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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-62-1


Leseprobe aus Heft 6/2021

Locke, John

Weihnachten in Deutschland
(1665)


Vorbemerkung

Der englische Philosoph John Locke, der sein schriftstellerisches Hauptwerk innerhalb weniger Jahre an der Schwelle zum 18. Jahrhundert veröffentlichte, war einer der wichtigsten Vordenker und Stichwortgeber der Aufklärung. Deren Zielsetzungen und politische Diskurse prägte er so nachhaltig wie kaum jemand sonst. Ausgangs- und Bezugspunkt seiner gesellschaftsverändernden Überlegungen war die »Glorreiche Revolution« von 1688 / 89, die er als Gefolgsmann des neuen Monarchen William III. nach Kräften unterstützte. Diese Befreiung von der absolutistischen Regierung des exilierten Stuart-Königs James II., die zu einem gewaltigen Modernisierungsschub führte, erhob Locke auch für andere Nationen zum Vorbild. Stets kreisten seine Schriften um die Frage, was einen liberalen Staat in seinem Innersten auszeichnet. In seinem »Sendschreiben von der Toleranz« (1689) forderte er radikale Glaubens- und Gewissensfreiheit, die er in den Mittelpunkt des Projekts der Aufklärung stellte; sein »Versuch über den menschlichen Verstand« (1690) avancierte zum Grundbuch einer sensualistisch-empirischen Philosophie, welche die Körperlichkeit und Sinnlichkeit des Menschen als unverzichtbare Voraussetzung für alles Nachdenken über seine intellektuellen Möglichkeiten und seelischen Bedürfnisse beschrieb; in den beiden »Abhandlungen über die Regierung« (1690) propagierte er den repräsentativen Parlamentarismus, den er als Lebenselixier eines freiheitlichen Gemeinwesens deutete; mit seinen »Reflexionen über die Folgen der Absenkung des Zinssatzes und die Zunahme des Geldwertes« (1691) verteidigte er die Regeln der freien Marktwirtschaft; und in seinen »Gedanken über Erziehung« (1693) formulierte er die pädagogischen Prinzipien des spielerischen Lernens und des mündigen Gebrauchs des eigenen Verstandes.
Nicht ohne Grund feierte der erste deutsche Pädagogikprofessor Ernst Christian Trapp aus Halle den Universalgelehrten Locke noch 1782 als »Urquelle« des modernen Denkens: »Man liest nichts neues mehr, wann man Locke gelesen hat. Entwickelter findet man wohl manche seiner Gedanken bei denen, die nach ihm gekommen sind: aber was Neues, von Locken nicht gedachtes, schwerlich. Locke, welch ein Mann!« Auch die Feministin Mary Wollstonecraft beschrieb ihren Landsmann Locke in ihrer 1792 erschienenen Schrift »Verteidigung der Rechte der Frau« als Vorkämpfer eines auf umfassende Gleichberechtigung zielenden Denkens, das Mädchen und Frauen ganz neue Chancen auf Entfaltung ihrer Talente eröffnete. Schließlich ist das in der amerikanischen Unabhängigkeitsverfassung von 1776 formulierte Recht auf ein ungehindertes »Streben nach Glück«, das am Anfang des heutigen Gesellschafts- und Staatsverständnisses steht, ohne Lockes literarische Vorarbeit nicht zu denken. Gelesen und rezipiert wurde er gleichermaßen intensiv in Europa und Nordamerika, zumal die meisten seiner Schriften schon frühzeitig in alle Weltsprachen übersetzt wurden. Als gebildeter Mensch kam man im Zeitalter der Aufklärung an Locke kaum vorbei, man mußte sich mit ihm und seinen Theorien auseinandersetzen und tat dies meist mit Gewinn. Die Zustimmung der aufklärerischen Avantgarde war dem Engländer dabei gewiß. Sogar der sonst so zivilisationskritisch auftretende Jean-Jacques Rousseau ließ in seinem Erziehungsroman »Emile« (1762) auf den kühnen Wegbereiter der modernen Gesellschaft nichts kommen: Als »exakter Denker« war der »weise Locke« für ihn unübertroffen.
In deutscher Übersetzung wurde Locke bereits in der ersten Dekade des 18. Jahrhunderts im gesamten Heiligen Römischen Reich gelesen, wobei es vor allem seine Reflexionen über eine zeitgemäße Erziehung waren, die durch Vermittlung des Hamburger Frühaufklärers Hermann Samuel Reimarus und dessen Schülers Johann Bernhard Basedow flächendeckende Verbreitung fanden. 1708 veröffentlichte der Leipziger Verlag von Thomas Fritsch »Herrn Johann Locks Unterricht von Erziehung der Kinder«. Dieser Ausgabe folgten dann viele weitere Übersetzungen des populären Werkes. Erst danach erschienen auch Lockes Toleranzschrift (1710) und sein Essay über den menschlichen Verstand (1757) in deutscher Sprache. Was das hiesige Lesepublikum an den Arbeiten des Autors so sehr schätzte, war neben dem Inhalt die Sprache, die an lakonischer Klarheit kaum zu überbieten war. Die logische Ordnung und glückliche Reihung seiner Argumente, sein immer faßlicher Stil und nicht zuletzt auch der besonnene Vortragston seiner Traktate, denen alles Gestelzte oder Gekünstelte vollkommen abging, luden zum ruhigen Nachdenken ein. Locke war das Musterbeispiel des hellen Denkens, das dem Geist aufhalf und zum guten Gebrauch der Vernunft erzog.
Verborgen blieb Lockes Anhängern allerdings eine Seite seines literarischen Schaffens, die der Philosoph der Öffentlichkeit bis zu seinem Tod nicht darbieten wollte: seine als junger Mann verfaßten Reisebriefe, in denen er sich – im Unterschied zu den Abhandlungen und Traktaten – als hinreißend talentierter Plauderer präsentierte, übrigens auch als sarkastischer Beobachter fremder Sitten und Gebräuche, die er mit viel Witz und im Gestus der grotesken Übertreibung zu seinem eigenen Vergnügen skizzierte. Da er sie wohl nur als Gelegenheitsarbeiten betrachtete, als bloße Kapricen, hielt er sie der späteren Veröffentlichung nicht für wert. Deshalb ließ ihn der Leipziger Dichter und Professor Christian Fürchtegott Gellert, der Locke in seinen 1770 erschienenen »Moralischen Vorlesungen « als prototypischen Aufklärer und Pädagogen unentwegt lobte, in seiner »Praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen« (1751) unerwähnt, obwohl er den leichten und ironischen Briefstil der besten Engländer und Franzosen auch den Deutschen zur Nachahmung empfahl und dabei vorzugsweise auf Alexander Pope, Voltaire und Rousseau verwies. Seinen handschriftlichen Nachlaß vermachte Locke, der unverheiratet geblieben war, einem Sohn seiner Cousine Anne Locke, Sir Peter King, dessen gleichnamiger Enkel, Lord Peter King, einen Teil des in Abschrift erhaltenen Briefwechsels 1829 veröffentlichte. Erst 1947 gingen die Manuskripte aus den Händen der Familie King in den Besitz der Oxforder Bodleian Library über. Zwischen 1976 und 1989 wurde Lockes Briefwechsel von Esmond Samuel de Beer, einem neuseeländischen Publizisten und Philanthropen, der Zugang zum Nachlaß hatte, mit dem Anspruch auf lückenlose Vollständigkeit veröffentlicht – in einer historisch-kritischen Ausgabe der Clarendon Press. Eine deutsche Übersetzung der Briefe wurde nicht unternommen, nicht mal in einer kleinen Auswahl.
Tatsächlich gehören die Briefe, die Locke im Dezember 1665 im niederrheinischen Kleve verfaßte, zu den stilistisch brillantesten und kulturhistorisch interessantesten Dokumenten seiner Korrespondenz. Es handelte sich für den dreiunddreißigjährigen Locke, dessen Leben bis zu diesem Zeitpunkt in überschaubaren Kreisen verlaufen war, um die erste Auslandsreise. Der Sohn eines Gerichtsbeamten aus Somerset war als begabtes Kind auf die renommierte Westminster School in London gegeben worden, erlangte dort ein Stipendium und studierte am Christ Church College in Oxford Philologie, Philosophie und Medizin. Zwar erlangte er die Approbation als Arzt, doch betätigte er sich nach Abschluß seiner Studien zunächst als Dozent für Griechisch und Rhetorik. Ab 1663 hielt er auch Vorlesungen über Ethik. Die Oxforder Gelehrtenwelt war sein Bezugsrahmen, was in den Briefen aus Kleve wiederholt zum Ausdruck kommt, etwa wenn er einen dicken und gutmütigen Franziskanerprior, mit dem er tafelt und höfliche Konversation betreibt, als einen Mann beschreibt, der »dem Rektor eines College« jedenfalls »nicht unähnlich« sei. Noch war Locke – der erst 1667 in den Dienst der hochrangigen Adelsfamilie des Earl of Shaftesbury wechselte und zwischen 1683 und 1689 in Holland lebte – nicht jener weltläufige Gentleman, der im Zuge der »Glorreichen Revolution« zu einem der herausragenden Schriftsteller seines Landes werden sollte.
Locke verließ die Universitätsstadt, um den englischen Gesandten Sir Walter Vane zu Verhandlungen mit dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm nach Kleve zu begleiten. »Am Montag, den 13. November 1665, bestiegen wir in Oxford die Kutsche nach Deutschland«, notierte er am Tag der Abreise in einem Erinnerungsbuch, in dem er seine Reiseerlebnisse in knappen Notizen festhielt. Sir Walter Vane, dem Locke Schreibdienste zu leisten hatte, wurde nach Deutschland beordert, um im Krieg gegen die Niederlande, den der englische Monarch Charles II. bereits einige Monate zuvor im März erklärte hatte, einen neuen Bündnispartner zu gewinnen. Den Fürstbischof von Münster, Christoph Bernhard von Galen, hatten die Engländer schon als Alliierten auf ihre Seite ziehen können. Nun ging es darum, auch den Großen Kurfürsten, den Herrscher Brandenburgs, der als solcher auch Herzog von Kleve war, der Koalition gegen Holland zuzuführen. Die deutschniederländische Grenzstadt Kleve war im 17. Jahrhundert neben Berlin und Königsberg die dritte brandenburgische Residenz. Friedrich Wilhelm, der großartige Parks und Gärten anlegte, hielt sich dort besonders gern auf. Es ist heute nicht mehr zu ermitteln, warum ausgerechnet Locke, der in Auslandsangelegenheiten völlig unerfahrene Dozent für Moralphilosophie, ausgewählt wurde, den englischen Chefunterhändler nach Deutschland zu begleiten. Vielleicht hatte ihn der König selbst dazu ausgesucht, als er sich im Frühjahr auf der Flucht vor der Pest – die Daniel Defoe in seinem 1722 veröffentlichten »Journal of the Plague Year« später so eindrucksvoll aus der historischen Rückschau beschrieb – von London aus nach Oxford aufmachte, wo er im Christ Church College mit seinem Hof Quartier nahm. Dort könnte er Locke begegnet sein. Dieser wiederum erblickte in der diplomatischen Mission, zu der er im Auftrag des Königs eingeladen wurde, eine willkommene Gelegenheit, seinen Horizont zu erweitern. Das politische Ziel der Reise wurde zwar nicht erreicht, da die englische Regierung nach langwierigen Verhandlungen nicht bereit war, dem Kurfürsten die für seine Unterstützung verlangten hohen Subsidien zu gewähren, weshalb er letztlich den zahlungswilligeren Holländern zuneigte. Doch Locke verbrachte bis zum Abbruch der Mission im Februar 1666 immerhin mehr als zwei Monate im winterlichen Kleve, wo er auch das Weihnachtsfest feierte.
Die Briefe aus Kleve waren unterschiedlicher Natur. In der Hauptsache fertigte er auf Vanes Geheiß die offiziellen Schrei ben an die englische Regierung an. In diesen Berichten, in denen vom Fortgang des Krieges und den Verhandlungen mit dem Kurfürsten die Rede ist, agiert Locke ganz als Sekretär seines Auftraggebers. Daneben haben sich aber noch ein Dutzend privater Briefe erhalten. Auch in einigen von ihnen schildert er die Lage vor Ort aus Diplomatensicht. Diese Schreiben sind zumeist an William Godolphin gerichtet, den Sekretär des Lord Arlington, einen Mann von beträchtlichem Einfluß beim König. Hier erlaubt sich Locke in der Deutung der politischen Geschehnisse mehr Freiheiten als in den offiziellen Schrei ben, wobei er im wesentlichen Vanes Anschauungen teilt. Vier Briefe schrieb er zwischen Dezember 1665 und Januar 1666 dann noch an einen seiner besten Freunde, John Strachey. In ihnen kommen zuweilen zwar auch ganz kurz die neuesten Kriegshandlungen zwischen den Niederlanden und dem Hochstift Münster zur Sprache, doch läßt Locke hier vor allem seiner Erzählkunst in der Beschreibung von Land und Leuten freien Lauf. Zwei dieser Briefe schildern in einem leicht dahinplaudernden, immer amüsanten und in manchen Passagen auch hochkomischen Ton die diversen Weihnachtsbräuche in Kleve und gehören zum Witzigsten, was Locke der Nachwelt hinterlassen hat. Vor allem seine Darstellung des Festmahls beim brandenburgischen Kurfürsten, zu dem er eingeladen wird, erinnert in ihrer Drastik an die üppig gedeckten Tische, die Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen in seinem Schelmenroman »Der abenteuerliche Simplicissimus« (1668) beschreibt. Über die kalte Jahreszeit sagt dessen närrisch-naiver Held Simplicius: »da fängt bei uns Teutschen das Fressen und Saufen an«. Auch Locke staunt darüber, »daß die fröhlichen Deutschen selber so mannhaft tafelten«, als ginge es ums Überleben, während er selber eher kleinere Portionen bevorzugt. Die Sottisen und Spötteleien, die sich in Lockes Ausmalung der Kochkünste der Deutschen finden, brauchen den Vergleich zu ähnlichen Schilderungen des großen Satirikers Charles-Louis de Montesquieu, der auf seiner Europareise 1728 und 1729 ebenfalls das Herzogtum Kleve bereiste und den Menschen dort beim Speisen zuschaute, nicht zu scheuen.
Als Verfasser von Briefen orientierte sich Locke übrigens schon früh an einem bedeutenden französischen Vorbild. In einem im August 1659 verfaßten Schrei ben an Godolphin bekannte er einmal, daß er gerne über das Genie »von Balzac« verfügen oder zumindest dessen einschlägige Publikationen zur Hand haben würde, um selbst möglichst gut schreiben zu können. Damit spielte er auf Jean-Louis Guez, sieur de Balzac (1597–1654) an, dessen Briefe im 17. Jahrhundert in ganz Europa als modellhaft und nachahmenswert gepriesen wurden. Guez de Balzacs berühmter Briefsteller »Lettres« erschien erstmals 1624 (1636 dann in einer erweiterten Fassung als »Recueil de nouvelles lettres«), eine englische Übersetzung wurde 1634 veröffentlicht. Der Franzose empfahl seinen Lesern, Briefe stets in einer zwanglosen und klaren Sprache zu verfassen, die auch ungebildete Frauen und Kinder verstehen konnten. Locke hielt sich daran und schuf eine englische Prosa, wie man sie erst in den satirischen und humoristischen Stücken eines Jonathan Swift oder in der Reiseliteratur eines Joseph Addison wiederfindet. Dennoch fühlte sich Locke nicht bemüßigt, seine Briefe zu veröffentlichen. Es ist nicht einmal sicher, ob er sie an Strachey abschickte. Die Abschriften (möglicherweise sind es auch nur Entwürfe) im Nachlaß der Oxforder Bodleian Library geben darüber keine Auskunft. Vielleicht wollte er sie wirklich als alternatives Reisejournal bis zu seiner Rückkehr aufbewahren, um dann, wie er schrieb, mit Strachey am Kaminfeuer »darüber (zu) lachen, denn es wird mir vielleicht (…) Sachen in Erinnerung rufen«.
Trotz der humoristischen Tonlage enthalten die Briefe auch ernsthafte Reflexionen, die
Locke zum Nachdenken über Fragen der Religion und Gewissensfreiheit anregten. Denn in Kleve fand er, der selbst ein presbyterianischer Calvinist war, eine Stadt vor, in der sich Religionen und Konfessionen jener friedlichen Eintracht befleißigten, die er in seinem Sendschreiben über die Toleranz später überall verwirklicht sehen wollte. Brandenburg war ein Staat, der seinen Untertanen und Bürgern im 17. Jahrhundert bereits weitreichende religiöse Freiheiten gestattete. Die regierende Dynastie der Hohenzollern war calvinistischen Glaubens, während die meisten Brandenburger der lutherischen Konfession anhingen. Doch gab es dort, wie Locke hervorhob, auch Katholiken – die auf ihn einen überaus freundlichen Eindruck machten – sowie »Juden, Wiedertäufer und Quäker«. Besonders beeindruckte Locke, daß gerade die Quäker, die zu dieser Zeit in England erbarmungslos unterdrückt und verfolgt wurden, trotz eines auch in Brandenburg ergangenen Verbots unbehelligt leben konnten und sogar reich wurden: »sie achten des Verbots ihrer Versammlungen durch den Kurfürsten nicht«. Es waren dies dieselben  standhaften Quäker, die dann auch William Penn auf seiner Missionsreise im September 1677 in der Umgebung von Duisburg und Düsseldorf antraf.

Jürgen Overhoff


(…)

SINN UND FORM 6/2021, S. 777-790, hier S. 777-781