerlichkeit, aber der Privatheit. Und anders als Jünger, der sich stets als wichtigen Zeugen und Kommentator des Jahrhunderts verstand, überließ Pepys die Entdeckung seiner in einer Kurzschrift verfaßten Notizen auch der Nachwelt. Er ließ die Aufzeichnungen binden und reihte sie einfach unter die anderen dreitausend Bücher seiner Bibliothek, die er seinem Neffen vermachte.
Tagebücher, schreibt Arno Dusini, sind materialisierte Zeit. Seine Studie »Tagebuch. Möglichkeiten einer Gattung« schmückt ein Bild aufgespießter toter Fliegen. Sind die Notate der Tagebuchschreiber die toten Fliegen ihres Lebens? Eingefangen, aufgespießt, getötet – aber immerhin zum Werk geronnen? Dann wäre Tagebuchschreiben nur eine Vorübung zur Autobiographie, zur großen Selbstinszenierung des Autors à la Jünger. Die aufgespießten Fliegen des eigenen Lebens als Ornament, als großes Narrativ der eigenen Unvergleichlichkeit. Dieser Monumentalismus trifft natürlich nicht das, was heute passiert. Das heutige Dokumentieren ist eher ein Stoffwechselprodukt, ein »Abfall für alle« – wie es ein anderer großer Selbstdokumentierer, Rainald Goetz, nannte. Hipster, der er war, schrieb er diesen »Abfall« des Jahres 1998 in Form eines Blogs – damals nannte man das noch »Netztagebuch«. Der Blog ist längst aus dem Internet verschwunden, das Buch, 850 Seiten dick, gibt es noch bei Suhrkamp. Goetz ging es um das »JETZT«, den festgehaltenen Alltag, die Telefonate, Partygespräche, Arbeit, To-do-Listen, Fernsehabende, Lektüren und viele längere, meist verachtungsvolle Auslassungen über diesen und jene – ein unredigierter Textstrom, der gedruckt oft wie Lyrik aussieht, aber weiß Gott keine ist. Als Buch ist das ungenießbar, außer vielleicht für Zeithistoriker. Als Blog, damals, als man noch mühsam mit fiependem Modem ins Netz ging, war es ein unabdingbarer Teil meines Frühstücks. Stoffwechsel eben. Es floß aus dem Netz wie aus dem Wasserhahn, das wunderbare, aufregende Nachwende-Berlin in Echtzeit. Eine Geschichte des flüchtigen Jetzt, der gehetzte, von Zeitangaben im Militärformat (1708 für acht Minuten nach fünf) durchsetzte Monolog eines Schnellsprechers.
»Abfall für alle. Mein tägliches Textgebet. Tagebuch, Reflexions-Baustelle, Existenz-Experiment. Geschichte des Augenblicks, der Zeit, Roman des Umbruch-Jahres 1998.
Schließlich war, ein Traum, der wahr geworden ist, das Buch entstanden, das ich bin. Das ich immer schreiben wollte, von dem ich immer dachte, wie könnte es gelingen, das einfach festzuhalten, wie ich denke, lebe, schreibe. Von seiten des Todes her gesehen. – Was mir also gefällt, am Buch Abfall:
der Realismus, der Ideen-Vorrang, die Banalität der Dämonie des Alltags, das Schreiberleben, die Stille, der mediale Lärm, die Fiktionalität der auftretenden Personen, die argumentative Pedanterie, das Tasten, das urteilsmäßige Rumholzen, die Gleichwertigkeit aller Dinge, die Poetologie, die ästhetische Theorie, strukturell fragmentarisch, fragmentiert von Zeit, die Zeitmaschine, das Jahr, die Minutendinger und ihre Plausibilität, die Sekundengedanken: der Wahn, Tag für Tag, die Erzählung, Zahlen und Ziffern, Alles ist Text, und über und unter und in allem: Melancholie.
Keiner weiß, was als nächstes passiert. Davon erzählt ›Abfall für alle‹. Wie es war, als man noch nicht tot war und nicht daran dachte, wie es weiter geht. Augenblick. Moment. Und jetzt?«
Im Buch ist das der Klappentext. Ich habe es mir nicht gekauft, sondern nur kurz das Bibliotheksexemplar angeguckt. Die Seiten fallen heraus, billige Bindung, auch egal, sogar passend. Bemerkenswert ist aber der Bezug auf den Tod. Goetz dokumentiert sich im Vorgriff auf jenen Moment, wo man schon tot ist, aber noch einmal zurückschaut, »wie es war, als man noch nicht tot war und nicht daran dachte, wie es weiter geht«. Um das zu schreiben, muß man natürlich daran denken, wie es weitergeht und wie es ist, wenn man tot ist.
Die Ironie an der Sache ist, daß dies eine alles andere als neue Pose ist. Sie stammt direkt aus der Romantik, den »Erinnerungen von jenseits des Grabes« eines anderen Hipsters und Kultautors, aber nicht des »Umbruchjahres 1998«, sondern der Französischen Revolution: François-René de Chateaubriand. Zum Schreiben seiner Lebenserinnerungen bedient er sich der pathetischen Fiktion, er schaue aufs eigene Leben zurück, wie es war, als man noch nicht tot war. Als auch die anderen noch nicht tot waren, die Freunde, die Familie und die Geliebten, die Opfer der Revolution, der Kriege, der Schwindsucht, des Alters geworden sind. In jedem erinnerten Jetzt seiner Jugend, das der alte Chateaubriand heraufbeschwört, sieht er nichts als Tod und Vergänglichkeit. »Dort«, heißt es über eine Bekannte, die er als junger Mann am Hof traf, »begegnete mir die Baronin von Montmorency, jung und schön. Jetzt gerade liegt sie im Sterben.« Alles verweist immer auf ein künftiges Ende – eins, das er (im Gegensatz zu Goetz) aber schon kennt. Goetz schaut aus der Gegenwart auf die Gegenwart, aber mit einer Reflexion auf eine Zukunft, in der man tot sein wird. Chateaubriand dagegen, ganz Romantiker, schreibt jeder Gegenwart, aus der Zukunft auf sie zurückblickend, ihre Endlichkeit ein. Veröffentlicht werden sollte das Ganze darum erst nach seinem Tod, ursprünglich sogar erst fünfzig Jahre danach. Eine heute kaum nachvollziehbare Vorstellung von Geschichte. Wer interessiert sich fünfzig Jahre später für die Helden der Großeltern? Chateaubriand denkt Gegenwart noch sub specie aeternitatis. Genau das können wir heute nicht mehr. Gegenwart ist ein reißender Fluß, ein festes Ufer gibt es nicht. Darum fühlt sich Goetz’ fetter Suhrkamp-Band nun, über zwanzig Jahre später, wo wir wissen, wie es weiterging, wirklich wie »Abfall« an, nicht etwas, das nebenher ab- und anfällt, sondern wie etwas, das man wegwirft, weil es alt geworden ist. Die Relikte eines gehetzten Anschreibens gegen die verfließende Zeit in einem manisch-lebendigen Berlin, das es heute nicht mehr gibt. Abfall, versteinert oder zu toxisch, um zu zerfallen. Ein mumifiziertes Jetzt.
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SINN UND FORM 6/2020, S. 758-767, hier S. 758-763