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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-57-7


Leseprobe aus Heft 1/2021

Vesper, Guntram

Oberhessen


Seit vergangenem September, seit ich im Wald am Winterstein, hinter Ockstadt, jenseits der A5, auf der Suche nach Heidruns und meiner versteckten Stelle vom Sommer 1961 einen auf dem Rücken sich abstrampelnden Hirschkäfer beobachtet habe und nicht wieder aus der Hocke hochgekommen, sondern nach hinten gefallen bin und minutenlang, genau wie der Käfer, hilflos und verlassen im alten Laub gelegen habe, meine Rufe überdeckt, geschluckt vom Lärm der Autobahn, komme ich höchstens noch einmal in der Woche in die Stadt. Ich nehme, kurzatmig, mit Kreuzschmerzen, immer den Bus, Einstieg Dahlmannstraße, und beschränke mich, wenn ich nicht auch noch zu Calvör, Wiederholdt oder zum Friseur Müller am Nabel will, auf den Besuch des Antiquariats Pretzsch in der Gotmarstraße, die sich nur durch ihre drei Gedenktafeln für Lichtenberg, Eckermann und Cecilie Tychsen, es fehlt Bürger, von den anderen Nebenstraßen abhebt, denen der Leerstand, der Abstieg drohte und droht. Von Pretzsch kaufte ich am 28. Februar am späten Vormittag neben Büchern von Karl May, Koeppen und Edschmid die Erinnerungen mit dem Titel »Unruhestifter« von Fritz J. Raddatz in der Originalausgabe für vier Euro. Das Buch hatte schon zwei Wochen auf dem Auslagetisch vor dem Laden gelegen, dem Regen ausgesetzt, wenn Pretzsch die transparente Plane nicht rechtzeitig über seine Straßenangebote breitete. Raddatz erwähnt auf Seite 470 der Erinnerungen auch mich, gealtert sei ich, wie Grass, Rühmkorf und Wunderlich, alle drei ebenso tot inzwischen wie der Unruhestifter selbst, nur ich lebe noch, Raddatz zufolge als etwas beleibter Bürger, der Kaffee und Kuchen reicht. Der scharfzüngige Erzähler konnte, weil ich dichthielt, auf keinen Fall sollten die laufenden Projekte totgeredet werden, nicht wissen, daß ich damals, in den Jahren seiner Besuche in Göttingen, wie ein Wilder schrieb, »Auftakt mit Arnold Z.«, »Tieflandsbucht« in Entwürfen und früher Fassung und sogar Anläufe, schüchterne Vorstufen von »Frohburg«. Die Ahnungslosigkeit konnte ich ihm nicht vorwerfen, sehr wohl aber die Plauderhaftigkeit, mit der er in einem seiner veröffentlichten Tagebücher Dinge unter die Leute brachte, die ich ihm bei einem unserer Zweierabende im Diwan in der Roten Straße halblaut und unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatte und die mich, Heidrun und W. betrafen. Er nickte damals, seinen Oberkörper in meine Richtung über die Tischplatte schiebend und in meinen Blick eintauchend, ja klar, vertraulich, hielt sich aber um der Farbigkeit seines Tagebuchs willen nicht daran. Ich stelle mir vor, daß er damals nach Mitternacht in die menschenleere Goethe-Allee zurückgegangen ist, vorbei an Caroline Schlegel-Schellings Elternhaus und Goethes Unterkunft vom Sommer 1801, und in seinem Zimmer in Gebhards Hotel, dieser wohltuenden Insel gestriger Bürgerlichkeit, der einzigen in ganz Göttingen, und wie lange noch, ein paar Notizen auf den Telefonblock gekritzelt hat, die sich später nutzen ließen. Als Folge des Abdrucks dieser Kurznotizen machte ich von da an seine Briefe, fünf, sechs, sieben, nicht mehr auf, ungeöffnet legte ich sie in die Briefablage, und jeweils am Jahresende wanderten sie mit dem ganzen Konvolut aus zwölf Monaten in den Keller, dort steht der wacklige Schrank von Karstadt mit den 31 Archivkartons voll Post ab November 1957, zuunterst die Briefe meiner Geithainer Mitschüler Elke Voigt, Irmgard Wittstock, Josef Miszler und Günter Bernecker, die den Republikflüchtling auf dem laufenden hielten, was Frohburg und Geithain anging. Ungeöffnet sind im kleinen bescheidenen Archiv auch noch fünf bis sieben weitere Briefe bekannter, unbekannter und verheimlichter Absender mit vermutlich strapaziösem, mich belastendem Inhalt zu finden, wobei ich allerdings sagen muß, daß mein Vorwarnsystem und meine Filter auch nicht immer funktioniert haben, oft genug bin ich in der Vorfreude auf eine angenehme Nachricht, Honorar, Einladung, Anerkennung, blindlings mit dem Brieföffner umgegangen und fiel dann auf Frechheiten, Gemeinheiten, Giftpfeile herein, so wie ich ja auch vor anonymen Karten nie die Augen schließen konnte, immer mußte ich dann doch, obwohl die Klugheit anderes riet, die Karte umdrehen und nachsehen, was da stand, erstmals im Winter 1959 in Reiskirchen, von einem der Mädchen vom Tanzboden in der Gastwirtschaft Gontrum, vielleicht von der Lehrerstochter, wegen der halben Stunde an unserem Gartenzaun, nach Mitternacht, unter der Trauerweide. Und wenn ich genau nachdenke, habe ich sogar schon in Frohburg eine dieser Karten ohne Absender bekommen. Die Sache fing damit an, daß ich zu Beginn der elften Klasse in der Oberschule in Geithain nach der zweiten großen Pause auf meinem Platz einen winzigen Zettel fand, der sich zwar leicht übersehen ließ, der aber gerade deshalb für einen Elftkläßler von hohem Interesse war. Drei Wörter nur, mikroskopisch klein, mit gespitztem Bleistift: Frohburg postlagernd Diana. Ich wußte nicht, wer da sprach, aber ich wußte gleich, welche Art Jagd da gemeint war, die Tanzstunde mit dem Zwischenball und dem Abschlußball und jeder Wochenendtanz auf den Gasthöfen in Frohburg und Umgebung und überhaupt auch jeder Vormittag in der Klasse und nicht zuletzt die Klassenfahrten an die Talsperre Kriebstein, auf die Rochsburg, nach Sebnitz, Augustusburg, Stralsund und Nonnevitz zeigten einem, wie man das Anschleichen oder die frontale Überrumpelung oder die schneckenlangsame Schleimtour einüben und einsetzen konnte. Mit gemischten Gefühlen nahm ich das Zettelchen mit nach Hause. Wir wohnten im Thälmannstraßenflügel der Post, das Amt mit dem Briefschalter befand sich im Marktflügel. Ich ging also schon am Nachmittag aus unserer Haustür raus, umrundete die Ecke mit dem Eingang zum Restaurant, die genau unter unserem Erker lag, und stieg die vier oder fünf Stufen hoch, die heute zum Café Schokoengel führen und über die man seinerzeit das Postamt erreichte. Ich kam rein, rechts war die Abfertigung für die Päckchen und Pakete, lange Schlange Bepackter dort, links das Fenster für die Briefangelegenheiten, hochgeschoben, der alte Naß hatte Dienst, natürlich kannten mich alle, Frohburg war ja ein Nest, und nicht einmal ein großes, Ham Sie was postlagernd Diana, schmetterte ich den alten Naß an, lieber gleich Augen zu und durch, als daß ich mir ein gehemmtes Murmeln, eine unterdrückte halb abgewürgte Frage nachsagen lasse. Und richtig, ich bekam Dianas Karte und habe sie heute noch. Unklar, wie es weiterging. Man war noch halbes Kind und hatte doch schon Augen für alle Abstufungen von Weiblichkeit. Schwamm drüber, das Kärtchen geht wie alles Papier von mir nach Marbach. Wenn die Moneten stimmen. Mit den Raddatzschen »Unruhestifter«-Erinnerungen und den anderen Büchern in Plastiktüten, darunter einem Band der sechsbändigen Weltbild-Ausgabe von »Der verlorene Sohn«, die ich bis auf den 4. Band von Pretzsch für zwanzig Euro übernommen, aber wegen des Gewichts nicht geschlossen mitgenommen hatte, kam ich die paar Stufen runter aus dem Antiquariat. Ich schleppte schwer, wobei ich wußte, daß eine weitere kleine Neuerwerbung, die ich im Beutel hatte, nicht ins Gewicht fiel, ein Heft, das dem oberhessischen Maler und Kinderbuchautor Ernst Eimer gewidmet war, zehn Minuten vorher entdeckt beim Umsetzen eines der vielen Bücherstapel vor dem überfüllten Regal mit Ortsgeschichte und Heimatkunde. Auf dem Stapel wie immer ein Zettel: Hier bitte nicht stöbern. Wo man so etwas liest, zuckt es einem doch erst recht in den Fingern. Die Schrift mitgenommen, weil wir seit der Räumung von Ulrichs Bücherhaus in Klein Linden zwei der sehr seltenen Veröffentlichungen Eimers in den Regalen im Dachgeschoß haben, nämlich »Christian der Dorfjunge« und »Konrads Ferientage«. Das eine im ganzen Internethandel nur zweimal, das andere einmal zu finden. Mit der Ausbeute des Tages an der frischen Luft angekommen, warf ich einen letzten schnellen Blick auf Pretzschs Tisch am Gehwegrand. Ein Buch über Geheimschriften, Verschlüsselungskunst und Entzifferungskniffe fiel mir ins Auge. Ich setzte die Tüten ab, blätterte in dem Band, sah Tabellen und Aufstellungen, ich war angestoßen, durchaus, auf eine flüchtige Art fasziniert, konnte mich jedoch nicht entscheiden kehrtzumachen, in den Laden zurückzugehen und Pretzsch die drei Euro in die Hand zu drücken. Aber schon am Nachmittag rief ich ihn an und bat, mir das Verschlüsselungsbuch aufzuheben. Ich hatte schon vor dem Anruf überlegt, ob wir einen Jungen von elf, zwölf Jahren kennen, für den das Thema Geheimschriften von Interesse sein könnte. Mir fiel niemand ein, bis mir dämmerte, daß ich selbst der Junge war, den ich suchte.

SINN UND FORM 1/2021, S. 90-101, hier S. 90-93