Leseprobe aus Heft 6/2008

[€ 9.00]



Harman, Mark
Wie Kafka sich Amerika vorstellte

Daß Karl Roßmann, der von seinen Eltern nach Amerika verbannte junge Held des Romans "Der Verschollene", Kafkas liebstes Alter ego war, ist so gut wie sicher. Als Kafka seiner späteren Verlobten Felice Bauer das erste Kapitel schickte, bat er sie: "Nimm den kleinen Jungen freundlich auf, setze ihn neben Dich nieder und lob' ihn, wie er es sich wünscht." Ich hoffe, daß Karl den Lesern ebenso ans Herz wächst wie mir beim Übersetzen des Buches und daß sie ein ganz anderes Bild von diesem ersten Roman Kafkas gewinnen, der immer noch viel zu sehr im Schatten seiner beiden späteren Romane steht. Dann würden Max Brods Worte wahr werden, "daß gerade dieser Roman einen neuen Weg zum Verständnis Kafkas zeigen" könnte.
"Der Verschollene" ist ein poetisch dichtes Werk, das man ganz unterschiedlich lesen kann: als episodenhafte pikareske Erzählung, als Bildungs- oder Initiationsroman, als Auswanderungs- oder Exilgeschichte, als düstere Vision der urbanen Zivilisation, als selbstreflexiven modernistischen Roman und schließlich als eine Verulkung des amerikanischen Traums voller trockenen Humors. Für sein Amerikabild nutzte Kafka eine Vielzahl von Quellen: Zeitungsartikel, Reiseberichte, Stummfilme und vermutlich auch die Autobiographie Benjamin Franklins, die er in dem berühmten Brief an den Vater angelegentlich erwähnt, in dem er sein lebenslanges Bemühen schildert, dessen Einfluß zu entkommen: "Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über sie hin ausgestreckt vor. Und es ist mir dann, als kämen für mein Leben nur die Gegenden in Betracht, die Du entweder nicht bedeckst oder die nicht in Deiner Reichweite liegen." Schließlich erkannte er wohl, daß die deutschen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts dazu neigten, die Neue Welt entweder als idyllische Zuflucht oder aber als Dystopie zu schildern.
Wie Kafkas Tagebücher und Briefe bezeugen, erwuchs seine Faszination für Amerika aus dem Gefühl, eingesperrt oder im inneren Exil zu sein. Seine Geburtsstadt Prag, von der er sagte: "Dieses Mütterchen hat Krallen", war ihm nie "Heimat". Am 20. August 1911 schreibt er von dem Wunsch, sich "in alle Weltrichtungen auszubreiten". Dieser Drang, sich von Prag loszureißen, und sei es auch nur in der Phantasie, hat ihn nie verlassen. Nicht lange vor seinem Tode sah er im Festsaal des Prager Jüdischen Rathauses eine dort untergebrachte dichtgedrängte Gruppe von Auswanderern, und er schreibt an seine Geliebte Milena Jesenská: "wenn man mir freigestellt hätte, ich könnte sein was ich will, dann hätte ich ein kleiner ostjüdischer Junge sein wollen, im Winkel des Saales, ohne eine Spur von Sorgen, der Vater diskutiert in der Mitte mit den Männern, die Mutter dick eingepackt wühlt in den Reisefetzen ... und in paar Wochen wird man in Amerika sein."
Als Edwin und Willa Muirs elegante erste englische Übersetzung 1938 in London erschien, war kaum bekannt, was Kafka über Amerika wußte, und da er nie den Atlantik überquert hatte, konnte man den "Verschollenen", den er gern seinen "amerikanischen Roman" nannte, durchaus als reine Phantasie abtun. Doch dank der sorgsamen wissenschaftlichen Rekonstruktion der vernichteten Welt des deutschsprachigen Prager Judentums und der damaligen Debatten über Literatur, Religion, Philosophie, jüdische Identität und Zionismus, an denen Kafka beteiligt war, wirkt das Buch heute nicht mehr so unhistorisch und unpolitisch.
Obgleich Kafka die Neue Welt also gar nicht kannte, hatte er doch bestimmte Vorstellungen von ihr. So war er dagegen, daß Kurt Wolff 1913 den alten Stich eines in den Hafen von New York einlaufenden Segelschiffes als Titelbild für das als eigenständige Erzählung veröffentlichte erste Kapitel, "Der Heizer", verwendete, da er ja "das allermodernste New York" darstellen wollte.
Die Manuskripte belegen die enge Beziehung zwischen den Hauptfiguren des "Heizers," der "Verwandlung" und des "Urteils", die eine Trilogie seiner häuslichen Tragödien bilden und das Schicksal von Söhnen schildern, die von ihren Eltern bestraft werden: In der "Verwandlung" schreibt er mehrmals Karl statt Gregor und im "Heizer" fünf Mal Georg - er ist die Hauptfigur im "Urteil" - statt Karl. Nur drei Tage, nachdem er in der Nacht vom 22. zum 23. September mit dem "Urteil" seinen literarischen Durchbruch geschafft zu haben glaubte, begann er seinen "amerikanischen" Roman. Aber anders als das "Urteil" war der "Verschollene" eine langwierige Angelegenheit - mit mindestens drei Versionen -, deren Wurzeln in Kafkas Vorstellungswelt schon früh erkennbar sind. Aus einer Tagebuchnotiz vom 19. Januar 1911 erfahren wir, daß er als Kind oder Jugendlicher eine Geschichte mit einem verwandten Thema schrieb, in der Amerika als Zufluchtsort fungiert. Im Winter 1911 begann er mit dem ersten - nicht erhalten gebliebenen - Entwurf, und zwischen September 1912 und Januar 1913 schrieb er die ersten sieben Kapitel. Doch dann widmete er sich anderen Projekten, so daß das letzte Kapitel erst im Oktober 1914, als er bereits am "Prozeß" arbeitete, fertig wurde. Der den Ort der Handlung betonende Titel der Ausgabe von 1927, "Amerika", stammte von Max Brod, während Kafka in einem Brief an Felice Bauer vom November 1912 den Roman eindeutig "Der Verschollene " nennt und damit das ungewisse Schicksal des Helden hervorhebt.
In der Tagebucheintragung von 1911 über die Amerika-Geschichte erinnert sich Kafka, wie er bei einem Großelternbesuch - leider nennt er sein damaliges Alter nicht - an einem Roman über zwei Brüder schrieb, von denen der "gute" in einem europäischen Gefängnis blieb, während der andere nach Amerika fuhr, und ihm ein Onkel das Blatt wegnahm, es kurz ansah und zu den anderen sagte: "Das gewöhnliche Zeug". Der Achtundzwanzigjährige bekennt, wie er durch dieses Urteil "einen Einblick in den kalten Raum unserer Welt bekam" und sich "vertrieben" fühlte, ein Wort, das Karls Situation zu Beginn des "Verschollenen" antizipiert.
"Als der Sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte."
("As he entered New York harbor on the now slow-moving ship, Karl Rossmann, a seventeen year-old youth who had been sent to America by his poor parents because a servant girl had seduced him and borne a child by him, saw the the Statue of Liberty, which he had been observing for some time, as if in a sudden burst of sunlight. The arm with the sword now reached aloft, and about her figure blew the free winds.")
Über diese Sätze haben die Kritiker viel Tinte vergossen, besonders über die Beschreibung der Freiheitsgöttin. Indem Kafka ihr statt einer Fackel ein Schwert in die Hand gibt, unterläuft er die realistischen Konventionen, und obwohl ein Rezensent im Mai 1913 darauf hinwies, hat Kafka diesen vermeintlichen Lapsus für die zweite Ausgabe des "Heizers", 1916, für die er Kleinigkeiten änderte, nicht korrigiert. Das Schwert war also Absicht.
Einige Kritiker vertreten die These, Kafka verwende das amerikanische Freiheitsemblem als Sinnbild der Gerechtigkeit und das Schwert richte sich nicht gegen die vom amerikanischen Kapitalismus verursachten sozialen Ungerechtigkeiten, sondern gegen Karls Gewissen (Heinz Politzer); andere sehen in dem Schwert ein "Symbol der Gewalt", einen Vorgriff auf Karls Kampf gegen eine unmenschliche technische Zivilisation. Und wieder andere verweisen auf die Darstellungen der Justitia in der europäischen Malerei. Kafkas Freiheitsgöttin könnte freilich auch an die Cherubim mit dem bloßen hauenden Schwert erinnern, die - jedenfalls in der einflußreichen griechischen Version der Genesis - nach der Austreibung von Adam und Eva das Tor zum Paradies bewachen. Etliche hingegen halten den Roman eher für eine Traumerzählung, wenngleich diese Lesart genausowenig zu begründen ist wie die daraus ableitbaren psychologischen Interpretationen. Im allerersten Absatz, als Karl die Statue erblickt, ist im Manuskript ein Satz gestrichen: "Er sah zu ihr auf und verwarf das über sie Gelernte." Aus dieser geradezu postmodern anmutenden Formulierung könnte man schließen, daß Karl der Statue seine eigenen Vorstellungen oktroyiert - genau die psychologische Deutung, die Kafka auszuschließen versuchte. Und so wie Gregor Samsas Gefühl, sein Körper habe sich über Nacht auf geheimnisvolle Weise in einen Käfer verwandelt, nicht einfach als Alptraum abzutun ist, so ist auch diese surreale Freiheitsgöttin nicht ohne weiteres als subjektiver Eindruck Karl Roßmanns wegzuerklären. In der "Verwandlung" steht eindeutig: "Es war kein Traum." Und vielleicht wollte uns Kafka durch die Plazierung der abgewandelten Statue gleich am Anfang ja auch davor warnen, die Geschichte als einen realistischen Bericht über die Erlebnisse eines jungen Mannes in Amerika aufzufassen.
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Aus dem Englischen von Heide Lipecky

 


SINN UND FORM 6/2008, S. 794-797