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Heftarchiv – Leseproben

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Leseprobe aus Heft 4/2009

Karlauf, Thomas

"NIE MEHR ZURÜCK IN DIESES LAND"
Ein Pappkarton aus Harvard


Am 7. August 1939, dreieinhalb Wochen vor dem deutschen Überfall auf Polen, erschien in der "NewYork Times" unter der Überschrift "Prize for Nazi Stories" ein ungewöhnlicher Aufruf. Wissenschaftler der Universität Harvard seien auf der Suche nach Augenzeugenberichten über das Leben in Deutschland vor und nach 1933 und hätten zu diesem Zweck einen Wettbewerb ausgeschrieben. Das Preisgeld betrage insgesamt tausend Dollar, zur Teilnahme berechtigt sei jeder, der aufgrund eigener Erfahrungen berichten könne, wie sich der Alltag seit dem Machtantritt Hitlers verändert habe. Die Texte könnten auch anonym oder unter Pseudonym eingereicht werden und würden streng vertraulich behandelt – "but they must be authentic".

"Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933" – so lautete der Titel des Preisausschreibens, und der ausführliche, auf deutsch verfaßte Aufruf, der in den folgenden Tagen und Wochen über jüdische Informationsbüros und Hilfswerke weltweit verbreitet wurde, umriß das Projekt sehr genau. Die Lebensbeschreibungen sollten etwa achtzig Maschinenseiten umfassen und "möglichst einfach, unmittelbar, vollständig und anschaulich gehalten sein". Geschildert werden sollten nur "wirkliche Vorkommnisse", und deshalb könne jeder, der "ein gutes Gedächtnis, scharfe Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis" besitze, sich beteiligen, auch wenn er zuvor nie etwas geschrieben habe. "Zitate aus Briefen, Notizbüchern und sonstigen persönlichen Schriftstücken geben Ihrer Schilderung die erwünschte Glaubwürdigkeit und Vollständigkeit." Auch wer keinen Preis bekomme, dürfe sicher sein, daß seine "Arbeit für das Studium des neuen Deutschlands und des Nationalsozialismus sehr wertvoll sein" könne. Einsendeschluß war der 1. April 1940.

Mehr als 250 Manuskripte aus aller Welt gingen in Cambridge ein. 155 Texte kamen aus den USA, davon allein 96 aus New York; 31 Autoren gaben als Absender eine Adresse in Großbritannien an, zwanzig schickten ihren Beitrag aus Palästina. Aus Shanghai, wo sich dank einer Lücke in den internationalen Visa-Bestimmungen eine jüdische Enklave gebildet hatte, wurden sechs Manuskripte beigesteuert. Zwar folgten nicht nur emigrierte Juden dem Aufruf. Ein schlesischer Konditor etwa, der als Koch bei der Handelsmarine angeheuert hatte und jetzt als "feindlicher Ausländer" in einem britischen Lager festsaß, schwärmte ebenso vom neuen Deutschland wie das Au-pair-Mädchen aus Berlin, das in Amerika vom Kriegsausbruch überrascht worden war – aber diese Texte bildeten die Ausnahme. Die große Mehrzahl der Berichterstatter waren Juden, die Deutschland und Österreich nach den Pogromen vom November 1938 verlassen hatten.

Die meisten von ihnen waren in Großstädten zu Hause gewesen; allein 61 Berichte stammten aus Berlin, 39 aus Wien. Überproportional vertreten waren die freien Berufe, Rechtsanwälte und Ärzte, Hochschullehrer und Angehörige der schreibenden Zunft; neben den Repräsentanten des wohlhabenden Bürgertums meldeten sich aber auch kleine Handelsvertreter und Leute zu Wort, die sich mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen hatten. Rund ein Viertel der Texte stammte von Frauen.

So unterschiedlich das soziale Milieu, so unterschiedlich die Motive der Autoren, sich am Wettbewerb zu beteiligen. Mit dem Preisgeld für den ersten Platz, fünfhundert Dollar, konnte ein Emigrant in den meisten Ländern mehrere Monate überdauern, und manch einer bezeichnete den Sieg im Preisausschreiben denn auch als seine "etzte Hoffnung". Andere hatten schriftstellerische Ambitionen; obwohl ausdrücklich darauf hingewiesen worden war, daß es sich nicht um einen literarischen Wettbewerb handle und auch "kein Interesse an philosophischen Erwägungen" bestehe, erhielten die Initiatoren auch einige komplette Romanmanuskripte. Diesem und jenem verhalfen sie zu Kontakten mit Verlegern und Redakteuren; einige Bewerber verlangten aus Enttäuschung darüber, daß sie weder ausgezeichnet noch gedruckt wurden, ihren Text zurück. In Einzelfällen bemühte man sich in Harvard auch, für diejenigen etwas zu tun, die bei Kriegsausbruch von den Briten inhaftiert und in Lager nach Australien oder Kanada überstellt worden waren.

Das Hauptmotiv der meisten war, wie der Berliner Publizist Wolf Citron formulierte, "durch Aufarbeitung und Rekapitulation des Erlebten Abschied von Deutschland« zu nehmen. Dabei rechnete keiner so radikal ab wie der 21jährige Moritz Berger aus München, der seinem fünfseitigen Bericht den Titel "Rache" gab und davon träumte, als Bomberpilot seine Vaterstadt dem Erdboden gleichzumachen. Alle Berichte stimmten jedoch darin überein, daß die in der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938 ungehemmt sich austobende Brutalität des Nationalsozialismus den größten Zivilisationsbruch der abendländischen Geschichte darstelle und es für einen deutschen Juden schlicht undenkbar sei, je wieder in diesem Land zu leben. "Nie mehr zurück in dieses Land", notierte die Berliner Ärztin Hertha Nathorff eine Woche nach dem Pogrom, "wenn wir es erst einmal lebend verlassen haben." Mehrere Autoren griffen am Schluß ihrer Erinnerungen den Titel des Preisausschreibens auf und faßten die Unumkehrbarkeit der Ereignisse in dem Satz zusammen: "So endete mein Leben in Deutschland". [....]

 

SINN UND FORM 4/2009, S. 437-442