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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 9.00]  ISBN 978-3-943297-03-4


Leseprobe aus Heft 1/2012

Hauser, Heinrich

Die schlechten Mädchen von Hamburg. Texte aus dem Nachlaß


Vorbemerkung

Wir wissen nicht genau, wann Heinrich Hauser (1901–1955) diese Texte geschrieben hat, doch wir wissen, an wen sie gerichtet waren. »Mein Junge«, das ist Hausers Sohn Huc, der 1933 in Deutschland geboren wurde. Und wir wissen, weshalb Hauser sie auf englisch geschrieben hat: Huc Hauser hätte sie auf deutsch nicht verstanden. Der Vater mußte sich also einer fremden Sprache bedienen, um dem Sohn von seiner Vergangenheit zu erzählen. Wie kam das?
Wie so vieles hat das mit dem »Riß der Zeit« (Hertha Pauli) zu tun, jenem Riß, der sich 1933 auftat. Hauser war damals als Autor durchaus erfolgreich, besonders seine Reisebücher über das Ruhrgebiet, den Osten der USA, Australien, Kanada und die Balkanländer erzielten hohe Auflagen. Er drehte Filme ("Eine Weltstadt in Flegeljahren « über Chicago und »Die letzten Segelschiffe«), schrieb die Firmengeschichte von Opel, war Opel-Testfahrer, arbeitete als Redakteur bei der Frankfurter Zeitung, übersetzte Liam O’Flaherty. Zunächst war er alles andere als ein Gegner des Nationalsozialismus, sein Buch »Ein Mann lernt fliegen« (1933) widmete er gar Hermann Göring, was zum Bruch mit seinem Verlag, S. Fischer, führte. Aber er lernte schnell: 1938 brachte er seine beiden Kinder, Huc und Helen, nach New York, wohin ihre Mutter, Ursula Bier, bereits ausgereist war. Und 1939 emigrierte er selbst. Er glaubte nicht, daß seine Kinder nach Deutschland zurückkehren würden, und ließ sie als Amerikaner aufwachsen. Diese Zeit hat er später in einem unveröffentlichten Romanmanuskript geschildert, das »Zwischen zwei Welten« heißt und demnächst als Buch erscheint.
Hauser hatte es nicht leicht in den USA, als Autor konnte er sich nicht durchsetzen. Er schrieb für Zeitschriften, nahm Gelegenheitsarbeiten an und kaufte schließlich eine Farm in der Nähe von Albany, New York. Die Kinder kamen auf ein Internat, von seiner Frau hatte er sich getrennt und lebte mit seiner ehemaligen Sekretärin, Rita Laurösch, die mit ihm aus Deutschland emigriert war.
Um das Aufenthaltsrecht zu bekommen, heiratet er eine Amerikanerin, die Ehe wird bald wieder geschieden, und 1945 heiratet er Rita Laurösch. Hauser schreibt eine Artikelserie für das Magazin »Fortune«, »Hitler versus Germany«, und veröffentlicht 1945 eine Polemik gegen das in seinen Augen dekadente amerikanische System: »The German Talks Back«. Darin bezieht er sich auf die preußischen Tugenden, von denen er sich einen Neuanfang für Deutschland erhofft. Er verkehrt in konservativen Emigrantenkreisen, ist u. a. mit George Grosz befreundet. Immer ist ihm klar, daß er nach Kriegsende wieder in Deutschland leben wird, daher nimmt er 1948 das Angebot von Henri Nannen an, Chefredakteur des »Stern« zu werden. Er verläßt seine Farm – nunmehr am Mississippi –, die sein Sohn Huc später verkaufen wird, und zieht nach Duisburg. Die Anstellung endet jedoch schon nach wenigen Wochen, Hauser ist zu unberechenbar und unstet für eine solche Arbeit. Der Versuch einer Rückkehr in die USA scheitert, er hält sich mit Reportagen über Wasser, schreibt erneut eine Firmenschrift für Opel und ein Buch über die deutsche Industrie. Zuletzt lebt er in Dießen am Ammersee, wo er unter ungeklärten Umständen am 25. März 1955 stirbt.

Stefan Weidle

IKARUS, IKARUS!

Als ich ein Junge war, mein Junge
Brachen die Tage des Fliegens gerade erst an
Die »Flugdrachen«, wie wir sie nannten, sahen aus wie eine Mischung
Aus Regenschirmen, Kastendrachen und Sonnensegeln
Mit Kinderwagen, Klavieren und Fahrradrahmen.
Die Vogelmenschen, auch »aviateurs« genannt,
Trugen Lederjacken, Schutzbrillen und um den Hals riesige Schals
Deren flatternde Enden immer
In den Propeller oder das Steuerruder gerieten.
Du hättest gelacht, mein Junge
Wenn du diese komischen Ungeheuer gesehen hättest
Wie sie auf dem Boden schnaubten und mahlten, dröhnend, Feuer rülpsend,
Und in die Luft rumpelten, wobei sie wie Seiltänzer
Um ihr Gleichgewicht kämpften,
Und wie sie dann landeten wie eine Heuschrecke mit gebrochenem Bein
Mit dem Krach eines zusammenbrechenden Hühnerstalls.
Und doch:
Als ich ein Junge war, mein Junge
Träumten wir vom Fliegen
Nicht wie du heute von fliegenden Güterwagen und Ozeanriesen mit Flügeln
Die mit der brutalen Kraft zahlloser PS die Räume durchmessen
Sondern davon, ganz leicht zu sein, wie Bambus und Aluminium
Und gleichzeitig sehr stark, wie die Flügelmuskeln der Vögel
Damit wir fliegen könnten – wie Vögel.
Für dich muß das verrückt klingen, mein Junge
Aber ich habe hart trainiert
Immer weniger gegessen und die Armmuskulatur gestärkt
Damit meine Arme kraftvoll die Luft mit Flügeln schlagen könnten
Sprang über Hecken mit der Vision, irgendwie magisch
In der Luft bleiben zu können, schwebend.
Aus Bambus und Bettlaken habe ich mir heimlich Flügel gebaut
Die ich in einem Feld versteckte.
Nachts schlüpfte ich dann ins Freie, um zu fliegen
Breitete die Flügel aus und rannte einen Hügel hinab
Der Bambus bog sich, die Drähte sangen, das Laken blähte sich
Ich spürte die aufsteigende Kraft des Windes
Fühlte den geheimnisvollen Magnetismus des Mondes
Der mich anzog, die Schwerkraft ließ nach
Ich spürte den Reiz der Gefahr, die Süße des Verbotenen
Die Hand des Todes auf meiner Schulter mit knotig-harten Bambusfingern
Du, mein Junge
Denkst an Düsenantrieb und Überschallgeschwindigkeit
Kannst du dir vorstellen, wie es war, wenn man selbst zu fliegen versuchte,
Als ich ein Junge war?
Jeden Sommerabend bei Sonnenuntergang
Befielen mich ein eigenartiges, verrücktes Glücksgefühl und der Drang,
Herauszufinden, wie nahe ich dem Ideal des Vogelmenschen gekommen war.
Die hohe, mächtige Douglastanne schien zu winken
Mit einem Riesensatz sprang ich auf ihren untersten Ast
Und verschwand so schnell wie ein Eichhörnchen in ihr
Froh, dem Käfig des Bodens entronnen zu sein.
In dem weiten Nadelzelt, dem dunklen und duftenden,
Kletterte ich höher und höher
Hob meinen Körper und spürte, wie er gehoben wurde, gewichtslos, mühelos
Mein Wesen veränderte sich
Ich war kein Junge mehr, sondern ein Eichhörnchen
Kein Eichhörnchen mehr, sondern ein Vogel.
Als Vogel spürte ich keine Schwerkraft
Als Vogel erreichte ich den Wipfel
Brach durch das Nadeldach und ruhte mich aus
In der Fülle der letzten Sonnenstrahlen, weit über der dunkelnden Erde
Weit, weit weg schaukelte ich
Im Äther der Freiheit.
Saß da, ins Dunkel gewandt
Schaute über weite, endlos weite Horizonte
Schaute über Himmel, unendliche Himmel
Schaute hinab auf die schwankenden Zweige meines Baums
Wie Segel bauschten sie sich und segelten mit den Wolken
Ich schaukelte mit der Baumspitze, schwang im Wind
Ich öffnete den Mund, um den Wind in mich einzulassen
Und ein jubelnder Schrei antwortete ihm
Oh, Vogel zu sein unter Vögeln; wie wunderbar war das
Nur einer saß noch höher als ich
Ein Rotkehlchen, das seine rote Brust aufplusterte und sein Abendgebet sang:
"Ich danke dir, mein Gott, danke dir für diesen schönen Tag"
Unter mir gurrten die Waldtauben schläfrig aneinandergelehnt
Den Kopf unter die Flügel gesteckt
Über mir im Himmel
Flatterten nur noch Fledermäuse lautlos unter den Sternen
Und an mein Ohr drang die Stimme des Versuchers:
"Wenn Gott einer kleinen Maus die Gabe verliehen hat zu fliegen
Weshalb dann nicht auch dir?
Versuche es! Breite deine Arme aus; sie sind Flügel
Laß los
Und du wirst dich über die Welt
Erheben, wie du es dir wünschst
Laß los
Du wirst schweben und in immer größeren Spiralen
Auf die Wiese hinabgleiten und weich landen
Es ist wundervoll zu fliegen; Ikarus, o Ikarus!
Versuche es! Laß dich los, laß los!«
Du, mein Junge,
Der du alles über Schwerkraft und Aerodynamik weißt
Grinst du oder verstehst du,
Daß ich fast nachgegeben hätte, daß ich fast losgelassen hätte?
So tief waren die Träume, so süß waren die Träume
Als ich ein Junge war, mein Junge.


DIE SCHLECHTEN MÄDCHEN VON HAMBURG

Steht die Reeperbahn noch auf dem Pinnasberg?
Hat die »Große Freiheit« überlebt, Hamburgs Barbary Coast, oder vielleicht
sogar die »Kleine Freiheit«, ihre Schwester?
Ist das Alkazar noch da? Tropft das Neonlicht noch von den roten Herzen seiner
Fassade?
Das Rad der roten Windmühle, leuchtet es noch in der Nacht von St. Pauli?
Und die Laternen des New China, schwingen sie noch im Wind?
Und was ist mit dem Eldorado, dem Piccadilly, dem Hippodrom, der Blauen
Grotte und all den anderen,
Beinah wie die Sterne unendlich vielen, die einst der Himmel der Matrosen
waren?
Schlafen die Reporter alle? Warum sagen sie uns nicht, was Millionen Seemänner
wissen wollen?
Und noch wichtiger: Fahren sie noch vom Holstentor hoch und radeln die
Palmaille entlang
Bei Geschäftsschluß, Hamburgs hübsche Mädchen auf Fahrrädern, Tausende
Ganze Armeen, unbesiegbar unter den Goldhelmen ihrer Haare?
Stolz trugen sie ihre Farben, das Milch und Blut ihrer Haut, die Nase hoch in
der Luft, die Röcke sehr kurz.
Diese unwiderstehlichen Armeen langer seidiger Beine, galoppieren sie noch
über die Herzen der Männer, die mit Schiffen übers Meer kamen?
Nein, die Reporter haben nicht geschlafen; sie haben die Geschichte erzählt –
alles, was es da zu sagen gab
Von einer Stadt, in der letztes Jahr noch eine Million Menschen lebten
Vom größten Hafen des Kontinents, der großen alten Mätresse der Meere
Von einer Stadt, die von den Seemännern der Welt geliebt wurde wie nur wenige
Ein Telegramm von fünf Worten erzählte die Geschichte:
"Hamburg zu neunzig Prozent zerstört – stop"
Das beantwortet alle unsere Fragen endgültig: nach den Schiffen, den Werften,
Den mittelalterlichen Gebäuden, nach den Lichtern St. Paulis und der Reeperbahn
Nach der »Großen« wie der »Kleinen Freiheit« und nach den hübschen Mädchen
Und, ja, auch die nach den schlechten Mädchen
Die schlechten Mädchen von Hamburg; das älteste Gewerbe der Welt, dauerhafter
als Metall
Einige werden natürlich überleben
Und sie werden mit den britischen Seeleuten schlafen, wie sie es immer getan
haben: Business as usual
Aber im Gestank der Kadaver unter dem Schutt toter Straßen
Nur wir, die wir uns an die Süße der Gewürze und den sauberen Geruch
geteerter Taue in Hamburgs Straßen erinnern
Nur wir, die das frohe Brausen des Blutes wie Wein in unseren Adern gespürt
haben
Wenn die lange Reise nach Hause mit dem großen Sprung vom Fährboot an
Land endete
Nur wir werden uns an die schlechten Mädchen von Hamburg, an unsere
Mädchen, an unsere kleinen Alliierten erinnern
Mit Zärtlichkeit und mit einem Verständnis jenseits der Worte, wie an verlorene
Schwestern
Wir sehen sie vor unserem geistigen Auge mit einem Heiligenschein im grünen
Gaslicht der Reeperbahn
Wie sie da standen oder gingen und die Hüften schwangen in Schnee und Regen
In ihren knappen Kleidchen, wie bunte kleine Vögel, verlorene Vögelchen, die
im Nebel des Nordens ihre Richtung verloren haben
Sie lächelten die Männer an, Hoffnung und Trauer im Gesicht, und doch war
es ein süßes Lächeln
Ihr Heiligenschein war allerdings nicht der einer Maria Magdalena, noch
interessierten sich die Matrosen überhaupt für Heiligkeit
Wahr bleibt, oft – sehr oft – gabelte der Seemann ein Mädchen auf, weil er
Ja, weil er Sex wollte, doch auch aus anderen, nobleren Gründen, etwa:
"Ich muß dieses Kind aus dem Regen holen, es erkältet sich sonst.«
Und wahr ist auch, daß ein schlechtes Mädchen oft – sehr oft – die ganze
Nacht aufblieb
Um für den schlafenden Seemann Socken zu stopfen, Knöpfe anzunähen, einfach
aus Nettigkeit
Sie schrieb für ihn auch jenen Brief nach Hause, den er selbst so unendlich
schwer zu schreiben fand
Fühlte wie eine Mutter, während sie an die Mutter schrieb, an seine, die ihres
Mannes – wenn auch nur für eine Nacht.
Und wahr ist auch, daß an der Mauer von St.Katharinen
Vor Tagesanbruch immer Kerzen brannten
Und in der Nische des Erlösers knieten immer einige der schlechten Mädchen
von Hamburg und beteten um Vergebung ihrer Sünden.
"Sie haben ihre Körper verkauft, ja, aber nicht ihre Seelen. Sie hatten ihren
Stolz«, sagen die Seemänner.
"Und zur Hölle mit allen Heuchlern!«
"Nur diese Frauen hatten einen Platz für uns in ihren Herzen«, sagen die
Seemänner.
"Und zur Hölle mit allen Heuchlern!«
"Sie waren nicht schlecht, einfach nur einsame Mädchen, wie wir einsame
Männer waren«, sagen die Seemänner.
"Und zur Hölle mit allen Heuchlern!«
Wir haben vielleicht keinen allzu starken Glauben, wir Wanderer der Meere,
doch glauben wir fest und für immer an:
Die Liedchen, die sie immer summten oder sangen – mit uns oder allein –, die
schlechten Mädchen von Hamburg
Diese rührseligen Balladen, so voller Stolz und eigenartiger Trauer, wie:
"In Hamburg, da bin ich gewesen, in Samt und Seide gehüllt.
Meinen Namen, den darf ich nicht nennen,
denn ich bin ja ein Mädchen für Geld.«
Oder das wehmütige alte Lied von der Reeperbahn:
"Komm doch, liebe Kleine, sei die Meine, sag nicht nein!
Du sollst bis morgen früh um neune meine kleine Liebste sein.«
Es gab auf der Reeperbahn ein kleines japanisches Restaurant, mein Junge,
lange vor deiner Geburt
Dort servierte man die Speisen roh, und auf jedem Tisch gab es einen kleinen
Gasherd
Immer, wenn ich an Land war, mein Junge, ging ich mit einem Mädchen
namens Carla dorthin
Sie war ein schlechtes Mädchen, mein Junge, eine »fille de joie«, wie die
Leute sagen – mit so viel bitterer Ironie
Aber ich habe nie ein Gesicht gesehen, das auch nur halb so glücklich, halb
so leuchtend war wie das der schlechten Carla
Wenn sie auf ihrem »eigenen« Herd ihr »eigenes« Essen kochte und so tun
konnte,
Nur für eine Stunde so tun konnte, als hätte sie ein Zuhause und einen Mann,
für den sie sorgte, wie eine ehrbare Hausfrau
Und zur Hölle mit allen Heuchlern, mein Junge! Ich schäme mich nicht wegen
Carla und werde das nie tun
Aber dann, als ich sie zum letzten Mal sah, nachdem sie mir ein Brieflein
geschickt hatte, in dem nur stand: »Ich bin krank, mein Freund"
Da habe ich mich geschämt, mein Junge, entsetzlich geschämt; denn in ihrem
heruntergekommenen kleinen Zimmer
Lag ein Mädchen, das seines Lebens müde geworden war, lag da im Todesschlaf
Und während die Schatten durch dieses elende Loch wanderten, sah ich mich
um, mein Junge, von einem leblosen Gesicht zum nächsten.
Denn rund um ihr Bett waren ihre Puppen versammelt, Teddybären und andere
Stofftiere, langbeinige abartige Marionetten
Sie alle hielten Taschentücher Carlas. Ich fand das seltsam und konnte es mir
nicht erklären
Bis ich einen Zettel las, den sie an ihren Nachttisch geheftet hatte:
"Niemand sonst wird um mich weinen – deshalb!«
Seemänner weinen nicht, mein Junge, und laß dir versichern: Ich habe damals
nicht geweint.
Doch nun scheint es mir, daß ich an sie erinnern muß, an Carla
Und all ihre Schwestern, die schlechten Mädchen von Hamburg
Untergegangen sind sie für immer
Im Bombenhagel


DIE GLOCKEN VON VINETA

Als du noch ein kleiner Junge warst
Und wir in einem Landhaus lebten, das nicht mehr steht
Am Hamburger Hafen, der nicht mehr steht
In der bombenverwüsteten Alten Welt
Da hast du mich immer nach Geschichten gefragt, Geschichten vom Meer,
weißt du noch?
Wenn du im dunklen Zimmer im Bett lagst
Und wir gemeinsam hinausschauten
Über die Hafenlichter hinweg und unsere Schiffe zählten wie Schafe:
Die Liniendampfer, wandernde, hell erleuchtete Straßen; die schummrigen
Frachter, die hochmastigen Segelschiffe, die wie dunkle Kathedralen
hinein und hinaus glitten und seltsame Muster aus glänzenden Wirbeln
Über die schwarzen Wasser der Abendflut webten.
Ich weiß, ich habe dir von meiner Zeit auf See erzählt, doch niemals dies:
Wie ich einst
Die Glocken von Vineta hörte.
Ich hatte auf einem Holzschoner angeheuert, einem kleinen, altmodischen
Schiff namens »Sundvall«.
Wir pendelten zwischen Schweden und der deutschen Küste mit einer fünfköpfigen
Mannschaft
Der Kapitän und seine Frau, zwei Söhne – und ich, der Jüngste.
Die ganze Nacht hatten wir bei nachlassendem Wind gegen die Strömung laviert
Bis wir in Sichtweite des Hafens in eine Flaute gerieten und vor Anker gingen
An einem Ostermorgen, meinem ersten Ostern auf See.
Seither habe ich Ostern auf allen Weltmeeren erlebt; doch blieb sich alles
immer gleich an diesen seltsamsten der Tage:
Flaute, die Natur ist voller Trauer, aus der Brust des Meeres steigen Seufzer auf
Auf den grauen Schiefer des Himmels schreiben Möwenflügel,
Schmerz und Klage sind ihre Schreie
Die Segel hängen schlaff, die Seeleute schweigen
Verloren in Gedanken an Golgatha
Wir saßen an Deck, jeder für sich, der Kapitän mit seiner Bibel
Ein Junge schneuzte die Laternen, einer flickte ein Segel, ich überprüfte die
Angelschnüre,
Als ich plötzlich etwas zu hören glaubte:
Kirchenglocken.
"Läutet irgendwo jemand die Glocken?«
"Ausgeschlossen; das Meer tut das nicht.«
"Vielleicht eine Kirche an Land?«
"Ausgeschlossen. Wir haben keinen Wind.«
"Was ist es dann?«
Der Kapitän hob sein graues Haupt: »Ich höre es auch.
Das sind die Silberglocken
Das sind die Glocken, die in der Tiefe läuten
Das sind die Glocken von Vineta.
Es gab da einst eine Stadt, vielleicht genau hier,
Vielleicht steckt unser Anker in ihren alten Mauern; Vineta hieß sie
Sie war so reich, daß sie die Glocken ihrer Kathedrale aus Silber goß
Sie war so stolz, daß ihre Pferde aus silbernen Trögen tranken
Deshalb sandte der erzürnte Gott eine Flut, ihrer Sünden wegen
Versank die Stadt, das alte Vineta. Vor Urzeiten
habe ich jemanden sagen hören:
Manchmal steigt sie auf
Manchmal, mit läutenden Glocken, steigt das alte Vineta aus der Tiefe nach
oben
Und man hörte die Glocken an einem Sonntagmorgen.«
Wir lachten nicht; wir lauschten
Es kam und ging
Unerklärlich, geisterhaft, zwischen dem Grau des Meeres und des Himmels
Wogte der Klang der Silberglocken
Und vielleicht sahen auch andere, was ich als eine Erscheinung wahrnahm:
Kirchturmspitzen voller Grünspan erhoben sich
Unter Wasserkaskaden
Und Mauern und Marktplätze, auf denen sich
Pelzgekleidete Handelsfürsten drängten
Meerwasser troff aus ihren Bärten und von ihren Goldketten
Hob und senkte sich
Mit jedem Atemzug der grauen Ostseebrust.
Das ist die Art von Geschichten, die ich dir nicht erzählt habe
Als du noch klein warst, mein Junge
Das ist die Art von Geschichten, die noch zu erzählen bleiben
Wenn ich am Spätnachmittag meines Lebens zurück muß
Aus der Neuen Welt in die Alte – in mein Vineta
In die Vinetas meines Landes und meiner Generation, die unter den Bomben
versanken.
Nicht alle handeln von Schiffen und Meer; die meisten handeln von
Straßen, Häusern, Menschen, die nicht mehr sind
Die es so nie mehr geben wird.
Von einer toten Welt, einem erloschenen Stern, von dem ich noch einen flüchtigen
Eindruck, ein Flackern, einen letzten Funken zu erhaschen suche
Um ihn dir zu reichen über den tiefen Abgrund hinweg
Von einer Welt zur anderen, von einem Zeitalter zum anderen
Ich bin es, der die Glocken läutet, unten in der Tiefe
Die Glocken von Vineta
Ich wünsche so sehr, daß ihr Klang dich erreicht
An einem Ostermorgen.

Aus dem Englischen von Stefan Weidle


SINN UND FORM 1/2012, S. 43-52