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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-57-7


Leseprobe aus Heft 1/2021

Estis, Alexander

Keinen Roman schreiben


Keinen Roman schreiben

Die erste Voraussetzung, um keinen Roman zu schreiben, ist eine rege Phantasie. Ein Mensch mit schwacher Vorstellungskraft verfällt leicht auf die Idee, sich einen Roman ausdenken zu müssen. Das ist verständlich; so viele schreiben Romane. Unzählbar sind die Anleitungen, wie man einen Roman schreibt, keine einzige rät, wie man sich dessen enthält. Denn es gibt hierzu keinen Königsweg, keine sichere Methode. Man ist auf sich gestellt, an den Schreibtisch geworfen, vor das leere Blatt, das zum Roman verführt. Jetzt hilft es nicht, sich unterm Tisch zu verstecken; man muß die Sache mit Geist angehen. Denken muß man. Es sind schon vielbändige Monographien verfaßt, ganze Philosophien erschaffen worden aus dem Wunsch heraus, am Romanschreiben vorbeizukommen. Interessen und Berufe wurden erfunden von Menschen, die keine Romanciers sein wollten. Daß eine vielfältigere Vernunft zur Unterlassung der Romanschriftstellerei notwendig ist als zu deren Ausübung, sieht man schon daran, was alles von Menschen erdacht wurde, die keine Romane im Sinn hatten, während jene, die sich anschickten, einen Roman zu liefern, im Ergebnis eben nur immer Romane vorbrachten, und manchmal nicht einmal das.

Sodann: Wie miserabel, wie langweilig, langatmig und gleichartig sind die meisten normalen Romane; dagegen wieviel Varianten hervorragend unverfaßter Romane!

Auch an der Frist erkenne man, welches Werk das größere sei: Es mag noch so viele Jahre dauern, einen Roman abzuschließen – keinen Roman zu schreiben nimmt ein ganzes Menschenleben in Anspruch. Hier bedarf es größtmöglicher Ausdauer und Strenge des Entschlusses. Mithin: Harte Arbeit und bisweilen kräfteaufreibender Widerstand sind unabdingbar. Manch einer scheint noch zum äußersten bereit, durchwandert die Wüsten des Orients oder streift durch antarktische Eisfelder, nur der Vermeidung halber, erforscht die Grate kaukasischer Berge, setzt sich Gefahren aus, zieht in Kriege oder, noch ärger, schreibt Verse; amphibrachische, sapphische, hexametrische, alexandrinisch-heroische; schreibt poetische Prosa, Palindrome, Parabeln und Priameln – aber schreibt beileibe keine Romane! Dazu gehört ein großer Wille. Dazu gehören auch Glück und Talent; und es gibt sogar Tage und Stunden, an denen man ganz besonders dazu aufgelegt ist, als ein Genie der Enthaltung, nicht einmal daran zu denken.

SINN UND FORM 1/2021, S. 66-72, hier S. 67-68