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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 9.00]  ISBN 978-3-943297-02-7


Leseprobe aus Heft 6/2011

Deckert, Renatus

»Das ist eine untergegangene Welt«.
Gespräch mit Richard Wagner


RENATUS DECKERT: Ihre Eltern haben Sie Richard Wagner genannt. Das kann ja kaum Zufall sein. Gehe ich recht in der Annahme, daß Ihre Eltern leidenschaftliche Wagnerianer waren?

RICHARD WAGNER: Mein Vater war tatsächlich Wagnerianer. Hinzu kommt, daß er in seiner Jugend ein eher ungewöhnliches Instrument spielte, nämlich Waldhorn. Das war nicht sehr verbreitet. Er war in einem Laienorchester, das Ouvertüren und dergleichen mehr spielte, und da hatte er einmal einen Einsatz mit seinem Waldhorn. Das ist ihm in Erinnerung geblieben. Seitdem hat er sich immer wieder mit Wagner befaßt, so gut er eben konnte. Und 1952, als ich geboren wurde, das war im tiefsten Stalinismus, für die deutsche Minderheit in Rumänien war das eine schlimme Zeit, da haben die Leute ihren Kindern germanische Vornamen gegeben, um zu verhindern, daß sie ins Rumänische übersetzt werden. Meine Landsleute waren ja katholisch, und deshalb hießen sie Franz oder Joseph oder Nikolaus, Katharina oder Elisabeth. Wenn man aber einen solchen Vornamen wählte, wurde der rumänisiert in die Geburtsurkunde eingetragen. Um das zu verhindern, entschied man sich für einen germanischen Namen – und natürlich wollte man damit auch ausdrücken: Wir sind Deutsche. In meinem Fall war das doppelt begründet: Man wählte mit Richard einen germanischen Namen, zugleich war es für meinen Vater die Gelegenheit, seinen Sohn Richard Wagner zu nennen und mir das aufzubürden.

DECKERT: Wo war das denn, wo Ihr Vater im Orchester gespielt hat?

WAGNER: Das war in Perjamosch, wo meine Familie gelebt hat, zehn Kilometer von Lovrin entfernt, wo ich geboren wurde. Das war ein größeres Dorf mit 6000 Einwohnern, ein wenig kleinstädtisch schon. Und da leistete man sich in den Sommerferien einen Kapellmeister. Der kam aus Temesvar, der Regionalhauptstadt, um mit den jungen Leuten zu proben. Das war in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

DECKERT: Besaß Ihr Vater denn einen Plattenspieler, um Wagner zu hören?

WAGNER: Mein Vater ist früh von zu Hause weg. Er hat eine Lehre gemacht auf einer Wassermühle und ist 1939 zur rumänischen Armee eingezogen worden. Als der Krieg kam, blieb er bei der Armee. Er war bei der Flußmarine, und da fuhr er den Krieg über die Donau auf und ab; sie hatten die Aufgabe, den Fluß zu kontrollieren. Und da kam er viel herum, auch in die großen Städte. Ich nehme an, daß er dort Schallplatten gehört hat. Denn bei uns zu Hause gab es nach dem Krieg überhaupt nichts mehr. Als sich im September 1944 die Front näherte, sind die Leute geflohen, meine Familie bis nach Österreich. Und als sie 1945 zurückkamen, war das Haus völlig ausgeplündert, da standen bloß noch die Mauern. Ja, und später, in den fünfziger Jahren, als ich geboren wurde, da galt Wagner in Rumänien als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Er wurde nicht aufgeführt, und auch Schallplatten konnte man keine kaufen.

DECKERT: Ihr Vater, sagten Sie, war von Beruf Müller. Welchem Milieu entstammte Ihre Familie?

WAGNER: Diese Dörfer sind ja im 18. Jahrhundert buchstäblich auf dem Reißbrett angelegt worden, und zwar von den Wiener Beamten, die die Kolonisation des Banats organisierten. Die Habsburger waren vorbildlich in ihrer Siedlungspolitik, sie haben das genau geplant. Und es hat ja dann auch wirklich funktioniert; das moderne Banat war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts einer der großen Lieferanten landwirtschaftlicher Produkte; das weiß man heute gar nicht mehr. Damals, als man daranging, diese neuen habsburgischen Gebiete zu kolonisieren, wurden zielgerichtet Leute angeworben, die Banater Schwaben, wie sie später hießen, die ihrem Selbstverständnis nach übrigens nicht einfach Auswanderer waren, sondern Kolonisten, Siedler. Nichts überließ man dem Zufall. Jedem Dorf ordnete man eine bestimmte Anzahl von Bewohnern zu, abhängig vom Beruf. Die größte Zahl waren Bauern, und dann rechnete man, wie viele Handwerker und welche Berufe man sonst noch braucht in einem Dorf. Ich selbst komme väterlicherseits aus einer Handwerkerfamilie, das waren alles Müller, über Generationen hinweg. Bis zu mir hießen die alle Nikolaus Wagner, das kann man zurückverfolgen bis ins 18. Jahrhundert. Und zwar haben sie Flußmühlen betrieben. Die standen auf zwei fest verankerten Kähnen im Fluß, dazwischen befand sich das Mühlrad, das von der Strömung angetrieben wurde; und so wurde gemahlen. Das ging so bis in die zwanziger Jahre, als die ersten Motormühlen aufkamen. Dann starben die Flußmühlen aus, die Müller verloren ihre Selbständigkeit. Auch mein Großvater mußte aufgeben, er wurde dann Angestellter in einer dieser neuen Motormühlen. Das war ein ziemlicher Bruch in der Lebensweise dieser Leute.

DECKERT: Wie hatten sie vorher gelebt?

WAGNER: Sie hatten eine gewisse Souveränität, nicht nur in ihrem Selbstverständnis; sie lebten in einer eigenen Siedlung am Fluß, an der Marosch. Das Dorf war ja ein paar Kilometer vom Fluß entfernt, wegen der Überschwemmungsgefahr lag es auf einem Hügel. Man hatte auch einen Damm gebaut, Anfang des 19. Jahrhunderts. Und in der Au, zwischen dem Fluß und dem Damm, befand sich die Siedlung der Wassermüller; die hatten dort ihre Mühlen. Und im Winter, wenn der Fluß vereiste, das waren ja harte Winter dort, mußten diese Mühlen an Land gebracht werden; im Frühjahr ließ man

sie dann wieder zu Wasser. Deshalb wohnten die Müller am Fluß in der Au. Ihre Häuser waren nicht aus Stein, sondern sie bestanden traditionell aus Holzbalken und einem Weidengeflecht, das man mit Lehm verkleidete, wegen der Überschwemmungen. Wenn im Frühjahr das Eis schmolz, stellten sie ihre Sachen auf den Dachboden, und das Hochwasser schwemmte zwar den Lehm weg, aber das Weidengeflecht und die Holzstützen blieben erhalten; den Häusern passierte im Grunde nichts. Wenn das Wasser wieder weg war, hatten die Leute Arbeit; dann wurde das alles zugekleistert, bis es wieder in Ordnung war. Die arbeiteten auch nicht das ganze Jahr über, sie hatten ja nur zu tun, wenn etwas zu mahlen war. Im Winter trafen sie sich in ihrem Wirtshaus zum Kartenspielen, und dabei wurde viel erzählt. Sie hatten eine sehr ausgeprägte Erzähltradition, und zumindest die blieb erhalten. Ich habe das alles ja nicht mehr erlebt, aber das wurde dann weitergetragen in den Gesprächen der Familie, und deshalb weiß ich heute einiges über die Lebenswelt dieser Müller.

DECKERT: Und was machte die Familie Ihrer Mutter?

WAGNER: Mein anderer Großvater, der Vater meiner Mutter, war Wagnermeister. Er baute Leiterwagen für die Bauern, richtige Pferdewagen. Räder schnitzen, Felgen legen – das machte er alles, und wenn etwas kaputtging, dann reparierte er es. Noch in den fünfziger Jahren hatte er seine Werkstatt. Als Kind fühlte ich mich zu der Drehbank hingezogen, aber damit durfte ich nicht spielen, denn dort ging es ja zur Sache. Da lagen die Messer, mit denen gedrechselt wurde. Zu der Zeit hat er schon schwarz gearbeitet. Die Kommunisten wollten diese Gewerbe in Genossenschaften zusammenfassen, aber er hat sich geweigert, und da haben sie die Steuern so lange erhöht, bis er sie nicht mehr bezahlen konnte. Meine Mutter war in der gleichen Lage, sie war Schneiderin und sollte auch so hohe Steuern zahlen. Da haben sie beide aufgegeben und ihre Gewerbe abgemeldet. Und dann haben sie schwarz gearbeitet. Ich kann mich gut an diese Atmosphäre erinnern, im Haus und im Hof, da lag immer etwas wie Gefahr in der Luft. Das Tor war stets abgesperrt, und mir wurde gesagt, ich soll es nicht aufmachen. Der Hund war im Hof und bellte, wenn jemand am Tor erschien. Es sollte ja keiner wissen, daß da schwarz gearbeitet wird. Aber natürlich wußte das das ganze Dorf, schließlich hat das ganze Dorf schwarz gearbeitet. Und das blieb auch den Behörden nicht verborgen. Daß die Leute Schnaps brannten, das roch man ja. Aber das war illegal, weil der Staat das Schnapsmonopol hatte. Man hätte eine Genehmigung gebraucht, aber so etwas hatte keiner. Die haben aus Pflaumen Schnaps gebrannt. Dazu haben sie sich Schnellkochtöpfe angeschafft, die sie zu Destillieranlagen umbauten; die Kupferrohre haben sie in irgendwelchen Betrieben geklaut. Am Ende dieses Prozesses tropfte da der Schnaps heraus. Und der wurde dann zweimal, also doppelt gebrannt, damit er auch die richtige Balkanstärke hatte.

DECKERT: Und das machten alle im Dorf?

WAGNER: Ja, und das wußten die Behörden auch. Die Sache war die: Sie versuchten gar nicht erst, das zu unterbinden; das wäre auch schwierig gewesen. Aber wenn sie etwas gegen jemanden hatten oder wenn einer politisch aufgefallen war oder ihnen nicht paßte, dann benutzten sie das als Vorwand, um gegen den Betreffenden vorzugehen.

DECKERT: Wie hat Sie das als Kind geprägt, wenn immer das Hoftor geschlossen war? Sie waren ja ganz auf sich gestellt.

WAGNER: Ich war im Grunde gerne allein; ich war ein Einzelkind und kam gut damit zurecht. Ich habe sehr viel gelesen. Aber es gab auch in der Nachbarschaft zwei Jungen, mit denen ich oft zusammen war. Das war eine gemischte Familie, wie das im Banat häufig der Fall war, weil dort ja mehrere Bevölkerungsgruppen aufeinanderstießen. Außer den Banater Schwaben, also Deutschen, lebten dort Ungarn, Rumänen, Serben und Zigeuner. Die Mutter, die eigentlich Deutsche war, sprach Ungarisch mit ihren Kindern und mit ihrem Mann, der Serbe war. Aber die Jungen gingen auf die deutsche Schule, und damit sie Deutsch lernten, sollte ich mit ihnen spielen. Deshalb war ich häufig bei denen im Hof, wenn ich nicht gerade in meine Lektüren vertieft war.

DECKERT: War denn Ihr Großvater, der Wagnermeister, ein wichtiger Ansprechpartner für Sie?

WAGNER: Als ich elf oder zwölf war, da fing das an, daß ich mit meinem Großvater Gespräche geführt habe, politische Gespräche, denn mein Großvater war sehr politisch. Und in seiner illegalen Werkstatt gab es immer so eine Runde von Rentnern, die sich dort trafen, seine Freunde, die alle im Ersten Weltkrieg gewesen waren, das war ihr Grunderlebnis. Sie sprachen immer vom Ersten Weltkrieg; der Zweite interessierte sie nicht, weil sie da nicht direkt dabei waren. Wenn es um den Zweiten Weltkrieg ging, redeten sie immer nur von den Folgen. Beim Ersten Weltkrieg wußten sie alles bis ins Detail. Ich durfte bei diesen Gesprächen dabeisein, und da habe ich sehr viel gelernt über Geschichte und Herkunft. Als Angehöriger einer Minderheit muß man sich ja immer darüber definieren. Man lebt in einem Land, in dem eine andere Sprache die Amtssprache ist, die eigene Muttersprache wird nur von einer Minderheit gesprochen. Danach fragen einen immer die Leute, und da muß man erklären, warum das so ist. Also stellt man sich schon sehr früh solche Fragen: wer man ist und warum. Von diesen Dingen habe ich in dieser Werkstatt sehr viel mitgekriegt. Und ich fing auch an, Zeitung zu lesen. Mein Großvater hatte ein Abonnement der zentralen deutschsprachigen Zeitung, die unter dem schönen Titel »Neuer Weg« in Bukarest erschien; das war zwar auch eine gleichgeschaltete Presse, aber sie war auf Deutsch. Und dann sprachen wir eben über das, was wir in der Zeitung gelesen hatten.

DECKERT: Zu Hause sprachen Sie Deutsch. Wo hat man Rumänisch gelernt?

WAGNER: Das war ganz unterschiedlich, je nachdem, wo man aufwuchs. Manche Dörfer waren von den Ethnien her gemischt, da hat man es von den Nachbarn gelernt. In unserem Dorf lebten bis 1945 kaum Rumänen. Einige Leute aus der Verwaltung, die der Staat dahin geschickt hatte, und ein paar Tagelöhner, die als Saisonarbeiter auf den Gütern der deutschen Bauern arbeiteten. Nach der Flucht der Deutschen bei Kriegsende hat sich das geändert. Von ehemals 6000 Leuten ist nur die Hälfte zurückgekehrt, und so wurde das Dorf aufgefüllt, mit Flüchtlingen aus den ehemaligen rumänischen Ostgebieten, aus Bessarabien und der Bukowina. Das hat sich Stalin 1945 ja zurückgeholt. Und eine solche Flüchtlingsfamilie wohnte auch bei uns in der Nachbarschaft. Von den Kindern habe ich Rumänisch gelernt, auf der Straße, beim Spielen. Und dann hatten wir ja auch auf der deutschen Schule ein Fach Rumänisch und rumänische Literatur. Da habe ich das ergänzt. Meinem Rumänisch merkt man bis heute das Ländliche an, weil ich es damals von Bauern gelernt habe.

DECKERT: Welche Rolle war denn der deutschen Minderheit zugedacht?

WAGNER: Zunächst einmal wäre zu sagen, daß dieses Rumänien in seiner heutigen Gestalt ja ein Land ist, das nicht zu Ende gedacht war. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte man zum einen das Habsburgische Reich zerschlagen, zum anderen die neu entstehende Sowjetunion blockieren. Man schuf den sogenannten Cordon sanitaire, darin nahm Rumänien eine Schlüsselstellung ein. Als Resultat des Weltkriegs hat es sein Territorium verdoppelt. Bis zu diesem Zeitpunkt lebten die Banater Schwaben nicht in Rumänien, sondern sie waren eine Bevölkerungsgruppe in der k.u.k.Monarchie. Und dann, mit einem Schlag, über Nacht, ohne das Dorf zu verlassen, sind meine Großeltern rumänische Staatsbürger geworden. Sie kannten weder die Sprache, noch wußten sie viel über Rumänien. Und dann waren sie eben da. Unter den Kommunisten kam den Deutschen eine ausgleichende Rolle zu. Was die ethnischen Konflikte betrifft, waren ja nicht sie das Problem, sondern die ungarische Minderheit, die noch viel größer war; bis heute gibt es in Siebenbürgen territoriale Streitigkeiten. Die Deutschen sah man als Ausgleich zwischen Rumänen und Ungarn, als den Dritten in dieser Konstellation. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele meiner Landsleute aber erst einmal zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Die anderen hat man enteignet. Uns nahm man das Haus weg, wir durften nur darin wohnen; erst nach zehn Jahren gab man es uns zurück. Also, die Deutschen hatten nichts. Und das führte dazu, daß man die Kinder in die Schulen schickte; sie sollten studieren. Denn das, was man im Kopf hat, kann einem niemand mehr wegnehmen. Und so kommt es, daß es in der deutschen Minderheit überdurchschnittlich viele Ingenieure gibt. Die sind später alle nach Deutschland gekommen. Denn das Geschäft mit der Ausreise wurde für das kommunistische Regime immer wichtiger, weil es Geld brauchte. Das fing in den fünfziger Jahren mit den rumänischen Juden an, die man an Israel verkaufte. Nach diesem Modell wurden ab den siebziger Jahren die Deutschen verkauft. Ceaus¸escu, mit diesem ganzen Wahnsinn, den er betrieb, brauchte Devisen, und so wurde dann Kopfgeld gezahlt, so ähnlich wie für die DDR-Bürger. Auf diese Weise wurden wir immer weniger. Inzwischen gibt es nur noch sehr wenige Deutsche in Rumänien. Die meisten leben heute in Deutschland.

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SINN UND FORM 6/2011, S. 793-813