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Heftarchiv – Leseproben

Leseproben aus den zuletzt erschienenen Heften:

Blubacher, Thomas
5/2019 | "Der Schock war gewaltig". Carson McCullers schreibt Ruth Landshoff-Yorck über Annemarie Schwarzenbach

Verstaubte Kartons voller Notizbücher und Agenden, Zeitungsausschnitte und Belegexemplare, die Ruth Landshoff-Yorck – in den sechziger Jahren von ihren jungen amerikanischen, meist schwulen Kollegen als die "Poet Lady von Greenwich Village" verehrt – aus Platzmangel im Haus ihres Protegés und Mäzens Kenward Elmslie im New Yorker Künstlerviertel deponiert und die über ein halbes Jahrhundert keiner mehr durchgesehen hatte. Ein Glücksfund bei der Recherche zur Biographie der 1966 verstorbenen, vorübergehend in Vergessenheit geratenen Schriftstellerin: bündelweise Familienkorrespondenz, dazu spektakuläre Aktfotos von ihr, Josephine Baker und anderen jungen Frauen, Briefe von Klaus Mann, Francesco von Mendelssohn, Annette Kolb, Thornton Wilder und weiteren großen Namen. Etliche (...)

Leseprobe
Demus, Klaus
4/2007 | Ansichten der Natur

NACHTFLUG über dem großen
transatlantischen Kontinent:
droben der Ewigkeitswelt
bilderdurchstirnter Lichterraum
finstrer Unendlichkeit,
drunten der fließende
illuminierte Schwarzteppich,
archipelgleich organisiert
mit Korallenstöcken,
funkelnd im Ornament:
der Bauriß des Alls
über dem flüchtigsten
Planen Mensch – abgründig
kontrastieren die Hälften,
droben, drunten, der Nacht
in ihren Lichtern. AUCH allen Gipfeln
wird es jetzt Abend –
die Täler drunten sind
längst in Schatten verloren;
aber hier droben
verläßt das Licht die Erde
nur wie das Kräfte-Abnehmen
das Leben: Alter; das
Ausdruck gewinnt seines
neuen Erfahrens, des
endlich-unendlichen (...)

Leseprobe
Dieckmann, Friedrich
3/2019 | Fontanes Lücken

Fontane hat mich in jungen Jahren irritiert. "Schach von Wuthenow" gab den Anlaß, der Roman kam mir an zentraler Stelle mißlungen vor. Kürzlich habe ich abermals nach dem Buch gegriffen, neugierig darauf, ob sich der Eindruck von einst erneuern werde, und wirklich, wie einst an der Oberschule kam mir die Geschichte, deren Umschlagspunkt, die Peripetie, in der Achse des Buches durch eine Auslassung bezeichnet ist, realiter verfehlt und künstlerisch ausflüchtig vor. War dieses Aussparen des Delikaten, das sowohl das Unbegreifliche wie das Unaussprechliche war, ein Ausfluß jener stillen gesellschaftlichen Zensur gewesen, die die Leser der Zeitungen und Zeitschriften, auf deren Vorabdruck der Autor angewiesen war, über sein Schreiben verhängten, oder überstieg die Darstellung ebenso (...)

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Dorn, Anne
6/2010 | Verlust

bewahren, schützen, retten
(Köln, März 2009)

Rasch die Zettel, den Stift vom Tisch, die Tischdecke aufraffen, das Kissen vom Stuhl unter den Arm klemmen, losrennen – es donnert, die ersten, dicken Tropfen fallen –, aufatmen. Im Trocknen stehen. Zuschauen, wie der Wind den Regen herunterpeitscht, wie der nächste Blitz ganz in der Nähe herunterzuckt. Der Genuß des kleinen Glücks: Alles gerade noch so geschafft!
In Gewißheit leben: Von der Reise zurückkommen, mit dem frisch geputzten Blick bemerken, daß die Dinge gewartet haben, daß sie da sind: Am Garderobenhaken der andere Mantel, an der Wand die gerahmte Kopie des Kornfelds, in dem sich der Weg verliert, und dem Krähenschwarm im schwarzblauen Himmel des Vincent van Gogh. In meinem Arbeitszimmer die (...)

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Drews, Jörg
3/2019 | "Dieser Brief mußte geschrieben werden". Korrespondenz mit Walter Kempowski 2005 – 2007. Mit einer Vorbemerkung von Simone Neteler

Vorbemerkung "Ich glaube, Du bist der einzige Mensch, der das, was ich unternehme, zu würdigen versteht ", schrieb Walter Kempowski am 30. Januar 1998 an den Literaturwissenschaftler und Kritiker Jörg Drews. Der hatte kurz vorher unter der Überschrift "Das Fernsehen, von Walter Kempowski geschreddert" eine Rezension zu dessen "Bloomsday ’97" verfaßt. Das Buch – ein Protokoll der Fernsehrealität, von Kempowski und seinem Team am 16. Juni 1997 auf 37 Sendern zusammengezappt – war von den meisten Rezensenten äußerst kritisch aufgenommen worden. Wie oft in solchen Momenten fühlte sich Kempowski von der Kritik unverstanden. Drews dagegen hatte den richtigen Ton getroffen. Er beschrieb die Lektüre zwar als "problematisch, ja vielleicht eigentlich gar nicht möglich ", (...)

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Eissler, Kurt R.
4/2008 | Über das Wiederlesen großer Werke

Es ist immer wieder gesagt geworden, eine literarische oder auch sonstige Kritik Shakespeares müsse zuvorderst bedenken, daß er für das Theater schrieb. Mit Blick auf dieses Medium meint man viele Eigenarten, die etliche Literaturkritiker zu wahrlich recht abwegigen Interpretationen verleitet haben, allein mit dem Hinweis auf seine überragenden dramaturgischen Fähigkeiten, das heißt mit seinem Sinn für Publikumswirkung, erklären zu können. Dieser These habe ich in der vorliegenden Studie des öfteren widersprochen, da sie nicht berücksichtigt, was der Zuschauer eigentlich bemerkt. Das möchte ich jetzt modifizieren; dieser Einwand stimmt so nicht, und sei es auch nur, weil er die Wirkung unbewußter Wahrnehmung außer acht läßt.
[...] Aus dem Englischen von Heide (...)

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Fries, Ulrich
6/2019 | Letzte Postkarte von einer anderen Reise

In SINN UND FORM 4/2019 veröffentlichte der Herausgeber von Friedrich Pollocks Schriften, Philip Lenhard, unter dem Titel "Adornos letzte Postkarte" einen Aufsatz, in welchem er Textmaterial vorstellt und interpretiert, das "bis jetzt gänzlich unbekannt" war und nun als Teilnachlaß Pollocks an der Universität Florenz aufgetaucht ist. Laut Lenhard gibt "der auf mehrere Kisten verteilte Bestand (…) Einblick in die Nachkriegsgeschichte der Frankfurter Schule sowie in Theodor W. Adornos Gefühlswelt". Ohne Frage sind die bislang unbekannten Dokumente interessant, so auch der Brief, in dem Adorno Pollock gegenüber von einem Gefühl der Dankbarkeit spricht und erklärt, "daß ich, wären Sie nicht, mit großer Wahrscheinlichkeit zugrunde gegangen wäre". Das wäre Adorno mit Sicherheit (...)

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Fumaroli, Marc
1/2010 | Beim Wiederlesen von Mario Praz

Aber ich weiß auch, daß man oft meint, ich
sage etwas Neues, wenn ich etwas Altes sage,
das aber die meisten noch nie gehört haben. Cicero Mario Praz. Bis vor kurzem (obwohl er bereits 1982 starb) geschah es mitunter schon bei der Andeutung seines Namens, daß ein italienischer Gesprächspartner Ihnen mit einer Hand den Mund zuhielt und die Finger der anderen beschwörend kreuzte. L’Innominabile! Und dann überhäufte man den Ausländer, der ahnungslos, unbedacht oder dumm genug gewesen war, auf Okkultes anzuspielen, zur Erbauung mit mehr oder weniger tragischen Geschichten, um die verhängnisvolle Macht des "Unnennbaren" zu beweisen, dessen Name noch immer Furcht einflößte. Nomen, numen. Das ging vom völligen Stromausfall bei einem Fest, das der Professor soeben (...)

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Genazino, Wilhelm
2/2019 | "Ich sehe mich als Überlebenden meiner Krisen". Gespräch mit Ralph Schock

RALPH SCHOCK: Du hast für den Saarländischen Rundfunk deinen Roman "Bei Regen im Saal" eingelesen. Wie war die Wiederbegegnung mit dem Buch? WILHELM GENAZINO: Im großen und ganzen hat es mir gut gefallen. Wenn ich es noch einmal schreiben müßte, würde ich den einen oder anderen Satz streichen, aber das ist normal. Um gewisse Aufdringlichkeiten zu bemerken, zum Beispiel überdeutliche Erläuterungen, die die Mitarbeit des Lesers überflüssig machen, braucht man eben Abstand. SCHOCK: Gab es auch die eine oder andere Stelle, wo du denkst: Da hätte ich noch einen Satz ergänzen müssen? GENAZINO: Natürlich, aber das gehört zu den Wonnen des Wiederlesens. Von einer kleinen Stelle aus ergibt sich plötzlich ein Panorama auf neue Texte, und ich notiere mir das auf einen Zettel, (...)

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González, Tomás
5/2013 | Reise an die Küste

Für Don Gabriel
diese Geschichte, die aus dem wenigen entstand, das ich weiß oder erinnere, und dem unendlich vielen, das ich nicht weiß oder vergessen habe. "Übermorgen ist der dritte", sagte die Mutter.
"Schon wieder November", erwiderte Emma. "Das Jahr ist wie im Flug vergangen."
Am nächsten Tag räumten Mutter und Tochter das Bett und die anderen Möbel aus dem Zimmer, von dem man auf die Mangobäume und die Gartenmauer dahinter schaute, und stellten zwei Reihen Stühle auf – so wurde es zum Eisenbahnwagen. Aus dem Wohnzimmer entfernten sie allen Zierrat und hängten die Bilder ab – der Wartesaal. Den Schreibtisch rückten sie in den Gang; er sollte als Fahrkartenschalter, als Theke und außerdem als Ablage für die schwarzen Papptafeln dienen, auf denen (...)

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Gumpert, Martin
4/2018 | Lebenserinnerungen eines Arztes. Autobiographische Aufzeichnungen. Mit einer Vorbemerkung von Jutta Ittner

Augenzeuge der Wahrheit? Eine Vorbemerkung Erst ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod wurde der jüdische Arzt und Schriftsteller Martin Gumpert (1897–1955) als wichtiger Zeitzeuge entdeckt. Er gehört zu den Menschen, die gerade deshalb so interessant sind, weil sie ihr Dasein im Schatten großer Namen führten. Es bedurfte gründlicher Spurensuche, um herauszufinden, daß der Grünschnabel, der die Nächte im Café des Westens durchdiskutierte und bereits 1913 anonym oder unter dem Pseudonym "M. Grünling" tiefgefühlte pubertäre Gedichte u. a. in Franz Pfemferts "Aktion" veröffentlichte (so etwa "Durch Jungsein leergebrannt", 1917), 25 Jahre später als der ägyptische Arzt und Schreiber Mai-Sachme in Thomas Manns "Joseph, der Ernährer" auftritt oder daß "Onkel Martin", an den (...)

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Gurk, Paul
2/2019 | Die Vision des Paul Gurk von den Wolken. Mit einer Vorbemerkung von Gernot Krämer

Vorbemerkung Visionen spielen im vielgestaltigen, so gut wie keine literarische Gattung aussparenden Werk Paul Gurks eine nicht immer offensichtliche, aber doch zentrale Rolle, die in persönlichen Erfahrungen ihren Ursprung hatte. "Ich habe ja auch die ganz seltene Gabe oder Belastung", schrieb er am 13. Juli 1937 an seinen Freund Rudolf Möbius, "der Fähigkeit völliger Verwandlung mit totalem Verlust des Zeitempfindens. Diese sehr zweideutige Gabe bemerkte ich zuerst vor vielen Jahren mit einem wirklich panischen Erschrecken im Zoologischen Garten in Berlin. Es schien gerade die Sonne schön und malte Kringel und Streifen von den Gitterstäben in den Sand. Ein tropisches Huhn hatte sich in den heißen Sand gewühlt und blinzelte. Die Farben des Gefieders flimmerten. Da wurde ich im (...)

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Halbmayr, Alois
6/2017 | Die Theodizee und ihre Erben. Eine Erinnerung an Odo Marquard

Als Odo Marquard 2015 im Alter von 87 Jahren starb, war in den Nachrufen viel von seiner singulären Art und Weise die Rede, Philosophie zu betreiben; von seiner stupenden Kenntnis der Tradition, vor allem der Aufklärung; von seinem vehement vorgetragenen Plädoyer für einen "Abschied vom Prinzipiellen". Natürlich wurde auch an seine vieldiskutierte These von den Geisteswissenschaften als Kompensationsunternehmen erinnert, an stilprägende Wortschöpfungen wie "Njet-Set" für die Vielflieger unter den Kritischen Theoretikern; "Wacht am Nein"; "Inkompetenzkompensationskompetenz", "Weigerungsverweigerer" oder, passend zum Reformationsjubiläumsjahr: "Hier stehe ich und kann auch immer noch anders." Marquard war zeitlebens ein streitbarer Philosoph, der insbesondere in den siebziger und (...)

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Handke, Peter
5/2014 | Eine Ideal-Konkurrenz. Zum Briefwechsel zwischen Carlfriedrich Claus und Franz Mon

Ist’s nicht etwas Merkwürdiges, daß die Gestalten, die Gestalter, die Menschen, die Gestalter-Menschen, welche mich in der letzten Zeit in einer, in ihrer Weise dahin begeistert haben, mich auf meine Weise über sie zu äußern, ein jedesmal mir als Paare vor’s Leser-Auge getreten sind? So war’s vor einem Jahr mit dem gemeinsamen Tagebuch von Sophia und Nathaniel Hawthorne aus dem Jahr 1842, einem Paar, als Mann und Frau, wie’s nicht allein im Buche steht. So ist’s mir geschehen vor mehreren Monaten mit dem Briefwechselband, konzentriert auf die vier Jahre des Großen Kriegs 1914–1918, zwischen Romain Rolland und Stefan Zweig, einem Menschenkinderpaar wie nur je einem, anhand des geteilten Entsetzens und sanft-energischen Widersprechens. Und ebenso hab’ ich’s in den (...)

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Heißenbüttel, Helmut
6/2017 | Wiedersehen mit mir selbst in früherem Zustand. Knut Hamsun: Das letzte Kapitel

Aus dem Archiv der Akademie der Künste Als ich vor einiger Zeit im Schaufenster eines Antiquariats ein Buch von Svend Fleuron sah, war es, im Bruchteil von Sekunden eigentlich, genau in dem Moment, in dem ich Titel und Autor bewußt identifizierte, als ob ich weit zurück in die Zeit entführt würde, ins Vergangene, das bis zu diesem Moment ein Vergessenes gewesen war. Ich sah mich selbst, wie alt? sechs? sieben? acht? in einem großen Raum stehen, neben meinem Vater, der etwa Mitte Dreißig gewesen sein muß. Er beugte sich dem Schalterfenster zu, vor dem er stand, gab einen Zettel ab und bekam nach einer Weile eins oder mehrere Bücher durch den Schalter zugeschoben. Ich hatte meinen Vater in die öffentliche Bücherei begleitet, so würde ich heute sagen, wo er Bücher lieh, die er (...)

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Hilbig, Wolfgang
1/2019 | "Aber lassen wir die Ironie, es geht ums Heiligste." Briefe an Ursula Großmann. Mit unveröffentlichten Gedichten. Mit einer Vorbemerkung von Michael Opitz

Vorbemerkung Wenn 2020 der siebente und zugleich letzte Band der Werkausgabe Wolfgang Hilbigs erscheint, werden in erster Linie seine zu Lebzeiten veröffentlichten lyrischen, erzählerischen und essayistischen Texte vorliegen. Editorisch noch weitgehend unerschlossen sind hingegen das unveröffentlichte Werk und die umfangreiche Brief- und Postkartenkorrespondenz des 1941 im thüringischen Meuselwitz geborenen Autors. Der gelernte Bohrwerkdreher, der viele Jahre als Heizer arbeitete, war ein eifriger Briefeschreiber, noch häufiger verschickte er Postkarten, besonders Kunstpostkarten. Einige der Briefe und Karten werden vom Marbacher Literaturarchiv und vom Wolfgang-Hilbig-Archiv der Akademie der Künste aufbewahrt, der überwiegende Teil seiner Korrespondenz aber befindet sich in (...)

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Huysmans, Joris-Karl
4/2019 | In Hamburg und Lübeck

Hamburg Der in Paris so langweilige Regen ist anderen Orten eine Zierde. Fällt er in Europas Norden aus aschfarbenem Himmel hartnäckig und fein auf die großen, dem Handel geweihten Städte, so mildert er das grobe, manchmal unheimliche Aussehen ihrer Fabriken und Häfen; er läßt sie unter dem dünnen Flor seiner Fäden verschwimmen, dient als sachter Schleier, der allzu vulgäre und zu markante Gesichtszüge veredelt. Solche Gedanken kommen mir oft, wenn Böen die Fenster zum Klirren bringen, und dann entsinne ich mich eines riesigen, im Nebel verlorenen, von Schauern verschrammten Hafens, dann denke ich zurück an Hamburg. Und ich durchlebe am Kamin wieder jene ruhigen Stunden an der Elbe. In Hamburg ist der Fluß über alle Maßen breit; er wäre ein Meeresarm, wenn man ihn (...)

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Janz, Dieter
2/2011 | Souveränität ist, nichts für Zufall zu halten. Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt und Matthias Weichelt

SEBASTIAN KLEINSCHMIDT: Sie sind Arzt, Neurologe, Ihre Spezialität ist die Epileptologie. Generell aber verstehen Sie sich als Gewährsmann der anthropologischen Medizin. Was haben wir uns darunter vorzustellen? DIETER JANZ: Es ist nicht ganz einfach zu sagen, was medizinische Anthropologie bzw. anthropologische Medizin ist, aber versuchen wir es. Die drei Stücke, die Viktor von Weizsäcker 1927 für die "Kreatur" verfaßt hat, nämlich "Der Arzt und der Kranke", "Die Schmerzen" und "Krankengeschichte", nannte er Stücke einer medizinischen Anthropologie. Und dort sagt er, das Urphänomen der medizinischen Anthropologie und der Hauptgegenstand ihres Wissens sei der kranke Mensch, der eine Not hat, der der Hilfe bedarf und dafür den Arzt ruft. Und dieser Ursprungssituation sollte das (...)

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Kempowski, Walter
3/2019 | "Dieser Brief mußte geschrieben werden". Korrespondenz mit Jörg Drews 2005 – 2007. Mit einer Vorbemerkung von Simone Neteler

Vorbemerkung "Ich glaube, Du bist der einzige Mensch, der das, was ich unternehme, zu würdigen versteht ", schrieb Walter Kempowski am 30. Januar 1998 an den Literaturwissenschaftler und Kritiker Jörg Drews. Der hatte kurz vorher unter der Überschrift "Das Fernsehen, von Walter Kempowski geschreddert" eine Rezension zu dessen "Bloomsday ’97" verfaßt. Das Buch – ein Protokoll der Fernsehrealität, von Kempowski und seinem Team am 16. Juni 1997 auf 37 Sendern zusammengezappt – war von den meisten Rezensenten äußerst kritisch aufgenommen worden. Wie oft in solchen Momenten fühlte sich Kempowski von der Kritik unverstanden. Drews dagegen hatte den richtigen Ton getroffen. Er beschrieb die Lektüre zwar als "problematisch, ja vielleicht eigentlich gar nicht möglich ", (...)

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Kessel, Martin
6/2019 | »Versuchen wir, am Leben zu bleiben«. Briefe aus Berlin 1933– 44. Mit einer Vorbemerkung von Till Greite

Man könne inmitten Berlins "als städtischer Robinson" wie in einer Wildnis leben: Als  Martin Kessel diese aphoristische Bemerkung 1948 veröffentlichte, fand er damit das  existentielle Bild für eine Daseinsform im Schutt, für das Leben in der untergegangenen  Reichshauptstadt. Ein Schiffbruch zu Lande, eine beginnende, ein halbes Jahrhundert  dauernde Insellage und die Fraglichkeit eines Überlebens im "unfreiwilligen Exil", wie  der Kritiker Friedrich Luft die Nachkriegszeit nannte – all das umfaßt die Robinsonade  inmitten Berlins. Kessel prägt diese Denkfigur noch im Krieg, in der hier erstmals abgedruckten  Briefauswahl aus den Jahren 1933 bis 1944, die mit dem Bild des Durchbruchs  auf den städtischen "Meeresgrund" schließt, wie Kessel dieses Leben in einer Stadt (...)

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Keun, Irmgard
1/2020 | "Ich sehne mich zwar nach Ruhe, aber ich ertrage sie nicht". Zwei unbekannte Briefe an eine Freundin. Mit einer Vorbemerkung von Matthias Meitzel

Vorbemerkung "Ist Münzenberg tot? Was ist mit Irmgard Keun?" Als sich Nelly und Heinrich Mann am 11. Januar 1941 besorgt bei Hermann Kesten nach dem Schicksal der beiden Freunde erkundigen, ist Willy Münzenberg nicht mehr am Leben, aber auch die zweite Frage beruhte auf mehr als einer angstvollen Vermutung. Bereits am 16. August 1940 hatte der "Daily Telegraph" berichtet: "Fraulein Irmgard Keun, the novelist, is stated to have taken her life at Amsterdam." Ein knappes Jahrzehnt zuvor war die junge, 1905 in Charlottenburg geborene Autorin mit den Romanen "Gilgi – eine von uns" (1931) und "Das kunstseidene Mädchen" (1932) auf Anhieb zur Bestsellerautorin geworden. In beiden Büchern porträtiert sie berufstätige neue Frauen, die unabhängig sein wollen und sich gegen Zurücksetzung, (...)

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Köpp, Ulrike
1/2018 | Neues Leben und Gemeinschaft. Zum Reformstreben in der Moderne

Die Stalinallee, jene für ihre Architektur bewunderte wie verhöhnte Prachtstraße in der östlichen Mitte Berlins, ist eine Chiffre für den hoffnungsvollen Kurs zum Aufbau des Sozialismus wie auch für die existentielle Krise der Deutschen Demokratischen Republik im Juni 1953. Der sozialistische Boulevard sollte Arbeitern und ihren Familien großzügige, lichte Wohnungen bieten, mit Ladenzeilen die industrielle Leistungsfähigkeit des Landes demonstrieren und den Bewohnern mit einer Vielfalt gediegener Konsumgüter ein gutes Leben verheißen. In der Vorstellung der Planer gehörten dazu neben Geschäften für Jenaer Glas, für Schuhe und Bekleidung auch eine großzügige Buchhandlung und zwei Reformhäuser. Deren Einrichtung war im Rat des Stadtbezirkes unumstritten. Ganz anders die Frage, ob man auch dem Verkauf von Antiquitäten und Pelzwaren stattgeben solle, galten diese doch als Luxusgüter und standen für eine Gesellschaft der sozialen Ungleichheit, welche die DDR als Gesellschaft der Gleichen überwinden wollte. (...)

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Kunert, Günter
6/2019 | Aus dem Big Book

3.6.17 Heute nacht habe ich den Brief einer Frau bekommen, wußte aber nicht, wer mir das geschrieben hatte. Auch war der Brief gedruckt, eine endlose Epistel, wie alle Texte, die ich erträume, dazu wie immer die vorlesende Stimme. Ein sehnsuchtsvolles Schreiben, Aufforderung, sie zu besuchen, und ob ich mich denn nicht mehr an sie erinnere? Waren die Sätze anfänglich noch zurückhaltend, platonisch, romantisch, so wurden sie mit jedem Wort leiblicher, ja, sexueller, bis zu vulgären Einladungen, ein Panorama körperlicher Angebote präsentierend. Und ebenfalls wie immer schwand langsam die Lesbarkeit, die Schrift verwischte sich, die Stimme wurde undeutlich, und ich drehte mich auf die andere Seite, um meine Ruhe vor derartigen Unzüchtigkeiten zu haben. Eine lähmende Hilflosigkeit (...)

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Legro, Michelle
6/2014 | Eine Reise nach Japan in sechzehn Minuten. Sadakichi Hartmann und sein Kunstwerk der Düfte

Ezra Pound, Dichter im Exil, geistig verwirrter Faschist und unverdrossener Träumer, befand sich in der produktiven Phase eines Nervenzusammenbruchs, als er 1945 wegen Hochverrats verhaftet und in einem amerikanischen Lager nördlich von Pisa interniert wurde. Fast den ganzen Tag über in einen Käfig von zwei mal zwei Metern gesperrt – das von der Hitze ausgedörrte Gras hatte er im ruhelosen Auf- und Abgehen niedergetreten –, wurde Pound nach einem psychiatrischen Gutachten in ein Offizierszelt verlegt und begann das Pisa- Kapitel seiner "Cantos" zu schreiben, ein episches Gedicht über Leben und Leiden der Boheme, über politische Fehlschläge und odysseisches Suchen. Der Canto birgt eine lange Liste von Menschen, die er in seiner Jugend in New York City gekannt und bewundert (...)

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Lenhard, Philipp
4/2019 | Adornos letzte Postkarte

Ende Juli 1969 bricht Adorno mit seiner Frau Gretel in den Sommerurlaub in die Schweiz auf. Es liegen anstrengende Tage und Wochen hinter ihm. Mit Herbert Marcuse war es zu einem heftigen Streit über die Haltung zur Studentenrevolte gekommen. Im Sommersemester hatte Adornos Vorlesung aufgrund von permanenten Störaktionen abgebrochen werden müssen. Einige Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes Frankfurt hatten Ende Januar das Institut für Sozialforschung besetzt, und Adorno hatte es polizeilich räumen lassen. Sein Student Hans-Jürgen Krahl wurde als Rädelsführer verhaftet. Unmittelbar vor der Abfahrt war es zum Prozeß gekommen, in dem Adorno gegen ihn aussagen mußte. "Nach dem Staatsanwalt stand der ehemalige Schüler auf", berichtet ein Zeitgenosse, "und nahm (...)

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Lenzen, Manuela
5/2019 | Der elektronische Spiegel

Der "Nächste Rembrandt", neue Choräle im Stil von Johann Sebastian Bach, die sechste Staffel von "Game of Thrones", eine Geschichte über Einhörner, aus zwei vorgegebenen Sätzen gesponnen: Seit Beginn der Künstliche-Intelligenz-Forschung bedienen sich auch Künstler der mehr oder weniger klugen Systeme und schaffen mit ihrer Hilfe Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke, Performances, Bilder und Musik. Zum Teil erzielen sie damit abenteuerliche Preise – 432 000 Euro zahlte ein anonymer Sammler im letzten Jahr für das von einem Algorithmus errechnete "Portrait von Edmond Bellamy" –, oft erfahren sie aber auch harsche Kritik: seelenlos, kalt, nervtötend, häßlich, ohne ästhetischen Wert seien diese Werke. Wie viele solcher Urteile sich nur dem Wissen über den (...)

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Lethen, Helmut
3/2019 | Unter dem Pflaster die Kanalisation. War das Böse das wirklich Reale der historischen Avantgarden?

Unter dem Pflaster ist die Kanalisation – mit diesem Titel visiere ich kein verborgenes Terrain an, kein unterirdisches System, durch das die Abfälle des oberirdischen Systems der sozialen oder moralischen Hygiene zuliebe abgeführt wurden. Im 20. Jahrhundert lag die finstere Kanalisation aufgedeckt vor uns, was auch eine Leistung der Avantgarden war. Dort befand sich keine geheime Tiefenstruktur mit Plantagen verbotener Drogen und versteckten Waffenlagern. Nein, das 20. Jahrhundert hatte den Vorteil, daß es im Scheinwerferlicht technisch hochmoderner Apparate den moralischen Untergrund und die Schauplätze des Gemetzels ausleuchtete, die auf niedrigerem technischen Niveau auch im 17. Jahrhundert, aus dem die Avantgarden viele Inspirationen empfangen hatten, schon ins Licht gerückt (...)

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Lévi-Strauss, Claude
2/2009 | Die westliche Kontamination. Gespräch mit Boris Wiseman

BORIS WISEMAN: Sie gelten heute als Klassiker, und nicht selten reiht man Sie unter die größten Denker unserer Zeit ein. Was bedeutet Ihnen das?
CLAUDE LÉVI-STRAUSS: Es rührt mich, aber zugleich bringt es mich in Verlegenheit und ärgert mich.
WISEMAN: Warum?
LÉVI-STRAUSS: Weil ich glaube, daß es nicht wahr ist. Neben meinen großen Vorgängern empfinde ich mich als klein.
WISEMAN: Mir scheint, Sie haben niemals wirklich versucht eine Schule zu bilden oder, in der Art von Sartre, die Rolle eines "intellektuellen" Führers zu spielen. War das eine bewußte Wahl?
LÉVI-STRAUSS: Ich wünschte das nicht, weil ich ehrlich gesagt wenig Geschmack an gesellschaftlichen Kontakten finde. Mein erster Impuls ist immer, die Leute zu fliehen und nach Hause zu (...)

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Lewitscharoff, Sibylle
2/2010 | Steine, die fliegen, Worte, die fallen. Literatur und menschliche Schuld

Nicht der Ostwind, nicht der Westwind, nicht Nord- noch Südwind haben mir die folgenden Ideen zugeweht oder ihnen zumindest aufgeholfen, vier Herren waren es. Vier Herren, vier Bücher: die "Philosophie des Traums" von Christoph Türcke, einem Philosophen, der höchst ergiebig über die Anfänge der Menschwerdung nachgedacht hat, sodann "Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz" von René Girard, einem Anthropologen, der genau das Buch zum Erweis der eminenten Botschaft des Christentums schrieb, welches die Theologen versäumt haben zu schreiben, ferner die Lektion über Abraham und Isaak von Stéphane Mosès aus "Eros und Gesetz. Zehn Lektüren der Bibel", diesem glanzvollen Literaturwissenschaftler, der leider vor zwei Jahren verstorben ist, und nicht zuletzt die Fragmente (...)

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Pavlovici, Florin Constantin
5/2017 | Die Folter. Das Grundlagenbuch

Gesichter des Winters
Anfang Dezember wurde der Regen zu Schneeregen. Der Wind schlug in heftigen, sturmverheißenden Böen, Wassertropfen geißelten die taubgefrorenen Körper wie Eisnadeln. Wir waren dabei, die letzte Erde am Dorfrand bei Agaua aufzuschütten, um wie angeordnet mit der Baustelle in den Süden der Insel zu ziehen. Der Damm sollte mitten durchs Dorf gehen, es standen bloß ein paar Bauernhäuser und Gehöfte im Weg, deren Abriß auf den Frühling vertagt worden war. Selbst die Herren der Aue wagten es nicht, ganze Familien mitten im Winter an die Luft zu setzen, nicht ohne Sondergenehmigung. Zu Sankt Nikolaus waren wir für den Umzug bereit, just als der Schneesturm heraufzog. Wegen einer Durchsuchung verzögerte sich unser Aufbruch. Am Lagerausgang hießen uns die Unteroffiziere erst einmal die Häftlingsuniformen ausziehen. Eine gute Stunde ließen sie uns in Hemd und langer Unterhose an Ort und Stelle ausharren. Zweifellos brauchte es die Zeit, bis jeder einzelne gefilzt und sichergestellt worden war, daß keiner darunter Flanellhemden oder Zivilbekleidung trug, in der er hätte fliehen können. (...)

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Ponge, Francis
2/2020 | Die Nelke / Die Mimose. Mit einer Vorbemerkung von Susanne Stephan

Vorbemerkung

Im Herbst 1940 läßt sich Francis Ponge mit seiner Familie in Roanne westlich von Lyon nieder. Nach dem deutschen Überfall auf Polen und der Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland war er zunächst eingezogen und in Rouen stationiert worden; als die Besatzer sich in Nordfrankreich etablierten, flüchtete er nach Süden in die "Zone libre" und traf nach einigen Irrfahrten in La Suchère (Haute-Loire) wieder auf seine Familie, die Ehefrau Odette und die fünfjährige Tochter Armande. In Roanne finden sie Zuflucht, und Ponge kann eine Tätigkeit im Steuerbüro eines Monsieur Dugourd aufnehmen. Schon in Paris mußte er als Versicherungsvertreter arbeiten, nachdem er seine Anstellung bei der Verlagsgruppe Hachette aufgrund seiner politischen Ansichten (seit 1937 (...)

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Prischwin, Michail
1/2018 | »Glücklich unsere Erben, die unsere Zeit nur lesen werden.« Aus dem Tagebuch 1930. Mit einer Vorbemerkung von Eveline Passet

Michail Prischwin (1873 –1954) ist dem Leser, in Rußland wie jenseits seiner Grenzen, vor allem als Kinderbuchautor bekannt und als "Sänger der russischen Natur" – ein Titel, den er Maxim Gorki verdankt. In den deutschen Sprachraum vermittelte ihn als erster Alexander Eliasberg, der 1914 im Münchener Georg Müller Verlag eine Auswahl früher Erzählungen vorlegte. Den Kulturvermittlern in der Sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR galt Prischwin, da offiziell zwar anerkannt, doch ideologisch wie stilistisch fern jedem sozialistischen Realismus, als probater Autor, um das deutschsprachige Publikum an die Sowjetliteratur heranzuführen; allerdings betrieb kein Verlag in Ost oder West kontinuierliche Werkpflege. In der DDR erschien noch das eine oder andere, meist aber wurde bereits Übersetztes neu herausgebracht. Prischwins einziger Welterfolg war und blieb "Ginseng. Die Wurzel des Lebens", verfaßt 1932 / 33, erstmals erschienen 1934. Daß es einen zweiten – gleichwohl vom Naturschilderer nicht zu trennenden – Prischwin gibt, den Beobachter und Bedenker der Menschen und des Menschengemachten, entging der Öffentlichkeit. (...)

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Reichert, Klaus
4/2010 | Adorno und das Radio

Ludwig von Friedeburg zum Gedenken Wer als junger Mensch in den fünfziger Jahren anfing, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, dem boten sich dafür zwei sehr unterschiedliche Möglichkeiten: die Schule, obwohl damals noch ein reiner Paukbetrieb und für die Entwicklung geistiger Fähigkeiten eher hinderlich, und, andererseits, das Radio. Morgens Werner Bergengruen und Gertrud von le Fort, abends Gottfried Benn, Günter Eich, Ingeborg Bachmann und manchmal auch der von den Deutschen jener Jahre ungeliebte Thomas Mann, der das Gespräch zwischen Felix Krull und Professor Kuckuck im Zug nach Lissabon vortrug und dessen Schillerrede im Jubiläumsjahr 1955 übertragen wurde, von der mir noch im Ohr ist, wie der Autor die von der Schule heiliggesprochenen Dichtungen als "höheres (...)

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Roidis, Emmanouil
3/2008 | Lob der Krankheit

Wahrscheinlich wirst du, lieber Leser, schon bei der Überschrift dieses Artikels mit den Achseln zucken und ausrufen: "Dummes Zeug!" Allerdings wohl nicht, wenn du mal schwer krank warst und noch daran denkst, was du damals empfandest. Der erste und vielleicht größte Vorzug einer Krankheit besteht darin, daß du dich nur an diesen Tagen erzwungener Untätigkeit völlig frei fühlst von jeder Verpflichtung und Verantwortung gegenüber dir selbst, deiner Frau und den Kindern, der Gesellschaft und deinen Gläubigern. Erst dann kannst du ruhigen Gewissens sagen: "Mag kommen, was da will – es ist nicht meine Schuld!" Solange du gesund bist, schuldet dir die sogenannte Gemeinschaft aller Menschen rein gar nichts: weder eine Anstellung noch ärztliche Versorgung noch einen Kredit, weder (...)

Leseprobe
Różewicz, Janusz
5/2018 | Słowacki in Versailles. Eine wahre Begebenheit. Mit einer Vorbemerkung von Bernhard Hartmann

Vorbemerkung: Janusz Różewicz – ein polnisches Leben (und Nachleben) Vor fast einem Vierteljahrhundert veröffentlichte der 72jährige Tadeusz Różewicz ein Buch über seinen drei Jahre älteren Bruder Janusz, der im Zweiten Weltkrieg in der polnischen Heimatarmee gegen die deutschen Besatzer kämpfte und 1944 in Lodz von der Gestapo ermordet wurde ("Nasz starszy brat", Unser älterer Bruder, Wrocław 1994). Der Band umfaßt dessen erhaltene Gedichte, Prosastücke, Briefe und Tagebucheinträge, Erinnerungen von Angehörigen und Wegbegleitern sowie dem Bruder gewidmete Gedichte von Tadeusz Różewicz. Die ungewöhnliche, weil auf den ersten Blick überaus heterogene Publikation zeichnet das bewegende, in vielen Aspekten durchaus repräsentative Bild eines Lebens in Polen vor und (...)

Leseprobe
Sagnol, Marc
1/2020 | Galizische Erkundungen. Sambor, Stryj, Bolechów

SAMBOR Am Fuße der Karpaten, an der Straße, die hinauf zu den Almen der Polonina führt, liegt die Stadt Sambor anmutig über dem Dnjestr, der hier noch ein schmales Flüßchen ist, bevor er breiter wird und sich in Mäandern durch die galizische Ebene schlängelt, um größere Städte wie Mogiljow Podolski und Jampol mit Wasser zu versorgen, und schließlich als mächtiger Strom bei der Festungsstadt Belgorod Dnestrowski ins Schwarze Meer mündet. Doch in Sambor deutet kaum etwas darauf hin, daß dieser schäumende Wasserlauf irgendwann solche Dimensionen annimmt, in seinem Verlauf von so vielen Bächen und Flüssen gespeist werden wird, wie der Strypa, dem Seret oder dem Sbrutsch in Podolien. Eine Brücke führt über den Dnjestr, dann überquert man einen weiteren Wasserlauf, die (...)

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Schleef, Einar
6/2018 | Herzkammern. Gedichte. Mit einer Vorbemerkung von Hans-Ulrich Müller-Schwefe

Vorbemerkung 1. "Stinkstiefel!" Mit diesem Ausdruck bedachte der zornige Jürgen Holtz einmal im Interview den Regisseur Einar Schleef. Die Wortwahl war drastisch, und sie brachte mich damals, als Lektor und dramaturgischer Berater an Schleefs Seite, gegen den Schauspieler auf; klar, ich nahm Partei. Dabei ließ sich so ein Ausbruch nachvollziehen. Der Regisseur konnte im Probenprozeß verbissen, kleinlich, ja gemein reagieren. Gentleman-Regie gehörte nicht zu seinen Möglichkeiten. Wenn etwas Sehenswertes entstehen sollte, mußte hart gearbeitet, mußten Konflikte (an denen es nie mangelte) durchgekämpft werden. Zum öffentlichen Bild des Regisseurs, Autors, Malers, Darstellers, Fotografen gehört das beeindruckende Volumen seiner Arbeiten, gehören Lautstärke und Eindringlichkeit. (...)

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Schmidt, Kathrin
4/2019 | Gesucht: Zeitgeist_in (m/w/d). Weimarer Rede

Ich bin Psychologin von Beruf und habe die erste Phase meines Berufslebens als solche verbracht, habe in Kinderheimen und Polikliniken der DDR Dienst getan. Wenn das Wort "Heimerziehung" fällt, denkt man heutzutage sofort an jene der DDR, meinetwegen auch an Wochenkrippen, an Jugendwerkhöfe und dort herrschende Mißbrauchsverhältnisse, nicht nur sexueller Art. Daß aber der Zeitgeist auch in Kinderheimen des Westens lange Zeit auf repressive Erziehungsformen setzte, daß es dort länger als im Osten auch in der Schule die Prügelstrafe gab, daß der Zeitgeist mit schwarzer Pädagogik auch dort sein Unwesen trieb, vergißt sich leicht. Da ich nicht davon ausgehen kann, daß ausgesuchte Sadisten den Erzieherberuf wählten, nehme ich an, daß, geschützt vom Zeitgeist, viele der (...)

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Schnitzler, Arthur
5/2017 | "Es ist eine sehr seltsame Gefühlsmischung, die Sie erwecken". Briefwechsel mit Alfred Kerr 1896-1925. Mit einer Vorbemerkung von Elgin Helmstaedt

Vorbemerkung
Als 1984 der zweite Band der Briefe Arthur Schnitzlers erschien, hieß es im Vorwort: "Obwohl Schnitzler es fast immer ablehnt, eigene Werke zu interpretieren, gibt es dennoch Briefe, die über seine inhaltlichen und ästhetischen Intentionen einigen Aufschluß geben." Unter den fünf Adressaten, die solche Schreiben erhielten, war der Kritiker Alfred Kerr. Dabei lagen den Herausgebern gerade einmal vier Briefe an diesen vor, von denen sie drei veröffentlichten.
Bis 2013 besaß das Alfred-Kerr-Archiv der Akademie der Künste nur Schnitzlers letztes Schreiben an Kerr von 1925. Der Großteil der restlichen Briefe galt jahrzehntelang als verschollen. Als Kerr 1933 mit seiner Familie aus Deutschland fliehen mußte, wurde der größte Teil seines Besitzes konfisziert, darunter auch die Schnitzler-Briefe. In einem Zwischenlager der Gestapo nahm eine literaturinteressierte, vielleicht auch Schnitzler verehrende Sekretärin die Briefe an sich. Nach dem Krieg wagte sie nicht, mit ihrem "Fund" an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie vererbte die wertvollen Autographen ihrem Neffen, der sie 2013 einem Auktionshaus anbot. Nach Absprache mit der Familie Kerrs, den rechtmäßigen Eigentümern der Briefe, konnte die Akademie ein Vorkaufsangebot aushandeln und die Manuskripte erwerben. (...)

Elgin Helmstaedt

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Schock, Ralph
2/2019 | "Ich sehe mich als Überlebenden meiner Krisen". Gespräch mit Wilhelm Genazino

RALPH SCHOCK: Du hast für den Saarländischen Rundfunk deinen Roman "Bei Regen im Saal" eingelesen. Wie war die Wiederbegegnung mit dem Buch? WILHELM GENAZINO: Im großen und ganzen hat es mir gut gefallen. Wenn ich es noch einmal schreiben müßte, würde ich den einen oder anderen Satz streichen, aber das ist normal. Um gewisse Aufdringlichkeiten zu bemerken, zum Beispiel überdeutliche Erläuterungen, die die Mitarbeit des Lesers überflüssig machen, braucht man eben Abstand. SCHOCK: Gab es auch die eine oder andere Stelle, wo du denkst: Da hätte ich noch einen Satz ergänzen müssen? GENAZINO: Natürlich, aber das gehört zu den Wonnen des Wiederlesens. Von einer kleinen Stelle aus ergibt sich plötzlich ein Panorama auf neue Texte, und ich notiere mir das auf einen Zettel, (...)

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Schwob, Marcel
4/2017 | Manapouri. Eine Seereise nach Samoa 1901/02. Mit einer Vorbemerkung von Gernot Krämer

Vorbemerkung

Am 21. Oktober 1901 schiffte sich in Marseille der Schriftsteller Marcel Schwob zu einer Reise ein, von der er sich vor allem zwei Dinge erhoffte: Heilung von der Krankheit, die ihn seit Jahren niederdrückte, und neue Impulse für sein Schaffen. Der aus Chaville bei Paris gebürtige Autor hatte 1891 mit dem Erzählungsband »Das gespaltene Herz« debütiert und dann praktisch jedes Jahr einen solchen veröffentlicht – (...)

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Sparr, Thomas
2/2020 | Lob des Verzettelns. Gespräch mit Klaus Reichert und Matthias Weichelt

MATTHIAS WEICHELT: In einem Gespräch über Ihr "Wolken"-Buch haben Sie gesagt: "Bei mir hat das so ungefähr mit sieben Jahren angefangen, bis dahin hatte ich am Himmel eben immer nur Flugzeuge gesehen und auf einmal, nach der Zerstörung unserer Städte, lag ich auf der Wiese und sah zum ersten Mal echte Wolken am Himmel. Ich habe damals angefangen Wolken zu beschreiben, das war so schön, ich mußte es aufschreiben. Seitdem versuche ich Wolken zu beschreiben und merke, es geht nicht, es ist zu schwer." Was mich an diesem Zitat interessiert, ist die mit Kriegsende plötzlich eintretende Veränderung des Blicks. Nachdem der Himmel so lange für Gefahren stand, für fliegende Angriffsmaschinen, sieht man nun, was da noch alles ist. Ist Ihnen diese Situation noch gegenwärtig?

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Stepanowa, Maria
1/2020 | Kein Zimmer für sich allein

Ich bin keine Wissenschaftlerin und kann mir daher die Freiheit nehmen, mich als Schriftstellerin, ja als Dichterin zu betrachten. Letzteres ist eigentlich kein Beruf, sondern eher eine Art zu denken: nämlich eine, die den Reimen der äußeren Welt eine innere Bedeutung gibt. Ich schreibe auf Russisch, also in einer Sprache, in der die Tradition der gereimten Dichtung noch sehr lebendig ist. Wahrscheinlich deshalb sind Koinzidenzen und Korrespondenzen für mich ein wesentlicher Teil des kognitiven Prozesses – sie führen weiter als wir mit reiner Logik je kämen. Es mag zu diesen Koinzidenzen zählen, daß meine Vorlesung gerade auf den 9. Mai fällt, ein Datum, das in der russischen Wahrnehmung der letzten siebzig Jahre große Bedeutung hatte. Allerdings auch nur in der russischen (...)

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Stevenson, Robert Louis
2/2017 | Über das Genießen unangenehmer Orte

Aus einem beliebigen Ort das Beste zu machen ist schwierig, und vieles liegt in unserer Macht. Was man geduldig Seite für Seite betrachtet, zeigt am Ende gewöhnlich auch eine, die schön ist. Vor ein paar Monaten wurde im »Portfolio« etwas über »enthaltsame Lebensführung in einer Scenerie« gesagt und solche Selbstzucht sodann als »heilsam und den Geschmack kräftigend« empfohlen. Das ist gleichsam der Text des vorliegenden Essays. Diese Selbstzucht in einer Scenerie, muß man wissen, ist mehr als ein bloßer Spaziergang vorm Frühstück, um den Appetit anzuregen. Denn wenn man in einer unansehnlichen Gegend abgesetzt wird und besonders, wenn man mehr oder weniger von dem abhängig geworden ist, was man sieht, muß man sich vornehmen, schöne Dinge aufzuspüren, mit all der (...)

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Tokarczuk, Olga
4/2017 | »Ich gehöre zu den modernen Nomaden.« Ein Gespräch mit Bernhard Hartmann über Literatur als Welterfahrung

BERNHARD HARTMANN: Vor siebenundzwanzig Jahren, am 12. November 1989, fand im niederschlesischen Kreisau die deutsch-polnische Versöhnungsmesse statt, bei der es zur berühmt gewordenen Umarmung zwischen dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem Ministerpräsidenten der ersten frei gewählten polnischen Regierung, Tadeusz Mazowiecki, kam. Ein wichtiger Moment für die deutsch-polnischen Beziehungen, der zugleich für die Hoffnung und die Euphorie steht, die in der Zeit nach dem Mauerfall aufkamen. Man träumte – zumindest im Westen – vom "Ende der Geschichte" und hoffte, die Gespenster der Vergangenheit endgültig zu bannen und in eine Zukunft ohne große Konflikte zu gehen. Wie erinnerst du dich an diese Zeit? OLGA TOKARCZUK: Ich habe 1989 angefangen, meinen ersten Roman zu (...)

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Troller, Georg Stefan
1/2019 | Die Hoffnung der hoffnungslosen Fälle. Ein Gespräch mit Marion Neumann über Heimat, Emigration und Verwandlung

MARION NEUMANN: In Ihrer Autobiographie "Selbstbeschreibung" von 2009 erzählen Sie vor allem von den Jahren 1938–45, auch vom Nachkrieg und von Ihrer Rückkehr nach Paris. Wie haben die Jahre des Exils Sie geprägt? Und hat sich diese Zeit auch auf Ihren Stil ausgewirkt? GEORG STEFAN TROLLER: Das ist nicht einfach zu beantworten. Jahrelang habe ich unter Zukunfts- und Lebensangst gelitten, auch unter der Minderwertigkeit, die mir so viele Jahre lang eingetrichtert wurde, und der eigenen Bedeutungslosigkeit: Es kommt nicht auf dich an. Ob du lebst oder stirbst ist der Welt vollkommen gleichgültig. Ein Soldat, der im Krieg fällt, hat irgendwie seine Pflicht getan oder war Teil eines Verbunds. Der Emigrant hingegen ist isoliert, bestenfalls mit seiner Familie unterwegs, aber sonst hat (...)

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Tulli, Magdalena
6/2018 | Wie Blätter im Teeglas

Ihre Krankheit war wie das Ende eines Imperiums. Die Armee zog sich zurück und verließ die in Zeiten vergangener Herrlichkeit besetzten Brückenköpfe, die Statuen bröselten, die Säulengänge wurden von Unkraut überwuchert. Die Beamten des Kaiserreichs dachten nicht mehr an die Macht, sondern nur noch ans Überleben, an das Irdische, das heißt an das, was dem Körper am nächsten war, und durch die verlassenen Grenzposten drangen Fremde – Viren, Bakterien – und übernahmen die Herrschaft. Gegen Ende gab ich ihr jeden Vormittag eine Spritze. »Und wer bezahlt Sie?« fragte sie interessiert. »Meine Familie?« Sie war noch so geistesgegenwärtig anzunehmen, daß jemand bezahlen müsse, und hatte genug Überblick, um zu wissen, daß sie es nicht war. Außer ihrer Familie hatte sie (...)

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Venclova, Tomas
2/2018 | Der Fürst und sein Zar. Briefe aus dem Exil

Manchmal denke ich, man sollte alle Länder der Welt in zwei Klassen einteilen – in Immigrations- und Emigrationsländer. Man könnte mir entgegenhalten, dies sei eine unzulässige Vereinfachung, die darauf zurückführen ist, daß ich selbst sowohl Immigrant als auch Emigrant bin. Doch ich würde meine Ansicht verteidigen. Jeder weiß, daß die Vereinigten Staaten – ihre Stärke, ihr Wohlstand, ihre Kultur – vornehmlich, wenn nicht sogar ausschließlich von den Massen von Ankömmlingen geschaffen wurden, die frei zu atmen begehrten (um es mit den Worten der Inschrift der Freiheitsstatue zu sagen). Im Gegensatz dazu wurde Rußlands Kultur – nicht jedoch seine Stärke und seine nicht vorhandene Prosperität – in beinah demselben Ausmaß von Emigranten, von den bemitleidenswerten Verstoßenen jenes alten, pompösen Imperiums erschaffen. (...)

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Wackwitz, Stephan
2/2019 | Die Poetisierung des Lebens. Über Karlo Katscharawa

Es ist September 2011 in Tbilissi, einer mir noch ganz unvertrauten Stadt. Alles ist neu hier und erinnert mich trotzdem an lang Bekanntes. Das Mediterrane der Landschaft. Von Macchia bewachsene Bergzüge aus bröckeligem Fels stehen ringsum kulissenhaft in der afrikanisch rücksichtslosen Mittagssonne. Das wilde Bergwüstenumland schickt tiefe Schluchten, von Sträuchern und niedrigen Bäumen angefüllt, bis ins Stadtzentrum hinein. Kleine Bäche verschwinden in den Gullys staubiger Straßen. Zypressen ragen als dunkelgrüne Säulen aus verwachsenen Gärten am Hang. Das Rot der überall wildwachsenden Granatäpfel, das Violett der Feigen am Straßenrand hält man bei flüchtigem Hinsehen für Blütenfarben. Das laute Chaos der Verkehrslandschaft, eine Erinnerung an Bombay. Die Armut. Die (...)

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Wagner, Jan
2/2015 | »Eine andere Wahrnehmung der Welt«. Ein Gespräch über Gedichte mit Ralph Schock

RALPH SCHOCK: Ihr neuer Gedichtband "Regentonnenvariationen" ist vor einigen Monaten erschienen. Ich habe Sie in Frankfurt während der Buchmesse daraus lesen hören und gedacht, das ist ein Autor, mit dem ich gern über Dichtung sprechen würde. Ihre literarische Karriere hat aber gar nicht mit einem Lyrikband begonnen.

JAN WAGNER: Bevor mein erstes eigenes Buch herauskam, habe ich unter anderem Charles Simic übersetzt, einen amerikanischen Dichter mit Belgrader Wurzeln, und wie so viele junge Lyriker eine Zeitschrift herausgegeben, besser gesagt, ein Objekt zwischen Zeitschrift, Buch und Kunstgegenstand – eine Literaturschachtel.

SCHOCK: Können Sie diese Literaturschachtel beschreiben? (...)

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Wajsbrot, Cécile
6/2009 | Wieder eine Nacht

Wieder eine Nacht, in der ich nicht schlafe. Ich hatte auf Schlaf gehofft; als ich ins Bett ging, konnte ich die Müdigkeit schon fast mit Händen greifen, die neblige Schwere wurde dumpfer und dumpfer bis zum unbestimmbaren Moment des Einschlafens. Da erwache ich. Lasse die Augen zu. Hoffentlich ist es wenigstens vier oder fünf; sechs wage ich nicht zu denken, es ist dunkel, um mich die Stille des Schlafs, und neben mir verrät der regelmäßige Atem meines Gefährten, daß er schläft, wie sicher auch alle Nachbarn oben, unten und nebenan. Ich öffne die Augen – man muß der Wirklichkeit ins Auge sehen. Jedesmal sind die Ziffern unerbittlich, 0.55 Uhr, 2.10 Uhr, 1.40 Uhr, 1.15 Uhr. Um diese Zeit ziehen sich die Stunden hin, endlos und eintönig. Ich bin zu wach, um wieder (...)

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Wegmann, Christoph
1/2018 | Der Kanzler und die Sängerin. Aus Theodor Fontanes »Musée imaginaire«

Theodor Fontane besaß nicht besonders viele Bilder, sein Kopf aber war voll davon. Voller Fresken, Graffiti, Denkmäler, Zeitungsillustrationen, Spielkarten, Ofenkacheln mit biblischen Szenen und vielem mehr. 1819 geboren, wurde er Zeuge jenes Umbruchs, in dessen Verlauf Bilder die Schrift verdrängten und die Herrschaft über Wahrnehmen und Denken übernahmen.

Als Fontane sieben Jahre alt war, brachte der Vierfarbendruck die Lithographie in Schwung, und der Neuruppiner Bilderbogen, durch den der Knabe Theodor so vieles erfuhr, erstrahlte in farbigem Glanz. Als er zehn war, taten sich Joseph Nicéphore Niépce und Louis Daguerre zusammen, um das heliographische Verfahren zu verbessern. Mit dreizehn konnte er in der Wundertrommel die ersten Bilder laufen sehen, mit achtzehn die ersten hochwertigen Farbillustrationen bestaunen, mit vierundzwanzig die erste Illustrierte durchblättern. Dann kamen der Rotationsdruck und die Massenpresse auf, auch das Photonegativ, mit dem man von ein und derselben Aufnahme beliebig viele Abzüge herstellen konnte. Ab Mitte des Jahrhunderts errichtete man wie im Fieber in allen großen Städten Museen, Ausstellungssäle, Kunstgalerien und Rundgebäude für Panoramen. Litfaßsäulen und Plakatwände wurden montiert, (...)

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Weichelt, Matthias
4/2013 | Für den, den's angeht. Zu Peter Handkes Steh- und Gehbüchern

Man kann sich unschwer freundlichere Einladungen zur Lektüre vorstellen: "(Für den, den’s angeht)" steht über Peter Handkes erstem, die Jahre 1975 bis 1977 umfassenden Journal "Das Gewicht der Welt". Und dieses Motto, heißt es 1998 in "Am Felsfenster morgens", gelte auch für alle darauffolgenden Aufzeichnungsbücher. Wer eines davon aufschlägt, weiß also nicht, ob sich die spröde Widmung auch auf ihn bezieht, ob das Angebot, das hier gemacht wird, auch eins für ihn ist. Herausfinden kann man es nur, indem man es annimmt. Daß sogenannte "Geschäfte für den, den es angeht" ohnehin juristische Ausnahmen vom Offenkundigkeitsprinzip sind, dürfte Handke, der in den sechziger Jahren Rechtwissenschaften in Graz studierte, jedenfalls gewußt haben. Sie kommen auch dann zustande, wenn (...)

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Wiseman, Boris
2/2009 | Die westliche Kontamination. Gespräch mit Claude Lévi-Strauss

BORIS WISEMAN: Sie gelten heute als Klassiker, und nicht selten reiht man Sie unter die größten Denker unserer Zeit ein. Was bedeutet Ihnen das?
CLAUDE LÉVI-STRAUSS: Es rührt mich, aber zugleich bringt es mich in Verlegenheit und ärgert mich.
WISEMAN: Warum?
LÉVI-STRAUSS: Weil ich glaube, daß es nicht wahr ist. Neben meinen großen Vorgängern empfinde ich mich als klein.
WISEMAN: Mir scheint, Sie haben niemals wirklich versucht eine Schule zu bilden oder, in der Art von Sartre, die Rolle eines "intellektuellen" Führers zu spielen. War das eine bewußte Wahl?
LÉVI-STRAUSS: Ich wünschte das nicht, weil ich ehrlich gesagt wenig Geschmack an gesellschaftlichen Kontakten finde. Mein erster Impuls ist immer, die Leute zu fliehen und nach (...)

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Wyleżyńska, Aurelia
5/2019 | »Über nichts schreiben, als was die Augen sehen«. Tagebuch aus dem besetzten Warschau (1939). Mit einer Vorbemerkung von Bernhard Hartmann

Vorbemerkung Als am 1. September 1939 deutsche Truppen Polen überfielen, hatte Aurelia Wyleżyńska sich als Verfasserin mehrerer Romane, eines Parisführers und zahlreicher Beiträge für Tageszeitungen und Zeitschriften schon einen Namen gemacht. Gleichwohl waren es von allen Werken ihre Aufzeichnungen aus den Jahren 1939 –1944, von denen sie hoffte, daß sie für die Nachwelt erhalten blieben. Am 3. April 1944 notierte sie: "Das ist mein Testament … (…) Von Horaz bis Puschkin wollte jeder Schriftsteller sich ein Denkmal setzen. (…) Mein Wunsch ist es, dieses Tagebuch zu veröffentlichen. Zu Lebzeiten oder posthum." Das Tagebuch enthält Biographisches, Reflexionen über Kultur und Literatur, vor allem aber Notizen von Streifzügen durch Warschau, die eindrückliche, oft (...)

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Zagajewski, Adam
6/2014 | Aleksander Wats Erinnerungen, nach Jahren wiedergelesen

Die erste Ausgabe von "Mój Wiek" (Mein Jahrhundert) erschien 1977 in London, genau zehn Jahre nach dem Tod des Autors (die deutsche Fassung aus dem Jahr 2000 trägt den Titel "Jenseits von Wahrheit und Lüge. Mein Jahrhundert. Gesprochene Erinnerungen 1926–1945"). Wats Freunde im Exil waren sicher verärgert, weil sich die Veröffentlichung so lange hinzog, aber für die Leser in Polen war es ein besonderer, gleichsam sorgfältig gewählter Moment – im Land entstand gerade die Massenopposition, die damals noch elitär, das heißt auf Bildung ausgerichtet und dem Lesen zugeneigt war. Die Bewegung brachte Hunderte, wenn nicht Tausende Leser hervor, die sehnsüchtig auf ein neues ernsthaftes Wort zur dunklen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts warteten. Wats Buch war eine Sensation; (...)

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