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Heftarchiv – Leseproben

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Leseprobe aus Heft 6/2010

Dorn, Anne

Verlust


bewahren, schützen, retten
(Köln, März 2009)


Rasch die Zettel, den Stift vom Tisch, die Tischdecke aufraffen, das Kissen vom Stuhl unter den Arm klemmen, losrennen – es donnert, die ersten, dicken Tropfen fallen –, aufatmen. Im Trocknen stehen. Zuschauen, wie der Wind den Regen herunterpeitscht, wie der nächste Blitz ganz in der Nähe herunterzuckt. Der Genuß des kleinen Glücks: Alles gerade noch so geschafft!
In Gewißheit leben: Von der Reise zurückkommen, mit dem frisch geputzten Blick bemerken, daß die Dinge gewartet haben, daß sie da sind: Am Garderobenhaken der andere Mantel, an der Wand die gerahmte Kopie des Kornfelds, in dem sich der Weg verliert, und dem Krähenschwarm im schwarzblauen Himmel des Vincent van Gogh. In meinem Arbeitszimmer die Uhr, die mir – wie immer – eine kleine Zeitlang noch nachgelaufen ist – und dann stehengeblieben. Leben braucht Orte, die man verlassen und an die man zurückkehren kann, anknüpfen an genau da gehabte Hoffnungen und Erwartungen, um in der regelmäßig den Wünschen widersprechenden Wirklichkeit Sicherheit zu finden. Die Treue der Dinge erleben: Da ist das Bett und da ist der Stuhl mit der steifen Lehne, der Brottopf, der Briefkastenschlüssel.
Das Notizbuch durchblättern, sich Zeit nehmen, die Notizen wieder zu ihrem Anlaß zurückführen, nicht vergessen, sich einzugestehen, wie luxuriös man lebt – mit dem Entschluß, eigenen Gedanken nachzugehen:

knüpfen, verknüpfen,
immer mehr hören,
sehen, verstehen,
die Merkwürdigkeiten sammeln.
Viel Schnur, wenige Perlen.
Rankendes, wucherndes
Grün. Fußangeln.
Wattige Weiten.
Fundevogel
flog auf,
flog, flog, flog –
ließ Lenchen zurück!

Es ist ein lebendes, sich entwickelndes, wachsendes, zeitweilig auch ruhendes, vieldeutiges Etwas, was sich im Laufe eines Schriftstellerdaseins auf dem Papier niederläßt. Nicht unmittelbar zu bewerten und auch nicht ruhigzustellen. Sozusagen das Körperhafte der Gedanken, was, wie alles unberechenbar Lebendige, eine Umgrenzung braucht. Der eine Gedankenkomplex summiert sich zum Roman, der andere zur Novelle, zum Hörspiel, zum Drehbuch, zum Feature, zum Gedicht, zur Dokumentation, zum Bericht, zu einer Reihe von Briefen.
Abgenabelt ist, was auf der Straße steht, in der Öffentlichkeit. Stets als verschlanktes Kind. Für den, der es auf die Straße geschickt hat, bleibt es mit all den Möglichkeiten behaftet, die auch darin gesteckt haben und für ihn auch weiterhin darin stecken, um – vielleicht – neu gerundet und wieder verschlankt vor die Tür zu treten. Leben in der freiwilligen Knechtschaft eigener Ideen erfordert einen Berg Humus: Zettel und Kladden mit Notizen, Skizzen, Entwürfen, Anfängen; Schachteln, Mappen und Schubladen für Fotografien, Briefe, Landkarten und Kalender; Boxen und Stapelregale für CDs, DVDs, Kassetten, Disketten, Sticks und was da alles noch kommen wird. Auch von mir fordern die Verlage, das abgeschlossene, lektorierte Manuskript zu mailen. Aber niemand wird mich dazu bringen, einen Roman, an dem ich sieben Jahre lang gearbeitet habe und dessen Struktur ich nur in immer neuen Ansätzen finden konnte, allein auf dem Bildschirm auf- und abflitzen zu lassen. Was ist das für ein "haben" gegenüber fünfhundert Blatt beschriebenen Papiers, das einen bestimmten Griff hat, seinen Geruch und seine Farbe, und auf das ich noch immer mit meinem Bleistift Bemerkungen machen kann.
Nach meiner Erfahrung setzt sich das, was ich erarbeite, zu einem Drittel unmittelbar um, ein weiteres Drittel vielleicht nach Jahren, das dritte Drittel vermutlich nie. Ich werde in absehbarer Zeit von der Erde verschwinden, meine literarische Hinterlassenschaft jedoch nicht zwangsläufig im gleichen Augenblick. Ich hatte und habe einen geräumigen Manuskripteschrank, aber im Sommer 1999, mitten in der Arbeit an einem auf vielen Recherchen und Reisen basierenden Roman, standen gefüllte Kisten und Kartons schon kreuz und quer in der Wohnung.
Es war Hans Bender, der die Leitung der Abteilung III (Nachlässe und Sammlungen) des Historischen Archivs der Stadt Köln auf das, was in meinen Schränken lag, aufmerksam machte. Er hatte selbst einen wesentlichen Teil seines Vorlasses in dieses Archiv gegeben. Die Möglichkeit, das, was ich hatte, an einen sicheren Ort zu tragen, war verlockend. Sicher ist etwas dort, wo es Achtung erfährt. Wo die dank meiner Existenz existierende Literatur in ihren unterschiedlichen Formen geordnet, aufbewahrt und vor allem zugänglich gehalten werden konnte. Im Jahre 1999 lebte ich bereits seit vier Jahrzehnten mit, für und – schlecht und recht – auch von Literatur. Ab und zu hatte mich die Furcht gepackt, es könnte in meiner Wohnung ein Brand ausbrechen, ich könnte gerade dann nicht zuhause sein, die Feuerwehr könnte im Unwissen, was da im Schrank liegt, alles mit Löschschaum bedecken und den meist nur auf dünnem Papier vorhandenen, unveröffentlichten Manuskripten wie den unterschiedlichen Fassungen der veröffentlichten Arbeiten den Garaus machen. Oder noch anders: Es könnte mir überraschend etwas geschehen, ich könnte plötzlich nicht mehr da sein – im Jahr 1999 war ich immerhin vierundsiebzig Jahre alt und hatte drei Herzinfarkte hinter mir –, daß dann, wenn es so wäre, meine Kinder nicht wüßten, wohin mit dem 'Zeug'. Es war ja und ist für alle dem eigenwilligen, selten bequemen Autor / und für alle der eigenwilligen, selten bequemen Autorin nahen Menschen schwierig, die althergebrachte Rolle des / der Schreibenden – Vater / Mutter – oder auch Sohn / Tochter – hintanzustellen und deren Produkte unangetastet bestehen zu lassen. Die vielen Geschichten von geschwärzten Seiten in Tagebüchern und 'unauffindbar' gewordenen Manuskripten ...
Das waren natürlich dumme Gedanken. Immerhin, sie hatten mich zeitweilig gequält. Plötzlich war eine Lösung in Sicht. Das Historische Archiv der Stadt, in der ich seit 1969 lebte. 1925 in der Nähe von Dresden geboren, also ganz Kind des zwanzigsten Jahrhunderts, war der Stoff, aus dem ich etwas bilden und gestalten konnte, von Anfang an mit dramatischem Geschehen durchmischt. Ein Jahrhundert der perfektionierten Gewalt. Der Scherben.
Wenn ein Kind anfängt, die Welt zu "begreifen", und das mit seinen Händen versucht, hat es den Drang, zu erfahren, was in dem Ding drin ist, und zerbricht es. Das "Dritte Reich" zerbrach, als ich neunzehn Jahre alt und getrennt von meiner Familie einen Pflichtjahrdienst in Österreich zu leisten hatte. Ich sah die befreiten Insassen des KZ Bad Aussee und die an den Ästen des großen Ahorns zwischen Gschwand und Lueg in letzter Minute aufgeknüpften 'Volksverräter'. In einem Historischen Archiv konnten also meine zahlreichen Literatur gewordenen Eindrücke nicht falsch aufgehoben sein.
Die grauen, aus säurefreiem Material gefertigten Kartons wurden gebracht und verließen gefüllt meine Wohnung. Auch mein alter Überseekoffer, vollgepackt mit den unterschiedlichen Fassungen meines Romans "hüben und drüben", die in neun Jahren Wartezeit entstanden waren, gefiel den Archivaren. Es war der endgültige Abschluß einer Familiengeschichte im geteilten Deutschland. 1982 hatte ich mit der Suche nach einem Verlag begonnen. Anfang der achtziger Jahre galt jedoch in Westdeutschland, wenn das deutsch-deutsche Thema in Erwägung gezogen wurde, der Blickwinkel der aus der DDR ausgebürgerten Autoren. Ich hatte keinen besseren und keinen schlechteren, nur einen anderen. Da ich kein Republikflüchtling war, weil ich Sachsen im Jahr 1944, als an eine Deutsche Demokratische Republik kein Denken war, verlassen hatte, konnte ich – unter strikter Beachtung der Besuchsregeln – in die alte Heimat und auch wieder in den Westen zurückreisen. Und konnte das nicht nur, ich habe das – sobald mein Geld dafür reichte – auch getan! Auf beiden Seiten war meine Sicht der Dinge nicht opportun. Die Mauer mußte erst fallen. Sofort, 1990, erschien "hüben und drüben" als Fortsetzungsroman in der Dresdener Tageszeitung Die Union und 1991 mit einem Vorwort von Lew Kopelew im aus dem Bürgerforum entstandenen Forum Verlag Leipzig. Als besagter Überseekoffer meine Wohnung Richtung Historisches Archiv verließ, bekamen meine Schuldgefühle gegenüber meinen längst verstorbenen Eltern, da ich mich für den Westen entschieden hatte, und meine innere Zerrissenheit, die sich in vierzig Jahren immer weiter vertieft hatte, weil ich thematisch weder von den im Osten empfangenen Eindrücken noch von meiner im Westen entwickelten Authentizität loslassen konnte, ein heilendes Pflaster.

Es entstand eine Art Pendelverkehr zwischen den Archivaren der Abteilung III im Historischen Archiv und mir, der mir sehr wohltat. Wahrscheinlich, weil die Nutzanwendung meiner Güter, also die Abwägung "bringt das, was sie hat, etwas oder bringt es nichts", die im Gespräch mit Verlagen stets im Vordergrund stand, im Archiv hintangestellt war. Die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der man mir entgegenkam, wenn ich ein Gespräch suchte, und umgekehrt, wenn man mich nach etwas fragte, wovon man dachte, ich könnte davon wissen, erlöste mich von der Unsicherheit gegenüber Offiziellen, auch den offiziell im Rheinischen und überhaupt im Westen anerkannten Künstlern. So hatte ich im Jahr 1997 begonnen, mich noch entschiedener nach Osten zu wenden und den Spuren eines verschwundenen Bruders nachzugehen. Mein Vorhaben trug den Titel "Antigone". Es gab einen guten Arbeitskontakt zum Lektorat im neu entstandenen DuMont Literaturverlag. 1999 hatte sich der Inhalt schon von einer linearen Bruder-Schwester-Beziehung gelöst und war zum Thema, zur Suche an sich geworden. Suche nach dem, was verlorenging, aber auch nach dem, was sehnlichst erwünscht war! "Siehdichum", so der neue Titel. Zum ersten Mal hatte ich den Mut, erschütterndes, authentisches Material sichtbar in meine Arbeit einzubauen, ohne damit den eigenen Ton meines Erzählens, den man mir inzwischen nachsagte, aufs Spiel zu setzen. Zwischen mir als Produzentin und den verschiedenen Archiven als Materialdepots (z.B. Bundesarchiv Koblenz) mit Archivaren, deren Beruf es unter anderem war, entsprechende Wünsche zu erfüllen, entstand das in jeder menschlichen Beziehung sinnvolle Geben und Nehmen.
2003 gab es in Köln beunruhigende Nachrichten: Aufgrund der Notwendigkeit für die Stadt, Mittel einzusparen, geriet die Abteilung III Nachlässe und Sammlungen des Historischen Archivs als Top I auf die Liste der möglichen Streichungen. Nein – das konnte nicht sein. Es gab und gibt – nicht nur in Köln – für Schreibende so wenig Rückhalt, so wenige Orte, wo sie das nicht gerade jetzt im Augenblick Nutzbare und das schon Genutzte, aber in keiner Weise Abgenutzte aufbewahrt und zugleich zugänglich gehalten wissen konnten. Für die Stadtverwaltung lag die Streichung von Punkt I der Liste nahe. Die Archivalien aus der Abteilung III hatten innerhalb der einzelnen Fraktionen nur eine an den Fachbereich gebundene und in der Bevölkerung selbst gar keine Lobby. Die Nutzer des Reichtums in der Severinstraße 222 waren in der Regel Historiker, Wissenschaftler, Studenten oder interessierte Menschen von überall her, nicht nur aus den deutschsprachigen Ländern. Um die kommentarlose Schließung unserer Abteilung III abzuwenden, mußten sich die Betroffenen, deren Schätze stillgelegt werden sollten, selber rühren.
Das Dankschreiben des damaligen Direktors, Herrn Doktor Kleinertz, und der gesamten Abteilung III habe ich mir an die Wand gehängt, auch, um nicht zu vergessen, daß eine lange Epoche der fraglos zugestandenen Schutzbedürftigkeit und Pflege von Originalen zu Ende geht. Mit dem Einzug der Elektronik auch in Kunst und Wissenschaft kann eine nahezu unbegrenzte Menge von Daten auf kleinstem Raum aufbewahrt und abrufbar gehalten werden. Da im Zuge der Globalisierung für die Masse des als bewahrenswert angesehenen Kulturguts, von den verschiedenen Medien fortwährend aufgezählt, eine Geschwindrettung angesagt scheint, gilt auch im Umgang mit Unikaten mehr die Organisation von Mengen als die Wahrnehmung von Inhalten. Ich sehe und spüre diese Umwandlung, meine mühsam erworbene, innere Sicherheit beruht jedoch auf einem anderen Verhalten.
Anläßlich der Matinee zu meinem 80. Geburtstag am 27. November 2005 im Literaturhaus der Stadt Köln bestückte ich auf Anregung und unter Mithilfe von Doktor Everhard Illner aus dem Historischen Archiv die vier Vitrinen im Veranstaltungsraum mit Zeugnissen meines literarischen Werdeganges. Darunter befanden sich kurze Texte, noch in der Zeit meiner abendlichen Unterrichtsstunden in der Kunstgewerbeakademie in der Günzstraße in Dresden in gotischer oder Frakturschrift aufs Papier gebannt; Entwürfe aus meiner Zeit als Kostümbildnerin; und ein Portrait, das die Starfotografin Lieselotte Strelow anläßlich meiner ersten Veröffentlichung aus lauter Freude, daß ich mich auf den Weg gemacht hatte, aufgenommen hat. Weiter wählten wir einen in sehr originellem Deutsch verfaßten Brief von Luc Ferrari, das multi-media-projekt "dorf" für die 6-Städte-Ausstellung "urbs 71" betreffend, in das wir beide verwickelt waren. Der Kölner Objektebauer Hingstmartin, Luc Ferrari als Komponist, Anne Dorn als Autorin, ausgewählt von Doktor Kurt Hackenberg, vertraten mit diesem "dorf" die Stadt Köln, in der Vitrine lag auch die Dokumentation dieses Ereignisses, von Karin Thomas in dem aussagekräftigen Band "Kunst Praxis heute" Anfang der siebziger Jahre bei DuMont veröffentlicht. Ja, und da lag dann auch meine alte Super-8-Filmausrüstung im Glaskasten, die Kamera, der kleine Gucki, die Klebepresse, die antimagnetische Schere – mitsamt dem Zahlungsbefehl der Firma Foto-Stein, weil ich das Gerät zur Herstellung eines ersten Streifens von 27 Minuten Dauer (der mir den Weg zum wirklichen Filmemachen geöffnet hat) im Jahr 1971 nicht ordnungsgemäß abstottern konnte. Was noch: Handgeschriebene wie maschinengetippte Absagen und Ermutigungen von Rundfunkanstalten wie Verlagen, von Leuten mit Namen und von Freunden, die zur Zeit ihres Schreibens noch keinen hatten – aber ihren bekommen sollten, wie Wilhelm Genazino. Aufgeschlagen auch ein Exemplar meiner himmelblauen Novelle "Damals, als die Sonne schien", genau so, daß neben einer Textseite eine von Jana Grzimeks genialen Bebilderungen des inhaltlichen Vorganges zu bestaunen war. Als wir das Material ausgesucht und in die besagten Kartons gepackt hatten, sagte der im Lesesaal Aufsicht führende Archivmitarbeiter: "Was sind das für schöne Sachen!"
Was mir bei späteren Besuchen im Archiv auffiel: Die Benutzer im Lesesaal hatten meist Pergamente vor sich liegen. Oder in Kanzleischrift beschriebene Bögen, Bücher mit ledernen Rücken und Ecken und dem phantasievoll gemusterten Vorsatzpapier. Das gefiel mir, andererseits war, was ich sah, auch bedenklich, denn es bezeugte die nach außen gelangte Wertschätzung des Historischen Archivs der Stadt Köln eben als Historisches Archiv, in dem die literarischen Archivalien, abgesehen von denen des Ur-Kölners und Nobelpreisträgers Heinrich Böll und des in Köln geborenen und weithin geschätzten Literaten und Literaturwissenschaftlers Hans Mayer, einen stillen Platz hatten.

Was mir im Lesesaal noch auffiel: Es gab offensichtlich keinen willentlich betriebenen und geförderten Austausch zwischen der Kölner Universität und dem Historischen Archiv. Obwohl die zwei wichtigsten Arbeiten des Albertus Magnus, des Gründers der Kölner Universität, im Historischen Archiv zu finden waren.
Im vergangenen Januar durchsuchte ich im Lesesaal bestimmte Manuskriptvarianten meiner Romane "hüben und drüben" und "Siehdichum" nach zwei in sich geschlossenen, aber nicht veröffentlichten Textteilen. Ich arbeite zur Zeit an einem weiteren Prosaband, und manchmal bin ich mir sicher, daß ich ein bestimmtes Thema schon einmal vor die Seele gezogen und passende Worte dafür gefunden habe. Ich saß also im Lesesaal, in dem mehrere Menschen still arbeiteten, neben mir aufgetürmt die Kartons, um die ich gebeten hatte, fühlte mich wohl und fand, was ich gesucht hatte. Besprach, welches meiner Filmdrehbücher ich demnächst noch einmal haben wollte, und fragte auch nach dem Senkelband meines Hörfunkfeatures "daß die armen Leute nicht arm sind, weil sie dumm wären / alternatives Leben in New York", weil ich mir das irre Geräusch Tausender trappelnder Füße nachmittags gegen siebzehn Uhr auf dem blanken Boden im Ausgangsbereich des World-Trade-Centers, aufgenommen mit einem Nagra-Gerät im Mai 1978, noch einmal kopieren wollte.
Am Dienstag, dem 3. März 2009, war ich bis ungefähr 14.30 Uhr vor der Tür, um Briefe in den Kasten zu stecken und ein Medikament aus der Apotheke abzuholen. In kurzen Abständen rasten Polizeiwagen mit Blaulicht über die Neusser Straße stadteinwärts. Auch Feuerwehr und Notarztwagen mit tatütata in gleicher Richtung unterwegs. Wieder in meiner Wohnung kochte ich mir Tee, setzte mich hinter den Küchentisch auf die Eckbank, verrührte einen halben Teelöffel Honig in der Tasse, den Blick auf die erste Seite der Tageszeitung gerichtet, die ich meist erst nachmittags und manchmal überhaupt nicht lese. Und dann der Druck meines Zeigefingers der linken Hand auf den Startknopf des kleinen Radios mit Standardeinstellung WDR III.
"Nachrichten. Es ist fünfzehn Uhr. Soeben ist das Historische Archiv der Stadt Köln in sich zusammengestürzt."

[...]

 

SINN UND FORM 6/2010, S. 853-864