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Heftarchiv – Leseproben

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Heft vergriffen

Leseprobe aus Heft 3/2009

Schöttker, Detlev

Zum Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Gershom Scholem


Bald nach dem Tod von Gershom Scholem im Februar 1983 in Jerusalem bat Jacob Katz im Auftrag des Leo Baeck Instituts ehemalige Korrespondenzpartner, darunter auch Ernst Jünger, um die Übersendung von Briefen. Auf dem Schreiben notierte dieser neben dem Kürzel EJ und einem Erledigungszeichen: „30.V.83 mit Kopie von fünf Briefen". Dies waren, abgesehen von einer kurzen Danksagung, alle Schreiben, die sich in Jüngers Besitz befanden. Er selbst hat vier Briefe an Scholem geschickt, die als Durchschriften in seinem Nachlaß im Deutschen Literaturarchiv in Marbach vorhanden sind. Hinzu kommt eine Postkarte, die die Korrespondenz einleitete und heute im Scholem-Archiv der Jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem liegt. Alle elf Schreiben werden hier erstmals veröffentlicht. Sie haben zwei Schwerpunkte, die für beide Briefpartner von großer Bedeutung waren: Es geht erstens um Scholems Bruder Werner, der mit Jünger zur Schule ging und 1940 als KPD-Mitglied im Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde, und zweitens um Walter Benjamin, Scholems lebenslangen Freund und Briefpartner, dessen Schriften Jünger ebenfalls kannte.
Schon der erste Kontakt zeigt, daß beide gut über einander informiert waren. In seinem Antwortschreiben betont Scholem, daß er zwei Bücher Jüngers gelesen habe und nun „bewegt" sei, dessen Handschrift zu sehen. Daß er ihm Wünsche zum 80. Geburtstag übermittelt, dürfte zu der ausführlichen und beinahe heiteren Antwort Jüngers beigetragen haben, die wenig später folgte. Auch der weitere Austausch zeugt von Auskunftsfreude und gegenseitigem Respekt. Welche Bücher Jüngers Scholem gelesen hatte, ist unklar. Doch dürfte er mit einigen Werken spätestens seit Ende der zwanziger Jahre vertraut gewesen sein. So veröffentlichte Benjamin 1930 unter dem Titel „Theorien des deutschen Faschismus" eine umfangreiche Besprechung des von Jünger herausgegebenen Sammelbandes „Krieg und Krieger", die er Scholem - wie alle anderen Arbeiten auch - nach Jerusalem schickte, wo dieser sie archivierte.
Vermutlich kannte Scholem auch Hannah Arendts „Report from Germany", der 1950 in der Zeitschrift „Commentary" erschienen war und einen Abschnitt über Jünger enthält. Bis zu ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem" (engl. 1963, dt. 1964) gehörte Arendt zu Scholems engsten Vertrauten. Danach brach er den Kontakt ab, weil er die These über die Mitwirkung der Judenräte am Holocaust nicht akzeptierte. In ihrem Bericht beschreibt sie die erste Reise durch ihr Heimatland nach dem Krieg, die sie im Auftrag der Commission on European Jewish Cultural Reconstruction von August 1949 bis März 1950 gemacht hatte, und zeichnet ein anderes Bild von Jünger als die politische Publizistik in Deutschland. Zu den 1949 erschienenen „Strahlungen" heißt es: „Ernst Jüngers Kriegstagebücher liefern vielleicht den besten und ehrlichsten Beweis für die Schwierigkeiten, denen das Individuum ausgesetzt ist, wenn es seine moralischen Wertvorstellungen und seinen Wahrheitsbegriff ungebrochen in einer Welt erhalten möchte, in der Wahrheit und Moral jeglichen erkennbaren Ausdruck verloren haben. Trotz des unleugbaren Einflusses, den Jüngers frühere Arbeiten auf bestimmte Mitglieder der nazistischen Intelligenz ausübten, war er vom ersten bis zum letzten Tag des Regimes ein aktiver Nazigegner und bewies damit, daß der etwas altmodische Ehrbegriff, der einst im preußischen Offizierskorps geläufig war, für individuellen Widerstand völlig ausreichte" (Besuch in Deutschland, 1993).
Ob Scholem über jene Konstellation informiert war, die Hans Magnus Enzensberger in seinem „Hammerstein oder der Eigensinn" (2008) bekanntgemacht hat, ist unklar beziehungsweise unwahrscheinlich. Demnach war sein Bruder Werner mit einer Tochter von Kurt von Hammerstein, dem Chef der deutschen Reichswehr, befreundet. Am 3. Februar 1933 nahm Hammerstein in seiner Dienstwohnung an einer Besprechung teil, bei der Hitler erstmals über seine Kriegspläne sprach, was wenig später Stalin auf geheimen Wegen mitgeteilt wurde. Zwar dürfte Werner Scholem für die Übermittelung der Information nicht verantwortlich gewesen sein, wie Enzensberger nahelegt, doch gehörte er zu einem Milieu, in dem Konservative, Nationalsozialisten und Widerstandskämpfer in Verbindung standen. Daß er Deutschland nicht rechtzeitig verlassen hatte, wie Jünger verwundert registrierte, hängt möglicherweise mit seiner vorgesehenen oder tatsächlichen Spionagetätigkeit für die KPD zusammen. In seinem Totengespräch mit Werner Scholem läßt Enzensberger diese Frage offen.
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SINN UND FORM 3/2009, S. 303-304