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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 9.00]  ISBN 978-3-943297-07-2


Leseprobe aus Heft 5/2012

Achilles, Peter

DIE STIMME DER GÜTE
Zu Viktor von Weizsäckers Briefen an Lou Andreas-Salomé


I.
1931 erschien Lou Andreas-Salomés "Mein Dank an Freud. Offener Brief an Professor Sigmund Freud zu seinem 75. Geburtstag". Diese Schrift ist mehr als ein Dank, sie enthält die Zusammenfassung ihres Verständnisses der Psychoanalyse, verfaßt in einer mehr poetischen als wissenschaftlichen Sprache. Viktor von Weizsäcker (1886–1957) vernahm in diesem Vermächtnis "die Stimme der Güte". Auch er verehrte Freud und seine Psychoanalyse und auch er suchte ihr gegenüber nach einem eigenen Standpunkt. Als Internist und Neurologe, als Schüler von Ludolf Krehl, dem Begründer der "Heidelberger Schule der Psychosomatik ", entwickelte er die "Medizinische Anthropologie", die mit dem Schlagwort von der "Einführung des Subjekts in die Medizin" gekennzeichnet werden kann. Mit seiner Ehefrau Olympia und den vier Kindern führte Weizsäcker in Heidelberg das Leben eines für Philosophie, Theologie und soziale Fragen aufgeschlossenen Medizinprofessors, der sich über seine wissenschaftliche Außenseiterposition im klaren war. Anfang der dreißiger Jahre befand er sich in einer entscheidenden Phase der Zusammenführung seines ärztlichen Denkens, seiner neurologischen und neurophysiologischen Arbeiten und seiner psychotherapeutisch-psychosomatischen Erfahrungen, in der der Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse eine zentrale Bedeutung zukam.
In dieser Situation wandte er sich brieflich an die 25 Jahre ältere Lou Andreas-Salomé (1861–1937), um deren Verständnis er warb und der er seine fächerübergreifenden psychosomatischen Konzepte vorlegte. Lou Andreas-Salomé hatte sich nach ihrem früher so bewegten Leben, ihren Begegnungen mit Nietzsche, Rilke und Freud, in die Einsamkeit ihres Hauses Loufried in Göttingen zurückgezogen. Ihr Mann, der Orientalist Carl Friedrich Andreas, war 1930 verstorben. Bis 1935, solange es ihre Gesundheit erlaubte, war sie psychoanalytisch tätig – Freuds Werk hatte seit 1911 eine überragende Bedeutung für sie. Viktor von Weizsäcker zählte zu den wenigen neuen Kontakten ihrer letzten Jahre. Zunehmend erkrankt, starb sie 1937 und mußte es so nicht mehr erleben, daß die Göttinger Polizei die Bibliothek des Hauses beschlagnahmte, in dem "jüdische Wissenschaft" betrieben wurde. In seiner wissenschaftlichen Autobiographie "Natur und Geist" erinnert sich Weizsäcker:
"Aber ich muß noch einer Frau gedenken, deren Bekanntschaft ich der Berührung mit der Psychoanalyse verdankte: es war Lou Andreas-Salomé. Um Weihnachten 1931 fiel mir ihr zu Freuds fünfundsiebzigstem Geburtstag geschriebenes Buch ´Mein Dank an Freud´ in die Hände. Der Eindruck war ein solcher, daß ich der Unbekannten einen Brief schrieb, der mir dann eine Korrespondenz, einen Besuch bei ihr und eine Ermutigung eintrug, die in eben jener Zeit der Angst (…) mich wahrhaft gestützt hat. Lou Andreas-Salomé war damals siebzig Jahre alt, übte in Göttingen in aller Stille eine psychoanalytische Praxis aus und lebte das geheimnisvolle Leben einer Sibylle unserer Geisteswelt. (…) Ihre Briefe waren von einem Spürsinn ohnegleichen eingegeben, und sie wußte wohl vom ersten Augenblick an, mit wem sie es zu tun hatte, und wo meine Nöte ihre Wurzel hatten. Sie konnte mir vielleicht nicht helfen, aber sie verstand den Geist zu lieben und war erfahren in den Welten der Einsamkeit. Ihre auch in jener Schrift an Freud bekundete Freiheit gegenüber dem psychoanalytischen Schulbetrieb, ihre höchst persönliche Umformung der Doktrin kraft eigener Originalität hatten auf mich eine entlastende Wirkung. Man sah hier, daß man das, was wahr ist an einer Lehre, auch in andere Sprachen übersetzen kann. Das Weibliche und die Wärme ihrer Natur empfing ich mit Dank, und es ist vielleicht kein Fehler, obwohl sicher ein Verlust, daß der anfangs so rege Austausch sich später verlor – sie hatte an mir eine Mission erfüllt, und ich hatte ihr dafür wohl nichts bieten können, was sie in ihrem hohen Alter noch gebraucht hätte. (…) Meine Verehrung für Freud und meine Bewunderung seines Werkes bedurften einer Bestätigung niemals. Aber die Wirkung der Psychoanalyse hat etwas von einer sich unerbittlich zuschnürenden Schlinge; man kann sich nicht mit ihr einlassen, ohne auch gleichsam Hilfe zu rufen oder wenigstens unablässig mit ihr zu ringen. Der seltene Fall, daß jemand diese Wissenschaft tief genug begriffen und doch eine eigene Persönlichkeit geblieben war, ist mir weder vor- noch nachher so hilfreich begegnet wie bei Lou Andreas-Salomé. Ihre Briefe und ihr Gedächtnis bewahre ich als eine der Kostbarkeiten meiner Erinnerung." (GS 1, S. 148 f.)
Mit "jener Zeit der Angst" meint Weizsäcker die paradigmatische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, die von seiner Kritik an der naturwissenschaftlichen Medizin nicht zu trennen ist. Leider sind die Briefe Lou Andreas-Salomés nicht erhalten. Sie blieben wohl wie vieles andere in Breslau zurück, das Weizsäcker im Januar 1945 auf militärischen Befehl verlassen mußte ("Reisebeschreibung 1945" in Sinn und Form 6 /2007). Weizsäcker zitiert nach dem Gedächtnis einen einzigen Satz, der aber richtungweisend für ihn war. "Lou Andreas-Salomé schrieb mir in einem ihrer jetzt verlorenen Briefe mit Bezug auf die Psychoanalyse, sie habe bei allen bewunderungswürdigen Erfolgen dieser Psychologie immer das Gefühl gehabt, das größere Geheimnis noch sei doch der Leib." (GS 1, S. 242)
Im Lou Andreas-Salomé Archiv in Göttingen liegen sechs Briefe Weizsäckers und eine Postkarte, die zwischen Dezember 1931 und November 1932 geschrieben wurden, außerdem ein Sonderdruck der Arbeit "Biologischer Akt, Symptom und Krankheit" (1931) und das Typoskript seiner Besprechung von "Mein Dank an Freud". Mit diesem etwas mageren Befund mag es zusammenhängen, daß die Briefe bisher vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit fanden. Sie wurden gelegentlich erwähnt, aber nicht in ihrer Bedeutung für Weizsäcker und die Medizinische Anthropologie gewürdigt. Versucht man dies, so zeigt sich, daß sie Teil einer weiterwirkenden epistemologischen Krise der ersten Jahrhunderthälfte sind; die Einführung des Subjekts in die Medizin ist von der Kritik an der scheinbaren Objektivität allen menschlichen Wissens und der Vorherrschaft eines linear-kausalen Denkens nicht zu trennen.

II.
Lou Andreas-Salomé war keine Ärztin, also auch keine Psychosomatikerin im heutigen Sinne, aber Weizsäcker erkannte bei der Lektüre von "Mein Dank an Freud", daß sie sich auf vergleichbaren Wegen befanden. Diese Richtung ihres Denkens, die man als psychophysischen Komplementarismus bezeichnen kann, hatte sich lange vor ihrer Begegnung mit der Psychoanalyse angebahnt. Wie sie in ihren Aufzeichnungen "In der Schule bei Freud. Tagebuch eines Jahres 1912/13" berichtet (1958, S. 68 f.), ließ sie sich besonders von der Philosophie Spinozas leiten, die sie schon in jungen Jahren kennenlernte. In ihrer Würdigung Spinozas, den sie als "Philosoph der Psychoanalyse" bezeichnet, finden sich Formulierungen, die wie eine Vorahnung der Medizinischen Anthropologie Weizsäckers wirken: "Denn eben dies: die leiblichen und geistigen Äußerungen als Repräsentanzen voneinander aufzufassen, das muß nur bis zu Ende gedacht sein, um Spinoza bereits zu haben. (…) es ist die wache innere Anschauung von der Ganzheit und Gegenwart zweier Welten für uns, die einander nirgends ausschließen, nirgends bedingen, weil sie eine sind." Mit der Vorstellung von der Verwurzelung der beiden "Welten" in einem Urgrund sowie von einer "Allwechselwirkung" an Stelle von Kausalketten beginnt sie die Psychoanalyse umzuformen.
Ihr wichtigster Schritt hin zu einer Psychosomatisierung der Psychoanalyse war der Aufsatz "Narzißmus als Doppelrichtung" (1921). Sie war von der Narzißmusthematik besessen und nannte sie später ihren "Spezialfimmel" (Eintragungen. Letzte Jahre. 1982, S. 123), denn sie berührte einen zentralen Konflikt ihres eigenen, an schwierigen Beziehungen reichen Lebens, nämlich "wie Einheit und Differenzierung zu vermitteln seien" (Linde Salber, Lou Andreas-Salomé, 1990, S.116). Freud hatte in seiner Arbeit "Zur Einführung des Narzißmus" (1914. GWX) einen kindlichen primären von einem sekundären pathologischen Narzißmus unterschieden und ihm ein besonderes Beharrungsvermögen durch alle Lebensphasen zugeschrieben. Auch für Lou Andreas-Salomé hat der Narzißmus etwas Beharrliches, aber er wird bei ihr zu einer anthropologischen Grundgegebenheit, zum Inbegriff der Verwurzelung im Urgrund, und ermögliche so überhaupt erst das Zustandekommen von Beziehungen. Mit seiner "Doppelrichtung" bilde er nicht nur die Grundlage allen erotischen Begehrens und aller Sehnsucht nach anderen Menschen, sondern auch von Ethik, Religion, Künstlertum.
Der Leib ist für sie der Ort, an dem sich dieses spannungsvolle Konzept exemplarisch bewährt. Denn der Leib ist sowohl ein Stück Außenwelt als auch wir selbst, er vermittelt Erfahrungen der Fremdheit und des Einsseins, ist zugleich Gegenstand der Objektlibido und der narzißtischen Libido. Krankheit entsteht demnach durch Abspaltung des Leibes oder im Rückzug auf kindliche Lebensstufen, in denen es den anderen letztlich nicht gibt. Die "Heimkehr zu sich", die Genesung beschreibt Lou Andreas-Salomé in "Mein Dank an Freud" als "eine Liebesaktion" (S. 17), als eine Erneuerung der Beziehungen zum anderen und zu sich selbst, als eine Wiederaneignung des Leibes.
Freud konnte kaum übersehen, daß mit diesem Dank seinem Versuch, die Psychoanalyse als Naturwissenschaft zu verstehen, gründlich widersprochen wurde. Seine geradezu überschwengliche briefliche Antwort enthielt dennoch höchstes Lob (wenn auch mit ironischem Unterton) und ein psychosomatisches Bild für die Wirksamkeit, die er Lou Andreas-Salomés Entwürfen zutraute: "Es ist das Schönste, was ich von Ihnen gelesen habe, ein unfreiwilliger Beweis Ihrer Überlegenheit über uns alle, entsprechend den Höhen, von denen herab Sie zu uns gekommen sind. Es ist eine echte Synthese (…) der man zutrauen könnte, daß sie die Sammlung von Nerven, Muskeln, Sehnen und Gefäßen, in die das analytische Messer den Leib verwandelt hat, wieder zum lebenden Organismus rückverwandeln kann."

[...]

 

SINN UND FORM 5/2012, S. 638-648