Background Image

Heftarchiv – Leseproben

Screenshot

[€ 9.00]


Leseprobe aus Heft 1/2009

Schmölders, Claudia

Der Meteorit von Tunguska. Zur Geschichte des Katastrophismus


I.

„In den frühen Morgenstunden des 30. Juni 1908 konnten Zehntausende von Bewohnern Mittelsibiriens eine außergewöhnliche Naturerscheinung beobachten. Am Himmel stieg eine blendendweiße Kugel auf, die sich mit rasender Geschwindigkeit von Südosten nach Nordwesten bewegte. Sie überflog das Jenesseier Gouvernement - eine Strecke von mehr als 500 Kilometern - und brachte unter ihrer Bahn den Erdboden zum Beben, die Fensterscheiben zum Klirren; der Putz fiel von den Wänden, die Mauern bekamen Risse [...] Man hielt das Ende der Welt für gekommen. Kurze Zeit nach dem Verschwinden des glühenden Balles erhob sich hinter dem Horizont eine riesige Feuersäule. Und im Umkreis von 750 Kilometern waren Detonationen zu hören. In allen meteorologischen Stationen Europas und Amerikas registrierten die Seismographen die Erschütterungen der Erdrinde."
Mit diesen Sätzen beginnt Stanislaw Lems Roman „Die Astronauten" aus dem Jahr 1951. Es war sein erster Science-fiction-Roman, und in gewisser Weise wurde es auch sein berühmtester. Die Story setzt ein mit der wahren Geschichte der Tunguska-Explosion, dem sogenannten Tunguska-Event aus dem Jahr 1908, soweit es damals bekannt war. Die Schilderung fußte auf den Angaben des russischen Mineralogen Leonid Kulik, der sich die Erforschung des Geschehens zur Lebensaufgabe gemacht hatte. Zwischen 1921 und 1938 unternahm er eine Reihe von Expeditionen in das entlegene sibirische Gebiet, um das Rätsel dieser Explosion zu lösen - denn fast alles daran war rätselhaft.
Zwar formulierte Kulik schon bald seine These, wonach ein Meteorit in fünf bis zehn Kilometern Höhe explodiert und zersplittert sei, ein Meteorit von offenbar lockerer steiniger Substanz, nur ließ sich das bis heute nicht bestätigen. Man fand keinerlei Überreste und vor allem keine Krater und keine dicke Staubschicht über der Taiga, wie sie hätte entstehen müssen, wäre ein größerer Einschlag erfolgt. Sicher war nur, und frühe Fotografien zeigten es, daß eine gewaltige Druckwelle rund 80 Millionen Bäume auf einer Fläche von 2000 Quadratkilometern in radialer Form niedergedrückt hatte, daß diese Bäume großenteils verkohlt waren; daß aber doch eine ganze Reihe von ihnen, wiewohl entblättert, noch aufrecht standen, wie Telegraphenmasten in der Gegend verteilt. War also die Druckwelle nicht ganz so stark gewesen?
Nach der neuesten wissenschaftlichen Diskussion allerdings doch. Man hat berechnet, daß die Sprengkraft der Explosion zehn bis zwanzig Megatonnen TNT betrug, also zehnmal so stark war wie die Atombombe von Hiroshima, und das nächstgelegene Observatorium von Irkutsk maß Störungen im Erdmagnetfeld wie nach einer Atombombenexplosion; Augenzeugen wollten gar einen riesigen Wolkenpilz gesehen haben. In den folgenden 72 Stunden, also vom 30. Juni bis zum 2. Juli 1908, sah man in ganz Europa lange und ungewöhnlich farbige Dämmerungen und helle Nächte. Nur radioaktive Rückstände fand man nicht. Im Lauf der Zeit, zuletzt Anfang der sechziger Jahre, sammelte man auf Initiative der Moskauer Akademie der Wissenschaften Berichte von etwa 900 Personen. Alle sprachen von Hitze, Donner und einer Druckwelle, einem leuchtenden Objekt und großer anhaltender Helligkeit. Strittig blieb der Verlauf der Flugbahn des leuchtenden Objekts. Die einen hatten es von Südost nach Nordwest fliegen sehen, die andern eher von Süden nach Norden oder Nordost. Bis heute widersprechen die Berichte einander und demzufolge auch die Deutungen der Wissenschaft. Seit Beginn der dreißiger Jahre hielt man in Amerika den Einschlag eines Kometen für wahrscheinlicher, weil Kometen nicht aus Eisen bestehen wie ein Meteorit, sondern aus schmutzigem Eis, das naturgemäß keine Rückstände hinterläßt. Kurz, das Ganze blieb ein Rätsel und ein physikalisches Unikum; ein „Impact"-Geschehen ohne Impact; für die einfache menschliche Wahrnehmung auch fast wundersam, weil es die Menschheit so ungeschoren davonkommen ließ und so wenig Schaden anrichtete. Zwar wurden Hütten zerstört, zwar starben viele Tiere, aber an Menschen angeblich nur ein Bauer, vor Schreck. Denn das Gebiet der Tungusen oder Ewenken, wie sie heute heißen, ist schwach besiedelt und riesengroß. Wollte man dem sibirischen Schamanismus huldigen, dieser Urquelle aller Märchen, könnte man an ein Experiment der Götter denken, ein Experiment in weiser Voraussicht zwar, aber dennoch mit drohendem Unterton.


II.

Und dazu gibt es in der Tat eine große, eine tiefsinnige und globale Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, viele Mitspieler aus aller Welt hat und zu ziemlich philosophischen Konsequenzen führt. Zwar beginnt sie bei den schamanischen Tungusen und verläuft märchenhaft; dennoch ist sie kein Märchen, sondern eher das Gegenteil, eine Tragödie. Denn keinem andern Ereignis glich dieses tungusische offenbar derart wie dem ersten amerikanischen Atomversuch rund vierzig Jahre danach, den ein nicht unbekannter Zeitgenosse 1946 folgendermaßen beschrieb: „Vor etwas mehr als einem Jahr erhellte frühmorgens in der Wüste von Arizona ein blendender Schein von ungewöhnlichem Glanz die fernsten Berggipfel und löschte die ersten Strahlen der Sonne aus. Dann eine furchtbare Erschütterung... Es ist geschehen. Zum erstenmal auf Erden hatte ein Atomfeuer, von der Wissenschaft des Menschen geschickt entzündet, für eine Sekunde den Raum verbrannt. Doch nach vollendeter Tat, nachdem der Traum, einen neuen Blitz zu schaffen, einmal verwirklicht war, hat sich der Mensch, von seinem Erfolg betäubt, bald wieder sich selbst zugekehrt: und im Lichte des Blitzes, den er aus seiner Hand hatte schießen lassen, versuchte er zu begreifen, was sein Werk aus ihm selbst gemacht hatte. Sein Liebe war heil. Aber was war mit seiner Seele geschehen?"
Diese Sätze über die drohende menschliche Atom-Allmacht stammten von einem der anregendsten und seltsamsten Naturforscher des 20. Jahrhunderts, vom französischen Jesuiten Teilhard de Chardin. Als Paläoanthropologe verbrachte er einen Großteil seines Lebens in China und versuchte, die Wissenswelten von Natur und Religion miteinander zu verschmelzen. Darwins Evolution war für ihn kein blinder Prozeß, sondern ein Art physische Arbeit am christlichen Aufstieg. Gott als Christus kam zwar zur Erde und in die Unterwelt, aber seither ist seine Mission die Himmelfahrt, nicht nur die eigene, sondern buchstäblich die der Menschheit. Schon 1916, als junger begeisterter Leser des französischen Philosophen Henri Bergson, notierte Teilhard in sein Tagebuch: „Durch die Inkarnation ist Gott in die Natur herabgestiegen. Um sie zu überbeseelen [!] und zu sich zurückzuholen: das ist in seiner Substanz das christliche Dogma... Was könnte besser denn eine aufsteigende Anthropogenese den herabsteigenden Erleuchtungen einer Christogenese als Hintergrund und Basis dienen?"
Teilhard, der fromme Mann in China, beschrieb 1946 den ersten Atomblitz der Weltgeschichte aus Los Alamos, ohne Hiroshima zu erwähnen. Es paßte nicht in sein Erlösungsprogramm. Ebenfalls 1946 entwarf dagegen der sowjetische Autor Alexander Kazantsev die erste literarische Tunguska-Erzählung namens „Die Explosion". Als Augenzeuge des verwüsteten Hiroshima war ihm die Ähnlichkeit mit dem sibirischen Schauplatz aufgefallen. Hier wie dort waren die Bäume durch die Druckwelle niedergedrückt, aber hier wie dort waren auch einige dünn wie Streichhölzer stehen geblieben. Kazantsevs These war: Kein Meteorit konnte über der Tunguska-Region explodiert sein, sondern nur ein atomgetriebenes Raumschiff von Außerirdischen, und zwar durch einen Unfall. Daß sich von diesem Raumschiff ebenfalls keine Reste fanden, focht die Leser der Geschichte offenbar nicht an; sie wurde und wird bis heute als Science-fiction konsumiert.
Doch einige Jahre später korrigierte Stanislaw Lem seinen Kollegen. Auch in Lems Roman explodiert ja ein außerirdisches Raumschiff über der Tunguska-Region, aber es bleibt wenigstens eine Nachricht in Gestalt einer Drahtspule mit elektromagnetischen Signalen erhalten. Da der Roman im Jahr 2003 spielt, haben die Menschen bereits einen Supercomputer, der sie entziffern kann. Die Nachricht lautet: die Außerirdischen kamen von der Venus und wollten die Erde zerstören. Die Menschen sind zutiefst erschrocken. Sie planen eine Friedensinitiative und fliegen selber zur Venus. Dort aber finden sie nur die Überreste einer hochtechnisierten Kultur, die sich offenbar atomar selbst ausgelöscht hat.
Lems Roman „Astronauci" erschien, wie gesagt, 1951 und wurde zu einem Schlüsselwerk des Kalten Krieges. 1955 erschien er auf deutsch unter dem Titel „Der Planet des Todes"; 1960, während die Russen vergeblich Lunik-Sonden zum Mond schickten, verfilmte der ostdeutsche Regisseur Kurt Maetzig den Stoff unter dem Titel „Der schweigende Stern"; es war der erste SF-Film der DDR. Im selben Jahr lief der Streifen auch in der Bundesrepublik, wieder unter einem anderen Titel, „Raumschiff Venus antwortet nicht". Und im Vorfeld der Kubakrise, 1962, gab es dann auch eine amerikanische Version namens „First Spaceship to Venus". Mit nur wenigen Schnitten und ein paar neuen Takes hatte man hier Russen in Amerikaner verwandelt - die Botschaft vom unbedingt zu erhaltenden Frieden angesichts atomarer Bedrohung war aber dieselbe geblieben.
Aber war damit das Rätsel von Tunguska gelöst? Keineswegs. Auch Leonid Kuliks dritte Expedition im Jahr 1938 (nach 1921 und 1927) brachte keine neuen Ergebnisse. Zwar wurden auf seine Initiative hin Luftaufnahmen der Region angefertigt, aber merkwürdigerweise werden diese bis heute nur selten öffentlich gezeigt. 1939 brach der zweite Weltkrieg aus, Kulik wurde eingezogen und starb 1942. Seine Theorie vom Meteoriten wurde zudem seit Anfang der dreißiger Jahre bestritten; Howard Shapley, der spätere Chef des Harvard-Observatoriums, plädierte für die Kometenlösung, die allmählich die Oberhand zu gewinnen schien. Der Streit zwischen den Anhängern der Meteoriten- und der Kometenthese schwelt aber bis heute. Gelöst werden könnte er inzwischen durch eine dritte These, womöglich die überzeugendste bisher. Der russische Geologe Andrej Olchowatow und nach ihm der Bonner Astrophysiker Wolfgang Kundt wollen einen irdischen, nämlich vulkanischen Vorgang nachweisen. Tektonische Verschiebungen hätten riesige Mengen Gas freigesetzt, das Gas sei aufwärtsgetrieben und explodiert. Erklären ließen sich so eine ganze Reihe von Phänomenen: das Fehlen von Rückständen, die vielen kleinen Explosionen, von denen die Rede war, das tagelange helle Licht. Nur das leuchtende Flugobjekt war mit der These nicht zu verbinden, und so wird also weiter nach einem Meteoriten gesucht. Italienische Forscher wollen ihn jetzt in einem vom Epizentrum nur acht Kilometer entfernten See namens Tscheka ausgemacht haben. Sollte es diesen See wirklich vor 1908 nicht gegeben haben, hat diese These natürlich ebenfalls viel für sich - vorausgesetzt, man findet am Seegrund den gesuchten kostbaren steinigen Beweis.
[...]


SINN UND FORM 1/2009, S. 100-104