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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-65-2


Leseprobe aus Heft 3/2022

Zeller, Michael

Alter europäischer Boden.
Der ukrainische Erzähler Wladimir Korolenko


Der ukrainische Erzähler Wladimir Korolenko Es fing damit an, daß eine Freundin wegen eines Wohnungsumzugs ihre Bücherregale durchforstete. Unter den aussortierten Büchern fielen mir zwei Auswahlbände in die Hände, »Russische Erzähler« hieß der eine, »Klassische Erzählungen Rußlands« der andere. Sie waren älteren Datums und fast ohne Lesespuren. In beiden Bänden entdeckte ich Geschichten von Wladimir Korolenko. Das überraschte mich. Denn die »Staatliche wissenschaftliche Bibliothek« der ostukrainischen Stadt Charkiw, in der ich schon mehrfach aus meinen Büchern gelesen habe, ist nach eben diesem Wladimir Korolenko benannt. Das konnte ja wohl nur heißen, daß auch dieser als russisch geltende Schriftsteller ein Ukrainer gewesen sein muß. Zu Hause begab ich mich gleich auf die Spur dieses Korolenko, von dem ich noch keine Zeile gelesen hatte. Zum Glück fand ich noch zwei weitere ins Deutsche übersetzte Titel, auch sie schon einige Jahrzehnte alt: den Erzählband »Der Wald rauscht« von 1954 und den Erinnerungsband »Die Geschichte meines Zeitgenossen« von 1985 – zusammen immerhin tausend Seiten, genug, um mir von diesem Autor einen Eindruck zu verschaffen.
Korolenkos gesamtes literarisches Werk ist auf russisch geschrieben, wie das zu seinen Lebzeiten (1853 bis 1921) der politischen Lage seines Landes entsprach. Die russische Sprache war für die Schriftsteller aller unter dem Zaren vereinten Völker verpflichtend. Der Gebrauch des Ukrainischen etwa war seit 1863 gesetzlich verboten. Die Autoren mußten auf russisch schreiben und galten, selbst wenn sie ganz andere Wurzeln hatten, als russische Autoren. Gerade auch im Ausland, und zwar bis heute. Wenn ich im Gespräch erwähne, daß Nikolai Gogol Ukrainer war, ernte ich auch bei belesenen Landsleuten Erstaunen. Gleiches gilt für zahlreiche bildende Künstler oder Filmschaffende. Es ist ein sehr unsicherer Boden, auf dem man sich dabei bewegt, besonders als Ausländer, aber es ist wichtig, ihn zu betreten. Denn es ist alter europäischer Boden und man sollte nicht völlig ahnungslos darauf herumirren. Die Geschichten, die Wladimir Korolenko erzählt (ich kann nur über die ins Deutsche übersetzten Titel seines umfangreichen Werkes sprechen), sind in der kultivierten Sprache des späten 19. Jahrhunderts geschrieben. So erzählte man damals in Europa: in Frankreich, England, Skandinavien, Italien, Deutschland, Österreich, der Schweiz. »Der blinde Musiker« ist 1886 zum ersten Mal auf russisch erschienen und wurde schon 1891 ins Deutsche übersetzt.
Die Handlung spielt, wie es mehrfach heißt, »im südwestlichen Rußland«. Heute würden wir Ukraine dazu sagen. Doch der Begriff Ukraine taucht im Text nur auf, wenn es um die Vergangenheit oder um Landschaftsbeschreibungen geht. In diesem »südwestlichen Rußland« wächst der Junge Petr heran, in der ländlichen Natur eines Gutshofs, in wohlhabenden Verhältnissen. Das Kind ist blind. Neben der liebevollen, musischen Mutter spielt vor allem der Onkel Maksim eine wichtige Rolle. Dieser Onkel war in seiner Jugend ein Haudegen, der in seiner Heimat keinem Streit und keinem Duell aus dem Weg ging. Als es ihm dort zu eng wird, zieht er nach Italien und schließt sich den Truppen Garibaldis an, um mit ihm für die nationale Einheit des Landes zu kämpfen. Dabei 424 Umschau wird er verwundet und kehrt, ein Krüppel auf zwei Krücken, aufs Familiengut zurück. Dort setzt der Invalide sich zur Ruhe, liest Bücher, denkt nach, hat ein Auge auf seinen blinden Neffen. Die Mutter spielt auf einem Wiener Flügel das klassische Repertoire ihrer Zeit. Doch der blinde Junge wird immer öfter abgelenkt von Klängen aus dem nahen Pferdestall: Lieder, die der Knecht Jochim abends auf seiner Hirtenflöte spielt. »Das Wiener Instrument erwies sich als ohnmächtig gegen das Stückchen ukrainischen Weidenholzes (…) Das Geheimnis dieser Poesie bestand in der wundersamen Verbundenheit einer schon lange untergegangenen Vergangenheit mit der ewig lebendigen und ewig zum menschlichen Herzen sprechenden Natur, die die Zeugin jener Vergangenheit war.« Auch die Mutter wird von der Musik des Pferdeknechts berührt. Und »bald waren es nicht mehr gekünstelte, bravouröse Virtuosenstücke, die unter ihren Fingern hervorgingen, sondern stille Lieder und schwermütige ukrainische Volksweisen; sie durchtönten klagend das dämmrige Zimmer und erweichten und beschwichtigten das Herz« der Zuhörenden. Dafür, seinen Neffen ins gesellschaftliche Leben einzufühen, ist Onkel Maksim verantwortlich. Dazu lädt er seinen Kriegskameraden Stawrutschenko ein, einen knorrigen Alten, der wiederum zwei seiner Söhne mitbringt, beide Studenten. Unter der akademischen Jugend ist in Rußland um 1880 gerade die Bewegung »Liebe zum Volk« populär. »Die jungen Leute notierten sich Redensarten und Sprichwörter, schrieben sich Volksmelodien auf, beschäftigten sich mit Sagen und Märchen, verglichen die historischen Tatsachen mit ihrer Widerspiegelung im Volksbewußtsein.«
Auch die Ukraine ist von dieser Bewegung erfaßt. »Mit gerötetem Gesicht und blitzenden Augen« vertieft sich der Philologiestudent begeistert »in den Charakter des heimischen«, also ukrainischen »Volkes«. Erstaunlich, daß der Erzähler sich davon distanziert. Ironisch merkt er an, daß die engagierte Jugend sich ihre Kenntnisse überwiegend aus Büchern holt. Noch härter geht der alte Haudegen Maksim mit dieser Jugendmode ins Gericht. Er, der an der Seite Garibaldis für die Staatsgründung Italiens gefochten hat, scheint keine Sekunde an ein vergleichbares Projekt in seiner Heimat zu denken. Daß es zu einem ukrainischen Volksaufstand kommen könnte, liegt außerhalb seiner Vorstellungskraft: »Auch ich habe irgendwann einmal von Schlachten, von ihrer wilden Poesie und von schrankenloser Freiheit der Kosaken geträumt, doch ich bin von alledem geheilt worden. Ich begriff, daß die Geschichte diesen ganzen Plunder zum alten Eisen geworfen hatte.« Dieses Fazit zieht der alte Kriegsveteran vor den beiden jungen Leuten »mit einer gewissen nüchternen Gewichtigkeit«. »›Und was bleibt dann für uns zu tun übrig?‹ fragte ihn der Student nach einem langen Schweigen. ›Der gleiche ewige Kampf.‹ ›Wo? Wofür? In welcher Form?‹ ›Sucht nur!‹ antwortete Maxim kurz.« Damit endet in der Erzählung das Gespräch. Dieses Offenlassen jeder Zukunftsmöglichkeit irritiert mich. Und nicht nur in der Literatur. Es hat mich in der Ukraine immer wieder vor unlösbare Fragen gestellt, in allen möglichen Situationen, gerade wenn es um politische Zustände der Gegenwart ging, die ja, wie überall auf der Welt, ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben. Die Musik wird dem jungen Blinden in der Erzählung zur Lebensbestimmung. Petr geht nach Kiew, zum Studium bei einem angesehenen Pianisten. Es ist natürlich die zeitgenössische Musik des europäischen Salons, wie sie ihm seine Mutter Anna Michailowna auf ihrem Wiener Flügel vorgespielt hat. Doch wichtiger mögen die einfachen Lieder aus dem Pferdestall gewesen sein. Nach drei Jahren ist der Pianist so weit, sein erstes öffentliches Konzert zu geben. Natürlich findet es im ukrainischen Kiew statt, nicht im sonst üblichen Petersburg. Petrs Improvisationen zeugen »von einem innigen Gefühl für die heimatliche Natur, von einer feinsinnigen und originellen Verbundenheit mit den Urquellen der Volksmusik. Farbenreich, geschmeidig und wohltönend ergoß sie sich wie ein rauschender Bach, erhob sich zu einer feierlichen Hymne und verströmte in schwermütigen Gesängen. Es war manchmal, als jage ein Sturm durch die Himmel dahin und als donnere es in den endlosen Räumen, dann wieder schien ein sanfter Steppenwind in den Gräsern zu spielen und wirre Erinnerungen an längst Vergangenes heraufzubeschwören.«
Muß es einen nach diesem Loblied auf die ukrainische Volksmusik nicht wundern, daß es noch 1970 in Kindlers Literaturlexikon heißt, der junge Pianist beweise »eine überragende musikalische Begabung, die er aus der eingehenden Kenntnis der russischen Volksmusik schöpft«? Diese Vertauschung der Ukraine mit Rußland und Rußlands mit der Ukraine zieht sich fast durch die gesamte westliche Literatur, zumal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

***

»Die Geschichte meines Zeitgenossen« ist der fast sechshundert Seiten umfassende Erinnerungsbericht einer Kindheit. Er reicht vom fünften Lebensjahr des Knaben (1858), als der junge Zar Alexander II. Korolenkos Geburtsstadt Schitomir besucht, bis zur letzten Schulprüfung, die der Siebzehnjährige abzulegen hat (1870). Aufschlußreich dürfte für einen Mitteleuropäer auch die Gegend sein, in der das Buch spielt: das Grenzgebiet von Rußland, Ukraine, Polen. Die jahrhundertelangen geschichtlichen Verwerfungen lassen sich kaum mehr auflösen und mögen selbst den überfordern, der dort aufgewachsen ist – und Anlaß geben zu Gewalt und Auseinandersetzungen. Das ukrainische Schitomir liegt damals (noch nicht allzu lange) auf russischem Staatsgebiet. Sein Vater arbeitet dort, im Dienst des Zaren, als Kreisrichter. Er ist gebürtiger Ukrainer, stammt aus einer alten Kosakenfamilie, seine Frau ist Polin. In der Familie wird Russisch und Polnisch gesprochen, gebetet wird auf ukrainisch und polnisch. Polnisch geführt ist auch das Pensionat, wo der Junge auf deutsch und französisch unterrichtet wird. Später im Gymnasium sind seine Lehrer Russen, Ukrainer, Polen, jeder mit einem sehr persönlichen Bezug zu seiner Nationalität. Als vierte große Volksgruppe der Region wären noch die Juden zu nennen. Doch sie spielen bei Korolenko nur eine untergeordnete Rolle. Eine kleine Episode aus dem Schulalltag des Protagonisten um 1860: »Gleich zu Beginn des Unterrichts nahm Herr Butkewitsch die Schülerliste vor und begann laut die Namen zu verlesen. Dabei frug er immerfort: ›Pole? Russe? Pole? Pole?‹ Endlich kam er auch an meinen Namen. ›Russe‹, antwortete ich. Butkewitsch richtete seine munteren Äuglein auf mich und sagte: ›Das schwindelst du, Brüderchen.‹ Ich wurde sehr verlegen und wußte nicht, was ich antworten sollte. Nach der Stunde kam Butkewitsch auf mich zu, fuhr mit den Fingern scherzhaft durch mein Haar, bog meinen Kopf zurück und sagte: ›Du bist kein Moskowiter, sondern ein Kosakenenkel und -urenkel, aus einem freien Kosakengeschlecht, verstanden?‹ ›Ich verstehe‹, stotterte ich, obwohl ich, wie ich gestehe, herzlich wenig verstand und verwirrt war. Übrigens übte das Wort vom ›freien Kosakengeschlecht‹ eine undefinierbar verlockende Wirkung auf mich aus.« 426 Umschau 1863 fand einer von mehreren polnischen Aufständen gegen die russische Besatzungsmacht statt. Natürlich zeigte er auch im ukrainischen Schitomir mit seinem hohen polnischen Bevölkerungsanteil Wirkung. Nach einem Gespräch mit der (polnischen) Mutter ruft der (ukrainische) Vater Korolenko seine beiden Söhne ins Zimmer und schärft ihnen ein: »Hört, Kinder, ihr seid Russen, und von heute ab habt ihr Russisch zu sprechen.«
Auch in Schitomir setzt nach dem Aufstand eine rigorose Russifizierungspolitik ein, mit Denunziationen, Verhaftungen, Hausdurchsuchungen. Vermögen werden eingezogen, Prozesse gegen alle »Verdächtigen« geführt. Die drei erwachsenen Söhne der polnischen Nachbarfamilie der Korolenkos werden nach Sibirien verschleppt. Die alten Eltern geben daraufhin ihren Betrieb auf und verlassen die Stadt. Deutlicher wird der Erzähler selten, um die Willkürherrschaft im zaristischen Rußland anzuprangern. 1863 ist, wie gesagt, auch das Jahr, in dem Ukrainisch als Sprache verboten wird. Äußerst aufschlußreich in dem Buch ist auch Korolenkos Auseinandersetzung mit dem bis in unsere Tage hochverehrten ukrainischen Dichter Taras Schewtschenko. In fast jeder Stadt des Landes steht seit 1990 ein Standbild Schewtschenkos, in Erz oder Stein. Seine Liedersammlung »Kobsar « genießt geradezu kultische Verehrung, auch weil der Autor der ukrainischen Sprache treu geblieben ist (und dafür jahrelang im Gefängnis saß). Auch Korolenko wagt es nicht, an diesem Nationaldenkmal zu kratzen, doch sein Lob klingt eher reserviert, wofür er schon zu Lebzeiten von seinen Landsleuten kritisiert wurde: »Der Grundton der ganzen Poesie Schewtschenkos ist doch die tiefe Trauer um die Vergangenheit, eine Trauer, die sich in vage Träumerei über etwas Unerreichbares und Verworrenes verliert, wie das Raunen des Steppenwindes über einem alten Kosakengrab.«
Man fühlt sich an die Worte Onkel Maksims aus dem »Blinden Musiker« erinnert … Eine solche Stimmung entspricht keineswegs dem Ideal der Literatur, der Korolenko sich verpflichtet weiß. Er bekennt sich zwar zu seiner Anfälligkeit für die »ukrainische Romantik« mit ihrer »nationalen Stimmung«. Doch viel nachdrücklicher habe die russische Literatur auf seinen jugendlichen Geist gewirkt: »Nekrassows Gedichte, Turgenjews Erzählungen atmeten den Hauch lebendigster Wirklichkeit, die uns unwiderstehlich packte.« Aus ihnen blicke der »russische Intellektuelle mit seinen Gewissensqualen und seinem Herzensdrang hervor, richtiger: mit meinen Gewissensqualen und meinem Herzensdrang «. So der Siebzehnjährige, als er 1870 die Schule und das Dreiländereck Rußland, Ukraine, Polen verläßt. Mit seinen »drei ›Nationalismen‹«, von denen jeder auf seine »Seele Anspruch erhob und ihr die Verpflichtung aufdrängen wollte, jemanden zu hassen und zu verfolgen«, tritt der junge Mann seinen Weg ins Erwachsenenleben an. Aus dieser Entscheidungsenge, in die er sich hineingedrängt sieht, will er sich befreien. Und er schafft es mit Hilfe der Literatur: »Meine Seele mit dreierlei nationaler Abstammung fand endlich ihre geistige Heimat – die russische Literatur. « In dieser Sprache fängt Wladimir Korolenko an, literarisch zu schreiben, und in dieser Sprache wird er sein Lebenswerk schaffen. Ein Autor kann das nur in einer Sprache. Aber nicht jeder muß sich für eine und gegen eine andere entscheiden. Mit allen Konsequenzen, literarischen und vor allem auch politischen. Als Korolenko die »Geschichte meines Zeitgenossen« verfaßt, ist er längst wieder in seine ukrainische Heimat zurückgekehrt (nach Poltawa, woher Gogol stammt). Er ist wohl auch müde geworden von den publizistischen Kämpfen in Petersburg, wo er den größten Teil seines Lebens verbracht hat. Umschau 427 Viele Jahre, bald ein Jahrzehnt, war er in der Verbannung, unter anderem drei Jahre im sibirischen Urwald, bei Wintertemperaturen zwischen minus vierzig und fünfzig Grad. Manche seiner Erzählungen wurden im Gefängnis verfaßt. Ab 1895 vernachlässigt Korolenko das literarische Schreiben zugunsten politischer Publizistik. Es gibt vieles anzuklagen im Regime des Zaren (Pogrome, Folter, Standgerichte, Todesstrafen). Immer wieder muß er sich für seine Artikel vor Gericht verantworten. Und auch gegen die Massenerschießungen des neuen Sowjetregimes wird er, erfolglos, seine Stimme erheben. In seinen letzten Lebensjahren läßt er die politischen Auseinandersetzungen hinter sich. Er versenkt sich schreibend in seine Kindheit und erzählt die »Geschichte meines Zeitgenossen«.

***

In Rosa Luxemburg findet Korolenko eine bestens geeignete Übersetzerin. Wie er ist sie im zaristischen Rußland groß geworden, in ihrem ausführlichen Nachwort zeigt sie sich als ebenso kompetente wie glühende Verehrerin der russischen Literatur. Und noch etwas eint die beiden: So wie Korolenko im zaristischen Rußland in die Verbannung geschickt wurde, so hatte auch Luxemburg im deutschen Kaiserreich eine reiche Gefängniserfahrung. Nach abgesessener einjähriger Haft wurde sie 1916 gleich wieder in »Schutzhaft« genommen, denn der Erste Weltkrieg war ausgebrochen und eine Kommunistin galt als öffentliche Gefahr. Die meiste Zeit war sie im Staatsgefängnis Breslau eingesperrt. Um sich in ihrer Zelle geistig zu betätigen, begann sie mit der Übersetzung von Korolenkos »Geschichte meines Zeitgenossen«. Für diese »Selbstbeschäftigung« mußte sie sogar zahlen, monatlich sechzig Mark. Erst am Kriegsende, im November 1918, kam Rosa Luxemburg wieder frei. Da waren Übersetzung und Nachwort gerade abgeschlossen und gingen an den Verlag. Doch das im Sommer 1919 fertige Buch erlebte die Übersetzerin nicht mehr. Im Winter war sie umgebracht worden. In deutscher Sprache liegen von Wladimir Korolenko die zwei Bände Erzählungen (er hat ausschließlich Erzählungen verfaßt) und seine Kindheits- und Jugenderinnerungen vor. Es sind vor allem stimmungsvolle Naturbeschreibungen, die den Charakter dieser Prosa prägen, und Darstellungen der Menschen, die in dieser Natur leben. Immer schwingt bei diesem Erzähler Sympathie für die Schwachen und Benachteiligten mit, doch völlig unaufdringlich, ohne jede Ideologie. Rosa Luxemburg nennt das Korolenkos »fein vibrierendes soziales Gewissen«, sein »schmerzlich zuckendes Mitfühlen«. Kundigere Leser als ich, die sein gesamtes Schaffen kennen, haben gerade darin sein ukrainisches Erbe erkennen wollen. Sein Übersetzer Bruno Goetz hat 1954 eine schöne Erklärung dafür gefunden, die mir sofort einleuchtete: Korolenko habe zwar alle seine Bücher auf russisch geschrieben und sei im großrussischen Sprachraum und in der großrussischen Intelligenz zu Hause gewesen, doch seine ukrainischen Wurzeln verliehen »seinem Schaffen einen unnachahmlichen Charme und eine helle, unmittelbare Kindhaftigkeit und Lebensfrömmigkeit. Es ist der Geist des slawischen Südens, der immer wieder bei ihm durchbricht und uns beglückend und befreiend mit seinem leichteren Atem anhaucht.« Wenn das stimmt, ehrt sich die »Staatliche Wissenschaftliche Bibliothek« von Charkiw zu Recht mit seinem Namen.

SINN UND FORM 3/2022, S. 423-427