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Heftarchiv – Leseproben

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Leseprobe aus Heft 3/2008

Roidis, Emmanouil

Lob der Krankheit


Wahrscheinlich wirst du, lieber Leser, schon bei der Überschrift dieses Artikels mit den Achseln zucken und ausrufen: »Dummes Zeug!« Allerdings wohl nicht, wenn du mal schwer krank warst und noch daran denkst, was du damals empfandest.

Der erste und vielleicht größte Vorzug einer Krankheit besteht darin, daß du dich nur an diesen Tagen erzwungener Untätigkeit völlig frei fühlst von jeder Verpflichtung und Verantwortung gegenüber dir selbst, deiner Frau und den Kindern, der Gesellschaft und deinen Gläubigern. Erst dann kannst du ruhigen Gewissens sagen: »Mag kommen, was da will – es ist nicht meine Schuld!«

Solange du gesund bist, schuldet dir die sogenannte Gemeinschaft aller Menschen rein gar nichts: weder eine Anstellung noch ärztliche Versorgung noch einen Kredit, weder Produktionsmittel noch Protektion, nicht mal ein Stück Brot. Du hast ja Arme und Hände, und es ist deine Sache, dir dies alles zu beschaffen. Wenn du Pech hast und trotz guten Willens weder Klienten findest, falls du Anwalt bist, noch Stammgäste, wenn du ein Kafenio hast, noch einen Herrn, wenn du Diener bist, oder der Herr Minister dich eines Morgens zum Arbeitslosen gemacht hat und du vergebens darum ersuchst, Prozeßakten abzuschreiben oder Schafe zu hüten, oh! dann nennt man dich natürlich zu Recht einen »Müßiggänger und Faulenzer, einen Tagedieb, Nichtsnutz und Arbeitsscheuen«. Krank zu sein ist also deinem Stolz weit weniger abträglich.

Und so bist du nicht nur die Sorge um das tägliche Brot los, sondern auch die äußerst lästigen gesellschaftlichen Verpflichtungen, Besuche, Visitenkarten, nationale und königliche Feiertage, Handkuß, Namenstage und Begräbnisse.

Statt dich pflichtgemäß um die Deinen zu kümmern, erlebst du nun, wie sie sich alle um dich kümmern. Wie sie sich um dein Bett scharen, besorgt, aufmerksam, beflissen, fürsorglich und bereit sind, dir jeden Wunsch, ja jede Marotte zu erfüllen.

Deine Freunde und Bekannten, die sich gewöhnlich so intensiv um dich kümmern wie um den Khan der Mongolei, sind überzeugt, daß Anstand und Sitte es gebieten, sich nach deinem Zustand zu erkundigen und besorgt zu tun.

Falls dich allerdings Verwandte und Freunde im Stich lassen, hat auch die völlige Verlassenheit ihren Reiz. Die Vorstellung, allein gegen Leiden und Tod zu kämpfen, vermag deinen Stolz zu befriedigen. Sie erlaubt es dir, dich mit dem großen Helden des Äschylus zu vergleichen, mit dem Gefesselten Prometheus, der, nachdem ihn die unbarmherzigen Meerestöchter verlassen hatten, ebenfalls allein zurückblieb an seinem Fels in der Ödnis mit dem Geier, der ihm die Leber zerfetzte.

Außerdem wird dieses völlige Verlassensein deine Studien des menschlichen Herzens und deine Erfahrungen damit bereichern und dir unerschöpflichen Stoff liefern, dich über deinen einstigen Glauben an die Liebe von Verwandten und Freunden lustig zu machen.

»Aber dann spüre ich doch, wie mich die Kräfte verlassen, meine Sinne nicht mehr richtig wach sind, mein Kopf schwer wird, so daß ich nicht mehr denken kann.«

»Und darüber beschwerst du dich, Undankbarer! Jahrelang haben dich die Gedanken gemartert; da ist es doch sicher eine Wohltat und kein Unglück, daß die qualvolle Arbeit des müden Hirns für eine Weile unterbrochen wird.«

Sollten dir indes noch Reste deiner Gehirntätigkeit verblieben sein, liegt das auch an den mit melancholischer Süße getränkten Vorstellungen vom friedlichen Ende des rechtschaffenen Mannes, von der Erlösung von irdischen Qualen, vom ewigen Frieden, vom Paradies der Christen, von der Einswerdung mit dem Gott der Pantheisten, vom Nirwana der Philosophen, und, um die nackte Wahrheit zu sagen, noch viel mehr als all das an der bis zum letzten Atemzug währenden Hoffnung darauf, noch einmal davonzukommen.

Das stärkste Argument zugunsten der Krankheit ist jedoch, daß man, ohne krank gewesen zu sein, nicht die höchste Glückseligkeit der Gesundung genießen kann.

Nach einem Monat strengen Fastens gestattet dir der Arzt, einen Bratapfel zu essen, und jene erlaubte Frucht scheint dir unvergleichlich süßer zu sein als die verbotene und von Eva gepflückte. Dann einmal täglich Suppe, zweimal, dreimal. Wer würde sich nicht die Finger lecken bei der Erinnerung an den göttlichen Geschmack des ersten Hühnchenschlegels und an das erste Glas Wein, süßer als Nektar?

Allmählich kehren die körperlichen und geistigen Kräfte zurück, und du spürst, daß dir die Krankheit eine Art Jungfräulichkeit zurückgegeben hat, daß dein verseuchter, müder und gealterter Körper erneuert wurde, daß in deinen Adern frisches Blut fließt und neues Fleisch deine Knochen umhüllt, daß also der Allgütige Gott dir ein zweites Leben geschenkt hat.

Bist du der Familie und deinen Freunden wiedergegeben, stehst du noch eine geraume Zeit blaß, mild, sanft, arglos wie ein Kind und umgänglich im Mittelpunkt des Interesses; alle hast du gern, und alle haben dich gern dank deiner gesegneten Krankheit, die dich von der Verbitterung befreit und dich gegen Zorn, Launen und Gereiztheit unempfindlich gemacht hat.

Und was sollen wir über den ersten Spaziergang nach langer Krankheit sagen? Du siehst die Sonne wieder, Bäume, Bürgersteige, Schaufenster, Theaterplakate, die zum Schloß marschierende Garde. Was dich früher zum Gähnen brachte, bezaubert dich nun, erfreut dich und rührt dich einzig und allein deshalb, weil du es beinahe nie mehr gesehen hättest. Falls dir der Arzt einen Aufenthalt in Faliron oder Kifissia verordnet hat: Wie viel grüner erscheinen dir jetzt dort die Bäume, wieviel blauer das Meer!

Aber eines Tages siehst du – mitten auf der Straße, als du verzückt einem Leierkasten lauschst, den du so lange nicht gehört hast –, wie ein anderer Patient vorbeikommt, dem das Glück nicht so hold war wie dir und der nun zu seiner letzten Ruhestätte auf dem Ersten oder Zweiten Friedhof gebracht wird.

Dieser Trauerzug, obschon recht häufig auf den Athener Straßen, macht dir zum ersten Mal tiefen Eindruck und wühlt dich völlig auf. Aber wie freust du dich insgeheim, wenn du dein Los mit dem des armen Toten vergleichst!

»Wäre ich«, denkst du, »in jenem abscheulichen Sarg, würde ich wie der Mensch da drinnen inmitten dieser gleichgültigen Menge in die schwarze Grube gebracht, aus der man nicht wieder herauskommt; und die Passanten würden gleichgültig den Hut ziehen und weitergehen wie jetzt. Ob ich das bin oder ein anderer, wäre den bösen Egoisten egal. Wahrlich, ich danke Gott, dem es gefallen hat, mich aufrecht auf diesem Bürgersteig gehen zu lassen, anstatt in jener fürchterlichen Kiste zu liegen«.

Noch ein paar Wochen lang verfolgst du die Leichenzüge mit großem Interesse und glaubst, du müßtest dich mit Respekt und Rührung vor jenen Toten verneigen, zu denen du beinahe gezählt hättest, als wünschtest du, daß sich auch die anderen vor deiner sterblichen Hülle verneigen würden.

Die schwarze Kleidung des Leichenträgers mit dem Kreuz auf dem Rücken läßt dich schaudern, vor allem, wenn du noch ein wenig blaß bist und der Leichenträger dich anblickt, als wolle er sagen: »Du wirst mich bald brauchen, Freundchen«.

Aber mit der Zeit rührt dich der Anblick der Toten immer weniger und du denkst an dich. Deine Wangen sind inzwischen rundlich und rosig, die Leichenträger betrachten dich nicht mehr, und auch du beachtest sie nicht. Bald lüftest auch du mechanisch den Hut und gehst gleichgültig an den armen Toten vorbei, mit denen du dich nicht mehr verbunden fühlst.

Die Zeit vergeht. Tag für Tag legst du ein weiteres Stück deiner Empfindsamkeit ab und verlierst allmählich die Fähigkeit, ergriffen und froh zu sein. Das Gähnen überwiegt wieder, und das Alltagsleben erscheint dir nüchtern wie ehedem, langweilig, eintönig und fade wie Kürbis. Auch gibt es keine Hoffnung, noch einmal die Lust zu kosten, am Leben zu sein, es sei denn, das Glück beschert dir, ein zweites Mal an Plutons Tür zu klopfen.

 

Aus dem Griechischen von Gerhard Bluemlein und Andrea Schellinger

SINN UND FORM 3/2008, S. 364-367