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Heftarchiv – Leseproben

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Leseprobe aus Heft 3/2011

Welle, Florian

NACHRICHTEN AUS DER NACHKRIEGSPROVINZ
Günter Eich, Jürgen Eggebrecht und Horst Lange


Jürgen Eggebrecht und Günter Eich kannten sich und kannten sich doch nicht: 1927, in der von Klaus Mann und Willi R. Fehse verantworteten »Anthologie jüngster Lyrik« präsentierten sich beide zum ersten Mal der literarischen Öffentlichkeit, Günter Eich noch unter dem Pseudonym Erich Günter. In seinem Nachwort schreibt Klaus Mann, daß die Autoren eine Generation seien, »und sei es, daß uns nur unsere Verwirrtheit vereine«. Der Zusatz ist notwendig, denn ein Autor wie Jürgen Eggebrecht gehört genau besehen nicht zur sogenannten verlorenen Generation wie das Gros der Versammelten, etwa Wolfgang Hellmert, Erika Mitterer und die beiden Herausgeber Fehse und Mann, die alle 1906 geboren wurden. Oder wie der aus Lebus an der Oder stammende Günter Eich, Jahrgang 1907. Eggebrecht erblickt noch vor der Jahrhundertwende das Licht der Welt, am 17. November 1898 kommt er in Baben, Kreis Stendal, als zweites Kind von Alwine und Gottfried Eggebrecht zur Welt. Der Vater ist in dem altmärkischen Dörfchen Pastor, und religiöses Pathos ist auch Eggebrechts Versen in der »Anthologie« zu eigen, zum Beispiel dem Gedicht »Christus der Jüngling«. Ebenso künden seine Briefe aus der unmittelbaren Nachkriegszeit von seinem Ringen mit dem Glauben.

Jürgen Eggebrecht ist der Frontgeneration zuzurechnen, einen Tag vor seinem 18. Geburtstag zieht man ihn zur Fußartillerie ein – da ist sein vier Jahre älterer Bruder Gottfried schon mehr als eineinhalb Jahre tot. Ein Jahr später kämpft er in Flandern, eine Granate reißt ihm den Bauch auf, und damit ist der Krieg für ihn beendet. Die Erinnerung an den Krieg wird er zeitlebens in Gedichten, Prosa und Rundfunkarbeiten wachhalten. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ist auch seine eigene, im Unterschied zu Günter Eich und Horst Lange, die erst den Zweiten Weltkrieg als Soldaten mitmachen werden. Wohl weil er schon im Schützengraben gelegen hatte, ist Eggebrecht einer der wenigen, die am Ende der »Anthologie« die Gelegenheit nutzen, Auskunft zur Biographie zu erteilen: »Engelsstille Kindheit. Ich sehe ein breitgelagertes Haus mit vielen Türen, einen Garten, der des Blühens nicht müde wird. Jemand erzählt und langsam summend erlischt die Stimme. (…). Der Krieg verändert manches. Aus ihm komme ich.« Noch in den frühen fünfziger Jahren, da arbeitet er bereits für den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) in Hannover, kommt er in dem Feuilleton »Du und das Gedicht« auf seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg zu sprechen: »Es gab freilich Zeiten, Kriegszeiten, in denen zu vermuten stand, daß wir schon im nächsten Augenblick tot sein würden. Wenn uns dann ein Vers einfiel, irgendein Vers – und er ist uns eingefallen! – dann hatte er etwas von der Wirkung eines reinen Elements und wir begriffen die in ihm gesammelte Kraft menschlicher, zeitüberwindender Natur. Das Gedicht brennt die Angst fort und bleibt eine Chiffre.«

Jürgen Eggebrecht und Günter Eich begegnen sich zum ersten Mal 1930, in Berlin, auf einem Faschingsfest von Martin Raschke. Eggebrecht hatte den Dresdner Raschke bereits in den zwanziger Jahren in München kennengelernt, ebenso Joachim Ringelnatz. Raschke studierte dort eine Zeitlang Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie, und auch Eggebrecht, der eigentlich in Greifswald, Innsbruck und Würzburg Jura studierte, weilte dort so oft wie möglich: der Liebe wegen. Elfi Stiehr, die er 1928 heiratete, ließ sich an der Staatlichen Akademie der Tonkunst zur Pianistin ausbilden. 1905 in Freising geboren, lebte sie von klein auf mit ihren Eltern in der Ungererstraße 30 in Schwabing in einer Wohnung, die nach dem Krieg kurzzeitig zum Domizil für das Paar werden sollte. Nach seinem krankheitsbedingten Ausscheiden aus dem Funk 1960 wohnte er wieder dort, bis zu seinem Tod 1982. Elfi öffnete dem jungen Doktor – er hatte zum Thema »Amtsanmaßung« promoviert – die Tür zu einem Berufsweg abseits der Juristerei. Sie besuchte wie Erika Mann und W.E. Süskind das Münchner Luisengymnasium, und über sie machte Eggebrecht die Bekanntschaft Klaus Manns. Seine ersten Gedichte fanden Eingang in die »Anthologie jüngster Lyrik«. 1928 ging er mit Süskind als Lektor zur Deutschen Verlagsanstalt nach Stuttgart. In dieser Funktion wurde er neben Hermann Kesten zum Entdecker von Joseph Breitbach. Er nahm »Rot gegen Rot« zum Druck an, Breitbachs erfahrungsgesättigten Erzählband aus der Welt der Angestellten – die Veröffentlichung kostete den 25jährigen Autor seinen Job als Leiter der Buchabteilung im Augsburger Kaufhaus »Landauer«. Dann wechselt Eggebrecht in die Berliner Dependance der DVA.

1930 gibt Raschke mit Adolf Artur Kuhnert seit einem Jahr »Die Kolonne« heraus. Auch Eich ist beim Faschingsfest anwesend, einer der engagiertesten Autoren der Zeitschrift, die anfänglich noch den Untertitel »Zeitung der jungen Gruppe Dresden« trug. »Damals war Günter 23«, erinnert sich Eggebrecht ein Jahr nach Eichs Tod in einem Zeitungsartikel, »blond, schmal und ganz brav gekämmt. Er schien mir ein auf Spaß hin angelegter Großstadtmensch zu sein (…). Über das albernste Zeug lachten wir, ohne es für baren Unsinn zu nehmen. Die Sprache ging vom Gelächter aus. Sie war der eigentliche Urgrund, die anderen lachen zu machen, und zielte auf ein höchst bewußtes Tun ab, wie etwa einen Sprung zu machen vom Kammerton A auf den nicht weiter beweisbaren Ton I. Am Ende waren wir ohne Aufhebens befreundet.« Sie blieben es ein Leben lang. Bei Eggebrechts »Talent zur Freundschaft«, wie es der Schriftsteller und Übersetzer Herbert Schlüter einmal nannte, verwundert das nicht weiter. Aus jener Zeit datieren zahlreiche Verbindungen, die die Zeitläufte überdauern. Zu Hermann Kesten etwa. Oder Peter Suhrkamp. Als der Verleger 1944 wegen Hoch- und Landesverrates von der Gestapo verhaftet wird, wünscht er sich Eggebrecht als Nachfolger. Doch der lehnt ab.

Obwohl Eggebrecht mit Raschke und Eich verkehrt, dem inner circle der »Kolonne«, lernt er zwei andere prominente und ebenfalls in Berlin ansässige Autoren erst fünf Jahre nach dem Ende der Zeitschrift kennen: das Schriftsteller-Ehepaar Oda Schaefer und Horst Lange – Eich war bei ihrer Hochzeit 1933 Trauzeuge. Eggebrecht schrieb nach Langes Tod 1971: »Ich lernte ihn vor 34 Jahren, 1937, in Berlin kennen, und er tanzte vor Günter Eich und mir (…) einen schwungvollen Krakowiak auf dem Bürgersteig der Augsburger Straße.« Im gleichen Jahr erschien Langes monumentaler Roman »Schwarze Weide«. Da waren die Nazis seit vier Jahren an der Macht. Und Eggebrecht, externer Lektor des arisierten Ullstein-Verlags, war bis auf einige Rezensionen für die »Deutsche Zukunft« so gut wie verstummt. Zum »erst möglichen Termin«, schrieb er Oda Schaefer Jahrzehnte später, war er aus der Deutschen Verlagsanstalt »hinausgeflogen, nämlich am I.IV.1933, weil ich nicht der Partei angehörte und auch keine Aussicht zu bestehen schien, daß ich ihr jemals angehören würde« (6. August 1970). Er trat auch nicht der Reichsschrifttumskammer bei, anders als Horst Lange, Oda Schaefer und Günter Eich, die ihre Existenz sichern wollten und publizistisch präsent blieben, aber der Ideologie der Machthaber unverdächtig waren. Eich verfaßte mit Raschke u. a. die Funk-Reihe »Deutscher Kalender. Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten«. Eine Wiederholung dieses Verhaltensmusters findet sich womöglich in dem letzten der abgedruckten Briefe Eichs an Eggebrecht: »Aus finanziellen Gründen habe ich mich wieder mit dem Rundfunk eingelassen – entsetzlich.« Eich verdiente in den Vorkriegsjahren gut, trat selbstsicher auf und besaß in Poberow an der Ostsee ein Sommerhäuschen, das auch die Eggebrechts mit ihrem 1935 geborenen Sohn Arne gerne nutzten. Deren Einkünfte waren bescheiden, 1938 zogen sie von Berlin nach Eichwalde, Kreis Teltow, zu einer Tante namens Helene von Möllendorf – das Anwesen geht 1945 an die Russen verloren, und mit ihm alle Briefe von Günter Eich und Peter Suhrkamp aus den Jahren der Diktatur.
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SINN UND FORM 3/2011, S. 322-329