Jens, Inge
geb. 1927 in Hamburg, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin, lebt in Tübingen. Zuletzt erschienen »Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt« (2013) und »Langsames Entschwinden. Vom Leben mit einem Demenzkranken« (2016). (Stand 3/2016)
Siehe auch SINN UND FORM:
- 3/2007 | Gespräch Thomas Grimm, Manfred Mayer und Walter Jens
- 3/2016 | Die Ergänzung der eigenen Erfahrungen. Ein Gespräch über Schriftsteller und Editionen mit Matthias Bormuth und Matthias Weichelt
FRAGE: Sie beschäftigen sich schon so lange mit der Familie Mann, daß man fast sagen kann, sie gehört zu Ihrem Haushalt. Wie hat das eigentlich (...)
LeseprobeJens, Inge
Gespräch mit Thomas Grimm, Manfred Mayer und Walter Jens
FRAGE: Sie beschäftigen sich schon so lange mit der Familie Mann, daß man fast sagen kann, sie gehört zu Ihrem Haushalt. Wie hat das eigentlich alles angefangen?
INGE JENS: Eines Tages kam der Verleger Günther Neske mit einem Stapel Briefe von Thomas Mann an Ernst Bertram. Weiß der Teufel, woher er die hatte. Er sagte zu meinem Mann: »Das sollten Sie edieren.« Der guckte drauf und sagte: »Um Himmels willen! Handschriftlich! Nein, nicht mit mir.« Neske war etwas betreten, und da sagtest du: »Fragen Sie doch mal meine Frau.« Und der Verleger hat sich darauf eingelassen, vielleicht hatte er keinen prominenten Interessenten. Vielleicht hat er auch gedacht: Der Mann schaut bestimmt mal nach, daß die Frau nicht zu großen Unsinn macht. Na, und so begann meine editorische Tätigkeit. Die Originale lagen in Marbach. Der damalige Direktor Zeller hat mir alles zur Verfügung gestellt. Eines Tages sagte er: »Schauen Sie mal, das hab’ ich gerade gekriegt.« Es waren Schuhkartons mit Briefen von Bertram und seinem Lebensgefährten Ernst Glöckner, dem Kalligraphen des George-Kreises. Die zwei hatten ein sehr enges Verhältnis und schrieben sich zeitweise zwei Briefe am Tag. Ich war fasziniert und konnte dank dieser Korrespondenz den Briefen von Thomas Mann einen ungewöhnlich informativen Apparat hinzufügen. Dann hatte ich das Glück, daß Friedrich Sieburg, der Starkritiker der FAZ, eine hymnische Rezension schrieb: Der Kommentar sei mindestens ebenso gut wie die Briefe. Wenn Sieburg ein Buch lobte, war der Erfolg garantiert. Es war ein bißchen wie bei Reich-Ranicki heute, aber wesentlich seriöser. Ohne Sieburgs Qualitätsausweis hätte mich Fischer vermutlich niemals mit der Edition der Thomas-Mann-Tagebücher betraut.
WALTER JENS: Als Nachfolger des verstorbenen Peter de Mendelssohn.
INGE JENS: Mendelssohn war natürlich ein unerreichter Thomas-Mann-Kenner. Ich konnte eigentlich nur alles ganz anders machen, seine Arbeit fortzusetzen wäre mir unmöglich gewesen. Mendelssohn war eher literarischbiographisch orientiert, während ich meine Edition auf eine historische Basis gestellt habe – die einzige Möglichkeit, die mir als Nicht-Zeitzeugin blieb. Ich übernahm die Edition der Tagebücher ab 1944. Damals war ich siebzehn gewesen, und ich konnte mich an vieles erinnern. Natürlich habe ich Golo Mann besucht. Wir haben ein sehr schönes persönliches Verhältnis entwickelt, das ungeheuer hilfreich war. Im Lauf der Jahre kam es bei uns öfter vor, daß Projekte, die für meinen Mann gar nicht so günstig waren, sich im nachhinein als für mich sehr günstig herausstellten, und umgekehrt, daß also der eine machte, was der andere gerade nicht machen wollte oder konnte.
WALTER JENS: Aber zusammen waren wir gut.
INGE JENS: Wahrscheinlich besser als jeder für sich.
FRAGE: Wie funktioniert so eine Zusammenarbeit? Können Sie darüber ein bißchen erzählen?
INGE JENS: Mein Mann und ich haben ja schon früher kooperiert, indem ich etwa Aufträge machte, die er bekam, z.B. Buchbesprechungen für Jürgen Petersen beim NDR in Hamburg, zuerst unter seinem Namen und dann unter meinem eigenen. Auch die »Geschichte der Tübinger Universität« war ein Gemeinschaftswerk, aber Kindler, der ein ebenso guter Verleger wie altmodischer Mensch war, hielt nicht viel von Emanzipation, obwohl er selbst ja bei Gott mit einer sehr emanzipierten Frau verheiratet war, die im Verlag eigene Sparten betreut hat. Jedenfalls meinte er, daß es dem Verkauf abträglich sein würde, wenn das Buch zwei Autoren hätte, und dann noch ein Ehepaar. Und in der Tat war das ein Grenzfall, denn ich habe drei Jahre recherchiert und das Material aufbereitet für die einzelnen Kapitel, und dann hat mein Mann allein geschrieben. Das ist eine andere Form der Zusammenarbeit als bei der Katia-Mann-Biographie. Da habe ich zwar alleine recherchiert, genau wie bei Hedwig Pringsheim, aber wir haben gemeinsam gesichtet und vor allem gemeinsam disponiert. Ich habe die Archive der ganzen Welt konsultiert, wir hatten ungeheuer viel Material. Da stehen noch fünf Kisten vor meinem Schlafzimmer, die ich alle noch mal durchsehen müßte. Wir haben also gesichtet, geordnet und zusammen disponiert, und dann durfte jeder sagen, wofür er sich am meisten interessierte. Da gab es den ersten Krach, weil manche Dinge uns beide interessierten. Ich habe gesagt: Ich würde mir das Recht ausbedingen, zu ergänzen und zu ändern.
WALTER JENS: Und zu streichen.
INGE JENS: Ja, auch in deinen Texten. Ich bin bereit, dir das gleiche zu konzedieren. Die Umsetzung ging natürlich erst recht nicht ohne Krach ab. Aber das Buch ist fertig, und Sie sehen uns immer noch vereint und relativ freundlich miteinander umgehen.
WALTER JENS: Wir haben aufeinander zu geschrieben. Da gab es diesen Fall: Ich hatte, glaube ich, sechzehn sehr gute Seiten über Thomas Manns Homosexualität geschrieben. Die las ich ihr vor. Um Gottes willen, sagte sie, sechzehn Seiten! Vier wären mir lieber, und bitte aus der Perspektive der Frau. Wir schreiben ein Buch über Katia und nicht über Tommy.
INGE JENS: Es war manchmal sehr schwierig, ihn zu überzeugen. Er ist von uns beiden der um Klassen bessere Thomas-Mann-Kenner und natürlich viel mehr an dem Mann interessiert als an der Frau. Er fand sie originell, er fand, daß sie gut schrieb. Aber was mich besonders interessierte, interessierte ihn erst sekundär. Es war eine ungeheuer anstrengende Zeit, weil es oft gekracht hat. Es gab viele Diskussionen, die weit über das Buch hinausgingen. Wir waren damals schon länger verheiratet als die Manns, immerhin 55 Jahre. Katia und Tommy sind »nur« fünfzig beschieden gewesen. Man kommt dann auch an eigene Probleme heran, das ist ganz klar. Man kann nicht neutral sein als Ehepaar mit partiell ähnlichen Problemen insofern, als mein Mann Schriftsteller war und es mir ebensowenig an der Wiege gesungen wurde, einen Schriftsteller zu heiraten, wie Katia. Sowohl Katia als auch ich hatten berufliche Ambitionen. Katia hat sie viel früher und viel rigoroser aufgegeben als ich. Ich versuche immer noch, mein eigenes Leben zu führen.
WALTER JENS: Und was das Buch betrifft, »Frau Thomas Mann«, so haben auch unsere besten Freunde nicht erkannt, was von ihr ist, was von ihm. Wir bekommen aus Amerika Briefe an Ingwalt Jens usw. Weil es zusammenpaßt.
INGE JENS: Ja, daß es gelungen ist, ist wirklich ein großes Wunder, denn es gab Zeiten, wo wir nahe daran waren aufzugeben. Aber einer rappelte sich immer wieder auf und sagte: Verdammt noch mal, es interessiert mich aber, und unsere Probleme sollten wir jetzt vergessen. Das Material ist so interessant. Das ist das Gute, wenn man es zu zweit macht: Man gibt nicht so schnell auf.
FRAGE: Wie ging es denn weiter, nachdem Ihr Mann die sechzehn Seiten vorgelesen hatte?
INGE JENS: Also das mußte er ändern. Die hätte ich nicht so gelassen.
WALTER JENS: Die sechzehn Seiten wurden nicht zu vieren, aber zu sechsen. Und sie wurden aus der Perspektive der Frau geschrieben.
INGE JENS: Die Frau aus der Perspektive ihres Mannes kannte ich zur Genüge. Ich wollte endlich mal wissen: Was hat sie gedacht? Wie hat sie geschrieben? Was wollte sie? Was waren ihre Träume? Seine kannte ich. Also das war die Linie … Wir haben sie zusammen entworfen und fanden sie gut. Aber sie einzuhalten ist mir natürlich leichter gefallen als ihm. Manchmal ist es doch von Vorteil, eine Frau zu sein. Das weiß ich inzwischen.
WALTER JENS: Nach Lesungen gab es oft leidenschaftliche Diskussionen, und immer wieder sagten junge Frauen: Die hat sich dem Mann doch völlig unterworfen.
INGE JENS: Ja, es waren natürlich vor allem junge Frauen, die wissen wollten: War sie wirklich emanzipiert? Eine Frau, die sich so dem Leben ihres Mannes angepaßt hat, kann doch nicht emanzipiert gewesen sein. Warum hat eine so intelligente, eine so reiche Frau, die Mathematik und Physik studiert hatte, was ja in ihrer Generation ganz unüblich war, so früh geheiratet und sich der Familie geopfert? Und es ist, wie ich finde, immer spannend und interessant, diesen jungen Frauen klarzumachen, daß man sich auch für das Dasein als »Frau und Mutter« entscheiden kann. Gerade Frauen sollten das tolerieren. Deswegen muß man nicht weniger emanzipiert sein, als wenn man einen anerkannten Beruf, Lehrerin, Wissenschaftlerin oder sonstwas, ergriffen hätte. Katia Mann war eine sehr emanzipierte Frau!
WALTER JENS: Golo Mann sagte: intellektueller als ihr Mann.
INGE JENS: Sie war ihm überlegen, intellektuell und auch wissensmäßig.
FRAGE: In dem Buch wird berichtet, daß Elisabeths Mann stirbt und Katia mit dem nächsten Zug zu ihr nach Italien fährt. Klagt Thomas Mann nicht in seinem Tagebuch, man ließe ihn allein und er müsse sich um die Telefone kümmern?
INGE JENS: Das ist eine jener Stellen, die mich in dem Wunsch bestärkten, mal was über diese Frau zu schreiben. Das war ganz typisch. Sie ist eben gefahren! Sie war eine der reichsten Erbinnen, sie hatte eine Berufsausbildung. Wer hatte die schon? Aber sie ging freiwillig in den Beruf einer Frau und Mutter, als Familienoberhaupt, wie sie immer sagte. Sie hat Kinder erzogen, Korrektur gelesen für ihren Mann, sie hat übersetzt, sich als Sekretärin ausbilden lassen, sprich: Schreibmaschine gelernt, Autofahren, sie hat notgedrungen was von Steuer- und Verlagsrecht verstehen müssen.
WALTER JENS: Sie hat seine Briefe geschrieben.
INGE JENS: Das Wort »Wirtschaftsoberhaupt«, so wie es Horkheimer einmal definiert hat, ist auf sie anwendbar. Sie war in ihrem Beruf absolut autark. Ohne sie hätte Thomas Mann nicht arbeiten können, davon bin ich überzeugt.
FRAGE: Sie sagten, die Auflage sei 400000. Das ist sicher auch ein Beweis für die Qualität des Buches, aber in welche gesellschaftliche Lücke sind Sie gestoßen, daß die Nachfrage so enorm war?
INGE JENS: Unser Trailer war Breloer mit seinem Film über die Familie Mann. Ohne ihn hätten wir vielleicht ein Viertel verkauft, und das wäre viel gewesen. Der Film hat zu Recht großen Anklang gefunden. Und nun gab es noch etwas über diese Familie, aus einer Perspektive, die man noch nicht kannte. Ein paar Thomas-Mann-Biographien haben sich auch nicht schlecht verkauft, aber nicht diese Auflage erreicht.
FRAGE: Sind Katias Briefe nicht ein richtiger Familien-Kosmos?
INGE JENS: Bei der Arbeit ist uns klargeworden, was Katia ihrer Mutter verdankt und was die für eine Persönlichkeit war. Deswegen haben wir das zweite Buch über sie gemacht.
FRAGE: Was ist das für ein Gefühl, wenn man mit einem Alterswerk noch mal so richtig berühmt wird?
INGE JENS: Haben wir es als Alterswerk empfunden? Eigentlich nicht. Wir haben bloß staunend festgestellt, daß man in unserem Alter normalerweise keine Bestseller mehr schreibt. Aber was heißt »mehr"? Wir haben vorher nie einen geschrieben, weder zusammen noch einzeln. Es war Zufall. Während der Tagebuch-Edition habe ich viele Briefe von Katia Mann gelesen und war fasziniert. Ich stellte aber fest, daß sie nur in Auswahl zu edieren sind, was ich nicht glaubte verantworten zu können. Sie schreibt ja nicht nur an ihre sechs Kinder, sondern auch an Freunde, die Episoden wiederholen sich. Und was machen Sie mit den unendlich vielen Menschen, deren Namen in diesen Briefen fallen? Die Anmerkungen hätten den Text um ein Vielfaches überwogen. Da sagte der Thomas-Mann-Kenner Eckhard Heftrich: Schreiben Sie doch eine Biographie! Darauf ich: Ich kann nicht schreiben. Dann solle ich einfach die Anmerkungen zusammensetzen, es werde schon gelingen. Also habe ich angefangen. Mein Mann wollte eigentlich seine Autobiographie schreiben für Rowohlt, und dann merkte er: Es war so wahnsinnig interessant mit Katia, und so langweilig, alles zu wiederholen, was er von seinem eigenen Leben ja längst schon wußte. Und da haben wir gesagt: Wir machen die Katia-Biographie zusammen.
FRAGE: War damals schon Alexander Fest bei Rowohlt?
INGE JENS: Ich glaube, Alexander kam während der Arbeit an dem Buch. Zu deinem 80. Geburtstag gratulierte er mit unserem Lektor Uwe Naumann und brachte eine große Torte mit, auf der das Cover abgebildet war. Aber wir kennen ihn schon lange, schon als Studenten. Es war schön, daß just er unser Verleger wurde. Und daß er sich mit unserem Lektor so gut verstand, kam der Arbeit natürlich zugute. Soviel Unterstützung hatte ich vorher nie, obwohl es auch bei Fischer während der Arbeit an den Tagebüchern außerordentlich angenehm war. Aber bei Rowohlt war es ein Neuanfang, und ich glaube, ein für dieses Genre idealer.
WALTER JENS: Die hatten mit 10000 gerechnet.
INGE JENS: Maximal! Begreifen können wir das immer noch nicht.
FRAGE: Wie war das bei der Auswahl der Fotos, Briefe, Dokumente?
INGE JENS: Die Briefe haben wir integriert. Weder der Band über Katia noch der über ihre Mutter verfügen über einen Anhang. Die Bilder hat Uwe Naumann besorgt, sie stammen zum größten Teil aus dem Zürcher Archiv. In beiden Büchern finde ich den Bildteil besonders schön, aber das ist nicht in erster Linie unser Verdienst.
WALTER JENS: Ich habe Katia Mann nur flüchtig gekannt, aber du relativ gut. Du hast sie mehrfach besucht, und sie ist dir in sehr eigenartiger Weise begegnet.
INGE JENS: Ja, Günther Neske meinte, es sei ein Akt der Höflichkeit, ihr einen Besuch abzustatten. Ende 1959 fuhr er mich nach Kilchberg. Sie machte die Tür auf, er holte Luft, um mich vorzustellen, aber sie wischte ihn beiseite: Sie haben doch geschrieben, daß Sie mit Frau Jens kommen. Wer soll es also sonst sein? Dann war sie aber ungeheuer nett zu mir. Sie hat offenbar gemerkt, daß ich mich im Gegensatz zu fast allen Besuchern dieses Hauses mehr für sie interessiert habe als für die Thomas-Mann-Reliquien. Mich hätte noch die Bibliothek interessiert, aber sonst nichts. Welches sein Lieblingsausblick war, wo er gesessen und geschlafen hat usw., war mir ganz egal. Es wäre mir auch indiskret vorgekommen, danach zu fragen. Außerdem war sie so faszinierend, diese kleine, energische, gutaussehende Frau …
WALTER JENS: … ein aufstampfender General …
INGE JENS: … die Tee gekocht hatte und mit der wir im Erker saßen, mit Blick auf den Zürichsee. Sie erzählte von Ernst Bertram, den sie mochte, dann von seinem Freund Ernst Glöckner, der ein schöner Mann gewesen sei. Ich sagte, ich hätte ihn nicht gekannt. Er ist ja schon 34 gestorben. Aber auf Bildern müssen Sie es doch sehen können! sagte sie. Ich antwortete, ich hätte noch nie ein Bild von Ernst Glöckner gesehen. Was? Und Sie wollen eine solche Edition machen? Ausgeschlossen! Sie sprang auf und kam mit einem postkartengroßen Bild zurück: Das schenke ich Ihnen. Hängen Sie es über Ihren Schreibtisch, solange Sie an der Edition arbeiten. Dann erzählte sie von der Emigration, und plötzlich kam ein Ausbruch, der gar nicht zum urbanen Geplänkel der Unterhaltung paßte: Hinausgeworfen hat man uns! Und das nach einem ehrenwerten Leben! Mir verschlug es die Sprache, weil die Emigranten für meine Generation immer Helden gewesen waren. Das waren Leute, die aus ihrer politischen Haltung die Konsequenz gezogen hatten. Erst bei Katia Mann ist mir aufgegangen, daß viele Emigranten dieses Exmittiertwerden als eine Schande empfanden. Da ich inzwischen Vertrauen gefaßt hatte, wagte ich etwas zu fragen, das mir in der Tat am Herzen lag. Thomas Mann schreibt in einem Brief von 1949 an Ernst Bertram: »Hier in Stockholm erreichte uns die Schreckensnachricht aus Cannes«, also die vom Selbstmord seines Sohnes Klaus. »Wir überlegten einen Augenblick, ob wir die Reise abbrechen sollten, ließen es dann aber.« Ich fand dieses Wir abscheulich: Er wollte seine Vortragsreise machen, nach der Mutter fragte er offensichtlich nicht. Sie sagte: Lesen Sie mir das mal vor. Ich tat es, sie zögerte einen Augenblick: Das finden Sie scheußlich, nicht? Ich holte Luft und stotterte: Ja, das fände ich schon nicht so schön. Sie guckte mich an und sagte: So war er. Das bleibt. Keine Diskussion.
WALTER JENS: Ich wurde einmal von ihr zur Ordnung gerufen. Ich hatte mich in der »Zeit« gegen die Ziegenleder-Ausgabe von Thomas Manns Werken gewandt. Sie sagte: Das verstehe ich nicht. Wollen Sie diese Ausgabe nicht? Ich antwortete: Mir liegt daran, daß seine Werke von jungen Menschen gelesen werden. Die Ziegenleder-Ausgabe gehört in das Sprechzimmer eines Zahnarztes. Sie war schon gnadenlos. Die kleinste Kleinigkeit, die sie für geeignet hielt, an Thomas Manns Ruhm zu kratzen, war verboten.
[...]
SINN UND FORM 3/2007, S. 370-377
MATTHIAS WEICHELT: Frau Jens, Sie haben sich vor allem als Herausgeberin einen Namen gemacht, seit Sie in den frühen sechziger Jahren die Briefe Thomas Manns an den Philologen Ernst Bertram veröffentlichten. In den nächsten Jahrzehnten folgten dann weitere Editionen, die Werke des Literaturhistorikers und Schriftstellers Max Kommerell, die Briefe und Aufzeichnungen der Geschwister Scholl und ihres Freundes Willi Graf, die Tagebücher des Komponisten Ralph Benatzky und immer wieder die Familie Mann. Wie kamen Sie – ohne von einer Institution getragen zu sein – zu diesen ganz unterschiedlichen Autoren? INGE JENS: Ich habe immer auf eigene Faust gearbeitet, aber meine Stoffe habe ich mir nie selbst ausgesucht. (...)
LeseprobeJens, Inge
Die Ergänzung der eigenen Erfahrungen.
Ein Gespräch mit Matthias Bormuth und Matthias Weichelt über Schriftsteller und Editionen
MATTHIAS WEICHELT: Frau Jens, Sie haben sich vor allem als Herausgeberin einen Namen gemacht, seit Sie in den frühen sechziger Jahren die Briefe Thomas Manns an den Philologen Ernst Bertram veröffentlichten. In den nächsten Jahrzehnten folgten dann weitere Editionen, die Werke des Literaturhistorikers und Schriftstellers Max Kommerell, die Briefe und Aufzeichnungen der Geschwister Scholl und ihres Freundes Willi Graf, die Tagebücher des Komponisten Ralph Benatzky und immer wieder die Familie Mann. Wie kamen Sie – ohne von einer Institution getragen zu sein – zu diesen ganz unterschiedlichen Autoren?
INGE JENS: Ich habe immer auf eigene Faust gearbeitet, aber meine Stoffe habe ich mir nie selbst ausgesucht. So kam im Fall von Max Kommerell seine Witwe auf mich zu. Bei den Geschwistern Scholl fragten mich Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher. Großes Glück hatte ich mit den Tagebüchern von Thomas Mann, die mein Leben doch ziemlich verändert haben. Mein Mann Walter Jens war nicht ganz unschuldig daran, daß ich den Auftrag erhielt. Als jemand vom S. Fischer Verlag bei uns anrief und fragte, ob ich für einen Band der Werkausgabe ein Nachwort schreiben könne, lehnte er ab. Ohne Rücksprache mit mir behauptete er, ich sei nur an den Tagebüchern interessiert. Und so wurde mir nach dem Tod des Herausgebers Peter de Mendelssohn diese große Aufgabe übertragen.
MATTHIAS BORMUTH: Vielleicht können wir mit Hans und Sophie Scholl beginnen, die mit ihren Freunden aus der »Weißen Rose«, darunter Willi Graf, als Märtyrer des Widerstands gegen den Nationalsozialismus bekannt sind. Ich habe Sie, Frau Jens, kennengelernt, als ich mit Medizinstudenten Ihre Editionen gelesen habe, um der Gedankenwelt dieser mutigen jungen Menschen näherzukommen.
JENS: Es ist trotz der beeindruckenden Zeugnisse leider eine miserable Edition, bei der mir von seiten der Familie ständig hineingeredet wurde, was ich bringen dürfe und was nicht. Die Hinterbliebenen, vor allem Inge und ihr Mann Otl, wußten genau, wie es gewesen war, und ließen keine historische Forschung gelten, die ihre Sicht auf Widerstand und Tod der Geschwister in Frage stellte. So sollte nicht herauskommen, daß zwischen Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hartnagel, der später die Schwester Elisabeth heiratete, mehr als ein platonisches Verhältnis bestand. Inge, die konvertiert und gut katholisch war, paßte es nicht, daß Sophie vor der Ehe mit einem Mann geschlafen hatte. Dabei kann man doch nur hoffen, daß die beiden vor Sophies Tod wirklich etwas Schönes erlebt haben, wenn sie sich im Park trafen oder eine Nacht miteinander verbrachten. Inge Aicher-Scholl beanspruchte aber, nachdem sie ihr Buch über die »Weiße Rose« veröffentlicht hatte, die Deutungshoheit über das Bild ihrer Geschwister in der Öffentlichkeit.
BORMUTH: Sie bekamen es als Herausgeberin von Briefen und Tagebuchaufzeichnungen hier mit einer Form von Legendenbildung zu tun, die einer kritischen Sichtung der Materialien zuwiderlief.
JENS: Die Dokumente sagten etwas anderes, als man wahrhaben wollte. So sprach sich die Familie auch gegen meine Einleitung aus, in der ich erwähnte, daß Hans und Sophie nicht nur in der Jugendbewegung, sondern bis 1935 auch in der Hitler-Jugend aktiv gewesen waren. Das durfte es nicht geben: Helden, die zunächst mitmachten bei dem, was sie später bekämpften. Mir waren und sind historisch »gewordene« Helden jedoch lieber als solche, die gewissermaßen vom Himmel fallen. Dennoch durfte ich meine Sicht der Dinge nicht innerhalb der Edition publizieren; der S. Fischer Verlag veröffentlichte sie separat in der »Neuen Rundschau«. Ich habe mich damals auf diese Form von Zensur eingelassen, da ich nicht wollte, daß die erste Edition von Zeugnissen des studentischen Widerstands durch öffentliche Streitigkeiten entwertet würde. Auch war die Situation insofern nicht einfach, als mein Mann und ich uns gemeinsam mit Inge und Otl Aicher gegen die Stationierung von US-Atomraketen in Mutlangen engagierten.
BORMUTH: War Ihnen so etwas schon bei früheren Editionen passiert? Bei Autoren wie Ernst Bertram und Max Kommerell, die zeitweilig zum George-Kreis gehörten und als durchaus konservativ galten, könnte man sich doch viel eher vorstellen, daß die Beschäftigung mit dem Nachlaß heikel war, daß es Versuche der Einflußnahme gab.
JENS: Nein. Thomas Manns Briefe an Ernst Bertram lagen in Marbach, und auch Frau Kommerell machte mir keine Vorschriften. Sie war außerordentlich großzügig und gab mir ihren Segen: Wenn Sie nach Marbach ins Literaturarchiv fahren, können Sie alles einsehen und alles benutzen, was Sie möchten. Gerade durch die Beschäftigung mit Max Kommerell erweiterte sich meine zunächst recht undifferenzierte Sicht auf den George-Kreis und seine Adepten. Ich verstand plötzlich die mich so befremdende Hörigkeit der Jünger und begriff, was Kommerell durch seinen Bruch mit »dem Meister« wagte. Ich sah aber auch die ungeheure Anstrengung, die ihn, den einstigen Lieblingsjünger, dieser Schritt kostete. Kaum jemand sonst hat es geschafft, eine solche anhaltende Distanz zu gewinnen. Frau Kommerell erzählte mir allerdings, George habe ihren Mann bis zum Ende seines Lebens – er starb 1944 – in Alpträumen verfolgt. Zugleich wurden mir die Kompromisse deutlicher, die er in seinem Leben einging, die Schlupflöcher, die er, der das neue Regime zunächst begrüßt hatte und Mitglied der Reiter-SA war, sich später suchte.
WEICHELT: Was mich an Ihren Arbeiten immer sehr beeindruckt hat, war die Fairneß und Unvoreingenommenheit, mit der Sie auch über Menschen schrieben, mit denen Sie ganz offensichtlich nicht übereinstimmten. Fiel es Ihnen manchmal schwer, solche fremden Weltbilder zu akzeptieren, zumal Sie im Politischen immer klare Positionen vertreten haben?
JENS: Ich habe andere Sichtweisen immer als Ergänzung meiner eigenen Erfahrungen wahrgenommen. Wie schon gesagt: Mir sind Menschen, die gegen Mißstände und Bedingtheiten ihrer Zeit handeln, aber natürlich auch in sie verstrickt sind, lieber als solche, an denen es nichts auszusetzen gibt.
WEICHELT: Wie bringen Sie die Quellen zum Sprechen, wenn Sie das Material für eine Edition zusammenstellen? Liegt diesem ersten Schritt, der Auswahl und Anordnung, nicht auch schon eine Art Interpretation zugrunde?
JENS: Meines Erachtens muß man die Fakten so präsentieren, daß jeder, unabhängig von seiner Einstellung, einen Zugang zu ihnen finden kann. Wenn Sie es schaffen, die geistigen Einflüsse und historischen Hintergründe in den Kommentaren ausgewogen und anschaulich darzustellen, ist schon viel gewonnen. Sie dürfen nichts verfälschen und müssen sich vor Spekulationen hüten. Denn wenn Sie, wie ich in meiner Scholl-Ausgabe, Unliebsames ausblenden und auf bestimmte historische Belege verzichten müssen, hat der Leser keine Chance, sich so objektiv wie möglich zu informieren und möglichst viele Seiten einer Person oder eines Vorgangs zu verstehen.
WEICHELT: Wenn man Ihre Veröffentlichungen liest, merkt man schnell, wie wichtig es Ihnen ist, durch das Arrangement der Texte und die Art ihrer Kommentierung eine erzählerische Gesamtkomposition entstehen zu lassen. Sie haben im Gespräch einmal erwähnt, daß man Ihnen riet, auf der Grundlage Ihrer Anmerkungen zu den Tagebuch-Eintragungen Thomas Manns eine Katia-Mann-Biographie zu schreiben. Wäre das eine Methode, durch chronologisch stimmige Anordnung der Dokumente zu einer biographischen Erzählung zu kommen? Als Herausgeberin hatten Sie ja ein geschärftes Bewußtsein für den redlichen Umgang mit dem historischen Material und seinen Widersprüchen.
JENS: Das Editorische kann eine Vorstufe des Erzählerischen sein, muß es aber nicht. Während es hier nötig ist, die Fakten möglichst umfassend und möglichst vorurteilsfrei zu betrachten und darzustellen, darf eine biographische Arbeit, wie die über Katia Mann, auch schon mal einer subjektiver gewichteten Linie folgen. Die Haltung des Herausgebers hat vor allem kritisch zu sein.
WEICHELT: Worin besteht die Kunst des Edierens?
JENS: Sie müssen versuchen, alle oder jedenfalls möglichst viele Implikationen etwa eines Tagebucheintrags zu berücksichtigen. Wenn Sie sich lange mit einem Autor und seiner Handschrift beschäftigen, lernen Sie ihn ganz anders kennen. Sie erhalten interessante Einblicke in seine Arbeits- und Denkweise. So ging es mir mit den fünf Bänden der Tagebücher Thomas Manns, die ich herausgegeben habe, obwohl ich im Unterschied zu meinem Ehemann kein wirklicher Kenner und Verehrer seines Werkes war.
BORMUTH: Kann es sein, daß Thomas Mann, der sich zu Lebzeiten als Repräsentant des deutschen Kulturbürgers gesehen und stilisiert hat, späteren Generationen mit den Tagebüchern auch einen kritischen Zugang zu seiner Person und seinem Werk eröffnen wollte?
JENS: Ganz sicher. Thomas Mann fühlte sich als Repräsentant eines Kulturbürgertums, dessen Normen er in starkem Maße verinnerlicht hatte. Wie erleichtert war er, als er den 1933 in München zurückgelassenen Koffer mit den alten Tagebüchern wieder in seinen Händen hielt! Er hat aus Angst, seine homoerotischen Neigungen könnten öffentlich werden, sogar später im kalifornischen Exil noch einige Bände verbrannt. Aber die meisten bewahrte er auf. In ihnen drückt er aus, wie ihm zumute war und was es ihn kostete, die ihm so wichtige glanzvolle Fassade der Bürgerlichkeit aufrechtzuerhalten, die ihm Sicherheit garantierte und natürlich auch viel Freude bereitete.
BORMUTH: Als Sie in den achtziger Jahren mit der Edition begannen, kam es auch zu näherem Kontakt mit Golo Mann, der selbst Historiker und Erzähler war.
JENS: Golo Mann befürchtete zunächst, ich würde an Peter de Mendelssohns eher literarische Form des Kommentierens anknüpfen, während es ihm, als Historiker, doch in erster Linie um die zeitgeschichtliche Erhellung der Epoche ging, in welche die Tagebücher eingebettet waren. Mir auch, deshalb haben wir uns so gut verstanden. Ich hätte nie so kommentieren können wie de Mendelssohn, weil mir dafür alle Insider-Kenntnisse fehlten. Für mich waren die Tagebücher vor allem eine große Chronik ihrer Zeit.
WEICHELT: Wie verliefen Ihre Treffen mit Golo Mann?
JENS: Am Anfang war es schwierig. Ich habe ihn immer besucht, wenn ich in Zürich im Thomas-Mann-Archiv zu tun hatte. Er wohnte damals im elterlichen Haus in Kilchberg. Nach und nach bürgerte es sich ein, daß wir meinen Fragenkatalog der Reihe nach abarbeiteten, er also antwortete, soweit er konnte. Später bat er mich, ihn öfter zu besuchen. Weil ihn meine Recherchen zunehmend interessierten, ist er sogar auf den Dachboden gestiegen, um nach alten Briefen zu schauen. Die gab er mir dann mit den Worten: Lesen Sie das zu Hause. Sie können es mir nächstens wiedergeben.
BORMUTH: Entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Ihnen?
JENS: Ja, eines Tages erhielt ich einen Brief mit dem Anfang: »Liebe Inge, wie wäre es, wenn wir die Curialien fortlassen würden?« Das fand ich sehr schön. Und bei »liebe Inge«, »lieber Golo« sind wir dann geblieben.
WEICHELT: Golo Mann gehörte wie seine Eltern zu den deutschen Emigranten. Welche Erfahrungen haben Sie selbst mit jenen gemacht, die Deutschland nach 1933 verlassen haben?
JENS: Ich lernte während meiner Arbeit im Deutschen Literaturarchiv in Marbach viele Emigranten kennen. Bernhard Zeller, der damalige Direktor, stellte mich ihnen vor, vielleicht auch um zu zeigen, daß man sich in Deutschland mit der Vergangenheit auseinandersetzte und versuchte, Ursachenforschung zu betreiben. Aber es waren nur wenige, die sich in den sechziger und siebziger Jahren überhaupt mit Emigration und Remigration beschäftigten.
BORMUTH: Sie haben Katia Mann besucht und geschildert, wie sie auf die Erwähnung der Emigration reagiert hat.
JENS: Ich habe Katia Mann zwei- oder dreimal besucht, und sie hat mir großen Eindruck gemacht, vor allem mit der Szene, auf die Sie anspielen, diesem Ausbruch: »Hinausgeworfen hat man uns! Und das nach einem ehrenwerten Leben!« Das werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen. Daß man eine Emigration aus Deutschland als bürgerliche Schande empfinden konnte, war eine neue Erkenntnis für mich und hat mich sehr bewegt.
WEICHELT: Sie haben in Tübingen enge Beziehungen zu Hans Mayer und Ernst Bloch gepflegt, zwei anderen ehemaligen Emigranten, die nach ihrer Rückkehr nach Deutschland erst im Osten lebten und dann in den Westen gingen.
JENS: Hans Mayer ist wahrscheinlich der Mensch, der meine geistige Biographie am meisten beeinflußt hat. Er hat mich gefördert und gefordert. Für ihn war es selbstverständlich, daß ich das, was er von mir verlangte, konnte und also auch machte. Das setzte er einfach voraus. So etwas kann ungeheuer hilfreich und anregend sein, denn die Kenntnisse, die ich noch nicht hatte, habe ich mir schleunigst angeeignet. Ich wollte mir vor ihm ja keine Blöße geben.
(…)
SINN UND FORM 3/2016, S. 341-352, hier S. 341-345