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Heftarchiv – Leseproben

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Leseprobe aus Heft 5/2009

Carey, John

Der Unbeständige. Über John Donne


John Donne war ein Dichter neuen Typs. Seine Originalität beeindruckte die Zeitgenossen. Sie meinten, daß er das literarische Universum verändert habe. Er war der »Kopernikus der Dichtung« – ein prometheischer Neuerer, der das »gelehrte Unkraut« und den verstaubten Zierrat der klassischen Mythologie ausgemerzt hatte. Kein englischer Dichter vor ihm war so avantgardistisch und keiner so intellektuell oder so schwierig. Sein Freund Ben Jonson fürchtete, Donnes Dichtung werde sich als zu dunkel erweisen, um zu überdauern. Bei seinem Tod würdigten ihn seine Bewunderer mit Metaphern von Macht und Energie. Er habe über eine »Monarchie des Geistes« geherrscht; in seinem »klaren Verstand« habe ein »schreckliches Feuer« gebrannt.

Warum war Donne so besonders? Welche Umstände in seiner Kultur drängten ihn, eine so unnachahmliche, kompromißlose und antagonistische Sprache zu entwickeln? Die Antwort darauf mag zum Teil in seiner Kindheit liegen, die von Verlust und Zurückweisung geprägt war – Bedingungen, die das Gefühl des Andersseins sicher noch verstärkten. Sein Vater starb, als Donne knapp vier Jahre alt war. Noch Jahre später erinnerte er sich der »Liebe und Fürsorge« des Vaters, und obwohl seine Mutter noch zweimal heiratete, ihm also zwei Stiefväter bescherte, fehlte ihm sein leiblicher Vater sehr. In den »Heiligen Sonetten«, die er mit fast vierzig schrieb, verbindet sich die Angst, Gott habe ihn zurückgewiesen, mit der Angst, sein verstorbener Vater würde im Himmel womöglich nicht sehen, wie er das Böse mit aller Kraft bekämpfte.

Donnes feiner Familiensinn ist von Bedeutung, denn seine Familie war katholisch, und das hieß im elisabethanischen England Verfolgung und Zurückweisung von Geburt an. Katholiken wurden mit hohen Geldstrafen belegt, ihre Häuser von Regierungskommissionären überfallen und geplündert, sie durften kein öffentliches Amt bekleiden und keinen Universitätsgrad erwerben. Wenn man sie verdächtigte, Priestern Unterkunft zu gewähren, wurden sie verhaftet und gefoltert. Verurteilte Priester und Leute, die ihnen geholfen hatten, wurden barbarisch bestraft. Sie wurden gehängt, lebendig vom Galgen geschnitten, kastriert und ausgeweidet. Die braven Londoner frohlockten beim Anblick ihrer Todesqualen. Das öffentliche Abschlachten der an der Babington-Verschwörung beteiligten jungen Katholiken, als Donne vierzehn war, wurde von Feuerwerk, Freudenfeuern und Glockenläuten begleitet.

Donne erhielt Unterricht bei katholischen Hauslehrern, da er in einer Lateinschule die Staatsreligion hätte annehmen müssen. Seine Lehrer waren, wie er berichtet, begierig, den heiligen Tod zu sterben, und nahmen ihn offenbar mit zu Hinrichtungen von Katholiken, in der Hoffnung, daß die Begeisterung für die Märtyrerkrone auch ihn anstecken würde. Er schildert, wie Katholiken in der Menge niederknieten und zu den verstümmelten Überresten der hingerichteten Priester beteten. In seiner Jugend ließ ihn der »Gedanke ans Martyrium nicht schlafen«. Das war Familientradition. Mütterlicherseits stammte er von dem Märtyrer Sir Thomas More ab, und mehrere Verwandte waren für ihren Glauben in den Tod oder ins Exil gegangen. Sein Onkel Jasper Heywood, den die Obrigkeit schließlich aufspürte, war Leiter der geheimen Jesuitenmission in England.

Der junge Donne wußte, daß Spione und Feinde ihn umgaben, und ist ihnen offenbar trotzig entgegengetreten. Das früheste erhaltene Porträt zeigt ihn als Achtzehnjährigen, modisch gekleidet, die Hand am Schwert und mit dem Motto Antes muerto que mudado (Lieber tot als geändert). Über einer spanischen Bildunterschrift zu erscheinen, nur drei Jahre nach der Armada, war ein Affront gegen den englischen Patriotismus, und das Motto bestätigt sein Festhalten am alten Glauben. Auch seine kreuzförmigen Ohrringe hätten Protestanten empört. Doch das Porträt war eine Miniatur – ein persönliches Schmuckstück, das man nur engen Freunden zeigte. Es hat etwas Herausforderndes, macht dies jedoch nicht allzu deutlich. Das entspricht einem bei Donne häufig zu beobachtenden Muster, ein Verhalten, in dem sich privates Geltungsbedürfnis mit öffentlicher Unterwürfigkeit und Anpassung verbindet.

Für Katholiken war solches Verhalten ratsam. John Donne und sein Bruder Henry wurden mit zwölf bzw. elf Jahren nach Hart Hall in Oxford geschickt, das Katholiken bevorzugten, weil das College keine Kapelle besaß und das Fernbleiben vom Gottesdienst daher weniger auffiel. Als Jurastudent an den Londoner Inns of Court scheint Donne sich dann um gesellschaftliche Akzeptanz bemüht zu haben. Er schrieb schmeichlerische Versepisteln an Freunde, und seine Wahl zum Meister der Feste in Lincoln’s Inn 1593 läßt darauf schließen, daß er allgemein beliebt war.

Doch die Satiren und Liebeselegien, die er damals zu schreiben begann, erzählen eine andere Geschichte – oder vielmehr zwei. Der durch die Elegien stolzierende Protagonist ist kein vernünftiger, freundlicher Konformist, sondern ein Außenseiter, ein Freibeuter der Gesellschaft, der den bürgerlichen Frauen und Töchtern nachstellt. Die Frauen können ihm nicht widerstehen; er beleidigt und verführt sie im selben Atemzug und entkommt mit Hilfe der für ihn Entflammten den Wachen und Spionen, die die Gesellschaft auf ihn angesetzt hat. Er ist unverhohlen käuflich – einer von ihm verführten jungen Erbin versichert er, das Schönste an ihr sei die Aussicht auf den Reichtum ihres Vaters. Wiewohl schlüpfrig, gotteslästerlich und grausam, ist er doch hinreißend intelligent und welterfahren und (das macht er deutlich) den von ihm Betrogenen kulturell überlegen.

Der Sprecher der Satiren hat keine Ähnlichkeit mit diesem geilen Marodeur. Ernst, verantwortungsvoll und moralistisch, klagt er über Laster und Korruption und entdeckt sie praktisch bei allen, außer bei sich. Niedertracht, gibt er zu verstehen, sei besonders verbreitet unter Höflingen, Staatsdienern und denen, die – im Gegensatz zu ihm – Macht und Erfolg haben.

Die Satiren und Elegien zeigen, vermittels verschiedener Masken, denselben Antagonismus, dieselbe Überlegenheit, denselben Groll. Wir dürfen keinen der Zyklen für bare Münze nehmen. Bei beiden handelt es sich in hohem Maße um Ersatzphantasien. Der forsche, weltkluge Held der Elegien war eine Fiktion, die den Studenten der Inns of Court gefallen sollte. Denn in Wahrheit waren diese jungen Männer im elisabethanischen London ziemlich hilflos. Ständig in Geldnöten und unerfahren, waren sie eine leichte Beute für Wucherer, Prostituierte und andere Ausbeuter. Durch ihre Leichtgläubigkeit und Aufschneiderei machten sie sich zum Gespött der Bürger. Donnes Elegien kamen bei seinen Kommilitonen an, weil ihre erotischen Eroberungen und vornehmen Posen die gesellschaftliche Realität umkehrten.

Auch die Hochherzigkeit von Donnes Satiren war eine Pose. Der Hof, als Zentrum der Macht, zog die Studenten der Inns of Court magnetisch an, denn nur dort boten sich ihnen angemessene Karrierechancen. Erpicht auf Einkünfte und Einfluß, aber durch ihre Jugend ausgeschlossen, gaben sie vor, die Geschäftswelt zu verachten, und daher paßte die Rolle des Satirikers für sie. Indem sie sich wie moralische Richter aufführten, schmückten sie sich mit einer Autorität, die sie im wirklichen Leben nicht besaßen.

Mit dem Hermetismus und Antagonismus seiner Elegien und Satiren reagierte der junge Katholik auf die protestantische Gemeinschaft, die ihn zum Opfer gemacht hatte. Die sexuellen Provokationen der Elegien sind vielleicht besser als eine Art sozial-religiöser Protest zu erklären, wenn man bedenkt, daß die öffentliche Kastration von Katholiken Bestandteil der terroristischen Exekutionen des Staates war, die Donne im empfänglichsten Alter miterlebt hatte.

Auch daß seine Gedichte oft dunkel waren, vertiefte den Graben zwischen ihm und der Gesellschaft und schützte sein Werk vor inferioren Geistern, aber schmeichelte der Intelligenz der wenigen Auserwählten, die er ins Vertrauen zog. Er zeigte seine Gedichte nur engen Freunden, die versprechen mußten, sie nicht zum Zwecke der Verbreitung zu kopieren. Sie zu veröffentlichen war mit seinem Gefühl einsamer Überlegenheit unvereinbar. Obendrein hielten es manche für unvornehm. Daß er sich später überreden ließ, aus finanziellen Gründen die »Jahrestagsgedichte« zu drucken, bedauerte er bald: »Der Fehler, den ich mir eingestehe, ist, daß ich mich derart erniedrigte und Verse publizierte … Offen gestanden weiß ich nicht, wie ich mich dazu überhaupt bereit fand, und verzeihe es mir nicht.«

Donnes Publikationsabneigung war eine Facette seiner Geheimhaltungsstrategie. Die Poesie gehörte zu seinem verborgenen Leben, das die Öffentlichkeit nicht sah. Wenn er in Briefen an Freunde seine Gedichte erwähnt, setzt er sie stets herab. Sie seien »schwache Geistesblitze«, »Ausdünstungen« oder »Versfetzen «. Das zeigt, wie sehr ihm daran lag, sein Dichterleben gegen die zudringlichen Forderungen der Realität abzuschirmen. Herabsetzen verhinderte Nachforschung. Durch scheinbares Abwerten schützt er seine Gedichte vor Fragen – von anderen oder von sich selbst.

Und er fürchtete, Gedichte würden sein Fortkommen behindern, die Satiren Anstoß erregen, die Elegien ihm Schande bringen. »Ich möchte sie um jeden Preis verstecken«, verrät er einem Freund. Doch die Gedichte waren nicht das größte Hindernis. Die eigentliche Barriere zwischen Donne und den bei Hofe vergebenen Vergünstigungen war sein katholischer Glaube. Wann er beschloß, ihm abzuschwören, ist nicht bekannt. Aber womöglich hat der Tod seines Bruders Henry 1593, als Donne einundzwanzig war, ihn darauf hingelenkt. Henry wurde verhaftet, weil er einen katholischen Priester beherbergt hatte. Im Kerker von Newgate, wo die Pest wütete, starb er nach wenigen Tagen. Der Priester, William Harrington, wurde gehängt, ausgeweidet und gevierteilt.

Henrys Schicksal hat Donne vielleicht vor Augen geführt, wie kurz sein Leben sein könnte, wenn er seinen katholischen Ratgebern die Treue hielt. Satire 3 von 1594 oder 1595 zeigt, daß er kein überzeugter Katholik mehr war – allerdings auch noch kein überzeugter Protestant. Die Teilnahme an zwei Schiffsexpeditionen gegen die Spanier unter dem Kommando des Earl of Essex, 1596 und 1597, sollte seinen Patriotismus unter Beweis stellen und den Argwohn gegen seine katholische Erziehung ausräumen. Das Gedicht »Der Sturm«, das auf der zweiten Reise entstand und für die Freunde in Lincoln’s Inn gedacht war, feiert vor allem »England, dem wir verdanken, was wir sind und haben«.

In Essex’ Diensten bestand für Donne wohl auch die Aussicht, nützliche Kontakte zu knüpfen, und er sorgte dafür, daß dies geschah. Auf der zweiten Reise schloß er Freundschaft mit dem jungen Thomas Egerton und wurde bald nach der Rückkehr Sekretär bei dessen Vater, dem Lordsiegelbewahrer.

Diese Entwicklung überrascht vielleicht durch die unangenehme Ähnlichkeit mit Handlungsweisen, die Donne in seinen Satiren anprangert. Das Hofieren des Sohns und Erben eines großen Anwalts in der Hoffnung auf persönlichen Vorteil erscheint in Satire 1, 21–24, als eine besonders widerliche Art von Selbsterniedrigung; und in Satire 3, 17–19, zählt die Teilnahme an Schiffsexpeditionen gegen die Spanier zu jenen unbesonnenen, tollkühnen und entsetzlich geistlosen Eskapaden, die der Satiriker Donne mißbilligte. Doch drei oder vier Jahre später tat er eben dies. Man betrachte die Satiren daher besser als komplexe Texte, die Verurteilungen zu sein scheinen, tatsächlich jedoch Übertragungen uneingestandener Wünsche und Bestrebungen sind. Ein Satiriker, bekannte Donne später, verspottet »die Dinge, die nirgendwo Gültigkeit haben als in ihm selbst«.

Seine heimliche Heirat Ende 1601 mit Ann More, der Tochter eines reichen Grundbesitzers in Surrey, war womöglich auch von Ehrgeiz motiviert. In dem Brief, in dem er ihren Vater, Sir George, davon in Kenntnis setzt, erklärt er, nicht öffentlich um Anns Hand angehalten zu haben, weil ihm klar gewesen sei, daß er durch Stand und Vermögen nicht für sie in Frage kam. Ann, Lady Egertons Nichte, lebte in York House, der Londoner Residenz der Egertons, wo auch Donne wohnte. Die heimliche Romanze, die sich vor den Augen der nichtsahnenden Familie abspielte, wirkt wie eine in die reale Welt versetzte Szene aus den Elegien – als sei es Donne ausnahmsweise nicht gelungen, Phantasie und Wirklichkeit zu trennen; oder als habe ihn sein Groll gegen das Establishment am Ende doch genötigt, diesem auch in der Realität und nicht nur in der Schattenwelt der Gedichte die Stirn zu bieten.
[...]

 

Aus dem Englischen von Dora Fischer-Barnicol

 

SINN UND FORM 5/2009, S. 690-694