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[€ 9.00]  ISBN 978-3-943297-03-4


Leseprobe aus Heft 1/2012

Detjen, Marion

SPIRITUAL COMPANIONSHIP
Max Frisch und Helen Wolff


Als Max Frisch im Mai 1970 auf einer USA-Reise Helen Wolff kennenlernte, hatte er bereits mit mehreren amerikanischen Verlagen Verträge: „Homo Faber“ war bei Abelard-Schuman erschienen, „Stiller“ und „Mein Name sei Gantenbein“ (unter dem Titel „A Wilderness of Mirrors“) bei Random House, die Theaterstücke bei Hill & Wang. Die meisten seiner Bücher waren von Michael Bullock ins Englische übersetzt worden, und die amerikanischen Verlage teilten sich die Übersetzerhonorare mit dem englischen Verlag Max Frischs, Methuen. Frisch hatte auch in den USA schon den Ruf eines Schriftstellers, der sich einiges leisten konnte, zum Beispiel Henry Kissinger, dem Nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten, bei einem Besuch im Weißen Haus unbequeme Fragen zu stellen, unmittelbar nach dem Einmarsch der US-Truppen in Kambodscha. Siegfried Unseld hatte ihm das Gespräch vermittelt; seit er 1955 an Kissingers „International Seminar“ an der Harvard University teilgenommen hatte, gehörte er zu dessen europäischen Freunden und verfügte von allen deutschen Verlegern über die besten Kontakte in den USA. Alles spricht dafür, daß Helen Wolff und Max Frisch sich auf einer seiner New Yorker Einladungen erstmals begegneten.

Unseld und Helen Wolff kannten sich schon lange, ihr Verhältnis war nicht ohne Spannungen. Sie hatten einander mehr als einmal enttäuscht, indem sie Lizenzverträge im letzten Moment platzen ließen. Max Frisch und Helen Wolff hatten aber noch andere gemeinsame Bekannte in Deutschland: Günter Grass, schon seit 1959 unter der verlegerischen Obhut Helen Wolffs und kein Suhrkamp-Autor, und Uwe Johnson, der ihr einen zweijährigen Aufenthalt in New York (1966-68) und wesentliche Hilfe bei der Entstehung der „Jahrestage“ verdankte. Helen Wolff war für Max Frisch also keine Unbekannte. Über sie kam er auch in Verbindung mit Hannah Arendt: „Helen, Hannah Arendt, and I often spent time together, not on business terms but as social and intellectual friends“, erinnerte er sich 1982 im „New Yorker“.

Während seiner Reise schrieb Frisch weiter an dem Tagebuch, das er 1966 begonnen hatte. Die vielen aktuellen Bezüge, kulminierend in dem Besuch im Weißen Haus, machten es auch für das amerikanische Lesepublikum attraktiv. Anders stand es um sein „Tagebuch 1946-1949“, das in den USA bis dahin nicht veröffentlicht worden war, weil die behandelten Personen und Geschehnisse zu erklärungsbedürftig, für Amerikaner zu entfernt schienen. Helen Wolff war bekannt dafür, daß sie unter dem Imprint „A Helen and Kurt Wolff Book“ bei Harcourt, Brace & World auch aus schwierigen, nicht auf den ersten Blick marktgängigen europäischen Büchern Erfolge machen konnte. Ein bißchen „business“ fand also doch statt zwischen ihr und Frisch: Er bot ihr das erste Tagebuch an, sie lehnte ab, „nicht leichtfertig“, wie sie am 14. Juni 1972 schrieb, aber wohl auch, weil sie keine Aussicht hatte, seine besser verkäuflichen Bücher herauszubringen.

Im Frühsommer 1972 änderte sich diese Konstellation: Hill & Wang war 1971 verkauft worden und bei Random House fand gerade ein Generationswechsel statt. Die lose Bindung, die Frisch zu diesen Verlagen gehabt hatte, wurde noch lockerer. Das „Tagebuch 1966-1971“ hatte seinen Abschluß gefunden und war von Uwe Johnson bei einem dreitägigen Besuch im Tessin akribisch lektoriert worden. Im Zuge der intensiven Zusammenarbeit wurde aus der Bekanntschaft der beiden Schriftsteller eine Freundschaft zwischen den Ehepaaren. Johnson erzählte Frisch mit Sicherheit, daß er in Helen Wolff eine Gleichgesinnte gefunden hatte, die sich Texten ebenso penibel widmete wie er selbst. Er war der beste Gewährsmann dafür, daß Helen Wolff die richtigen Übersetzer an der Hand hatte, daß sie ins Amerikanische und nicht ins Englische übertragen ließ, daß sie als Amerikanerin, die in der deutschen Literatur groß geworden war, die Übersetzung auf alle Nuancen hin prüfte, die Notwendigkeit von Kürzungen skrupulös abwog, jedem Zitat auf den Grund ging und sogar die vom Copy-Editor redigierte Fassung noch einmal sorgfältig las, um letzte Mißverständnisse zu beseitigen, „wie sie in keiner Übersetzung fehlen“ (Brief an Max Frisch vom 9. Juli 1973).

Zwischen November 1971 und April 1972 erlebte Max Frisch mit seiner Frau Marianne bei einem erneuten New-York-Aufenthalt einen „Winter des Mißbehagens“ (Brief von Helen Wolff an Max Frisch vom 14. Juni 1972). Die Stadt kam ihm diesmal „nicht traulich vor, abgesehen von wenigen Stätten; eine davon bewohnen Sie“, wie er Helen Wolff am 17. Dezember 1972 rückblickend schrieb. Zurück in der Schweiz bot er ihr an, beide Tagebücher zu veröffentlichen, eventuell in einem Band. Für das „Tagebuch 1966-1971“ hatte er inzwischen allerdings auch einen kleinen Verlag, The Third Press, gewinnen können. Um die verwirrende Konkurrenz zwischen zwei gleichzeitig erscheinenden Büchern mit einem bis auf die Jahreszahl gleichen Titel bei zwei verschiedenen Verlagen zu vermeiden, entschied sich Helen Wolff für beide Tagebücher. Allerdings wollte sie das zweite zuerst bringen: „Was wir damit zu erzielen hoffen ist daß durch die Veröffentlichung des ersten Bandes Ihr Name in der amerikanischen Publizität wieder stark hervorgehoben wird, und daß Band 2 im Kielwasser des ersten läuft. Ich würde aber immer noch anregen, daß wir die Jahre 1946 – 49 kürzen.“ (Brief vom 14. Juni 1972) Im September 1972 besuchte sie Frisch im Tessin und besprach mit ihm die Einzelheiten des Vertrages. Dabei mußte sie in den sauren Apfel beißen, daß er die interessantesten Ausschnitte bereits Zeitschriften zum Vorabdruck angeboten hatte. Es wurde ihr in der Folge „ein echter Kummer daß das Buch schon vor Erscheinen so gründlich ausgekämmt worden ist“, beschwerte sie sich am 23. August 1973: „Sie schaden sich mit dieser Freigiebigkeit selbst und Sie schaden auch Ihrem Verleger.“ Eine weitere „leise – sehr leise – Irritation“ (Brief Helen Wolffs vom 23. März 1973) ergab sich aus ihrer Bitte, für den amerikanischen Leser unverständliche Andeutungen durch Fußnoten oder Einfügungen zu erklären. Der Leser, hatte sie ihm am 12. März geschrieben, dürfe nicht das Gefühl bekommen, „daß er in ein Gespräch geraten ist an dem er nicht teilhaben kann weil die Anderen von unbekannten Personen und Zusammenhängen sprechen ohne sich die Mühe zu geben ihn einzuweihen. Er kommt sich vor wie ein Depp, verschließt sich in stiller Wut, und geht früh nachhause. Dem sollte man vorbeugen“. Frisch fand, die Erwartungshaltung, jede Information vorgekaut und erklärt zu bekommen, zeuge von amerikanischer „Arroganz“, und Helen Wolff mußte, geübt in der Rolle der Vermittlerin, nun ihm die amerikanische Medienkultur erklären: „Vielleicht fragen Sie einmal unseren Freund Uwe wie das so aussieht hier – wie die N.Y. Times z.B. von Ausgabe zu Ausgabe Informationen auch über Einheimische wiederholt. Es ist ein Kreuz an dem ich schon lange trage (...) die Ungeduld des Lesers, der daran gewöhnt ist, daß man ihm alles immer wieder erklärt.“ Es sei nicht Arroganz, „sondern schlichte Unfähigkeit sich zu bemühen, herangezüchtet durch unsere Zeitungen und Zeitschriften“. (Brief vom 23. März 1973)

Im April/Mai 1974 wurde das „Sketchbook 1966-1971“, übersetzt von Geoffrey Skelton, veröffentlicht. Für Interviews und öffentliche Auftritte begab Max Frisch sich wieder nach New York, diesmal ohne Marianne. Zu diesem Zeitpunkt war er knapp 63, fast so alt wie die 68jährige Helen Wolff, und das frühere „Mißbehagen“ hatte sich zu einer handfesten Ehekrise mit der viel jüngeren Frau ausgewachsen. Helen Wolff stellte ihm eine ebenfalls junge und hübsche Verlagsmitarbeiterin zur Seite, die ihn betreuen und in ihrem Auto chauffieren sollte: Alice Carey-Locke. In „Montauk“, dem autobiographischen Experiment, das das flüchtige Liebesverhältnis mit Alice („Lynn“) zum Anlaß des Erinnerns und Erzählens und der autobiographischen Reflexion nimmt, erscheint Helen Wolff auf den letzten Seiten als „die Verehrte“, der er zum Abschied Blumen bringt und die ihm „Grüße nach Europa, Grüße an die gemeinsamen Freunde in Berlin, Uwe, Günter ...“ aufträgt.

Was die deutschsprachigen Autoren von ihrer Verlegerin wußten, war nicht viel, aber es reichte für ihre Bedürfnisse. Helen Wolffs Geschichte, verbürgt durch ein paar historische Daten, war legitimiert durch die Haltung, mit der sie ihren Mitmenschen und ihrem Beruf begegnete, durch die Aura des „Europäischen“, die Kultiviertheit ihres Auftretens und ihres Ausdrucks, die ein sicheres Urteil nicht nur in literarischen Dingen, sondern auch in allen Belangen der Lebensführung und der menschlichen Beziehungen erwarten ließen. Sie und Hannah Arendt, „die beiden grand old ladies“ (Marianne Frisch), waren für ihre Autoren Idealbilder von Emigrantinnen. Während dem Respekt vor Hannah Arendt, der Jüdin, der Intellektuellen, der politischen Theoretikerin, eine gewisse Befangenheit anhaftete, eine Distanz, die nur Uwe Johnson überwinden konnte, wirkte Helen Wolff, die unpolitische Katholikin ohne Kirche, die ihren Sohn 1934 im südfranzösischen Exil „Christian“ getauft hatte, die sich als Praktikerin und nicht als Intellektuelle begriff und ihren Beruf als Dienst an der Literatur und an den Autoren ansah, zugänglich und durfte in Anspruch genommen werden. Für die Männer Frisch, Grass, Johnson galt dies um so mehr, als Helen Wolff ihre Tätigkeit als Erbe ihres 1963 verstorbenen Ehemannes Kurt Wolff verstand und Forderungen nach Gleichberechtigung und weiblicher Selbstverwirklichung, mit denen sich Frisch und Grass in den siebziger Jahren auch privat auseinandersetzen mußten, scharf ablehnte.

[…]

 

SINN UND FORM 1/2012, S. 91-101