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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-25-6


Leseprobe aus Heft 5/2015

Eich, Günter

DAS WOLBURG-FRAGMENT (1945)
Mit einer Vorbemerkung von Axel Vieregg


Vorbemerkung

 

Am 25. April 1946 schrieb Günter Eich an Karl Krolow, der ihn anscheinend um einen Prosa-Beitrag für ein "eigenes Zeitschriften-Projekt" gebeten hatte: "Ansonsten hätte ich noch einen Dramenakt aus einem aufgegebenen Stück. Schreiben Sie mir, ob es überhaupt in Frage kommt, dann würde ich es überarbeiten. (Es ist eine erste Niederschrift. Prosa. Zeithintergrund: Inflation.)" Zur Veröffentlichung und damit Überarbeitung kam es nicht. Auch wurde das Fragment, dessen Bedeutung von den Herausgebern damals nicht erkannt worden war, wie einige andere Texte auch, weder in die erste Ausgabe von Eichs Gesammelten Werken (1973) noch in die revidierte Ausgabe von 1991 aufgenommen und geriet so in Vergessenheit.

Erst beim Wiederlesen, nach der auf die Neuausgabe folgenden Debatte um Eichs Leben 1933–1945, erschloß sich mir der Stellenwert des Textes: als Wendepunkt und Neubeginn von Eichs Schaffen in der Stunde Null, die hier tatsächlich als solche erfaßt und faßbar wird. Es ist nach Eichs berühmtem und höchst konkretem Gedicht "Inventur" aus demselben Jahr eine Inventur auf einer anderen, parabelhaften Ebene: Wo war ich? Wo stehe ich? Wo will ich hin? Daß er diese Selbstbefragung auf den schwankenden Boden der Inflationszeit verlegt, ist eben jenem Schweigegebot geschuldet, das der Text zum Thema hat: Von der Gegenwart des Jahres 1945 zu sprechen und damit die "dunkle" Vergangenheit des Protagonisten als die eigene offenzulegen, war Eich nicht möglich. Wie er überhaupt sein Privatleben weitgehend abschirmte und Fragen zum Biographischen als irrelevant zurückwies. Wieviel mehr galt das für eine Zeit, in der schmerzende, wohl auch peinliche Erinnerungen frisch und die Berührungsängste groß waren – hinter der Zurückhaltung steckte auch Rücksichtnahme, wie sich zeigen wird. Dazu kommt, daß in den ersten Nachkriegsjahren eine Druckgenehmigung seitens der Alliierten nur mit dem berüchtigten "Persilschein" möglich war, in dem manches ungesagt bleiben bzw. beschönigt werden mußte. Es war Hermann Kasack, der Eich die Gefälligkeit erwies. Das Schweigen – Beschweigen und Verschweigen – wurde dann zu einem Grundkonsens der frühen Bundesrepublik.

Selbstbefragung und Schweigegebot wurden von Eich noch ein weiteres Mal zum Thema gemacht, und zwar in dem Hörspiel "Die gekaufte Prüfung" von 1950, von dem noch zu sprechen sein wird. Wieder ist der Boden, auch der moralische, schwankend. Nun sind es die Schwarzmarktjahre, und die Hauptfigur heißt noch einmal Wolburg. Eich hatte den Namen mit Bedacht gewählt: er erscheint unter seinen Vorfahren. In dem hier erstmals abgedruckten, im Manuskript unbetitelten Fragment geht es um einen Mann, dessen Vergangenheit ihn ins Gefängnis bringen könnte und der daher seine Identität aufgeben und, als vermeintlich "verlorener Sohn", in die Haut eines anderen schlüpfen muß. Er "schämt sich" zwar seiner Lüge und / oder seiner Vergangenheit, will aber sein Möglichstes tun, um dem hehren Bild zu entsprechen, das "Vater" Fahrwasser und "Schwester" Anna von ihm haben. Er will diejenigen, die ihn "Sohn und Bruder nennen, nicht enttäuschen". Dieser Satz wurde auf dem letzten Blatt des Manuskripts zwischen den Zeilen eingefügt. Er meint das Entscheidende: den Vorsatz, einen Neuanfang zu machen, den Versuch einer Rehabilitierung. Mit der Unterschrift, die "Wolburg" am Ende leistet, zieht er einen Schlußstrich unter seine frühere Existenz. Seine Zukunft gründet er damit allerdings auf eine Lüge, denn er weiß: "Ich kann nicht mehr zurück."

Eichs Plan war wohl, wie die Notizen zu weiteren Akten zeigen, daß Wolburg am Ende die Wahrheit zugeben und damit zu seiner Vergangenheit stehen muß, er aber dann soweit geläutert und in "seiner" Familie angekommen ist, daß ihm verziehen wird. Die autobiographischen Züge sind nicht zu übersehen: In einer Art Wunschbiographie verschmelzen zwei Orte, zwei Familien. Zum einen der Ort von Eichs früher Kindheit, das Straßendorf Arenzhain bei Finsterwalde in der Niederlausitz, wo sein Vater einen Gutshof mit Ziegelei gepachtet hatte. Mit dem Kaleidoskop der Erinnerungsfetzen in seinem langen Gedicht "Ziegeleien zwischen 1900 und 1911" setzte Eich dieser Kindheit später ein Denkmal. Zum anderen der Ort der Niederschrift, Geisenhausen in Niederbayern, wo Eich Ende 1944 im Haus der Spenglerfamilie Schmid eine Zuflucht gefunden hatte, die ihm – nach den Jahren in der verhaßten Armee – eine beglückende Geborgenheit, eine "Familie" zurückgab. In einem Brief vom 16. Dezember 1945 an Jutta Raschke, die Frau seines Dresdner Freundes Martin, der als Kriegsberichterstatter an der Ostfront umgekommen war, liest sich das so: "Als die Entlassungen begannen, wählte ich Geisenhausen. Wohin sollte ich? Ich wußte von niemandem. So bin ich nun seit Anfang Juli wieder bei Schmids, wie vordem als Soldat. (…) Frau Schmid, eine Witwe mit sechs Kindern, ist eine fromme Frau von unbeschreiblicher Gutmütigkeit. Ich werde wie ein Sohn behandelt." Unter diesen sechs Kindern war auch eine Anna, die der Anna im Fragment ihren Namen gegeben haben mag.

In seiner umfassenden Studie "Am Rande der Welt. Günter Eich in Geisenhausen 1944–1954" zeichnet Roland Berbig ein Bild dieses ungewöhnlichen Zusammenlebens. Er kann zeigen, wie Eich in dieser seinen Erfahrungen in der Großstadt Berlin, beim NS-Rundfunk und in der Armee so völlig entgegengesetzten Umwelt "Lebensfreude" und damit auch die Schaffensfreude zurückgewann. Auch diesem Ort setzt Eich ein Denkmal im Gedicht. Den ersten Entwurf von "Geisenhausen" legte er auf einem unpaginierten Blatt dem Wolburg-Fragment bei und unterstrich so noch einmal, daß beides zusammengehört:

 

Das Gras auf dem Turmgesimse

erzittert beim Glockenschlag

Der Zeiger der Uhr läuft schneller

unter dem Dohlengewicht.

 

Das Fragment ist bisher übersehen und daher auch nirgends ausgewertet worden. Somit fehlte ein aufschlußreiches Zwischenglied in einer ganzen Reihe von Selbstbefragungen Eichs, das für eine stimmigere Deutung späterer Texte Beweiskraft hat. In dem Fragment hatte er keine Lösung für Wolburgs Gewissensqualen gefunden, eine Absolution, die er für den späteren Verlauf geplant haben könnte, bleibt aus. Zwei Jahre später greift Eich die Figur wieder auf. In einem Brief an Jürgen Eggebrecht schreibt er 1947: "bin eben über einem ausgewachsenen [Hörspiel] (ein Zeit- und Schwarzhandelsthema)", brauchte dann aber noch einmal zwei Jahre, um es abzuschließen. Nur ist aus dem an "Günter" anklingenden Namen Walter Wolburg nun ein Martin Wolburg geworden. Scham und Gewissensqualen sind geblieben, ebenso das Schweigen als Option.

"In Zeiten, in denen es uns gut geht, sind gewisse Grundsituationen, in denen der Mensch über sich selbst zu Gericht sitzt, rar geworden", heißt es in der Vorbemerkung zu dem Ende 1949 überarbeiteten Hörspiel "Die gekaufte Prüfung". Mit ihm beginnt, einige Kindersendungen nicht eingerechnet, die Reihe der großen Hörspiele, die Eich nach dem Krieg berühmt machten. Und es steht nicht von ungefähr am Anfang: Das Hörspiel schildert die Situation des Studienrates Martin Wolburg, der – um in Hungerzeiten mit seiner Familie zu überleben – käuflich geworden ist und einem schwachen Schüler zum Abitur verhilft, der ihn mit Schwarzmarktwaren besticht. Der erste Tag des neuen Schuljahrs bricht an, in seinen Alpträumen fühlt sich Wolburg moralisch verurteilt, im Wachen gesteht er, daß er "etwas zu bereuen" habe, und meint: "Vielleicht werde ich rot vor Scham, wenn ich vor der Klasse stehe". Eich läßt offen, wie er sich verhalten sollte: schweigen und weiterarbeiten oder die Schuld öffentlich eingestehen und damit in Schimpf und Schande aus dem Beruf ausscheiden. Statt dessen forderte er den Zuhörer auf, er selbst solle "wie ein Richter das Urteil sprechen". Die Hörer – einige tausend Zuschriften! – erteilten Wolburg die Absolution.

Roland Berbig kann berichten, daß Eich, ehe er das Hörspiel an den Rundfunk schickte, die Familie Schmid befragte. Es ist nicht überliefert, wie der "Testlauf" ausging, doch es zeugt schon von der subtilen und verschmitzten Hintergründigkeit, die sein späteres Werk kennzeichnet, daß er ein wohlwollendes Urteil über Martin Wolburg ausgerechnet von denen erhoffte, die er als Walter Wolburg "nicht enttäuschen" wollte.

Eichs "Vorbemerkung" schließt mit den Worten: "Die Situation unsres Hörspiels aber, so alltäglich sie damals gewesen sein mag, hat Gewicht und verweist auf Fragen, mit denen wir noch nicht fertig geworden sind." [Hervorhebung A. V.] Noch nicht fertig geworden war er auch mit der Frage nach der Schuld. Er wurde nie damit fertig, denn sie verjährt nicht: "Geschichte gilt nicht, / wir wollen schuldig bleiben", schrieb er in dem späten Gedicht "Sklaveninsel" für den Band "Nelly Sachs zu Ehren". Und in seinem Alptraum hört Martin Wolburg: "Der Angeklagte verdient den strengsten Spruch. Er wird verurteilt, weiter zu leben." Nämlich mit der Schuld.

Es ist – jenseits aller Kollektivschuld und Kollektivscham – auch die Frage nach dem, was Eich als seine eigene Schuld und Scham empfand. Denn nur vordergründig geht es in "Die gekaufte Prüfung" um die Schwarzmarktzeit, ebenso wie es in dem Wolburg-Fragment nur vordergründig um die Inflationszeit ging. Worum es vor allem geht, ist Eichs Mitwirken im Rundfunk der NS-Zeit, speziell bei der weitaus beliebtesten, bekanntesten und mit 75 Sendungen umfangreichsten Funkserie des Dritten Reiches, dem "Deutschen Kalender. Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten", die von 1933 bis 1940 zur besten Sendezeit lief. Brauchtum, Volkstum, Volksgemeinschaft – Hans-Ulrich Wagner charakterisiert die Reihe in einer äußerst kritischen Untersuchung wie folgt: "Die KWL-Sendungen sind ein Aushängeschild des NS-Rundfunks: sie preisen eine völkische Ideologie", und zitiert aus einer Rundfunkzeitschrift vom April 1940: "So wandert der ›Landbote‹ auch im Krieg weiter durchs Funkland und führt die Städter zur völkischen Urheimat – zum Acker und zum Bauern". (Wagner, "›Der Weg in ein sinnhaftes, volkhaftes Leben‹. Die Rundfunkarbeiten von Martin Raschke", in: Wilhelm Haefs, Walter Schmitz, Hgg.: "Martin Raschke (1905–1943) Leben und Werk". Dresden 2002) Der Ende 1939 als Funker und Fahrer zur Luftwaffe eingezogene Eich war an den letzten Sendungen nicht mehr beteiligt.

Wie sehr Eich den Vorgaben der NS-Rundfunkoberen folgen mußte, aber auch, wie widerwillig er es tat, zeigen seine Briefe aus dieser Zeit. Am 25. November 1933 schrieb er an seinen Freund Adolf Artur ("Addi") Kuhnert: "Den Königswusterh. Landboten mache ich übrigens mit Martin zusammen. Ich habe es schon so satt – aber bei diesen Zeiten." Im selben Brief schreibt er, warum er trotzdem die Arbeit fortsetzt: "Oh diese verfluchte Villa an der Ostsee!" Unüberhörbar die Ironie: Es war nur ein bescheidenes Holzhaus mit Grundstück an der Pommerschen Küste, finanziell aber war es eine Falle.

Martin, das war Martin Raschke, der schon genannte Dresdner Freund und Herausgeber der kurzlebigen (1929–1932) "Zeitung der Jungen Gruppe Dresden", später "Die Kolonne. Zeitschrift für Dichtung", die zahlreichen jungen Autoren wie Peter Huchel, Horst Lange, Elisabeth Langgässer, Theodor Kramer und auch Eich ein Forum geboten hatte. Mit ihm wechselte sich Eich Monat um Monat bei der Arbeit am Landboten ab. Raschke kaufte sich von seinem Honorar später eine Biedermeier-Villa in bester Hanglage in Dresden-Loschwitz. Man geht wohl nicht fehl, wenn man in "Martin Wolburg" die Verschmelzung von Raschke und Eich zu einer Figur sieht, wenn also der Sündenfall des Käuflichwerdens nur parabelhaft am Beispiel des Studienrates verhandelt wird. Was dahinter aufscheint, ist die Abhängigkeit beider Autoren von einem Geldgeber, von dem Eich sich innerlich zunehmend distanzierte, dem Raschke aber bis zu seinem Ende auch ideologisch verpflichtet blieb. Wenn Wolburg sich fragt, ob er noch einmal vor seine Klasse treten könne, ohne "rot vor Scham" zu werden, so vernimmt man darin auch Eichs Frage, ob er noch einmal ohne Scham vor seine Leser / Hörer treten dürfe.

Nicht zu bezweifeln ist, daß er mit seiner Stellung im NS-Rundfunk haderte. So schreibt er am 18. Juni 1936 an Kuhnert: "Ich sehe ein, daß meine Bemühungen ein Schriftsteller zu sein, d. h. ein brauchbares Glied der menschlichen Gemeinschaft, vergeblich sind. Ich meine nicht des Geldes oder des Erfolges wegen – das habe ich ja beides bis zu einem gewissen Grade gehabt und kann es weiter haben. Aber ich werde nie und nimmer glücklich sein in dieser Rolle, das Verbogene in diesem Lebenszustand hält mich ewig in schlechtem Gewissen." [Hervorhebung A. V.] In seinem im selben Jahr entstandenen Hörspiel "Radium" gibt er diesem schlechten Gewissen in der Figur des Chabanais (nach dem 1946 geschlossenen Pariser Bordell) Gestalt, der sich als "Hausdichter" und "Reklamemann " bei einem verbrecherischen, mit Radium spekulierenden Unternehmen verdingt. Wird Martin Wolburg wegen seiner hungernden Familie käuflich, so Chabanais wegen der teuren Behandlung seiner krebskranken Frau. Das Radium, das als Therapiemittel zunächst segensreich schien, wird jedoch zum Fluch, als sich seine tödliche Wirkung auf die ahnungslos mit ihm umgehenden Arbeiterinnen herausstellt. Eine schreckliche Ernüchterung erfaßt ihn: "Ja, die Kälte kriecht mir ins Herz, der eisige Zweifel, ob es das Göttliche war, wofür ich schrieb."

Wie es möglich war, daß dieses so mutige Hörspiel ("daß keiner vergißt, wie die Welt voll Sünde und Bosheit ist") im September 1937 vom Reichssender Berlin ausgestrahlt werden konnte, bleibt ein Rätsel. Jeder für Zwischentöne empfängliche Hörer muß die Parallelen zum Regime gespürt haben. Vielleicht gab es deswegen auch keine Wiederholung, obwohl sie vorgesehen war. Chabanais flieht in den afrikanischen Urwald. Eich bleibt in Berlin und begibt sich, da er wegen einer Wohnung im "Alten Westen" "horrende Schulden" hat (an Kuhnert, 21. April 1937), erneut in die verwünschte Abhängigkeit. Mit dem von der NS-Presse hochgelobten anti-englischen Propaganda-Hörspiel "Rebellion in der Goldstadt" von 1940 beendete Eich seine erste Rundfunkkarriere. Er war nicht stolz darauf.

Hat er nun geschwiegen, wie es das Wolburg-Fragment und "Die gekaufte Prüfung" nahezulegen scheinen? Ilse Aichinger, seine Frau, kleidete Eichs Scheu vor seiner Vergangenheit in ein Paradox:

"Aber er erzählte wenig. Auch was er seinen Kindern berichtete – von seiner frühen Zeit, von seinen Reisen, sollte sie nicht unsicher machen. Möglicherweise hörten sie diesen Erzählungen deshalb um so lieber zu, weil er nicht von ihnen verlangte, ihm zu glauben. Im Sinne der Gedichtzeile ›Alle wissen, daß Mexiko ein erfundenes Land ist‹. So kommt das Wissen wieder ins Spiel. Und die Möglichkeit, ihm zu entgehen." ("Was ich weiß". Eröffnungsgruß zur Potsdamer Günter-Eich-Ausstellung, Der Tagesspiegel, 28. März 2000)

Offen hat er nie gesprochen, sich statt dessen in "Erzählungen" versteckt. So hat er seine Rolle im NS-Rundfunk stets heruntergespielt und in einer autobiographischen Notiz von 1946/47 die Jahre zwischen 1932 und 1939 schlicht ausgelassen. Gerade sie aber werden zum Resonanzboden seines Nachkriegswerks. Verführbarkeit und Schuldigwerden, oder Schuld und Leiden anderer auf sich zu nehmen, um sie zu teilen oder zu mildern, Sühnen und Dienen sind die immer wieder variierten Themen seiner Hörspiele nach dem Krieg. Und so offenbart er sich doch – in Gleichnissen, die nun allerdings in hohem Maße "unsicher machen", einem den vertrauten Boden unter den Füßen wegziehen: sei es im Persönlichkeitstausch der reichen Ellen mit der armen Camilla in "Die Andere und Ich" (1951), sei es in der die Schuld auf sich nehmenden Spiegelfigur des Idealisten, der den Verlockungen des Geldes erliegt ("Zinngeschrei", 1955), sei es im Dienst an den Leprösen in "Das Jahr Lazertis" (1953) oder im Teilen des Leidens der Verdammten in "Festianus, Märtyrer" (1958). "Radium" war das Vorspiel, mit "Die gekaufte Prüfung" beginnt eine exemplarische Trauerarbeit. Nur weil er an sich selbst die "Grundsituation" erfahren hatte, "in der der Mensch über sich selbst zu Gericht sitzt" und sein Schuldigwerden reflektiert, konnte Eich jene Gestalten schaffen, die seinen Nachkriegsruhm begründen. Erst aus der Einsicht heraus, daß er mit seinen mehr als 160 Rundfunkarbeiten das "Dritte Reich" gestützt hatte, gewann Eichs berühmte Forderung: "Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt" ihre beschwörende Kraft. Der Schritt vom frühen zum reifen Eich vollzieht sich symbolisch im Wolburg-Fragment.

Axel Vieregg

SINN UND FORM 5/2015, S. 581-585