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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-25-6


Leseprobe aus Heft 5/2015

Eich, Günter

Das Wolburg-Fragment (1945). Mit einer Vorbemerkung von Axel Vieregg


Vorbemerkung

Am 25. April 1946 schrieb Günter Eich an Karl Krolow, der ihn anscheinend um einen Prosa-Beitrag für ein »eigenes Zeitschriften-Projekt« gebeten hatte: »Ansonsten hätte ich noch einen Dramenakt aus einem aufgegebenen Stück. Schreiben Sie mir, ob es überhaupt in Frage kommt, dann würde ich es überarbeiten. (Es ist eine erste Niederschrift. Prosa. Zeithintergrund: Inflation.)« Zur Veröffentlichung und damit Überarbeitung kam es nicht. Auch wurde das Fragment, dessen Bedeutung von den Herausgebern damals nicht erkannt worden war, wie einige andere Texte auch, weder in die erste Ausgabe von Eichs Gesammelten Werken (1973) noch in die revidierte Ausgabe von 1991 aufgenommen und geriet so in Vergessenheit.

Erst beim Wiederlesen, nach der auf die Neuausgabe folgenden Debatte um Eichs Leben 1933–1945, erschloß sich mir der Stellenwert des Textes: als Wendepunkt und Neubeginn von Eichs Schaffen in der Stunde Null, die hier tatsächlich als solche erfaßt und faßbar wird. Es ist nach Eichs berühmtem und höchst konkretem Gedicht »Inventur« aus demselben Jahr eine Inventur auf einer anderen, parabelhaften Ebene: Wo war ich? Wo stehe ich? Wo will ich hin? Daß er diese Selbstbefragung auf den schwankenden Boden der Inflationszeit verlegt, ist eben jenem Schweigegebot geschuldet, das der Text zum Thema hat: Von der Gegenwart des Jahres 1945 zu sprechen und damit die »dunkle« Vergangenheit des Protagonisten als die eigene offenzulegen, war Eich nicht möglich. Wie er überhaupt sein Privatleben weitgehend abschirmte und Fragen zum Biographischen als irrelevant zurückwies. Wieviel mehr galt das für eine Zeit, in der schmerzende, wohl auch peinliche Erinnerungen frisch und die Berührungsängste groß waren – hinter der Zurückhaltung steckte auch Rücksichtnahme, wie sich zeigen wird. Dazu kommt, daß in den ersten Nachkriegsjahren eine Druckgenehmigung seitens der Alliierten nur mit dem berüchtigten »Persilschein« möglich war, in dem manches ungesagt bleiben bzw. beschönigt werden mußte. Es war Hermann Kasack, der Eich die Gefälligkeit erwies. Das Schweigen – Beschweigen und Verschweigen – wurde dann zu einem Grundkonsens der frühen Bundesrepublik.

Selbstbefragung und Schweigegebot wurden von Eich noch ein weiteres Mal zum Thema gemacht, und zwar in dem Hörspiel »Die gekaufte Prüfung« von 1950, von dem noch zu sprechen sein wird. Wieder ist der Boden, auch der moralische, schwankend. Nun sind es die Schwarzmarktjahre, und die Hauptfigur heißt noch einmal Wolburg. Eich hatte den Namen mit Bedacht gewählt: er erscheint unter seinen Vorfahren. In dem hier erstmals abgedruckten, im Manuskript unbetitelten Fragment geht es um einen Mann, dessen Vergangenheit ihn ins Gefängnis bringen könnte und der daher seine Identität aufgeben und, als vermeintlich »verlorener Sohn«, in die Haut eines anderen schlüpfen muß. Er »schämt sich« zwar seiner Lüge und / oder seiner Vergangenheit, will aber sein Möglichstes tun, um dem hehren Bild zu entsprechen, das »Vater« Fahrwasser und »Schwester« Anna von ihm haben. Er will diejenigen, die ihn »Sohn und Bruder nennen, nicht enttäuschen«. Dieser Satz wurde auf dem letzten Blatt des Manuskripts zwischen den Zeilen eingefügt. Er meint das Entscheidende: den Vorsatz, einen Neuanfang zu machen, den Versuch einer Rehabilitierung. Mit der Unterschrift, die »Wolburg« am Ende leistet, zieht er einen Schlußstrich unter seine frühere Existenz. Seine Zukunft gründet er damit allerdings auf eine Lüge, denn er weiß: »Ich kann nicht mehr zurück.«

Eichs Plan war wohl, wie die Notizen zu weiteren Akten zeigen, daß Wolburg am Ende die Wahrheit zugeben und damit zu seiner Vergangenheit stehen muß, er aber dann soweit geläutert und in »seiner« Familie angekommen ist, daß ihm verziehen wird. Die autobiographischen Züge sind nicht zu übersehen: In einer Art Wunschbiographie verschmelzen zwei Orte, zwei Familien. Zum einen der Ort von Eichs früher Kindheit, das Straßendorf Arenzhain bei Finsterwalde in der Niederlausitz, wo sein Vater einen Gutshof mit Ziegelei gepachtet hatte. Mit dem Kaleidoskop der Erinnerungsfetzen in seinem langen Gedicht »Ziegeleien zwischen 1900 und 1911« setzte Eich dieser Kindheit später ein Denkmal. Zum anderen der Ort der Niederschrift, Geisenhausen in Niederbayern, wo Eich Ende 1944 im Haus der Spenglerfamilie Schmid eine Zuflucht gefunden hatte, die ihm – nach den Jahren in der verhaßten Armee – eine beglückende Geborgenheit, eine »Familie« zurückgab. In einem Brief vom 16. Dezember 1945 an Jutta Raschke, die Frau seines Dresdner Freundes Martin, der als Kriegsberichterstatter an der Ostfront umgekommen war, liest sich das so: »Als die Entlassungen begannen, wählte ich Geisenhausen. Wohin sollte ich? Ich wußte von niemandem. So bin ich nun seit Anfang Juli wieder bei Schmids, wie vordem als Soldat. (…) Frau Schmid, eine Witwe mit sechs Kindern, ist eine fromme Frau von unbeschreiblicher Gutmütigkeit. Ich werde wie ein Sohn behandelt.« Unter diesen sechs Kindern war auch eine Anna, die der Anna im Fragment ihren Namen gegeben haben mag.

In seiner umfassenden Studie »Am Rande der Welt. Günter Eich in Geisenhausen 1944–1954« zeichnet Roland Berbig ein Bild dieses ungewöhnlichen Zusammenlebens. Er kann zeigen, wie Eich in dieser seinen Erfahrungen in der Großstadt Berlin, beim NS-Rundfunk und in der Armee so völlig entgegengesetzten Umwelt »Lebensfreude« und damit auch die Schaffensfreude zurückgewann. Auch diesem Ort setzt Eich ein Denkmal im Gedicht. Den ersten Entwurf von »Geisenhausen« legte er auf einem unpaginierten Blatt dem Wolburg-Fragment bei und unterstrich so noch einmal, daß beides zusammengehört:

Das Gras auf dem Turmgesimse
erzittert beim Glockenschlag
Der Zeiger der Uhr läuft schneller
unter dem Dohlengewicht.

Das Fragment ist bisher übersehen und daher auch nirgends ausgewertet worden. Somit fehlte ein aufschlußreiches Zwischenglied in einer ganzen Reihe von Selbstbefragungen Eichs, das für eine stimmigere Deutung späterer Texte Beweiskraft hat. In dem Fragment hatte er keine Lösung für Wolburgs Gewissensqualen gefunden, eine Absolution, die er für den späteren Verlauf geplant haben könnte, bleibt aus. Zwei Jahre später greift Eich die Figur wieder auf. In einem Brief an Jürgen Eggebrecht schreibt er 1947: »bin eben über einem ausgewachsenen [Hörspiel] (ein Zeit- und Schwarzhandelsthema)«, brauchte dann aber noch einmal zwei Jahre, um es abzuschließen. Nur ist aus dem an »Günter« anklingenden Namen Walter Wolburg nun ein Martin Wolburg geworden. Scham und Gewissensqualen sind geblieben, ebenso das Schweigen als Option.

»In Zeiten, in denen es uns gut geht, sind gewisse Grundsituationen, in denen der Mensch über sich selbst zu Gericht sitzt, rar geworden«, heißt es in der Vorbemerkung zu dem Ende 1949 überarbeiteten Hörspiel »Die gekaufte Prüfung«. Mit ihm beginnt, einige Kindersendungen nicht eingerechnet, die Reihe der großen Hörspiele, die Eich nach dem Krieg berühmt machten. Und es steht nicht von ungefähr am Anfang: Das Hörspiel schildert die Situation des Studienrates Martin Wolburg, der – um in Hungerzeiten mit seiner Familie zu überleben – käuflich geworden ist und einem schwachen Schüler zum Abitur verhilft, der ihn mit Schwarzmarktwaren besticht. Der erste Tag des neuen Schuljahrs bricht an, in seinen Alpträumen fühlt sich Wolburg moralisch verurteilt, im Wachen gesteht er, daß er »etwas zu bereuen« habe, und meint: »Vielleicht werde ich rot vor Scham, wenn ich vor der Klasse stehe«. Eich läßt offen, wie er sich verhalten sollte: schweigen und weiterarbeiten oder die Schuld öffentlich eingestehen und damit in Schimpf und Schande aus dem Beruf ausscheiden. Statt dessen forderte er den Zuhörer auf, er selbst solle »wie ein Richter das Urteil sprechen«. Die Hörer – einige tausend Zuschriften! – erteilten Wolburg die Absolution.

Roland Berbig kann berichten, daß Eich, ehe er das Hörspiel an den Rundfunk schickte, die Familie Schmid befragte. Es ist nicht überliefert, wie der »Testlauf« ausging, doch es zeugt schon von der subtilen und verschmitzten Hintergründigkeit, die sein späteres Werk kennzeichnet, daß er ein wohlwollendes Urteil über Martin Wolburg ausgerechnet von denen erhoffte, die er als Walter Wolburg »nicht enttäuschen« wollte.

Eichs »Vorbemerkung« schließt mit den Worten: »Die Situation unsres Hörspiels aber, so alltäglich sie damals gewesen sein mag, hat Gewicht und verweist auf Fragen, mit denen wir noch nicht fertig geworden sind.« [Hervorhebung A. V.] Noch nicht fertig geworden war er auch mit der Frage nach der Schuld. Er wurde nie damit fertig, denn sie verjährt nicht: »Geschichte gilt nicht, / wir wollen schuldig bleiben«, schrieb er in dem späten Gedicht »Sklaveninsel« für den Band »Nelly Sachs zu Ehren«. Und in seinem Alptraum hört Martin Wolburg: »Der Angeklagte verdient den strengsten Spruch. Er wird verurteilt, weiter zu leben.« Nämlich mit der Schuld.

Es ist – jenseits aller Kollektivschuld und Kollektivscham – auch die Frage nach dem, was Eich als seine eigene Schuld und Scham empfand. Denn nur vordergründig geht es in »Die gekaufte Prüfung« um die Schwarzmarktzeit, ebenso wie es in dem Wolburg-Fragment nur vordergründig um die Inflationszeit ging. Worum es vor allem geht, ist Eichs Mitwirken im Rundfunk der NS-Zeit, speziell bei der weitaus beliebtesten, bekanntesten und mit 75 Sendungen umfangreichsten Funkserie des Dritten Reiches, dem »Deutschen Kalender. Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten«, die von 1933 bis 1940 zur besten Sendezeit lief. Brauchtum, Volkstum, Volksgemeinschaft – Hans-Ulrich Wagner charakterisiert die Reihe in einer äußerst kritischen Untersuchung wie folgt: »Die KWL-Sendungen sind ein Aushängeschild des NS-Rundfunks: sie preisen eine völkische Ideologie«, und zitiert aus einer Rundfunkzeitschrift vom April 1940: »So wandert der ›Landbote‹ auch im Krieg weiter durchs Funkland und führt die Städter zur völkischen Urheimat – zum Acker und zum Bauern«. (Wagner, »›Der Weg in ein sinnhaftes, volkhaftes Leben‹. Die Rundfunkarbeiten von Martin Raschke«, in: Wilhelm Haefs, Walter Schmitz, Hgg.: »Martin Raschke (1905–1943) Leben und Werk«. Dresden 2002) Der Ende 1939 als Funker und Fahrer zur Luftwaffe eingezogene Eich war an den letzten Sendungen nicht mehr beteiligt.

Wie sehr Eich den Vorgaben der NS-Rundfunkoberen folgen mußte, aber auch, wie widerwillig er es tat, zeigen seine Briefe aus dieser Zeit. Am 25. November 1933 schrieb er an seinen Freund Adolf Artur ("Addi«) Kuhnert: »Den Königswusterh. Landboten mache ich übrigens mit Martin zusammen. Ich habe es schon so satt – aber bei diesen Zeiten.« Im selben Brief schreibt er, warum er trotzdem die Arbeit fortsetzt: »Oh diese verfluchte Villa an der Ostsee!« Unüberhörbar die Ironie: Es war nur ein bescheidenes Holzhaus mit Grundstück an der Pommerschen Küste, finanziell aber war es eine Falle.

Martin, das war Martin Raschke, der schon genannte Dresdner Freund und Herausgeber der kurzlebigen (1929–1932) »Zeitung der Jungen Gruppe Dresden«, später »Die Kolonne. Zeitschrift für Dichtung«, die zahlreichen jungen Autoren wie Peter Huchel, Horst Lange, Elisabeth Langgässer, Theodor Kramer und auch Eich ein Forum geboten hatte. Mit ihm wechselte sich Eich Monat um Monat bei der Arbeit am Landboten ab. Raschke kaufte sich von seinem Honorar später eine Biedermeier-Villa in bester Hanglage in Dresden-Loschwitz. Man geht wohl nicht fehl, wenn man in »Martin Wolburg« die Verschmelzung von Raschke und Eich zu einer Figur sieht, wenn also der Sündenfall des Käuflichwerdens nur parabelhaft am Beispiel des Studienrates verhandelt wird. Was dahinter aufscheint, ist die Abhängigkeit beider Autoren von einem Geldgeber, von dem Eich sich innerlich zunehmend distanzierte, dem Raschke aber bis zu seinem Ende auch ideologisch verpflichtet blieb. Wenn Wolburg sich fragt, ob er noch einmal vor seine Klasse treten könne, ohne »rot vor Scham« zu werden, so vernimmt man darin auch Eichs Frage, ob er noch einmal ohne Scham vor seine Leser / Hörer treten dürfe.

Nicht zu bezweifeln ist, daß er mit seiner Stellung im NS-Rundfunk haderte. So schreibt er am 18. Juni 1936 an Kuhnert: »Ich sehe ein, daß meine Bemühungen ein Schriftsteller zu sein, d. h. ein brauchbares Glied der menschlichen Gemeinschaft, vergeblich sind. Ich meine nicht des Geldes oder des Erfolges wegen – das habe ich ja beides bis zu einem gewissen Grade gehabt und kann es weiter haben. Aber ich werde nie und nimmer glücklich sein in dieser Rolle, das Verbogene in diesem Lebenszustand hält mich ewig in schlechtem Gewissen.« [Hervorhebung A. V.] In seinem im selben Jahr entstandenen Hörspiel »Radium« gibt er diesem schlechten Gewissen in der Figur des Chabanais (nach dem 1946 geschlossenen Pariser Bordell) Gestalt, der sich als »Hausdichter« und »Reklamemann « bei einem verbrecherischen, mit Radium spekulierenden Unternehmen verdingt. Wird Martin Wolburg wegen seiner hungernden Familie käuflich, so Chabanais wegen der teuren Behandlung seiner krebskranken Frau. Das Radium, das als Therapiemittel zunächst segensreich schien, wird jedoch zum Fluch, als sich seine tödliche Wirkung auf die ahnungslos mit ihm umgehenden Arbeiterinnen herausstellt. Eine schreckliche Ernüchterung erfaßt ihn: »Ja, die Kälte kriecht mir ins Herz, der eisige Zweifel, ob es das Göttliche war, wofür ich schrieb.«

Wie es möglich war, daß dieses so mutige Hörspiel ("daß keiner vergißt, wie die Welt voll Sünde und Bosheit ist«) im September 1937 vom Reichssender Berlin ausgestrahlt werden konnte, bleibt ein Rätsel. Jeder für Zwischentöne empfängliche Hörer muß die Parallelen zum Regime gespürt haben. Vielleicht gab es deswegen auch keine Wiederholung, obwohl sie vorgesehen war. Chabanais flieht in den afrikanischen Urwald. Eich bleibt in Berlin und begibt sich, da er wegen einer Wohnung im »Alten Westen« »horrende Schulden« hat (an Kuhnert, 21. April 1937), erneut in die verwünschte Abhängigkeit. Mit dem von der NS-Presse hochgelobten anti-englischen Propaganda-Hörspiel »Rebellion in der Goldstadt« von 1940 beendete Eich seine erste Rundfunkkarriere. Er war nicht stolz darauf.

Hat er nun geschwiegen, wie es das Wolburg-Fragment und »Die gekaufte Prüfung« nahezulegen scheinen? Ilse Aichinger, seine Frau, kleidete Eichs Scheu vor seiner Vergangenheit in ein Paradox:

»Aber er erzählte wenig. Auch was er seinen Kindern berichtete – von seiner frühen Zeit, von seinen Reisen, sollte sie nicht unsicher machen. Möglicherweise hörten sie diesen Erzählungen deshalb um so lieber zu, weil er nicht von ihnen verlangte, ihm zu glauben. Im Sinne der Gedichtzeile ›Alle wissen, daß Mexiko ein erfundenes Land ist‹. So kommt das Wissen wieder ins Spiel. Und die Möglichkeit, ihm zu entgehen.« ("Was ich weiß«. Eröffnungsgruß zur Potsdamer Günter-Eich-Ausstellung, Der Tagesspiegel, 28. März 2000)

Offen hat er nie gesprochen, sich statt dessen in »Erzählungen« versteckt. So hat er seine Rolle im NS-Rundfunk stets heruntergespielt und in einer autobiographischen Notiz von 1946/47 die Jahre zwischen 1932 und 1939 schlicht ausgelassen. Gerade sie aber werden zum Resonanzboden seines Nachkriegswerks. Verführbarkeit und Schuldigwerden, oder Schuld und Leiden anderer auf sich zu nehmen, um sie zu teilen oder zu mildern, Sühnen und Dienen sind die immer wieder variierten Themen seiner Hörspiele nach dem Krieg. Und so offenbart er sich doch – in Gleichnissen, die nun allerdings in hohem Maße »unsicher machen«, einem den vertrauten Boden unter den Füßen wegziehen: sei es im Persönlichkeitstausch der reichen Ellen mit der armen Camilla in »Die Andere und Ich« (1951), sei es in der die Schuld auf sich nehmenden Spiegelfigur des Idealisten, der den Verlockungen des Geldes erliegt ("Zinngeschrei«, 1955), sei es im Dienst an den Leprösen in »Das Jahr Lazertis« (1953) oder im Teilen des Leidens der Verdammten in »Festianus, Märtyrer« (1958). »Radium« war das Vorspiel, mit »Die gekaufte Prüfung« beginnt eine exemplarische Trauerarbeit. Nur weil er an sich selbst die »Grundsituation« erfahren hatte, »in der der Mensch über sich selbst zu Gericht sitzt« und sein Schuldigwerden reflektiert, konnte Eich jene Gestalten schaffen, die seinen Nachkriegsruhm begründen. Erst aus der Einsicht heraus, daß er mit seinen mehr als 160 Rundfunkarbeiten das »Dritte Reich« gestützt hatte, gewann Eichs berühmte Forderung: »Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt« ihre beschwörende Kraft. Der Schritt vom frühen zum reifen Eich vollzieht sich symbolisch im Wolburg-Fragment.

Axel Vieregg

 

Heinrich Fahrwasser, Ziegeleibesitzer
Richard, sein Sohn
Anna, seine Tochter
Walter Wolburg
Paul Kuntschaft, Faktotum
Wilhelm Nowak, Gutsbesitzer

Die Handlung spielt im Jahre 1923 in der Mark Brandenburg

Portier
Kellner
Dame

Begonnen am 30. Oktober 1945

 

1. SZENE

(Vorraum eines kleinen Hotels. Portier über Bücher gebeugt. Kuntschaft in einem Sessel schlafend.)

PORTIER: Sechzig Millionen Mark Trinkgeld an einem Abend und man soll Vertrauen in die Welt haben! Wo geht das hin? Das geht in die Hölle gradewegs. Und der da schläft. Der schläft, während die Welt zur Hölle fährt! Wie kann man da schlafen! He! He!
KUNTSCHAFT (verschlafen): Ja was, was ist. Ist er gekommen?
PORTIER (betroffen): Er ist nicht gekommen, das ist es. Er ist nicht gekommen und die Welt bleibt verdammt.
KUNTSCHAFT: Wovon reden Sie? Ich meine Herrn Fahrwasser von Zimmer 12!
PORTIER: Die Welt geht unter und Sie meinen Herrn Fahrwasser von Zimmer 12. Die Menschen sind sonderbar.
KUNTSCHAFT: Ich meine, ob er schon zurückgekommen ist?
PORTIER: Niemand ist gekommen.
KUNTSCHAFT: Wecken Sie mich bitte, wenn er kommt. Ich bin müde.
PORTIER: Ich wundere mich immer, daß man in einer solchen Zeit schlafen kann. Ich kann nicht schlafen.
KUNTSCHAFT: Ich bin seit 24 Stunden unterwegs. Und es ist nachts um zwei.
PORTIER: Ich fürchte immer, daß mir die Posaune das Trommelfell zerreißt mitten im Schlaf.
KUNTSCHAFT: Davor habe ich keine Angst. Ich war Militärmusiker.
PORTIER: Außerdem: Ich habe es Ihnen schon gesagt. Sie dürfen da nicht schlafen. Das geht über meine Befugnisse. Ich bin Portier, nichts weiter.
KUNTSCHAFT: Wenn die Welt untergeht, kommt es auf die Befugnisse nicht mehr an.
PORTIER: Also glauben Sie es auch, daß sie untergeht! Die Zeichen sind zu deutlich. Allein dies: 60 Millionen Mark Trinkgeld an einem Abend!
KUNTSCHAFT: Das ist die Inflation. Es steht in der Zeitung. Das hat nichts mit Herrn Jesus zu tun. Morgen früh können Sie sich ein Brötchen kaufen für Ihre 60 Millionen.
PORTIER: Und sollten das keine Zeichen sein? Sie sehen zu wenig in den Himmel. Tagsüber in den Wolken sind schon besondere Figuren und die Sonne geht unter phosphorgrün oder violett. Mir fällt es auf die Brust wie mit Zentnern, daß wir soviel Zeit versäumen. Wachet, spricht der Herr, denn die Seele sündigt im Schlaf.
KUNTSCHAFT (seufzend): Er hat es mit seinem Geschwätz erreicht, daß ich munter werde.
PORTIER: Geschwätz! Wie können Sie sagen »Geschwätz«! Wer sind Sie, daß Sie das sagen dürfen!
KUNTSCHAFT (verbeugt sich): Paul Kuntschaft aus Arenzhain, Kreis Calau, Niederlausitz.
PORTIER: Nichts sind Sie. Ein Sünder sind Sie wie wir alle, Sie und ich und Herr Fahrwasser.
KUNTSCHAFT: Herr Fahrwasser – was wissen Sie von Herrn Fahrwasser?
PORTIER: Ich weiß, daß er ein Sünder ist! Oder was halten Sie davon, daß jemand das Mittagessen als Frühstück nimmt, wie? Was noch am meisten wie Arbeit aussieht, ist, daß er am Nachmittag auf den Straßen herumläuft und die Leute angafft. Aber sowie es dunkel wird, dann hat er seine liebste Beschäftigung gefunden – ich weiß nicht, in was für Spelunken er herumsitzt, aber wenn er ins Hotel kommt, um Mitternacht oder gegen Morgen, dann riecht das ganze Treppenhaus nach Schnaps, daß ich den Ventilator anstellen muß. Was denken Sie, was das Strom kostet!
KUNTSCHAFT: Es hat aber den Vorteil, daß man die Liederlichkeit in Kilowattstunden ausdrücken kann.
PORTIER: Ein alter Mann und so dem Trunk verfallen! Wo hat er das Geld her? Ziegeleibesitzer, heißt der Eintrag. Brennt er die Taler aus Lehm? Täte er nicht besser heimgehen an seinen Ziegelofen?
KUNTSCHAFT: Sie haben einen Portiersverstand, der reicht nicht für alles aus. Herr Fahrwasser ein Säufer, eine Idee zum Einrahmen! Wenn in Arenzhain jemand ein Säufer ist, dann bin ichs!
PORTIER: Dann ist es also die Großstadt, die verträgt nicht jeder. Er hätte zu-hause bleiben sollen.
KUNTSCHAFT: Denken Sie, er ist zum Vergnügen in Berlin?
PORTIER: Natürlich denke ich das. Ich habe noch nicht bemerkt, daß er arbeitet.
KUNTSCHAFT: Ihre Beschränktheit bringt mich in Wut, Herr.
PORTIER: Seine Arbeit ist die Ziegelei. Wer besorgt denn die Ziegelei?
KUNTSCHAFT: Ich zum Beispiel, wenn Herr Fahrwasser nicht da ist. Gewiß, manchmal ist er wochenlang weg, wenn er eine Spur hat.
PORTIER: Eine Spur.
KUNTSCHAFT: Ja, eine Spur. Eine Spur von seinem Sohn. Er sucht seinen Sohn, wenn Sie es wissen wollen. Es ist kein Geheimnis.
PORTIER: Wo hat er ihn verloren? War er im Krieg?
KUNTSCHAFT: Davongelaufen ist er, als er noch ein Junge war. Sicherlich wird er im Krieg gewesen sein. Was weiß ich!
PORTIER: Aber jedenfalls lebt er, das weiß Herr Fahrwasser, nicht wahr?
KUNTSCHAFT: Garnichts weiß er. Und ich bin sicher, daß Richard längst tot ist. Alle glauben das, nur Herr Fahrwasser nicht. Aber er hängt so daran, man darf ihm den Glauben nicht nehmen.
PORTIER: Das müßte ja schon über zehn Jahre her sein.
KUNTSCHAFT: Es dürften bald zwanzig sein.
PORTIER: Mein Gott, der arme Herr Fahrwasser! Ich habe den Splitter in seinem Auge gesehen. Ich schäme mich. Kann ich nichts für ihn tun?
KUNTSCHAFT: Sie werden seinen Sohn auch nicht finden.
PORTIER: Ich weiß es. Er wird Hunger haben, wenn er kommt. Ich stelle ihm ein kaltes Geflügel aufs Zimmer. Ja, das tue ich. Er soll eine Freude haben. Und ich tue eine gute Tat und hoble damit meinen Balken kleiner.
KUNTSCHAFT: Hobeln Sie sich lieber das Brett vorm Kopf ab! – Aber es ist et-was Wahres dran an seinem Geschwätz. Wir versäumen die Zeit, Herr Fahrwasser, wir versäumen die Zeit! (Er geht auf und ab.) (Fahrwasser tritt durch die Eingangstür.)
KUNTSCHAFT: Herr Fahrwasser!
FAHRWASSER: Geh, ich will dich nicht sehen.
KUNTSCHAFT: Herr Fahrwasser, Ihre Tochter schickt mich.
FAHRWASSER: Ich will nicht, hörst du! Was schert mich meine Tochter! Biete mir meinen Sohn als Tausch für sie! Ich gebe sie dreimal her!
KUNTSCHAFT: Das heißt einen Engel verfluchen.
FAHRWASSER: Was scheren mich Engel! Meinen Sohn will ich, nichts weiter!
KUNTSCHAFT: Gut, suchen Sie weiter nach Ihrem Sohn, wenn Sie die Mittel dafür aufbringen. Der Zahlungsbefehl von Ihrem Freund Nowak ist da.
FAHRWASSER: Nowak, einen Zahlungsbefehl? Das ist nicht ernst gemeint.
KUNTSCHAFT: Sie können sich jetzt schon ausrechnen, wann die Ziegelei versteigert wird.
FAHRWASSER: Es gibt ein einfaches Mittel dagegen.
KUNTSCHAFT: Sie wissen, daß Anna Nowak nie heiraten wird.
FAHRWASSER: Es ist ihre Sache. Ich mische mich nicht herein.
KUNTSCHAFT: Aber es wäre Ihnen recht, wenn sich Ihre Tochter verkaufte.
FAHRWASSER: Es ist mir gleichgültig.
KUNTSCHAFT: Herr Fahrwasser, alle Schwierigkeiten ließen sich leicht beheben. Wenn Sie dawären und dablieben, gäbe Ihnen der oder jener einen Kredit und Sie könnten Herrn Nowak befriedigen. Die Ziegelei kann das tragen, wenn Sie da sind. Es fehlt dem Betrieb der Kopf.
FAHRWASSER: Ich bin aber nicht mehr da und ich will auch nicht mehr da sein, wenn ich ohne meinen Sohn bin.
KUNTSCHAFT: Ihr Besitztum geht zugrunde, Herr Fahrwasser.
FAHRWASSER: Laß es zugrunde gehen, ich brauche keinen Besitz! Ich bin es müde.
KUNTSCHAFT: Aber Sie brauchen Geld, um Ihren Sohn zu suchen. Wenn Sie die Ziegelei verlieren, fehlen Ihnen die Mittel.
FAHRWASSER: Ich kann auch als Bettler meinen Sohn suchen.
KUNTSCHAFT: Und wenn Sie ihn finden, was wollen Sie ihm geben?
FAHRWASSER: Erst muß ich ihn finden, und wenn darüber alles zugrunde geht. Ich gehe nicht mehr unverrichteter Dinge zurück wie so oft. Ich bin es leid, ich will nicht mehr. Und wenn ich darüber zum Bettler werde und meine Tochter zur Hure, ich will nicht mehr, hörst du, ich will nicht mehr! Gib dir keine Mühe, Paul, du machst mich nicht weich. Paul, ich bin müde, grenzenlos müde! (Er geht die Treppe hinauf.)
KUNTSCHAFT: Herr Fahrwasser!
PORTIER (der herabkommt): Gute Nacht, Herr Fahrwasser. Und wenn Sie noch Hunger haben – ich habe Ihnen ein Nachtmahl auf den Tisch gestellt. Ein Hühnerbein, delikat, zart! Schlafen Sie gut!
FAHRWASSER (entfernt): Gute Nacht.
PORTIER: Nun?
KUNTSCHAFT: Gut, er wird seinen Sohn bekommen. Bis morgen früh hat er ihn.
PORTIER: Tatsächlich? Wie mich das freut. War die Spur richtig?
KUNTSCHAFT: Herr Fahrwasser hat die Sache nur falsch angepackt. Das liegt daran, weil er zu wenig über der Sache steht. Sehen Sie, bei mir liegt das ganz anders! Du lieber Gott – daß ich nicht eher daran gedacht habe! (Er geht hinaus.)
PORTIER: Wohin denn jetzt mitten in der Nacht?

(Vorhang)

ZWEITE SZENE

(Bar von schäbiger Eleganz. Im Vordergrund Tische in abgeteilten Kabinen. Musik und Tanz, die eben enden. Richard und eine ältere Dame nehmen an einem Tisch im Vordergrund Platz.)

DAME: Ah, mir wird vom Tango immer ganz heiß.
RICHARD: Aber Liebling, so ein ruhiger, gemessener Tanz!
DAME: Und wenn du Liebling sagst, wird mir noch heißer. Nicht der Tanz ist daran schuld. (Sie trinken) Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, heute böse mit dir zu sein.
RICHARD: Aber warum, um Himmels willen?
DAME: Ist das eine Art, daß ich Mauerblümchen sein muß? Habe ich dich jemals schlecht bezahlt?
RICHARD: Wie? Hat sich keiner meiner sechs Kollegen deiner angenommen?
DAME: Kollegen! Du weißt, daß ich nur mit dir tanzen will!
RICHARD: Entschuldige, aber dieser – dieser Herr ließ mich nicht los.
DAME: Er hatte ja einen prächtigen Vollbart. (Sie lacht) Zu komisch sah er aus.
RICHARD: Er drückte mir dies in die Hand.
DAME: Ein veritables Goldstück.
RICHARD: Damit ich ihm helfe, seinen Sohn zu finden.
DAME: Seinen Sohn? Das ist ja zu komisch.
RICHARD: Er hat ihn mir genau beschrieben. Aber die Beschreibung war völlig veraltet.
DAME: Wieso? Woher weißt du das?
RICHARD: Trotzdem hat er eine gute Nase gehabt, als er sich an mich wandte. Ich hätte ihm etwas sagen können, aber ich hatte keine Lust dazu.
DAME: Du kennst also diesen verlorenen Sohn wirklich?
RICHARD: In der Tat, ein bemerkenswerter Zufall. Prost! Es war nämlich mein Vater, und ich bin selber dieser verlorene Sohn. (Die Musik beginnt. Er erhebt sich und verbeugt sich leicht vor ihr. Sie gehen zur Tanzfläche ab.) (Kuntschaft kommt herein und setzt sich an einen anderen Tisch. Ein Kellner kommt.)
KELLNER: Wünschen der Herr Sekt oder Wein?
KUNTSCHAFT: Kognak.
KELLNER: Ein Kognak, bitte sehr!
KUNTSCHAFT: Nicht ein Kognak, sondern eine Flasche Kognak.
KELLNER: Erwarten der Herr noch jemand?
KUNTSCHAFT: Meinen Sie, ich schaffe die Flasche nicht allein? Aber Moment, eigentlich erwarte ich wirklich noch jemanden. Bringen Sie gleich zwei Gläser.
KELLNER: Eine Flasche Kognak mit zwei Gläsern, sehr wohl, mein Herr. (Ab)
KUNTSCHAFT: So, nun wollen wir mal sehen, was sich machen läßt! (Er sieht sich um und summt die Melodie der Musik mit. Ein zerlumpter Mann [Walter Wolburg] tritt ein und auf Kuntschaft zu.)
WOLBURG: Streichhölzer! Heftpflaster!
KUNTSCHAFT: Nein, danke! (Der Kellner bringt das Getränk. Wolburg wendet sich in den Hintergrund.)
KELLNER: He, Sie! Hier dürfen Sie nichts verkaufen.
WOLBURG: Nur etwas Heftpflaster und Streichhölzer wollte ich –
KELLNER: Nichts da! Machen Sie, daß Sie herauskommen. Was wäre denn das für ein Betrieb, wenn hier alles Gesindel hereinkommen und die Gäste belästigen dürfte. Raus! Ihr Anblick schädigt das Geschäft. (Wolburg wendet sich zum Gehen.)
KUNTSCHAFT: Halt! Sie, junger Mann! Kommen Sie doch mal her! (Zum Kellner:) Das ist nämlich der Herr, den ich erwarte. (Zu Wolburg:) Setzen Sie sich!
KELLNER (geht kopfschüttelnd ab): Solches Publikum verkehrte hier früher nicht.
KUNTSCHAFT (schenkt ein): Trinken Sie, junger Mann!
WOLBURG: Vielen Dank! (Sie trinken)
KUNTSCHAFT: Und jetzt gestatten Sie, daß ich Sie ausfrage: Wie alt sind Sie?
WOLBURG: 28.
KUNTSCHAFT: Vier Jahre zu jung. Aber das macht nichts. Haben Sie Angehörige, Eltern, Frau, Kinder?
WOLBURG: Nein, meine Eltern sind tot, ich war das einzige Kind. Verheiratet bin ich auch nicht, Verwandte – (Er zuckt die Schultern.) Sonst noch Wünsche, Herr Kriminalkommissar?
KUNTSCHAFT: Ausgezeichnet, daß Sie keine Angehörigen haben, ausgezeichnet!
WOLBURG: Ich finde das durchaus nicht ausgezeichnet.
KUNTSCHAFT: Beruhigen Sie sich. Sie kriegen welche.
WOLBURG: Sie sprechen in Rätseln.
KUNTSCHAFT: Waren Sie im Krieg? Erzählen Sie ein bißchen von sich! Trinken Sie?
WOLBURG: Da ist nicht viel zu erzählen. Ich komme aus Berlin. 1914 hatte ich mein Abitur gemacht, mein erstes Semester Philosophie hinter mir, als der Krieg ausbrach.
KUNTSCHAFT: Mein Gott, da sind Sie ja ein gebildeter Mensch!
WOLBURG: Ich wurde eingezogen, war erst im Westen, dann im Osten, wurde gefangen genommen und war bis vor einem Jahr in Sibirien.
KUNTSCHAFT: Da ist es wohl sehr kalt, wie?
WOLBURG: Ach, es geht. Aber freiwillig geht da keiner hin.
KUNTSCHAFT: Und als Sie zurückkamen?
WOLBURG: Waren die Eltern tot und zum Studium hatte ich kein Geld und in Sibirien hatte ich nichts gelernt als Sand und Steine karren. Und als ungelernter Arbeiter finde ich in Deutschland nur tage- oder wochenweise Beschäftigung.
KUNTSCHAFT: Und jetzt leben Sie –
WOLBURG: Vom Verkauf von Streichhölzern, Heftpflaster und diskreteren Dingen.
KUNTSCHAFT: Hören Sie mal: Sie sind der Mann, den ich brauche. Sie möchten vorwärtskommen, Sie möchten eine Lebensstellung. Ich könnte Ihnen etwas verschaffen.
WOLBURG: Sehr schön. Aber was für Fähigkeiten muß ich haben?
KUNTSCHAFT: Gar keine.
WOLBURG: Das scheint das Passende für mich zu sein.
KUNTSCHAFT: Sie müssen nur mit Überzeugung lügen können.
WOLBURG: Wenn es sein muß, opfere ich meine moralischen Hemmungen.
KUNTSCHAFT: Sehr löblich. Wenigstens für den Anfang. Es handelt sich um Folgendes: Sie heißen von heute ab Richard Fahrwasser. (Die Musik hat inzwischen geendet. Richard und die Dame kehren an den Nebentisch zurück.)
RICHARD: Vielleicht wäre etwas Besseres aus mir geworden, wenn ich Henkelohren gehabt hätte, Triefaugen und einen schlechten Mundgeruch.
DAME (bricht in Gelächter aus.)
KUNTSCHAFT: Wissen Sie was, wir werden woanders hingehen, wo wir ungestört sind.
WOLBURG: Bitte sehr, mir ist ein Ort so unsympathisch wie der andere.
KUNTSCHAFT: Ober, zahlen! (Während des Folgenden kassiert der Kellner und verläßt später mit Kuntschaft und Wolburg die Bühne.)
RICHARD: Ich will damit aber nicht etwa sagen, daß mir das Bessere besser gefiele. Nur in den Augen der richtenden Welt bin ich ein verlorener Sohn. Ich selbst komme mir vor, als hätte ich die Schlacht gewonnen.
DAME: Bravo: Moral ist nur für die Dummen.
RICHARD: Für die auch. Aber es gibt merkwürdiger Weise heute auch kluge Menschen, die nicht über die Moral hinauskommen. Meine Gnädigste, ich habe einen furchtbaren Verdacht.
DAME: So philosophisch heute! –
WOLBURG: Das nennt er Philosophie. Aber eigentlich bin ich auch nicht weiter gekommen. (Kuntschaft, der die angebrochene Flasche Kognak eingesteckt hat, und Wolburg gehen ab.)
DAME: Wollten die was von uns?
RICHARD: Nein.
DAME: Und was ist Ihr Verdacht?
RICHARD: Daß all diese Leute mit Moral Henkelohren haben oder irgendwas, was schlecht riecht. Übrigens; falls ich es Ihnen noch nicht gesagt habe: Ihr Parfüm ist bezaubernd.

(Vorhang)

DRITTE SZENE

(Hotelzimmer. Fahrwasser vorm Spiegel, wäscht sich.)

FAHRWASSER (Beim Abtrocknen, innehaltend): Guten Morgen, Herr Fahrwasser! Wünsche, wohl geruht zu haben. – Wenn ich Sie so ansehe, kommen Sie mir recht unbekannt vor, als wenn ich Sie zum ersten Mal erblickte. Alt sind Sie geworden, Herr Fahrwasser, zwanzig Jahre älter. Zuletzt sah ich Sie – wann war es? – in Elisas sterbenden Augen: Es war ein Spiegel, der mich besser machte. Jetzt bleicht das Haar über dem Schädel wie Gras auf einem Boden, der unfruchtbar ist. Die Gedanken wie Engerlinge, sie kriechen nie aus. Wie verwunderlich, daß das alles noch lebt, diese Hände, diese Füße, während es doch schon verwest seit zwanzig Jahren. Das Sterben ist nur eine Beglaubigung von Amts wegen. Und doch, Herr Fahrwasser, es könnte eine Wiedergeburt geben. Die Larven kriechen aus, und sie haben Flügel, das tägliche Licht ist strahlender in den blinden Augen – Wiedergeburt, Wiedergeburt – (Er seufzt. Er zieht sein Jackett an. Es klopft. Er überhört es. Es klopft wieder, dann tritt Kuntschaft ein.)
FAHRWASSER: Ich habe dir doch gesagt –
KUNTSCHAFT: Der Zug geht um 9 Uhr 15.
FAHRWASSER: Dann mußt du dich beeilen.
KUNTSCHAFT: Ich sehe, Sie sind auch schon bereit.
FAHRWASSER: Sage Anna und Nowak einen schönen Gruß, und sie haben meinen Segen.
KUNTSCHAFT (gähnt): Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen. Berlin, die Großstadt – ich bin in die Mexiko-Bar gegangen. Da sind Sie wohl auch öfter?
FAHRWASSER: Schon möglich.
KUNTSCHAFT (kichert): Der Treffpunkt der Landwirte. Es ist, als wenn man in Arenzhain wäre.
FAHRWASSER: Wieso?
KUNTSCHAFT: Ihren Sohn Richard habe ich auch dort getroffen.
FAHRWASSER (nach einer Pause): Wenn du mich verhöhnen willst.
KUNTSCHAFT: Ich habe ihn gleich mitgebracht. Richard! Komm herein! (Wolburg tritt ein) (Fahrwasser bleibt sekundenlang unfähig, sich zu rühren. Dann stürzt er mit einem tierischen Laut auf Wolburg zu und preßt ihn mit wilder Zärtlichkeit an sich.)
FAHRWASSER: Nein, du sollst dich nicht schämen, mein Sohn, du sollst dich nicht schämen. Ich bins, der sich schämen muß.
WOLBURG: Doch ich schäme mich.
FAHRWASSER: Ich frage dich nach nichts, du bist wieder da, du bist mein Sohn, du warst immer mein Sohn.
WOLBURG: Ich schäme mich, Herr Fahrwasser – (Kuntschaft macht empört Zeichen.)
FAHRWASSER: Du kennst mich nicht mehr. Ich bin dein Vater. Hörst du, dein Vater! Sage das: Vater.
WOLBURG: Ich muß es erst lernen, wie ein Kind.
FAHRWASSER: Va-ter. (Kuntschaft macht ermunternde Zeichen)
WOLBURG: Va-ter.
FAHRWASSER (glücklich): Ja, du bist mein Kind. Ich brauche deinen Namen nicht zu lernen, ich habe ihn jede Nacht vor mich hin gesprochen: Richard, Richard.
KUNTSCHAFT: Der Zug geht 9 Uhr 15.
FAHRWASSER: Ich hätte dich nicht erkannt. Als ich dich das letzte Mal sah, warst du ein Kind. (Kuntschaft macht das Zeichen 12)
WOLBURG: Ich war zwölf Jahre alt.
FAHRWASSER: Ja, du weißt es schon.
KUNTSCHAFT: Meine Herren, Wiedersehen nach langer Trennung in Ehren, aber wir haben jetzt keine Zeit, Richard, sei du wenigstens vernünftig! Ich hab dir erzählt, wie es um den Betrieb steht. Jede Stunde kann eine Katastrophe eintreten. Der Zug geht 9 Uhr 15. In zwei Stunden können wir in Arenzhain sein.
WOLBURG: Also gut, fahren wir! Oder hast du in Berlin noch etwas zu erledigen, Vater?
FAHRWASSER: Ich habe alles, was ich brauche – dich! Gut, wenn du sagst, wir fahren, dann fahren wir. Du bist jetzt der Herr in Arenzhain. Ich bin froh, daß ich abtreten darf.
KUNTSCHAFT: Ist Ihr Koffer gepackt? Es ist gleich neun.
FAHRWASSER (setzt den Hut auf): Ich zahle schnell unten. (Geht hinaus, ruft von außen:) Richard!
WOLBURG: Ja, wir kommen gleich nach!
KUNTSCHAFT (klappt den Koffer, in den er Waschzeug und dergleichen hereingetan hat): Wer A sagt, muß auch B sagen, junger Freund! Kommen Sie! (Geht hinaus. Wolburg wartet einen Augenblick, den Blick auf die Tür gerichtet, dann nimmt er das Hühnerbein vom Teller und beißt gierig hinein.)

(Vorhang)

VIERTE SZENE

(Wolburg im Büro. Anna tritt ein)

ANNA: Die Post, Richard.
WOLBURG: Ja, danke. Was Besonderes?
ANNA: Ich glaube nicht.
WOLBURG (die Post flüchtig durchsehend): Hm – Hast du sonst noch was, Anna?
ANNA: Nein, eigentlich nicht.
WOLBURG: Schön. (Er vertieft sich in die Post.)
ANNA: Das heißt, eigentlich doch.
WOLBURG: Wie?
ANNA: Ich meine, eigentlich habe ich doch noch etwas.
WOLBURG: Ja, und?
ANNA: Darf ich mich einen Augenblick setzen?
WOLBURG: Aber natürlich.
ANNA: Danke. (Pause)
WOLBURG (sieht nach der Uhr): Beeil dich, ich habe noch viel zu tun.
ANNA (seufzend): Wenn du keine Zeit hast. –
WOLBURG: Natürlich, etwas Zeit habe ich schon.
ANNA: Siehst du, alles ist jetzt anders, seitdem du da bist.
WOLBURG: Hm.
ANNA: Vater ist ein anderer Mensch geworden, glücklich, jünger.
WOLBURG (unbehaglich): Ja.
ANNA: Und was zum Beispiel Paul betrifft, unsern alten Paul Kuntschaft – er kichert den ganzen Tag vor sich hin und reibt sich vergnügt die Hände.
WOLBURG: Ja, der alte Kuntschaft.
ANNA: Alle sind zufrieden, daß du da bist und freuen sich. Es geht wieder vorwärts mit dem Betrieb, du arbeitest für mindestens zwei, und du bist – ja, ich weiß nicht, wie ich sagen soll, so ehrlich, so anständig – alle Menschen mögen dich gern.
WOLBURG: Bitte, Anna, laß das doch alles, es ist mir alles so unangenehm, so peinlich –
ANNA: Ich kenne überhaupt nur zwei Menschen, die nicht mit dir zufrieden sind.
WOLBURG: So? Jedenfalls weiß ich noch einen Dritten – das bin ich selber.
ANNA: Nein, du kannst mit dir zufrieden sein.
WOLBURG: Na ja. Und wer sind die beiden andern?
ANNA: Der eine ist Nowak.
WOLBURG: Er ist böse, daß er die Ziegelei nicht bekommen hat.
ANNA: Die Ziegelei war ihm weniger wichtig. Sie interessierte ihn nur, wenn er mich dazu bekommen hätte.
WOLBURG: Willst du mir vorwerfen, daß ich dich hindere, ihn zu heiraten?
ANNA: Vorwerfen? Danken will ich dir dafür!
WOLBURG: Aber ich hindere dich nicht.
ANNA: Du verhinderst es, weil du da bist. Es war alles so dumpf, so ohne Ausweg, ohne einen Halt für mich. Ich hatte das Gefühl, ich müßte mich aufopfern, ich müßte mich verkaufen an ihn.
WOLBURG: Vater meinte es gut mir dir. Nowak ist der reichste Mann in der Gegend.
ANNA: Vater haßte mich, solange du nicht da warst. Daß ich kein Sohn war, hat er mir nie verziehen. Und – daß Mutter starb, als ich geboren wurde. – Ach, wäre sie noch da gewesen, vielleicht wäre alles besser gekommen.
WOLBURG: Ja, vielleicht.
ANNA: Daß ich Mutter nie gekannt habe. Du mußt mir einmal von ihr erzählen.
WOLBURG: Es ist schon so lange her.
ANNA: Ja, freilich.
WOLBURG: Und du magst also Nowak nicht?
ANNA: Weißt du, wenn ich das Wort Teufel höre, stelle ich mir immer Nowak vor.
WOLBURG: Wie, diesen harmlosen Menschen?
ANNA: Das wäre ein schlechter Teufel, dem man es gleich ansähe, daß er es ist.
WOLBURG: Meine weise Schwester. Aber jetzt muß ich arbeiten.
ANNA: Und willst du nicht wissen, wer der andere Mensch ist, der nicht mir dir zufrieden ist?
WOLBURG: Hm –
ANNA: Ich bin es.
WOLBURG: Du?
ANNA: Siehst du, ich habe mir etwas ganz anderes unter meinem Bruder vorgestellt.
WOLBURG: Kann ich etwas dafür?
ANNA: Früher war mir der Bruder, den ich nur aus Erzählungen kannte, ein Schreckgespenst voller Geheimnis. Später, als ich mich immer verlassener fühlte, war er wieder der Prinz, der eines Tages kommen würde, um mich zu erlösen. Es war so etwas Strahlendes, Helles, dem man sich anvertrauen konnte.
WOLBURG: Du darfst es mir nicht verübeln, daß ich den Idealgestalten deiner Träume nicht entspreche.
ANNA: Doch, du könntest ihr ungefähr entsprechen. Aber du bist wie verkleidet, du verbirgst es, daß du der Prinz bist. Du spielst eine Rolle, um mich zu täuschen.
WOLBURG: Eine Rolle?
ANNA: Ich warte immer darauf, daß du sie abwirfst wie einen Mantel und mir sagst: Siehst du, Schwester, da bin ich.
WOLBURG: Und wieso spiele ich eine Rolle?
ANNA: Du bist so kalt, so fremd zu mir, so unfreundlich.
WOLBURG: Bin ich es wirklich?
ANNA: Ja, bist du es wirklich? Oder ist der Mantel? Sieh, ich bin so stolz auf meinen Bruder –
WOLBURG: Anna, ich bin es nicht gewöhnt, geliebt und bewundert zu werden. Kannst du nicht verstehen, daß mir das unangenehm ist?
ANNA: Du bist zu bescheiden.
WOLBURG: Bescheiden? Nein, natürlich kannst du es nicht verstehen, es ist unmöglich, daß du es verstehen kannst. Du nennst es Bescheidenheit – Scham ist es.
ANNA: Worüber hättest du dich zu schämen? Nein, mißverstehe mich nicht, Richard, ich sage es nicht aus Neugierde, sondern weil ich überzeugt bin, daß du dich nicht zu schämen brauchst.
WOLBURG: Es liegt mir auf der Zunge, dir ein Geständnis zu machen.
ANNA: Nein, Richard! Nur eines sollst du. Sei ein wenig freundlicher zu mir.
WOLBURG: Ich verspreche es dir, daß ich mir Mühe geben will. (Anna umarmt ihn und küßt ihn, tritt dann von ihm weg.)
ANNA: Und jetzt mußt du arbeiten, mein großer Bruder. (Sie öffnet die Tür, um hinauszugehen. Nowak tritt ein.)
NOWAK: Ich hoffe nicht, daß ich störe. Guten Tag, Fräulein Fahrwasser. Ich hatte schon mehrfach angeklopft, offenbar haben Sie mich überhört. Guten Tag, Herr Fahrwasser. (Anna geht hinaus.) Ah, schon davon, das Fräulein Schwester. Sie ist scheu wie ein Vogel, ein ungezähmter. Aber wenn man Geduld hat, kann man es dazu bringen, daß einem der Vogel aus der Hand frißt.
WOLBURG: Was führt Sie zu mir, Herr Nowak? (Er deutet auf einen Sessel.) Zigarre, Zigarette?
NOWAK: Ich bin immer für das Flotte, das Moderne gewesen, also Zigarette. (Sie rauchen.) Keine Vorurteile, war immer mein Wahlspruch.
WOLBURG: Ihre Lebensphilosophie ist außerordentlich anregend, Herr Nowak.
NOWAK: Freut mich, daß Sie dafür Verständnis haben. Aber ich will Ihrem Wunsche nachkommen und den Kern der Sache angehen. Es betrifft –
WOLBURG: Unsere Geldangelegenheiten sind doch wohl geregelt?
NOWAK: Aber gewiß, wer spricht auch von Geld? Nicht Geld und Gut, die Ideale sind es doch, die den Wert des Lebens ausmachen.
WOLBURG: Und wegen der Ideale sind Sie also bei mir?
NOWAK: Sie haben es erraten. Es handelt sich um eine Liebe, die rein und ideal ist und ohne jeden Gedanken an Geld und Gut.
WOLBURG: Ah! Eine Liebe! Darf man gratulieren?
NOWAK: Hoffentlich, hoffentlich, junger Mann! Um nicht zu sagen: Herr Fahrwasser!
WOLBURG: Es ist gewiß etwas Schönes um den Gleichklang zweier Seelen.
NOWAK: Gleichklang? Der muß erst hergestellt werden.
WOLBURG: Ah, Sie haben Differenzen?
NOWAK: Kurz und gut: Sie werden mir ihr reden, nicht wahr?
WOLBURG: Ich? Und mit wem?
NOWAK: Stellen Sie sich nicht dumm! Anna meine ich, Ihre – nun: Ihre Schwester. Sie wird tun, was Sie ihr sagen.
WOLBURG: Ich habe keinen Grund, meiner Schwester irgendwelche Vorschriften zu machen. Ich habe nicht einmal die Absicht, ihr auch nur einen Rat in dieser Hinsicht zu geben. Soweit ich im Bilde bin, hat Anna schon mehrfach Ihre Anträge zurückgewiesen.
NOWAK: Das tut nichts. Ich bin der Ansicht, daß jetzt, wo Sie da sind, der Augenblick günstiger ist.
WOLBURG: Ich glaube, das Gegenteil.
NOWAK: Sie irren sich. Ich sagte Ihnen bereits: Anna vertraut Ihnen, und was Sie ihr mit dem nötigen Nachdruck sagen, wird sie tun – selbst wenn es ihr unangenehm ist.
WOLBURG: Es ist ihr unangenehm.
NOWAK: Das macht nichts.
WOLBURG (lachend): Das ist in der Tat eine ideale Liebe.
NOWAK: Sie werden bald aufhören zu lachen.
WOLBURG: Und was soll mich veranlassen, meiner Schwester zu etwas zu raten, was ihr widerwärtig ist?
NOWAK: Meine Liebe wird sie dazu veranlassen.
WOLBURG: Herr Nowak, Ihre Liebe in Ehren, aber ich habe den Eindruck, gestatten Sie, daß ich es sage, daß sie Ihren Verstand in Verwirrung gebracht hat.
NOWAK: Keineswegs. Ich rechne ganz kühl. Denn ich biete Ihnen etwas dafür, was Sie annehmen müssen, ob Sie wollen oder nicht: mein Schweigen. (Pause.)
WOLBURG: Erklären Sie sich deutlicher, ich verstehe nicht im geringsten.
NOWAK: Ich glaube, Sie verstehen mich recht gut. Oder sollten Sie nichts zu verbergen haben?
WOLBURG: Ich wüßte nicht was. Außerdem würde ich das, was ich zu verbergen hätte, nicht Ihnen anvertrauen.
NOWAK: Das ist in diesem Fall nicht nötig, da ich auch ohne Ihr Vertrauen informiert bin.
WOLBURG: Ich freue mich, daß ich endlich jemand treffe, der besser über mich Bescheid weiß als ich selbst.
NOWAK: Das erleichtert freilich die Selbsterkenntnis.
WOLBURG: Sie machen mich neugierig, beginnen Sie!
NOWAK: Beginnen und enden ist da ziemlich eins. Es läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Sie sind nicht Richard Fahrwasser.
WOLBURG: Aha, der falsche Waldemar! Sehr interessant. Und weiter?
NOWAK: Was weiter? Genügt Ihnen das nicht?
WOLBURG: Nein. Sie müßten Ihre kühnen Behauptungen noch beweisen.
NOWAK: Dies werde ich mir für eine gelegenere Zeit aufsparen.
WOLBURG (höhnisch): Schade, ich wäre so gern mit Ihnen ins Geschäft gekommen.
NOWAK: Sie lehnen es also ab?
WOLBURG: Als die Taube auf dem Dach saß, kam der Fuchs und rief: »Komm herunter, damit ich dich fressen kann!« Was meinen Sie, was die Taube antwortete?
NOWAK: Nur ähneln Sie einer Taube verdammt wenig.
WOLBURG: Möglich. Aber recht habe ich umso mehr.
NOWAK: Entweder Sie spielen Vabanque oder Sie sind wirklich Richard Fahrwasser.
WOLBURG: Ich wußte nicht, daß die zweite Möglichkeit überhaupt besteht.
NOWAK: Verlassen Sie sich darauf: Ich bringe Klarheit in die Sache!
WOLBURG: Mir ist nichts unklar.
NOWAK: Sie gefallen mir ganz gut, weil Sie so konsequent lügen und keine Angst bei Ihrem Spiel haben, oder so tun, als hätten Sie keine. Schade, wir könnten gut Hand in Hand arbeiten. Aber wenn Sie nicht für mich sein wollen, gut, dann bin ich eben gegen Sie. Die Kriegserklärung ist gesprochen, mein Herr.
WOLBURG: Ich bin Pazifist.
NOWAK: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.
WOLBURG: Ich werde mich verteidigen.
NOWAK: Nur einen Rat will ich Ihnen geben: Lassen Sie Anna in Ruhe, sie gehört mir.
WOLBURG: Die Absurdität Ihrer Behauptungen wirkt auf die Dauer langweilig.
NOWAK: Was ich will, wird Wirklichkeit. Ich werde Anna besitzen, vielleicht nicht ihr Herz, aber mit Haut und Haaren, sie wird mir Scham und Ehre, Stolz und Gedanken opfern, mir, dem alten Nowak, nicht Ihnen, junger Mann. Sie bleiben entweder ihr Bruder oder gehen ins Gefängnis.
WOLBURG: Und Sie, Herr Nowak, verlassen nunmehr das Haus Fahrwasser und betreten es nie wieder. Was ich will, wird Wirklichkeit.
NOWAK: Dennoch werden Sie mich wiedersehen.
WOLBURG: Gehen Sie!
NOWAK: Und mindestens werden Sie sehr deutlich merken, daß ich da bin. (Er geht hinaus. Wolburg sieht ihm nach und schließt dann die Tür. Er zieht ein Taschentuch und wischt sich die Stirn. Kuntschaft tritt durch eine andere Tür ein.)
KUNTSCHAFT: Heiß?
WOLBURG: Ziemlich. Du kommst im rechten Moment.
KUNTSCHAFT: Man muß seine Ohren überall haben.
WOLBURG: Ich mag nicht, daß du horchst.
KUNTSCHAFT: Du hast nicht das richtige Talent zum Lügen. Man muß auf dich aufpassen wie auf einen Klippschüler.
WOLBURG: Es fehlt mir der Ehrgeiz in dieser Sparte.
KUNTSCHAFT: Du brauchst vor Nowak keine Angst zu haben, er weiß garnichts.
WOLBURG: Wissen läßt sich leichter täuschen als ein guter Instinkt. Aber ich habe viel mehr Angst vor mir selber.
KUNTSCHAFT: Willst du kneifen? Wer A sagt, muß auch B sagen.
WOLBURG: Ich glaube, ich bin schon viel weiter im Alphabet und fürchte nur, eines Tages gehen mir die Buchstaben aus. Ich kann nicht mehr zurück. Ich kann sie nicht enttäuschen, die mich Sohn und Bruder nennen!
KUNTSCHAFT: Durchhalten oder ins Gefängnis!
WOLBURG: Du siehst, wofür ich mich entscheide. (Er unterschreibt.) Ich begehe hiermit Urkundenfälschung.
KUNTSCHAFT: Du hast dich für das Durchhalten entschieden.
WOLBURG: Ich glaube eher, für beides!

(Vorhang)

(Plan)
1) Die Heimkehr. Verschiebung der Verlobung. Enthüllung für Zuschauer.
2) Geldforderungen. Verdacht des Gläubigers. Geständnis an Emilie ( =Anna )
3) Der richtige Sohn
4) Tod des richtigen Sohnes
5) Ende

Ziegelei.

Nowak hat den echten Sohn, Richard, geholt. Wolburg bekennt.

Teiche

Fahrwasser – Richard
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Nowaks Verdacht muß vorher begründet werden!

Fahrwasser läßt (durchgestrichen: Richard) Wolburg unterschreiben

 

SINN UND FORM 5/2015, S. 581-601