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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-42-3


Leseprobe aus Heft 4/2018

Beckford, William

Träume, Taggedanken und Wechselfälle des Lebens. Reise durch Deutschland (1780). Mit einer Vorbemerkung von Gernot Krämer


Vorbemerkung

Mit einem einzigen Buch ist William Beckford in die Literaturgeschichte eingegangen, dem 1786 veröffentlichten orientalischen Roman "Vathek", der nicht weniger als neunmal ins Deutsche übersetzt worden ist. Zu dessen Berühmtheit hat die exzentrische Gestalt des Autors sicherlich ebenso beigetragen wie die Legende, er habe ihn in einem drei Tage und zwei Nächte währenden Schaffensrausch niedergeschrieben (nach einer anderen Selbstaussage sogar in zwei Tagen und einer Nacht). Die anderen Werke Beckfords blieben gleichsam im Schatten dieses Romans, konnten aber zum Teil auch erst posthum im 20. Jahrhundert erscheinen. Als "England’s wealthiest son", Englands reichsten Sohn, bezeichnete Lord Byron den Schriftsteller 1812 im ersten Gesang seines "Childe Harold". Das galt dem märchenhaften, auf Zuckerrohrpflanzungen in Jamaika zurückgehenden Reichtum seines Vaters William Beckford des Älteren (1709 – 1770), eines wegen seines aufbrausenden Temperaments und seiner Unerschrockenheit selbst in Gegenwart des Königs "William Hurricane " genannten Whig-Politikers, Parlamentsmitglieds und zweimaligen Lord Mayors von London. Eine solche Laufba hn war auch dem einzigen ehelichen Sohn vorherbestimmt, der allerdings weder an Politik noch an standestypischen Betätigungen wie etwa dem Jagen Interesse fand. Mit zehn war er Halbwaise, die Erziehung lag – von der sittenstrengen, aus schottischem Adel stammenden Mutter Maria Hamilton überwacht – in den Händen des Hauslehrers Reverend Dr. John Lettice, der "Geschmack und Gefühl als Errungenschaften von minderer Bedeutung neben dem rechten Gebrauch des Verstandes " ansah, wie er 1773 an Premierminister William Pitt schrieb. Er zwang den Jungen etwa, einen Stapel seiner "orientalischen" Zeichnungen eigenhändig zu verbrennen, um vermeintlich schädliche Einflüsse zu neutralisieren. Für eine umfassende künstlerische Ausbildung durch angesehene Lehrer war dennoch gesorgt, besonders in Gestalt von Beckfords weitgereistem Zeichenlehrer Alexander Cozens (1717 – 1786), der seinen Geschmack entscheidend im Sinne einer frühromantischen Kunstauffassung prägte. Nicht umsonst zählte Beckford später zu den Förderern William Turners. In diesem Geiste veröffentlichte er 1780 anonym sein erstes (von Lettice mit einer so kurzen wie umständlichen Vorbemerkung versehenes) Buch, die satirischen "Biographical Memoirs of Extraordinary Painters". Im Stil hagiographisch geschriebener Künstlerviten treibt er darin, mehr oder minder diskret auf prominente Zeitgenossen anspielend, Schabernack mit den erfundenen Malern Aldrovandus Magnus, André Guelph, Og de Basan, Sucrewasser von Wien, Blunderbussiana und Watersouchy. Der überraschende Erfolg führte bald zu einer zweiten Auflage, die Beckford zum Verdruß der Familie mit seinem Namen zeichnete. Andere Texte aus dieser literarisch produktiven Zeit, wie der Roman "The Vision" und mehrere Erzählungen, blieben zu Lebzeiten unveröffentlicht. Der Bildungsweg eines vermögenden Gentleman wäre jedoch kaum vollständig gewesen ohne die obligatorische Kavalierstour, die er im Juni 1780 in Begleitung seines Tutors Lettice antrat. Die Reise ging vom heimatlichen Wiltshire über Ostende durch Flandern und die Niederlande nach Deutschland und weiter zum eigentlichen Ziel Italien – zweitausend Kilometer in sechs Wochen, im Mittel knapp fünfzig pro Tag. Neben Kunstschätzen und Bauwerken galt Beckfords Interesse vor allem der Landschaft. Oft ließ er unterwegs halten, um Orte und Stimmungen, die seine Imagination besonders ansprachen, auszukosten. Den melancholischen Grundzug, der in seinen Aufzeichnungen vielfach zum Ausdruck kommt, sprach er einige Monate vor der Reise selbst ganz offen an, in einem Brief an Louisa Beckford (geborene Pitt), die sechs Jahre ältere Frau seines Cousins Peter, mit der er eine Affäre hatte: "Visionen umspielen mich, und in feierlichen Augenblicken verfalle ich in poetische Trance. Während ich mich in Träumen und zauberischem Schlummer verliere, gleiten meine Stunden flüchtig dahin. Ich habe niemanden, der mich aufwecken könnte – niemanden, der meine Gefühle nachempfinden könnte. Diejenigen, die ich liebe, sind abwesend. Einsam und verlassen suche ich Zuflucht in Luftgesprächen und rede mit Geistern, deren Stimmen im Sturmwind murmeln." In Venedig, wo er einige Zeit verweilte, packte ihn die Leidenschaft für einen jungen Adligen der Vendramin-Familie. Seine Kusine und alsbald innige Vertraute Lady Charlotte Hamilton, die er in Neapel besuchte, bemühte sich redlich, ihm die Sache auszureden, indem sie ihn an seine familiäre und gesellschaftliche Verantwortung erinnerte. Daß er auf dem Rückweg erneut über Venedig reiste, konnte sie freilich nicht verhindern. Beckford, auf den in England das Korsett der Verpflichtungen und verdrießliche Angelegenheiten wie eine juristische Auseinandersetzung mit einem illegitimen Halbbruder warteten, bemühte sich, die Reise durch einen Aufenthalt in Paris zu verlängern. Am 14. April 1781 schrieb er von dort an Lady Hamilton: "Ich fürchte, ich werde nie (…) zu etwas anderem auf dieser Welt taugen als dazu, Melodien zu komponieren, Türme zu bauen, Gärten zu gestalten, altes japanisches Porzellan zu sammeln und Reisen nach China oder zum Mond zu beschreiben." Eine weitgehend zutreffende Vorhersage, wie sich noch zeigen sollte. Wenig später kehrte er nach zehnmonatiger Reise doch heim auf das stattliche Landgut Fonthill bei Salisbury, das sein Vater im palladianischen Stil hatte erbauen lassen. Während seiner Grand Tour hielt Beckford Stationen und Eindrücke wohl nur stichwortartig fest, wie ein einzelnes erhaltenes Notizbuch erkennen läßt, benutzte seine Aufzeichnungen aber für die Niederschrift des Reisebuchs, das möglicherweise schon in Paris, vielleicht aber auch erst in Fonthill begonnen wurde. Der erste Absatz gibt den Ton vor: "Soll ich Ihnen meine Träume erzählen? – Rechenschaft davon zu geben, wie ich meine Zeit verbringe, ist, ich versichere es Ihnen, kaum besser. Oft schwebt mir feiner Nebel vor den Augen, und durch dieses Medium sehe ich so undeutliche und verschwommene Gegenstände, daß ihre Farben und Formen dazu angetan sind, mich in die Irre zu führen. Das ist ein seltsames Geständnis für einen Reisenden, sagen weise Leute; so einer wird schöne Berichte liefern von den fremdartigen Ländern: Seine Briefpartner werden von so kurzsichtigen Beobachtungen zweifellos großen Gewinn haben: – Doch halt, Freunde, einen Augenblick Geduld! (…) Wenn meine visionäre Art zu schauen — behagt, bin ich ganz und gar zufrieden." Der mit dem Spiegelstrich angedeutete Adressat war allem Anschein nach sein Zeichenlehrer und Vertrauter, der aus Sankt Petersburg gebürtige Landschaftsmaler Alexander Cozens. Es wäre aber falsch, von "echten" Briefen zu sprechen, diese – im ganzen 18. Jahrhundert beliebte – Form ist hier eher eine literarische Fiktion mit einem imaginierten Briefpartner. Die Ausarbeitung, die sich bis ins Frühjahr 1783 hinzog, erfolgte in enger Zusammenarbeit mit einem Dritten, dem Reverend Samuel Henley, der die Funktion eines Anregers und kritischen Gegenübers oder, modern gesprochen, eines Lektors ausübte; übrigens der gleiche Henley, der 1786 Beckfords Vertrauen mißbrauchte und gegen dessen ausdrücklichen Wunsch eine unautorisierte englische Übersetzung des "Vathek" veröffentlichte, wodurch dieser sich genötigt sah, möglichst rasch die französische Originalfassung herauszubringen. An die Publikation der Briefe knüpfte er große Hoffnungen. So schrieb er Lettice am 31. August 1781: "Sie wissen, daß mein Herz am Erfolg meines Buches hängt und kein Genügen daran hätte, wenn dieses bloß als muntere, malerische Rundreise gerühmt würde." Im Mai 1782 brach Beckford zu einer zweiten Reise nach Neapel auf, die Anlaß zur Aufnahme sieben weiterer Briefe ins geplante Buch bot. Die Equipage umfaßte neben Lettice einen Arzt, einen Cembalisten, einen Aquarellmaler (Cozens’ Sohn John Robert, der sich bereit erklärt hatte, Landschaften festzuhalten, die dem Auge seines Auftraggebers schmeichelten) sowie mehrere Diener. Die Route war mit jener der ersten Reise identisch. Ende März oder Anfang April 1783 war das Buch fertig gedruckt und gebunden, es wurde auch schon annonciert; aber plötzlich gab Beckford dem Druck seiner Familie nach, die die Veröffentlichung aus Sorge um ihren Ruf und die erhoffte politische Karriere des Sohnes zu unterbinden suchte. Die fünfhundert Exemplare wurden zum größten Teil verbrannt, nur ganz wenige behielt Beckford oder vertraute sie engen Freunden an. "Wie könnte ich mein Buch aus Träumen ertragen", schrieb er Henley einige Monate später, "wenn ich bedenke, welche verdrießlichen Taggedanken es uns beschert hat? Wenn Sie gewillt sind, mich mit ihm zu versöhnen, so seien Sie versichert, daß Sie nicht minder mein zugewandter Freund wären, wie wenn Sie die zischenden Schlangen in Fonthill zum Schweigen brächten. Weder Orlando noch Brandimart wurden in verwunschenen Burgen je von Geistern und Dämonen so gequält wie William Beckford im eigenen Saal von seinen nächsten Anverwandten." Die Erwartung, daß sich dieses Opfer für ihn auszahlen würde, erfüllte sich nicht. Zwar heiratete er 1783 Margaret Gordon, wurde Vater und zog im Jahr darauf ins Parlament ein, doch im Herbst 1784 nutzten politische Gegner Gerüchte über seine homosexuelle Beziehung mit dem sechzehnjährigen Adligen William Courtenay, um einen Sittenskandal zu entfesseln. Beckford hatte ihn bereits Jahre zuvor kennengelernt und war ihm rasch verfallen. "Ich merkte", schrieb er am 22. Februar 1781 in bemerkenswerter Offenheit an die Tante des Jungen, "daß es eine Freude war, jemand anderen als sich selbst zu lieben, und empfand, daß es ein größerer Luxus wäre, für ihn zu sterben als für den Rest der Welt zu leben." Ein gutes Jahr lang trotzte er dem Sturm, der in der Presse tobte, dann entzog er sich einer Situation, wie sie auf noch dramatischere Weise später Oscar Wilde erlebte, ging mit seiner Familie ins Exil und lebte fünfzehn Jahre auf dem europäischen Festland, vorwiegend in Frankreich und Portugal. Auch dort freilich nicht unbehelligt: Als seine Frau nach offenbar glücklicher Ehe im Kindbett starb, wurde in England verbreitet, dies könne nur an der rohen Behandlung durch ihren Mann gelegen haben, worauf die Bürger von Vevey ihrem Gast öffentlich bescheinigten, daß er sich stets als zärtlicher, liebevoller und fürsorglicher Gatte betragen habe. Nach seiner Rückkehr 1799 lebte Beckford zurückgezogen in Fonthill und entfaltete eine rege Bautätigkeit. Er ließ das Gut durch eine lange Mauer einfrieden, gestaltete den Landschaftspark um und errichtete anstelle des von seinem Vater gebauten Herrenhauses, das abgerissen wurde, in der Nähe als neuen Wohnsitz eine monumentale gotische "Abtei". Siebzehn Jahre dauerte der Bau, bis zu 950 Arbeiter taten Tag und Nacht Dienst. Der alles überragende Turm in seiner Mitte, der u. a. die kostbare Bibliothek aufnahm, erhob sich bis in 90 Meter Höhe; zweimal stürzte er ein, zweimal wurde er wieder aufgebaut. Das Bauwerk gilt neben Schloß Strawberry Hill bei Twickenham (London) als maßstabsetzendes Exempel des Gothic Revival, der Neugotik, die alsbald von hier aus ihren Siegeszug antrat. Wie Fonthill Abbey war Strawberry Hill die Schöpfung eines Schriftstellers, Horace Walpole, und auch dieser war, wie Beckford, der Mann eines Buches, der gothic novel "Die Burg von Otranto" (1764). Die verschwenderische Bau- und Sammeltätigkeit des Hausherrn von Fonthill ließ sein Vermögen rasch dahinschmelzen, die aufkommende Rübenverarbeitung drückte die Nachfrage nach Zucker aus Jamaika, und auch Napoleons Kontinentalsperre tat das ihre. 1822 verkaufte Beckford die Abtei, wenig später auch einen Großteil seiner Kunstschätze, die sich heute in vielen Museen der Welt (darunter in Berlin) befinden. Die Abtei wurde nach und nach abgebrochen, die Steine dienten als Baumaterial für Gebäude in der näheren Umgebung; nur ein kleiner Teil der Anlage blieb erhalten. Beckford zog nach Bath und ließ sich bei Lansdown Crescent einen neuen Wohnsitz bauen, natürlich wieder mit einem Turm, wenn auch einem bescheideneren. Dort nahm er sich die immer noch unveröffentlichten Briefe über seine mehr als fünfzig Jahre zurückliegende Kavalierstour wieder vor, bearbeitete und kürzte sie und veröffentlichte 1834 das Buch "Italy with Sketches of Spain and Portugal". Von allzu Persönlichem, allzu Schwärmerischem, wie es die frühere Version oft auszeichnete, ist es gereinigt; zweideutige, zu Mißverständnissen einladende Passagen wurden gestrichen oder redigiert; ergänzt wurden, wie der Titel schon verrät, Aufzeichnungen über Spanien und Portugal. An letztere knüpfte Beckford 1835 in einem weiteren Band an, den noch im gleichen Jahr auf deutsch erschienenen "Erinnerungen von einem Ausfluge nach den Klöstern Alcobaça und Batalha". Die folgende Übersetzung – ein Auszug aus dem achten, mit ca. 45 Druckseiten weitaus umfangreichsten Brief – beruht auf der seinerzeit unterdrückten ursprünglichen Fassung, die erst seit 1971 in einer modernen Ausgabe vorliegt. Auf deutsch erscheint er hier zum ersten Mal.

Gernot Krämer

SINN UND FORM 4/2018, S. 491-507, hier S. 491-494