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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-30-0


Leseprobe aus Heft 4/2016

Brecht, Bertolt

Ich, Berthold Brecht, alt: 20 Jahre

Aus dem Archiv der Akademie der Künste


Vorbemerkung

Es mag überraschen, daß Bertolt Brecht, als dessen ausgemachtes Thema die dritte Sache gilt, offenbar kaum Schwierigkeiten hatte, in der ersten Person zu sprechen. Mehr als einhundert seiner Gedichte beginnen mit dem Wort »ich«. Streicht man Texte weg, in denen ein Dienstmädchen, der Glücksgott, der Sperling, ein Grammophonbesitzer oder eine gewisse Katharina im Spital zu Wort kommen, Reden von Figuren also, bleiben immer noch etliche, wo hinter dem Ich die Person Bertolt Brecht angenommen werden kann, zumal ihnen ab und an noch sein Name eingeschrieben ist. Das berühmteste Beispiel beginnt mit der Zeile »Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern«, entstand am 26. April 1922, wurde später verändert in »Bertolt Brechts Hauspostille« aufgenommen und leistet bereits in der Überschrift einen Beitrag zur Etablierung einer Marke: »Vom armen B. B.« Ein Rollengedicht auch dieses?

Der hier erstmals gedruckte Text gehört ins Vorfeld des programmatischen »Hauspostillen«-Poems und ist doch vollkommen eigenständig zu lesen. Bislang waren zwei weitere Gedichte mit der Redefigur »Ich, Bertolt Brecht« als Auftakt bekannt: ein um 1938 entstandenes und ein weiteres, das die Berliner und Frankfurter Ausgabe auf die Jahre 1952 /53 datiert. Das nun zugängliche dürfte der erste Versuch sein, einen Text so anzufangen, es steht unverkennbar in der Nachfolge François Villons.

Brecht hat die vier unbetitelten Strophen mit Blei auf ein einmal gefaltetes A4-Blatt niedergeschrieben, von dem nur eine Hälfte gefüllt ist. Es handelt sich nicht um eine Reinschrift, sondern um einen ersten Entwurf. An mehreren Stellen überschrieb Brecht Buchstaben und Wörter; nicht alle Änderungen sind so ausgeführt, daß der neue Sinn eindeutig wäre. Das Archiv der Akademie der Künste erwarb die Handschrift von Klaus Völker, der sie in den frühen sechziger Jahren von Brechts Augsburger Jugendfreund Georg Pfanzelt, dem Orge der »Hauspostille« und Adressaten der Widmung von »Baal«, erhalten hatte. Der erfreuliche Zuwachs erreicht das Archiv in einem für die Forschung wie auch für die Institution günstigen Moment, weil die Archivdatenbank, mit der auch das von Herta Ramthun erarbeitete Bestandsverzeichnis und die Daten sämtlicher Zugänge online gegangen sind, durch kombinierbare Suchoptionen Funde ermöglicht, die früher nur besonders Glücklichen oder Fleißigen gelangen.

Das Gedicht dürfte 1918 entstanden sein. Es gibt keinen Grund, die Altersangabe im Text nicht als Zeitpunkt der Niederschrift anzusehen. Im Frühjahr 1918 entdeckte Brecht Villon für sich. In einem Brief an Caspar Neher erklärte er Anfang oder Mitte März: »Ich will ein Stück schreiben über François Villon, der im XV. Jahrhundert in der Bretagne Mörder, Straßenräuber und Balladendichter war.« Unter dem frischen Eindruck der Lektüre entstand in dieser Zeit »Die Ballade vom François Villon«, die ebenfalls Eingang in die »Hauspostille« fand. Der junge Brecht identifiziert sich mit dem Outlaw, sein Gedicht »Ich, Berthold Brecht, alt: 20 Jahre« ist eine Wunschautobiographie. Zwar war er nicht »armer Leute Kind«, wie seine Ballade es dem französischen Barden nachsagt. Brecht ist – so sagt er es in »Verjagt mit guten Grund« aus den »Svendborger Gedichten « – »aufgewachsen als Sohn / Wohlhabender Leute«, was in unserem Gedicht aufscheint in der Formulierung »ich, der ich Wohlleben gewohnt war«. Hier schlüpft einer in den Mantel eines Vorgängers, probiert dessen Haltungen aus und ahmt versuchsweise den Gestus nach. Zu einer Beschwerde, wie sie der Ältere beherrschte – »sein Testament / In dem er Dreck schenkt allen, die er kennt«, heißt es im »Sonett zur Neuausgabe des François Villon« –, scheint der Nachgeborene sich erst aufraffen zu müssen. Der Protest ist ihm nicht in die Wiege gelegt. Der Sprecher unserer Fassung weiß, daß er »noch beinah nichts vom Leben litt / eh’r wie ein rohes Ei geschont war«. Das »dennoch« am Schluß der ersten Strophe markiert den Bruch mit der Herkunft. Eine Änderung zeigt, wie Brecht diesen reflektierte: Er verschob die Zeile »ich, der ich Wohlleben gewohnt bin« in die Vergangenheit und überschrieb das letzte Wort mit »war«. Die Zeit des »Bedientwerdens« sollte als eine längst abgeschlossene verstanden werden, was auch die Wortwahl demonstriert. Hieß es am Beginn der vierten Strophe zunächst »So schreib ich denn …«, so änderte Brecht dies in »So schlag ich denn …« – und zwar die Beschwerdeschrift der Luft »in die Fresse«. Der Ton und der Gestus der »Dreigroschenoper « sind hier vorgeprägt.

[…]

Erdmut Wizisla

 

SINN UND FORM 4/2016, S. 477-481, hier S.477-478