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Heftarchiv – Leseproben

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Leseprobe aus Heft

Apoll im Lesesaal - vom Geist der Poesie und Ironie. Notizen zu Literatur und Literaturkritik


Unter dem Gesetz des Dichters

Wer hätte sie nicht schon erlebt: die Macht der Bücher. Die freiwillige Leibeigenschaft in der Gewalt eines Buches. Dieses für Stunden Abkommandiertsein aus der Wirklichkeit. Die Blödigkeit, mit der man aufschaut, wenn man gestört wird, so wie Marcel Proust es in »Tage des Lesens« beschreibt, wenn er im Garten saß und die Köchin fragte, ob sie ihm nicht einen Tisch heranrücken solle. Da »mußte man plötzlich innehalten und von weither seine Stimme holen (…) und, damit sie höflich ›Nein, vielen Dank!‹ sage, ihr den Anschein von gewöhnlichem Leben und den Tonfall einer Antwort geben, den sie verloren hatte«.

Glücklich, wer die Verlegenheit kennt, nach beendeter Lektüre seine Stimme wieder auf den Ton des gewöhnlichen Lebens justieren zu müssen. Jene aber, die nie über einem Buch ihre Stimme verlieren und das »gewöhnliche Leben« jederzeit einer ungewöhnlichen Lektüre vorziehen, werden wohl den Kopf schütteln. Diese Artgenossen muß man, auch wenn sie gelegentlich ein Buch in die Hand nehmen, als Nicht-Leser kategorial von der Spezies des genuinen Lesers unterscheiden. Beide leben verschiedene Leben, beide verstehen unter Glück etwas gänzlich anderes. Für den echten Leser ist schon die Abwesenheit des gewöhnlichen Lebens ein großes Glück und wesentliches Movens der Lektüre. Versunken im Buch erscheint das Leben aromatischer, herber, fiebriger, geheimnis- und glanzvoller. Aufregend fremd und vertraut zugleich als Echo der eigenen inneren Stimme. Und man erfährt zugleich, welche Spektralität des Empfindens erst mittels Sprache möglich ist.

Eine Erzählung, einen Roman zu lesen bedeutet: Gast in einer fremden Welt zu sein, das Abenteuer, als Eindringling auf unvertrautem Terrain willkommen zu sein. Bei Proust waren es zum Beispiel die Romane von George Sand, die er während der Osterferien in Combray verschlungen hatte. Im ersten Band der »Recherche« erinnert er sich an den Zauber dieser Jugendlektüre und vergleicht sie mit der Magie eines erschütternden tiefen Traums, der allerdings viel klarer sei als die nächtlichen Träume. Uns geht es heute ähnlich mit Proust oder dem poetischen Zauber des Erzählkosmos einer Virginia Woolf oder Elsa Morante, der unser unbekanntes Ich ergreift und aufwühlt.

Hermann Burger läßt in seinem letzten Roman »Brenner« den alten Professor und Brotgeber des Titelhelden Jérome von Castelmur-Bondo an die Proustschen Überlegungen anknüpfen. Die Erschütterung beim Lesen, so führt er aus, müsse damit zusammenhängen, »daß wir erfundene Figuren, Handlungen, Landschaften und Gespräche als wahrer empfinden als die realen; wahrer, weil sie unter dem Gesetz des Dichters (…) stehen und vom Zufall befreit sind«.

Ein wuchtiges Wort: unter dem Gesetz des Dichters. Im literarischen Prozeß findet also eine Umwandlung statt: Aus einem kontingenten Geschehen wird ein verbindliches. Das Organ, in dem sich diese Verwandlung abspielt, ist die Sprache. Der Dichter, fährt der Emeritus in Burgers Roman fort, verschlägt uns die Sprache, weil er über alle Nuancen »des unendlich schmiegsamen Wortes und Schachzüge der Syntax verfügt, wir verstummen, fühlen uns aber innerlich um so lebendiger, als wir teilnehmen an einer breiten Skala von Gefühlen (…), wie sie das Leben nie vermitteln kann, weil die Trägheit, mit der sich diese ›emotions‹ einstellen, die Intensität quasi aufzehrt, es entsteht so etwas wie Reibungsverlust«. Literatur vermittelt uns demnach das volle Erlebnis ohne die Anstrengungen des realen Erlebens, sozusagen die luftige Essenz ohne alles gravitierend Materielle des realen Augenblicks. Beim Lesen erst erfahren wir, was wir erlebt haben oder erleben könnten, wenn wir nicht vom Leben zu sehr beansprucht würden. Lesen ist – so gesehen – eine glückliche Form des Nachsitzens, ein Lauschen in den Souffleurkasten der Sprache.

Vieles kann oder will man freilich nicht in vivo selbst erleben. Die strapaziösen Reiseabenteuer etwa eines Patrick Leigh Fermor entlang der Wegelagererrouten in der Walachei oder die tückische Schönheit Patagoniens. Doch im Lesesessel zu Hause: wie geht einem das Herz auf bei den episodischen Abenteuern in Feuerland, den Porträts von sensiblen Schuften. In Bruce Chatwins empathisch beschwingter Vergegenwärtigung haben die Vitae der Haudegen, Aussteiger, Glückssucher eine besondere Dichte, ein poetisches Fluidum, umspült vom gischtigen Brausen der Ozeane, von Schweiß, Not, Einsamkeit und Verzweiflung, er erzeugt ein Gefühl für die Verlorenheit der mit heftigem Temperament geschlagenen Hasardeure, ein Sehnen und Dehnen in der Brust, das von Fernweh und Melancholie – wie bei Joseph Conrad, Stevenson oder Melville – nicht zu unterscheiden ist.

Das eigentliche Erlebnis ist also eins in und durch Sprache, die das Erleben erst kodifiziert. Bevor der Leser, die Leserin dieses Glück erfährt, wird es dem, der diese Lebendigkeit hervorzurufen in der Lage ist, zuteil: dem Schriftsteller. Auch er oder sie wird aus der Wirklichkeit abkommandiert. Erst im Akt des Schreibens, indem er das erfahrbare Leben erfindet, erlebt er es wahrhaft. Und bei dieser Metamorphose – von Sein in Bewußtsein – geschieht etwas Sonderbares: Die Sprache, der entstehende Text übernimmt mehr und mehr die Regie, wird zum Cicerone des Bewußtseins und steuert das Geschriebene oft eigenwillig in eine Richtung, die der Autor so gar nicht vorgesehen hatte. Er steht – Joseph Brodsky hat dies im Rückgriff auf Schelling und Novalis betont – unter dem »Diktat der Sprache«, die ihre eigene Logik, ihr eigenes, immer schon viel älteres Bewußtsein hat, ein pulsierender Speicher der Geistesgeschichte ist.

Wie das Lesen für den wahren Leser, die echte Leserin, so ist das Schreiben für den genuinen Schriftsteller ein Muß, ein stetes Bedürfnis.

Vor über hundert Jahren hat sich für das »Berliner Tageblatt« einer darüber Gedanken gemacht, der wußte, wo Bartel den Most holt. Zunächst einmal, so meinte er, muß der Schriftsteller der lebhaften Überzeugung sein, daß er der Menschheit etwas Wichtiges zu sagen habe. Ein »geheimnisvolles Etwas« zwinge ihn zur Selbstlosigkeit. Jede noch so »fadendünne Bereicherung« müsse er weitergeben. Wenn andere lachen, daß ihnen die Tränen kommen, studiert er diese Munterkeit. Wo andere das Vergnügen haben, mittendrin zu sein, steht er abseits, im Halbdunkel, und macht oft keine gute Figur. Dabei ist er »alles und muß alles sein« in seinen Empfindungen: Raufbold, Sänger, Schuster, General, Mutter, Vater, Kind, der Hungernde und der Satte, Regen, Mondschein, Hitze, Wind und Geld, Bettler und Betrüger, Liebe und Haß … »Er ist mit sich jedesmal fertig, wenn er das erste Wort schreibt, und wenn er den ersten Satz geformt hat, kennt er sich nicht mehr.« Das klingt sehr anspruchsvoll, aber der Schreiber dieser Zeilen (aus dem Nachlaßband »Feuer«) hat das volle Programm solcher »Selbstlosigkeit« oft genug eingelöst. Man kann ihn gar nicht genug empfehlen: Robert Walser.

Ein großer Bewunderer Walsers, der auf dieser Unbedingtheit des Schreibenmüssens in seinen Briefen und Tagebüchern immer wieder insistierte, war Franz Kafka. In einer Liste von Argumenten, zusammengestellt, um seine Verlobte Felice B. vor einer Ehe mit ihm zu warnen, betont Kafka sein Bedürfnis nach Einsamkeit. »Alles, was sich nicht auf Litteratur bezieht«, schreibt er, »hasse ich, es langweilt mich Gespräche zu führen (selbst wenn sie sich auf Litteratur beziehen), es langweilt mich Besuche zu machen, Leiden und Freuden meiner Verwandten langweilen mich in die Seele hinein. Gespräche nehmen allem, was ich denke die Wichtigkeit, den Ernst, die Wahrheit. (…) Mein ganzes Wesen ist auf Litteratur gerichtet.« Was Kafka hier – bewußt pointiert – beschreibt, ist eben dieses Abkommandiertsein aus der ihn umgebenden Wirklichkeit. Die Macht, die Leibeigenschaft in der Gewalt eines Buches: des im Entstehen begriffenen.

SINN UND FORM 4/2021, S. 512-523, hier S. 512-514