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Heftarchiv – Leseproben

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Leseprobe aus Heft 2/2010

Schütte, Uwe

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Anmerkungen zu W. G. Sebalds Essay über Jurek Beckers Romane


Bereits der erste Satz war eine Kampfansage: »Es ist der Zweck der vorliegenden Arbeit, das von der germanistischen Forschung in Zirkulation gebrachte Sternheim-Bild zu revidieren.« So schrieb der fünfundzwanzigjährige Winfried Georg Sebald in seiner 1969 erschienenen Magisterarbeit und kündigte an, daß »es sich bei dieser Revision vorwiegend um eine Destruktion« handele. Den damals hoch im Kurs stehenden Dramatiker betrachtete Sebald, dem Untertitel gemäß, zugleich als »Kritiker und Opfer der Wilhelminischen Ära«, und die zahlreichen Invektiven gegen Sternheims Fürsprecher unter den bedeutenden Germanisten der fünfziger und sechziger Jahre ließen keinen Zweifel daran, daß er eine Antipathie gegen sie hegte.

Das Echo auf die These, daß Sternheim bei seinem Versuch, sich der antisemitischen Gesellschaft des Wilhelminismus zu assimilieren, zu einer protofaschistischen Sprache griff, war nicht gering. Die Sternheim-Sachwalter waren erbost. Unter ihnen befand sich Hellmuth Karasek, der 1965 ein schmales Büchlein über den Dramatiker vorgelegt hatte und seit 1968 als Theaterkritiker der »Zeit« arbeitete. Er lud den sowjetischen Sternheim-Forscher Valerij Poljudow zu einer Gegendarstellung ein, die erwartungemäß polemisch ausfiel und in der Sebald u.a. verdächtigt wurde, ein Neonazi zu sein. Der Beschuldigte antwortete darauf, ebenfalls in der »Zeit«, mit Gegenvorwürfen.

Ein beachtlicher Publicityerfolg also für den unbekannten jungen Germanisten aus dem Allgäu, der weder Protegé eines etablierten Professors noch Stipendiat einer akademischen Exzellenzstiftung war. Sebald war in mancher Hinsicht auf sich allein gestellt: Seine Heimatuniversität Freiburg im Breisgau hatte er im Herbst 1965 verlassen, weil er mit dem konservativen Lehrplan unzufrieden war, vor allem aber, weil er an der braunen Vergangenheit einiger Dozenten Anstoß nahm. Er setzte sein Studium an der Université de Fribourg fort, wo er 1966 für die Sternheim-Arbeit die licence ès lettres (summa cum laude) erhielt. Von der Schweiz führte ihn sein Weg im Frühjahr 1966 als Lektor nach England, an die University of Manchester. Die bedrückenden Umstände seiner Übersiedelung und die Ankunft in der desolaten Stadt hielt er später, literarisch transformiert, in den »Ausgewanderten « fest. Im Frühjahr 1970 schließlich wechselte er an die University of East Anglia in Norwich.

Die ostenglische Provinz mit ihrem zumeist grau überwölkten Himmel wurde ihm zur Wahlheimat. Den Konfrontationskurs gegen die Germanistik setzte Sebald mit seiner Dissertation über Alfred Döblins Romane fort, die erst 1980 überarbeitet auf deutsch erschien: »Der Mythus der Zerstörung im Werk Döblins«. Auch diese Attacke auf einen kanonisierten Autor jüdischer Abstammung sorgte in Fachkreisen für Furore.

Parallel dazu entstanden zwanzig auf englisch verfaßte Rezensionen für das im Frühjahr 1971 an der University of East Anglia gegründete Journal of European Studies und ab 1975 für die Modern Language Review. Es sind durchweg Verrisse, etwa von Monographien bekannter Literaturwissenschaftler, darunter Walter Müller-Seidel, Leo Kreutzer, Heinz Politzer, Manfred Durzak, Robert Minder. Außenseiter des germanistischen Establishments hingegen, wie der DDR-Germanist Roland Links mit seiner Studie zu Döblin oder der ohne Universitätsanbindung forschende Autodidakt Hans-Albert Walter, der ein zweibändiges Werk über Exilliteratur vorgelegt hatte, lobte Sebald geradezu emphatisch, weil sie im Gegensatz zu »den etablierten Literaturwissenschaftlern « jene »fortschrittliche Haltung« einnahmen, der sich auch er verpflichtet fühlte.

Was der Magisterkandidat und Doktorand bis weit in die siebziger Jahre betrieb, war eine Art private Studentenrevolte: Er schrieb Texte, die er aus sicherer geographischer Distanz wie Brandsätze auf die westdeutschen Germanistikprofessoren schleuderte. Hinter den provozierend zugespitzten Urteilen steckte wohl ein gewisses Maß an querdenkerischer Häme und spitzbübischer Freude. Man könnte sie als den Versuch beschreiben, mit überzogenen Darstellungen auf übersehene oder verleugnete Sachverhalte hinzuweisen.

 

Das Ziel einer Revision des von der Germanistik in Umlauf gebrachten Bildes verfolgte Sebald offenkundig auch mit dem hier erstmals abgedruckten Essay aus dem Nachlaß. Gleichwohl macht er kein Hehl daraus, daß er vornehmlich seine persönliche Leseerfahrung mit Jurek Beckers Romanen auf den Punkt zu bringen versucht. Als literarisches Kernproblem identifiziert er »die Absenz des Autors« und dessen stete Sorge, »daß er nicht mit hineingerät in sein Werk«, das unter dem Vorzeichen eines »Erinnerungsembargos« stehe. Dies sei, wie Sebald am Ende konzediert, als Schutzmechanismus zu verstehen, um »das Aufsteigen der Erinnerung« an die Becker durch seine Ghetto- und KZ-Kindheit »aufgebürdete Last« zu verhindern, damit sie nicht »das sich erinnernde Subjekt mit ihrer zerstörerischen Gewalt einholt«. »Ich möchte zu ihnen hinabsteigen und finde den Weg nicht« – der Titel unterstreicht Sebalds Diagnose, denn er zitiert den Schlußsatz von Beckers Essay über Fotos aus dem Ghetto Łódź, worin dieser eingesteht, auch mit Hilfe der Aufnahmen die verschüttete Erinnerung an die Kindheit nicht freilegen zu können.

[...]

 

SINN UND FORM 2/2010, S. 235-242